»Methoden der Gehirnwäsche«
Grammer, 49, ist Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Stadtethologie in Wien. Er veröffentlichte verschiedene Fachbücher, darunter »Biologische Grundlagen des Sozialverhaltens« und zuletzt »Signale der Liebe«, eine Analyse menschlicher Flirt-Rituale. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Herr Grammer, nur wer die Mitbewohner im »Big Brother«-Haus erfolgreich ausspielt, gewinnt die viertel Million Mark. Aktiviert die Sendung die schlechtesten Eigenschaften der Menschen?
Grammer: Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die moralischen Netze der einzelnen Personen so gering sind, dass sie anfangen, sich gegenseitig herauszumobben. Man sieht schon jetzt, dass der eine oder andere versucht, sich mit anderen zu verbünden.
SPIEGEL: Ist die Sendung in Wahrheit also ein lehrreiches Sozialexperiment?
Grammer: Nein. Ein Experiment hat eine wissenschaftliche Fragestellung. Die Sendung dient aber nur der Belustigung der Zuschauer. Das ist menschenverachtend. Außerdem wurden Experimente zum Verhalten von Gruppen schon in den sechziger und siebziger Jahren gemacht. Man hat beispielsweise Kinder im Ferienlager beobachtet.
SPIEGEL: Welche Vorhersagen für die »Big Brother«-Kandidaten lassen sich daraus ableiten?
Grammer: Zunächst findet ein Prozess der Selbstorganisation statt. Es entwickelt sich eine Rangstruktur, die in der Regel nicht auf Dominanz beruht, sondern auf Ansehen. Der Anführer fungiert dann als Organisator und nimmt die Sache in die Hand. Langsam entstehen außerdem Freundschaften zwischen Leuten, die sich ähnlich sind.
SPIEGEL: Und der Anführer gewinnt die viertel Million Mark?
Grammer: Nicht unbedingt. Im Haus bleibt, wer viele stabile Allianzen bildet. Kooperation, das gilt für Delfine wie für Menschen, ist erfolgversprechender als Machtausübung.
SPIEGEL: Ist das die Erfolgsstrategie der Rangniederen?
Grammer: Richtig: Sie müssen sich solidarisieren und die Anführer für den Rausschmiss nominieren. Dann bricht die Struktur zusammen, und alle Karten werden neu gemischt.
SPIEGEL: Und verhalten die Schwächeren der Hausbewohner sich so klug?
Grammer: Nein. Ich habe den Eindruck, dass mit Despina diejenige das Haus verlassen hat, die sich am schlechtesten in die Gruppe integrieren konnte.
SPIEGEL: Für die Sendung war es ein Höhepunkt, dass sie ausgestiegen ist.
Grammer: Natürlich. Das bedient den Voyeurismus des Zuschauers, der mit dem Bier in der Hand Probleme sehen will, die er selbst nicht hat.
SPIEGEL: Und dann wird ihm zumeist doch nur Banales präsentiert.
Grammer: Genau. Da gehen zwei über den Rasen und sprechen darüber, ob sie lieber Rühreier oder gekochte Eier essen. Das Leben ist eben trivial.
SPIEGEL: Ist das womöglich die wichtigste Erkenntnis aus »Big Brother«?
Grammer: Diese Einsicht hätte ich dem Sender und den Zuschauern auch so verschaffen können. Ich habe schon tausende von Stunden damit verbracht, Videos auszuwerten, in denen Gruppen beobachtet wurden. Dass sich tatsächlich explosive Spannungen entwickeln, kommt bei einem von 40 Experimenten vor.
SPIEGEL: Zumindest eines lässt sich aber beobachten: die zunehmende Verwahrlosung der Hausbewohner, die in Badelatschen herumgehen und den Tag unter der Bettdecke im Wohnzimmer verbringen.
Grammer: Das ist mir auch aufgefallen, aber zu diesem Phänomen gibt es leider noch keine Forschung. Ich vermute, die Menschen vergessen allmählich, dass sie dauernd beobachtet werden. Der Alltag zieht ein.
SPIEGEL: Könnte man die ungeschnittenen »Big Brother«-Aufzeichnungen unter diesem Aspekt im Nachhinein noch mal wissenschaftlich auswerten?
Grammer: Das Material wäre dann grundsätzlich tauglich, wenn nicht gezoomt wird, die Kameras statisch sind und die Tonspuren verständlich. Aber leider würde selbst das nichts nützen, da es in der Wissenschaft nicht gestattet ist, im Nachhinein eine Fragestellung zu erfinden.
SPIEGEL: Hätte man »Big Brother« überhaupt als psychologischen Laborversuch anlegen können?
Grammer: Keine Ethikkommission würde ein solches Experiment genehmigen. Schon die Einwegspiegel entsprechen nicht dem moralischen Standard. Und vor allem ist die Möglichkeit psychischer Schäden zu groß: Die Leute stehen unter Druck, weil sie das Geld gewinnen wollen. Die Isolation und gezielte Information, welche Spiele gemacht werden und wer ausscheiden muss, werden dann als Methoden der Gehirnwäsche eingesetzt, um die Gruppendynamik zu beeinflussen.
SPIEGEL: Haben die früheren wissenschaftlichen Isolationsexperimente Hinweise auf seelische Folgeschäden ergeben?
Grammer: Darüber ist nichts bekannt, weil es sich fast nur um militärische Experimente handelte, deren Ergebnisse lediglich in Ausschnitten veröffentlicht wurden. Man hat Soldaten in einen Bunker gesperrt und beobachtet, wie sich die Gruppenstruktur entwickelt und welche Persönlichkeitseigenschaften das soziale System stabilisieren oder destabilisieren. Das Gruppenverhalten der »Mir«-Astronauten ist allerdings in Frankreich mal untersucht worden.
SPIEGEL: Und was kam dabei heraus?
Grammer: Nicht viel Neues.
SPIEGEL: Kann der Zuschauer nicht trotzdem ein wenig private Verhaltensforschung am Fernseher betreiben?
GRAMMER: Aus »Big Brother« kann man absolut nichts ableiten, weil der Sender auswählt, wer wann und wie gezeigt wird. Der Tag wird zu einer Art Spielfilm zusammengeschnitten, und der ist vor allem eines: langweilig.
INTERVIEW: MARIANNE WELLERSHOFF