Holland Methode »Begraben«
Alles Lüge«, beharrt der niederländische General Adrien Lamers, 50, »wenn das wahr sein soll, könnte ich mir gleich den Kopf an der Wand einrennen.«
General Lamers ist Kommandeur der »Mariniers«, einem 2800 Mann starken Elitekorps der Königlich-Niederländischen Marine. Er befehligt in Doorn, dem Exil Wilhelms II.
Und was den General so aufbringt, ist der Vorwurf, Wilhelms Geist -- der Geist jenes Wilhelm, der russische Soldaten »Schweine« schalt und Kriegsgefangenen in China »kein Pardon« geben wollte -- spuke noch immer in Doorn: bei den »Mariniers«.
Gegründet wurde diese Truppe 1665 -- Holland war noch Weltmacht auf den sieben Meeren. Offiziere und Unteroffiziere genießen laut Mariniers-Reglement »infolge ihrer Qualität und ihres Charakters gehörigen Respekt und Autorität«.
Die Art und Weise jedoch, wie sich Mariniers-Korporal Arnold Conraads, 27, in einer August-Nacht des vergangenen Jahres gehörig Respekt verschaffte, brachte »Qualität« und »Charakter« der Elitetruppe eher in Verruf. In jener Nacht wurde Nico Meijer, 23, bei einem harmlosen Soldatenulk erwischt und vom Korporal Conraads einem »Verhör dritten Grades« unterzogen.
Im Laufe dieses Verhörs mußte sich Meijer in der Wachstube auf den Bauch legen, während ihm sein Korporal das Knie in die Wirbelsäule stemmte und ihn zu Reifenform bog. Wenig später wurde der Malträtierte wegen eines »angeborenen, aber bei der ersten Musterung nicht entdeckten Rückenleiden« vom Wehrdienst befreit.
Seine Klage vor dem zuständigen »Kriegsrat zur See« hatte zweifelhaften Erfolg. Wohl wurde Meijer eine Rente in Aussicht gestellt, Korporal Conraads aber kam mit acht Wochen Karzer davon. Es war seine vierte Verurteilung wegen Mißhandlung Untergebener.
Den Fall Conraads versuchte das Verteidigungsministerium als »Exzeß« eines einzelnen zu isolieren. Doch mit einem Report unter dem Titel »Reinschiff bei den Mariniers« trat unterdessen die Militärgewerkschaft VVDM zusammen mit dem Verteidigungsausschuß der Partij van de Arbeid (PvdA) den Gegenbeweis an. Nach diesem Report sind Schleifereien, Mißhandlungen bis hin zu Folterungen bei den Mariniers nicht eben selten. Deren Mentalität, befand »Het Parool«, käme »Supermen« gleich.
Der VVDM-Report stützt sich auf Aussagen von neun Zeugen, deren Namen nur den Rechercheuren und dem Verteidigungsminister bekannt sind. Ein VVDM-Sprecher: »Wir können beliebig mehr Zeugen anführen.«
Mit Sturmgepäck und aufgesetzter Gasmaske im Laufschritt um die Kasernen zu jagen, das gehört zu den kleinen Ermunterungen. Übte ein Soldat Kritik, mußte er »pumpen« -- 40 Liegestütze hintereinander, und hatte er sich verzählt, mußte die Übung wiederholt werden
Wenn die Soldaten dann völlig ausgepumpt waren, wurde ein Bajonett unter ihnen aufgepflanzt. Ein Zeuge: »Wären sie durchgesackt, hätte es sich in ihren Bauch gebohrt.«
Ein anderer Zeuge berichtete von »Trudi«, einem zwei Meter langen, mit Blei ausgegossenen Stahlrohr von 40 Kilo Gewicht, das der jeweils Schlechteste im Dienst mittels eines Schiffstaus um den Hals gebunden bekam. Einen Tag lang mußte er Trudi mit sich herumschleifen.
Vergünstigungen, die holländische Wehrpflichtige in anderen Militäreinheiten genießen, sind dem Report zufolge bei den Mariniers nicht üblich. Während normalerweise nach dem Wecken niemand aufstehen, sondern lediglich später zum Morgenappell angetreten werden muß, bekamen Soldaten, die bei den Mariniers nach dem Reveillesignal zu lange liegenblieben. »ohne Vorwarnung eine Tränengasgranate« verpaßt.
Aber das war nichts gegenüber Manöverspielen mit sogenannten »Kriegsgefangenen«, die meist von Angehörigen der Landstreitkräfte gestellt wurden. »Wir hatten uns ein Supermann-Gefühl anzuzüchten«, berichtete ein Marinier den VVDM-Rapporteuren. Jedes Mittel sei erlaubt gewesen, um »Kriegsgefangene« zum Reden zu bringen.
Ein während einer Übung »gefangener« Infanterieunteroffizier etwa wurde durch Koppelschläge auf die Fußknöchel gezwungen, mit nackten Füßen auf spitzem Schotter auf und ab zu springen, bis seine Fußsohlen bluteten. »Es war entsetzlich«, berichtete der Unteroffizier, »so was hätte ich in Holland nicht für möglich gehalten.«
Es war noch mehr möglich, wenn man dem VVDM-Report glauben kann, etwa die Methode »Begraben«. Das schildert ein Mitspieler so: »Wir stürzten uns auf die Jungs vom Heer, packten sie, fesselten sie, hoben eine Grube aus wie ein Grab und gruben sie ein. Oft wurde auch der lediglich mit einem Sandsack geschützte Kopf mit Erde bedeckt.« Ein weiterer Höhepunkt im VVDM-Bericht ist das Zitat eines Mariniers: »Ich war dabei, wie sie einem Wehrpflichtigen von der Infanterie drei Fingernägel ausrissen.«
Solchen Beschuldigungen will das niederländische Verteidigungsministerium jetzt mit einer Untersuchung nachgehen. Aber die Militärgewerkschaft, bei der 60 Prozent der Streitkräfte organisiert sind, will mehr. Sie fordert eine zusätzliche sozialpsychologische Untersuchung der Mariniers-Truppe, denn »die Mentalität in diesem Korps muß anders werden«.