FRAUEN Methode Mann
Eigentlich hätten sich die Sozialdemokratinnen aus dem Unterbezirk München-Land geschmeichelt fühlen sollen: Der Kanzler war gekommen. In der Mittagspause des Parteitags ließ sich Helmut Schmidt auf einem Mäuerchen nieder, um ihre satirischen »Szenen aus dem Alltag der Frau« anzusehen.
Nach sieben Minuten, Photographen und Kameraleute hatten genug abgelichtet, zupfte Frau Loki Schmidt ihren Mann am Ärmel. Die Wandertruppe zog weiter, die Frauen waren mit sich und ihrem Alltag wieder alleine.
»Besser«, schimpfte eine Genossin laut, »könnten wir das auf der Bühne auch nicht zeigen. Frauen sind immer dann gut, wenn die Männer ihre Show draus machen können.«
»Helmut Schmidts Peep-Show«, so eine gallige Dame. Sein Umgang mit der bisherigen Vorzeigefrau des Kabinetts sah so aus: Vor dem Mikrophon fand er ein paar gequälte Dankesworte für die »unermüdliche Arbeit« der zwei Wochen vorher zurückgetretenen Familienministerin; aber kein Gespräch, kein Händedruck. Dafür durfte Antje Huber »sehr erstaunt« in der Zeitung lesen, daß sie sich mit Schmidt wieder »versöhnt« habe.
Um diesen Eindruck zu korrigieren, wurde die sonst so frostig-scheu wirkende Politikerin öffentlich mutig: Sie bekannte sich in der Debatte zu ihrer »Angst vor Krieg und Waffen, besonders vor Atomwaffen«. Spitzengenossen, die ihre Rede als Kritik am Nato-Doppelbeschluß und am Kanzlerkurs verstanden, argwöhnten: »Antjes Rache.«
Der Chef war im Umgang mit seinen weiblichen Regierungsmitgliedern noch nie zimperlich. Als die Huber-Vorgängerin Katharina Focke 1976 den Kanzler in einem persönlichen Brief unterrichtete, sie wolle wieder in die Fraktion zurück, bat er sie um ein Gespräch unter vier Augen. Doch ehe es dazu kam, gab er in einem Interview ihren Verzicht auf ein Ministeramt bekannt.
Marie Schlei, ehemals Parlamentarische Staatssekretärin bei Schmidt, rühmte einst die Fürsorge des Kanzlers. Er hatte sie, weil es ihrer Gesundheit hätte schaden können, nicht zur Weltfrauenkonferenz nach Mexiko fliegen lassen: »Da seht ihr«, sagte sie, »wie menschlich dieser Mann wirklich ist.« Im Jahr darauf beförderte Schmidt Frau Schlei als Ressortchefin ins Entwicklungshilfeministerium. Dort mußte sie vor allem reisen. Ihre Entlassung erfuhr sie dann aus der Zeitung.
Die »Methode Schmidt«, diagnostiziert Karin Hempel-Soos, streitbare Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF), sei immer die »Methode Mann«. Das einflußlose, unwichtige Ressort für Jugend, Familie und Gesundheit darf von Frauen verwaltet werden - egal ob sich etwa Katharina Focke eigentlich mehr für Außen- oder Europapolitik interessiert oder etwa Antje Huber einen Ruf als Steuer- und Finanzexpertin erworben hatte.
Auch die engagierte Rechtspolitikerin Herta Däubler-Gmelin muß sich nun entscheiden, ob sie aus Solidarität zum Kanzler die Alibifrau im Kabinett spielt oder, ihrer Neigung folgend, Vorsitzende des Rechtsausschusses bleibt.
Entsprechend herb fällt der Kommentar der Parteikritikerinnen aus. In einer Pressekonferenz warf die ASF ihrem stellvertretenden Parteivorsitzenden »schlechten politischen Stil und Mangel an Umgangsformen« vor.
Ihr neues Motto: »Lieber keine als nur eine«. Denn ein Kabinett ohne Frau »entspricht«, meint die ASF-Vorsitzende Inge Wettig-Danielmeier, »exakt den politischen Realitäten in dieser Partei«.
So hatten die Sozialdemokraten zwar auf dem letzten Parteitag in Berlin beschlossen, mehr für ihre Genossinnen zu tun. Jetzt aber stellte die »Kommission zur Gleichstellung der Frauen in der SPD« fest, daß in den Parteigliederungen die Männer noch immer allein herrschen und daß in München noch weniger weibliche Stimmberechtigte waren als damals in Berlin.
Unter den 400 Delegierten gab es nur 47 Genossinnen. Und in München verschwanden mit Elfriede Hoffmann und Brigitte Traupe zwei weitere Frauen ersatzlos aus dem Parteivorstand.
Rechnerisch wären die Sozialdemokraten inzwischen stärker als jede andere Partei auf weibliche Sympathien angewiesen: 1980 waren 53 Prozent der SPD-Wähler Frauen.
Auch sind es vor allem Frauen, die in den letzten beiden Jahren Parteimitglied wurden - ihr Anteil stieg um ein auf 23 Prozent, während die Mitgliederzahl insgesamt schrumpfte.
Daß der Wandel noch ohne Folgen blieb, wird vornehmlich von Männern reichlich erläutert. Die Diskriminierung der Frauen sei, erkennt der rheinlandpfälzische SPD-Fraktionsgeschäftsführer Rudolf Scharping, »Reflex auf ihre schlechte Stellung in der Gesellschaft«. Und Hans Matthöfer meint, die Unterrepräsentation könne wohl auch »etwas mit der Politik, die wir zur Zeit machen müssen«, zu tun haben.
Eines immerhin hat der schlechte Umgang der Genossen mit ihren Damen bewirkt. Noch nie zuvor war die Solidarität zwischen den forschen »Bindestrichfrauen« (Parteijargon) der jüngeren Generation und den biederen, eher rechtslastigen Alt-Funktionärinnen vom Typ Huber, den »Jackenkleid-Frauen«, so groß.
»Ich weiß nicht, woran das liegt«, wundert sich die erst im zweiten Anlauf in den Parteivorstand gewählte ASF-Chefin Inge Wettig-Danielmeier, »vielleicht haben wir uns geändert. Vielleicht haben die anderen die Grenzen ihrer Leidensfähigkeit erreicht.«
S.29Auf dem Münchner Parteitag als Zuschauer eines Frauen-Theaters.*