Milch und Gift - DER SPIEGEL
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INDIEN Milch und Gift

• aus DER SPIEGEL 40/2002
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Nach dem Massaker in einem Hindutempel im westindischen Bundesstaat Gujarat droht die Welle der Gewalt zu eskalieren. Militante Hindus kündigten an, sich zu bewaffnen, weil sie sich nicht mehr hinreichend geschützt fühlen. »Wir wollen Frieden, aber wir werden uns mit Gewalt wehren, wenn Muslime diesen Terror nicht stoppen«, erklärte Kamaldas Maharaj, Mitglied im regierungsnahen radikalen Welthindurat VHP. Für den Anschlag im Tempel von Gandhinagar, bei dem zwei Männer Handgranaten zündeten, mit Maschinenpistolen wahllos in die Menge feuerten und über 30 Menschen töteten, werden muslimische Extremisten verantwortlich gemacht. Geheimdienstler und Politiker beschuldigen den verfeindeten Nachbarn Pakistan, hinter den Gewalttaten zu stehen. Bereits im Februar waren 59 Hindu-Pilger getötet worden, nachdem ein muslimischer Mob einen Zug in Brand gesteckt hatte. In den Monaten darauf wurden aus Rache bis zu 2000 Muslime brutal ermordet, Zehntausende flüchteten in sichere Lager von Hilfsorganisationen.

Vor dem Hintergrund der zunehmenden Gewalt wurden die für Oktober geplanten Regionalwahlen in Gujarat vorerst verschoben. Nach dem erneuten Anschlag sollen zunächst einmal Ruhe und Ordnung wiederhergestellt werden - Voraussetzung auch für eine Rückkehr der muslimischen Flüchtlinge, die vorige Woche wiederum zu Hunderten ihre Häuser verließen. »Wir indischen Muslime sind keine Verräter und genauso empört über das Attentat«, wehrt etwa Razak Bhai Kaladia in einem Flüchtlingslager von Ahmedabad alle Vorwürfe ab. Der 40-jährige Mechaniker, dessen Sohn vor Monaten von radikalen Hindus umgebracht worden war, droht aber auch: »Wenn wir nach jedem Terroranschlag zum Sündenbock gemacht werden und Angst vor Vergeltung der Straße haben müssen, dann werden auch wir unseren Kindern Milch und Gift einträufeln und Terroristen aus ihnen machen.«

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