ZENTRALASIEN Minen gegen den Islam
Der Vormarsch der Taliban-Krieger bis zur Nordgrenze Afghanistans hat in Russland und den zentralasiatischen Staaten hektische Betriebsamkeit ausgelöst. Die in Tadschikistan stationierten russischen Truppen sind dabei, das Ufer des Grenzflusses Pjandsch zu verminen, um Übergriffe der militanten Koranschüler auf die muslimischen Nachbarrepubliken der Ex-Sowjetunion zu verhindern. Etwa 30 000 Mann, darunter reguläre pakistanische Einheiten sowie arabische und tschetschenische Söldner, würden nach Norden marschieren, warnte der Sekretär des russischen Sicherheitsrates, Sergej Iwanow; sie trieben 200 000 Menschen vor sich her und könnten damit eine große Flüchtlingskatastrophe auslösen, vergleichbar mit der im Kosovo. Die zentralasiatischen Führer fürchten jedoch mehr den Einfluss der Taliban auf die eigene Opposition. Usbekistans Präsident Karimow lässt deswegen die Grenze zu Tadschikistan verminen - er misstraut seinem Amtskollegen in Duschanbe, weil der als einziger der zentralasiatischen Staatschefs Islamisten im Kabinett mitregieren lässt. Bei einem Treffen mit Kirgisiens Präsident Akajew vereinbarte Karimow vor wenigen Tagen auch den Schutz der kirgisisch-tadschikischen Grenze durch usbekische Flugzeuge; Kirgisien besitzt nur zwei flugtaugliche Uralt-Hubschrauber. Durch die Bergregion stoßen seit Wochen bewaffnete Islamistentrupps nach Norden vor, um die Wege ins usbekische Fergana-Tal zu testen - dort wollen sie eine »Islamische Republik« ausrufen. Auf einem Sicherheitsgipfel diesen Mittwoch in Kirgisiens Hauptstadt Bischkek, zu dem auch Russlands Präsident Wladimir Putin einfliegt, wollen die zentralasiatischen Staaten ihre weitere Strategie beraten. Den Russen allerdings mag keiner der örtlichen Staatschefs trauen. Moskau übertreibe die durch die Taliban hervorgerufene Gefahr, um seinen eigenen militärischen Einfluss in Zentralasien zu wahren, glaubt Usbeken-Führer Karimow. Überraschend nahm er jetzt erstmals Verhandlungen mit den afghanischen Gotteskriegern auf. Wenn er den Taliban aus der internationalen Isolation helfe, so offenbar Karimows Kalkül, komme er leichter mit den Islamisten im eigenen Lande zurecht.