Messer im Rücken - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 16 / 72

Kanzler-Witze Messer im Rücken

Die Bundesregierung wird durch ein neues Phänomen beunruhigt: In der Republik kursieren hämische Polit-Witze über Willy Brandt.
• aus DER SPIEGEL 7/1974
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn der bayrische Staatsminister Franz Heubl draußen im Land Reden hält, dann stellt er neuerdings einen Stimmungswandel fest: »Griff man früher den Bundeskanzler an, dann breitete sich indigniertes Schweigen aus. Jetzt bricht begeisterter Jubel los.«

Auch für Lore Lorentz, Chefin des Düsseldorfer »Kom(m)ödchen«-Kabaretts, haben sich die Reaktionen ihres Publikums »stark verändert«. Bei Brandt-Pointen sind die Lacher lauter und der Applaus stärker als noch vor einem Jahr. Lore Lorentz: »Da hat sich einiges angestaut.«

Fernsehautor Wolfgang Menge schließlich, der seinen Filzpantoffel-Helden Alfred Tetzlaff in der Silvesternacht Willy Brandt als »norwegischen Emigranten-Kanzler« und »uneheliches Kind« titulieren ließ, ist erschrocken. In zahllosen Briefen begeisterten sich Zuschauer für das Ekel Alfred, obschon Menge mit seiner Karikatur des deutschen Erz-Spießers eigentlich das Gegenteil erreichen wollte. Der Autor mußte sich von Kanzler-Staatssekretär Günter Gaus vorhalten lassen, sein Silvester-Ul·k könne die Sozialdemokraten in den bevorstehenden Landtagswahlen Stimmen kosten.

Noch ärger aber als in der Reaktion auf Kabarettistisches zeigte sich der Umschwung in der Volksmeinung an einem Phänomen, das in dieser Republik bislang ohne Beispiel ist: Willy Brandt -- vor einem Jahr noch als Friedens-Nobelpreisträger und weltweit renommierter Entspannungspolitiker für Hohn und Spott nahezu tabu -- ist zur Zielscheibe politischer Witzemacher geworden, die sich nicht scheuen, den Massenmörder Hitler und den Demokraten Brandt über einen Kamm zu scheren. Sie benutzen für ihre Häme gegen den Kanzler Klischees alter Hitler-Witze, die später in der DDR auch über Ulbricht erzählt wurden. Beispiel für den perfiden Namenstausch:

Brandt (Hitler/Ulbricht) fährt mit dem Auto über Land. Sein Fahrer überfährt ein Huhn. Um den Bauern zu beruhigen, steigt Brandt aus und kommt nach fünf Minuten mit einem blauen Auge zurück. Im nächsten Dorf überfährt der Fahrer ein Schwein. Diesmal geht der Fahrer selbst in das Bauernhaus, um sich für den Vorfall zu entschuldigen. Nach einer Weile kommt er mit Schinken und Obst beladen zum Auto zurück. Auf Brandts verwunderte Frage nach der Ursache der guten Behandlung antwortet der Chauffeur: »Ich habe denen erzählt, ich bin der Fahrer von Brandt und habe das Schwein totgefahren.«

Solch böser Rückgriff auf Witzschablonen aus Drittem Reich und DDR ist kein Einzelfall. Seit sich die Bundesbürger Krisen-Symptomen wie Geldentwertung, Preisschub und wachsender Arbeitslosenzahl konfrontiert sehen, kursieren Woche um Woche neue, mehr oder minder hämische, fast immer primitive Polit-Kalauer (siehe Kasten).

Willy Brandts Betreuer im Kanzleramt nehmen die Witze-Welle so ernst, daß sie den habilitierten Psychologen Manfred Koch aus dem Bundespresseamt damit beauftragten, Ursachen und Herkunft der üblen Scherze zu untersuchen. Koch, der mit seiner Arbeit gerade erst begonnen hat, sieht gleichwohl bereits den gemeinsamen Nenner -- den »dumpfen Charakter« der Schmäh-Produkte. Sie fallen nach den Maßstäben von Sigmund Freud in die Rubrik der Witze mit »aggressiver Tendenz«, die den anfänglich indifferenten Zuhörer in einen »Mithasser« und »Mitverächter« verwandeln sollen.

Die Urheber dieser wie der meisten anderen Kanzler-Witze, so mutmaßt Psychologe Koch, sind unter Brandt-Feinden zu suchen, die ihren Haß auf den Wahlsieger von 1972 und seine Genossen mit peinlichen Possen abzureagieren suchen. Ein Beispiel für diese Tendenz ist die Dolchstoß-Legende um den Pfeifenraucher Herbert Wehner: Ein Abgeordneter zum anderen: »Im Rhein schwimmt eine Leiche am Bundeshaus vorbei, Pfeife im Mund, Messer im Rücken.« -- »Und weiter?« -- »Weiter geht's nicht, aber es fängt doch ganz gut an.« Die meisten Sprüche aus dem neudeutschen Untergrund stammen in gerader Linie von den Flüsterwitzen der Hitler-Ära und der Ulbricht-Republik ah. Der makabre, von den Witze-Erzählern bewußt verwischte Unterschied: Die Wirkung der Späße auf Groß- und Ostdeutsche lag darin, daß sie »als Widerstandsprodukte im weitesten Sinne« (so der Pädagogik-Professor Hans-Jochen Gamm) nur hinter vorgehaltener Hand erzählt werden durften.

So lief in den 50er Jahren in der DDR dieser Ulbricht-Witz um: Walter Ulbricht und Otto Grotewohl fahren zusammen durch die Straßen und stellen mit Betrübnis fest, wie wenig spontaner Volksjubel ihnen entgegenschallt. »Wenn ich nun Zigaretten unter die Menge werfe, dann würden sie mir sicherlich alle zujubeln«, meint Ulbricht. »Wenn ich Nylonstrümpfe hinauswerfe, werden alle Frauen jubeln«, sagt Grotewohl. Da knurrt der Chauffeur vor sich hin: »Wenn ich jetzt beide aus dem Wagen werfe, dann würde mir das ganze Volk zujubeln.« Bonner Variante:

Brandt und Schmidt fliegen in einem Hubschrauber über Deutschland. Sie überlegen sich, wie sie das deutsche Volk erfreuen könnten. Schmidt denkt ans Geld: »Laß uns einen Hundertmarkschein abwerfen, dann freut sich wenigstens ein Bundesbürger.« Brandt hat einen besseren Einfall: »Laß uns zehn Zehnmarkscheine abwerfen, dann freuen sich zehn Bürger.« Der Pilot hat den besten Vorschlag: »Wenn ich die beiden abwerfe, dann freuen sich 50 Millionen Bürger.« Auch die Bonner Unions-Opposition. deren Abgeordnete mit Vergnügen den gehässigen Volksmund kolportieren. reichem das Repertoire vorzugsweise mit Aufgewärmtem an. So wählte CSU-MdB Richard Stücklen für seinen Entwurf eines neuen Wappentieres der Bundesrepublik eine alte Vorlage aus der NS-Zeit. Damals wollten Nazi-Gegner den Reichsadler durch ein Känguruh ersetzen -- weil es braun ist und selbst mit leerem Beutel große Sprünge macht.

Stücklens Vorschlag: Der Adler wird durch ein Nilpferd ersetzt. Es steht bis zum Hals im Wasser und reißt das Maul weit auf.

Wirklich neue und originelle Witze sind rar in der Sammlung des Psychologen Koch. Ein Beispiel für die Ausnahme von der Regel: »Brandt regiert so, wie er angelt. Er hält die Angel so lange ins Wasser, bis eine Entscheidung vorbeischwimmt und anbeißt.«

Zur Ausgabe
Artikel 16 / 72

Mehr lesen über