Mildere Winde
Ostermontag ging die vierte Woche der Moskauer Konferenz zu Ende. Mit ihr endete auch das grimmige Winterwetter, das bisher die Delegierten die paar Schritte zwischen Auto und Hotel und zwischen Auto und Fliegerklub hatte im Eiltempo zurücklegen lassen.
Die fünfte Woche brachte die ersten milden Frühlingswinde. Im Konferenzsaal aber will sich kein Hoffnungsschimmer ausbreiten. Die Besprechungen der Außenminister sind in einer Sackgasse gelandet, aus der noch kein Ausweg zu erkennen ist.
»Der Stillstand ist die Rückwirkung der sehr getrübten Beziehungen zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten in der ganzen Welt«, meint Drew Middleton, Korrespondent von »New York Times«. »Es ist offenkundig,« fährt er fort, »daß der Rat der Außenminister die deutschen Probleme nicht in Moskau lösen wird.«
In der vierten Woche machten die Außenminister einen Versuch, doch noch einen Fortschritt zu erzwingen. Sie setzten sich zu einer Geheimsitzung zusammen. Nach Schluß hieß es in dem Kommunique: Es wurde kein Beschluß gefaßt. Der Versuch wurde nicht wiederholt.
In der nächsten, wieder »öffentlichen« Sitzung, kam erneut das russische Verlangen nach Reparationen aus der laufenden Produktion zur Sprache. Als Voraussetzung für die im Grundsatz von den Engländern, Amerikanern und Russen gewünschte wirtschaftliche Einigung Deutschlands. USA-Außenminister Marshall antwortete kurz und bündig: »Wir stimmen dem nicht zu.«
Die Reparationsfrage drängt sich überhaupt immer mehr in den Mittelpunkt der Diskussionen. So wurde auf einer anderen Sitzung über die Höhe der deutschen Wiedergutmachungsleistungen gesprochen. Mit dem amtlich mitgeteilten Ergebnis: »Es wurde keine Einigung erzielt.«
Wie der Rat, so die von ihm eingesetzten Ausschüsse. Die Sachverständigen für Entmilitarisierungsfragen eröffneten die fünfte Woche mit einer langen Sitzung. »Lediglich mit dem Ergebnis«, wie der amerikanische Vertreter sagte, »um eine schärfere Formulierung ihrer gegensätzlichen Ansichten zu erreichen.«
Auch in dem Oesterreich-Ausschuß geht es nicht besser. Allerdings ist ungefähr die Hälfte der Artikel für den österreichischen Staatsvertrag fertiggestellt. »Aber«, so fügt der Reuter-Korrespondent hinzu, »die Artikel, über die bisher keine Einigung erzielt wurde, sind weit wichtiger als die verhältnismäßig geringfügigen Punkte, über die eine Einigung erzielt wurde.«
Vor diesem Hintergrund begann die Aussprache über die künftigen deutschen Grenzen. Sie kreiste sofort um die Ostgrenze.
USA-Außenminister George C. Marshall machte den erwarteten Vorstoß. Er schlug die Einsetzung einer Grenzkommission (mit einem polnischen Vertreter) vor. Sie soll die Revision der polnisch-deutschen Vorkriegsgrenze untersuchen, wobei für Polen ein gerechter Ausgleich für die an Rußland abgetretenen Gebiete östlich der Curzon-Linie herauskommen muß. Sie soll zum anderen die Rohstoffe und Hilfsquellen der Schwerindustrie dieses Gebiets in einem für die gesamteuropäische Bedarfsdeckung geeigneten Maße heranziehen.
Marshall sprach von den 65 000 Quadratkilometern ostdeutschen Gebietes, die unter polnische Verwaltung gestellt worden sind. Er meinte, dieses Gebiet, zum großen Teil Bauernland, müsse für die Deckung der polnischen, deutschen und gesamteuropäischen Bedürfnisse ausgewertet werden.
Bevin stimmte sofort nachdrücklich zu. Nur wollte er der Kommission die Behandlung aller deutschen Grenzfragen übertragen wissen. Zur Ostgrenze im besonderen sagte er: »Nach dem ersten Weltkrieg hat es viele Stimmen gegeben, die es für falsch hielten, daß Polen seine Grenzen so weit nach Osten vorgeschoben hatte. Heute muß man die Frage aufwerfen, ob es mit seinen Grenzansprüchen nicht zu weit nach Westen geht!«
Frankreichs Außenminister Bidault war gegenteiliger Meinung. Zwar sprach er sich wie Bevin für eine geschlossene Betrachtung aller Grenzfragen aus. Doch zur Frage der Ostgrenze sagte er: »Mit Rücksicht auf die gewaltigen Verluste, die die Sowjetunion und Polen im Kriege erlitten haben, verzichtet Frankreich auf jede Debatte in dieser Frage.«
Molotow indessen beschwor die Geister von Jalta und Potsdam. Er bestritt nicht die Potsdamer Formulierung, wonach »die endgültige Festsetzung der polnischen Westgrenze bis zur allgemeinen Friedensregelung aufgeschoben werden soll«. Nur war ihm diese Formulierung »eine rein formale Angelegenheit«.
Später im Verlauf der Diskussion, als ihm noch einmal der ursprüngliche Text vorgehalten wurde, nannte er das Ganze eine Auslegungssache. Er sprach auch die Ueberzeugung aus, daß das »fleißige polnische Volk« die umstrittenen Gebiete in einem für ganz Europa segensreichen Ausmaß entwickeln werde.
So endete die Aussprache. Die Außenminister verließen den Konferenzsaal, ohne zu einer Entscheidung oder zu irgendeinem Ergebnis gekommen zu sein.
Feuer für Molotow Bidault ist gefällig