»Mir ginge das Messer in der Tasche auf«
SPIEGEL: Herr Vetter, die Welle spontaner Arbeitsniederlegungen reißt eine Kluft zwischen den Arbeitnehmern und der Gewerkschaftsspitze auf. Welchen Sinn hat die Tarifhoheit der Gewerkschaften noch, wenn sich die Arbeitnehmer ihre Löhne selber machen?
VETTER: Ich glaube, die Frage muß man noch viel tiefer ansetzen. In der letzten Konzertierten Aktion habe ich schon angedeutet -- was auf den Unwillen bei der anderen Seite gestoßen ist -, daß unser Wirtschaftssystem zur Zeit auf eine Probe gestellt wird. Die sozial verpflichtete Marktwirtschaft befindet sich in einer Existenzkrise. Wir mußten zu Anfang des Jahres davon ausgehen, daß die von der IG Metall durchgesetzte Forderung von 85 Prozent nicht durch die Inflation überholt werden würde. Wenn uns das System dieses nicht garantieren kann, dann stellt es sich selbst in Frage.
SPIEGEL: Können Sie den Versuch der IG Metall zu Beginn dieses Jahres. eine Vorleistung für das Stabilitätsprogramm dieser Regierung zu erbringen, im nachhinein noch gutheißen? Oder müssen Sie nicht auch zugeben, daß die Rücksichtnahme auf die Koalition weder den Arbeitnehmern noch den Gewerkschaften noch der Regierung genutzt hat?
VETTER: Die Schwächung der Autorität der Gewerkschaften -- wenn Sie das meinen -, und wie sie sich oberflächlich durch die spontanen Streiks darstellt, ist nicht durch den damals konjunkturkonformen Abschluß der IG Metall entstanden, sondern durch die nachfolgende, von uns nicht gewünschte und gewollte Preisentwicklung. Das hat die Wirksamkeit dieses Tarifvertrages verwässert.
SPIEGEL: Machen Sie es sich nicht zu einfach, wenn Sie die Ursache für den derzeitigen Konflikt zwischen den Arbeitnehmern und der Politik der Gewerkschaftszentralen in erster Linie auf die ökonomischen Umstände zurückführen? Müssen die Gewerkschaften nicht überdenken, ob sie künftig ihre Tarifpolitik betriebsnäher gestalten müssen?
VETTER: Die Gewerkschaften befinden sich natürlich auch aus den Erfahrungen der letzten Jahre in einem Denkprozeß. Man läßt Instrumente, die jahrelang zur Bewältigung der Aufgabe gedient haben, nicht einfach so aus der Hand und manövriert einfach mit neuen Dingen. Dafür sind die ökonomischen Auswirkungen von Fehlschlägen viel zu groß. Alle Überlegungen über neue Instrumente, Strategien und Taktiken der Tarifpolitik sind in erster Linie die Angelegenheit der Einzelgewerkschaften.
SPIEGEL: Jetzt sind sie Ihnen, die Instrumente, aber aus der Hand geschlagen worden.
VETTER: Die IG Metall hat schon im Mai versucht, mit den Unternehmern ins Gespräch zu kommen, als sie gesehen hatte, daß die Voraussetzungen, unter denen sie den Tarifvertrag abgeschlossen hatte, ins Schwimmen geraten waren. Und es haben zwei Gespräche mit den Arbeitgebern im Mai stattgefunden. Doch die Unternehmer haben sich zu keiner Änderung des Tarifvertrages bereit gefunden, obwohl ihnen seitens der IG Metall ganz deutlich vorausgesagt wurde, was jetzt eingetreten ist.
SPIEGEL: Funktioniert die Tarifautonomie im herkömmlichen Sinne überhaupt noch? Mußte die Basis nicht vielmehr ihr Recht auf dem direkten Weg suchen?
VETTER: Ich glaube, daß die Empörung über die Preissteigerungen, die durch die tariflich gebundenen Gewerkschaften nicht eingefangen werden konnten, eine der notwendigen Erfahrungen für die andere Seite ist, um zu begreifen, daß unsere nächsten Tarifverhandlungen unter neuen Aspekten und auf diesen Erfahrungen aufbauend geführt werden.
SPIEGEL: Gewerkschafter wie der Chemie-Vize Werner Vitt, aber auch die Jusos verlangen eine betriebsnähere Lohnpolitik. Sie wollen nicht mehr allein Tarifkommissionen, die zuständig sind für große Bereiche und unterschiedliche Branchen. Betriebliche Kommissionen sollen mit Legitimation der Gewerkschaften zusätzlich individuelle Kontrakte schließen, so daß leistungsstärkeren Betrieben auch ein höherer Lohn abverlangt werden kann als den schwachen Unternehmen.
VETTER: Wenn wir uns darauf einlassen, jetzt ausschließlich Tarifverhandlungen auf die Ebene der Betriebe zurückzuführen, dann würde doch langsam eine neue Klassifizierung der Arbeitnehmerschaft eintreten. Der Zusammenhalt der Arbeitnehmerschaft würde in eine Zerreißprobe kommen. Denn alle Betriebe haben nicht die gleichen Umsatz- und Gewinnchancen. Arbeiter in Grenzbetrieben kämen dann hoffnungslos ins Hintertreffen.
SPIEGEL: Es gibt doch schon heute bis zu 40 Prozent Unterschied zwischen Tariflöhnen und den durch freiwillige Zuschläge gut florierender Unterneh-
* Mit (v. r.) Werner Detsch, Klaus Wirtgen, Stenograph Heinz Daenicke.
men aufgebesserten Bezügen -- ohne daß die Gewerkschaften darauf wesentlichen Einfluß haben. Eine betriebsnahe Lohnpolitik hätte dagegen den Vorteil, daß die Gewerkschaften sehr wohl Einfluß auf betriebliche Abschlüsse hätten.
VETTER: Betriebsnahe Tarifpolitik widerspricht der Tradition der Gewerkschaft und der Solidarität in den Gewerkschaften. Wir müssen vielmehr versuchen, für alle einen so hohen Lohn herauszuholen wie nur möglich. Wir müssen jetzt erst einmal diese Welle durchstehen. Danach müssen wir analysieren und daraus unsere neuen Instrumente und Tarifstrategien entwickeln. Im übrigen ist die betriebsnahe Tarifpolitik kein Mittel, die von Ihnen angesprochenen Probleme zu lösen. Die Antwort liegt eher in kürzeren Laufzeiten oder zusätzlichen Kündigungsklausein.
SPIEGEL: Wie sehen diese neuen Instrumente aus«? Müssen Sie nicht doch dazu übergehen, neben den Tarifverträgen, die zwischen den Gewerkschaften und Unternehmensverbänden ausgehandelt werden, tarifvertragliche Vereinbarungen auf Betriebsebene zuzulassen, wie es beispielsweise linke Sozialdemokraten und Jusos fordern?
VETTER: Das verstehen auch die Jusos nicht, daß das gegen den Gedanken der Solidarität der Arbeitnehmerschaft verstoßen würde.
SPIEGEL: Die Jusos fühlen sich als Gewerkschaftler dazu aufgerufen -- wie es in einem Papier heißt -, »die Organisation der Lohnabhängigen zu wirksamen Instrumenten autonomer Gegenmacht fortzuentwickeln.
VETTER: Das Problem der Jusos ist, daß die meisten gar keine Lohnabhängigen sind, sie sind abhängig von den Lohnempfängern, die ihnen mit ihren Steuern das Geld für ihre Papiere zur Verfügung stellen.
SPIEGEL: Auch nicht jeder Gewerkschaftsvorsitzende, auch nicht jedes Mitglied des Geschäftsführenden Vorstandes ist ein Lohnabhängiger.
VETTER: Oh doch, selbstverständlich sind wir Lohnabhängige. Keiner von uns hat in große Familien eingeheiratet und ist deshalb lohnunabhängig. Im Ernst, es geht doch darum, daß hier ein Anspruch von einer politischen Gruppe gestellt wird, die niemals ein Mandat bekommen hat, für die Lohnabhängigen oder im Namen der Lohnabhängigen zu sprechen. Das sind ja alles keine Arbeiter. Wir werden nicht zulassen, daß eine Gruppe, die im wesentlichen aus Professoren, Studenten und Schülern besteht, die sich heute meistens als Jusos verstehen, jetzt Gesetze aufstellen wollen für die politische Tätigkeit und Arbeit der Gewerkschaften. Wenn die mal wirklich 500 000 lebendige Gewerkschaftsmitglieder in ihren Reihen haben, dann sieht die Sache anders aus. Was uns aber jetzt ab und zu entgegentritt, ist ein geistiger Hochmut, der einfach zu Verkrampfungen führt.
SPIEGEL: Lehnen Sie die Zusammenarbeit mit den Jungsozialisten ab?
VETTER: Grundsätzlich nein. Aber wir lassen uns nicht von jeder unbedeutenden Gruppe wie ein Elefant am Rüssel umherführen, weder von der KPD/ML noch von der DKP, ihren Jugendorganisationen und auch nicht von den Jusos. Wir werden in jedem Falle zu prüfen haben, wer uns helfen will, die Existenz der Arbeitnehmer zu verbessern, und ob er auch zu unseren Bedingungen dazu bereit ist. Wir marschieren doch nicht einfach in eine permanente Revolution, ohne die Folgen für die Arbeitnehmer zu kennen. Wir haben dafür zu sorgen, daß es den Menschen besser geht und daß ihnen nichts von oben herab auf die Pfanne geschoben wird, sondern daß sie selbst aktiv an der Verbesserung ihrer Lebenslage mitwirken.
SPIEGEL: Herr Vetter, in der Diskussion über die Streiks ist große Verwirrung entstanden über Begriff und Rolle von radikalen Drahtziehern. Disqualifizieren Sie jeden, der an einem nichtgenehmigten Streik aktiv mitgewirkt hat, als Radikalen?
VETTER: Das ist punktuell sicherlich unterschiedlich. Generell kann ich sagen, diese Streiks sind ausgelöst durch vielerlei Ursachen. Wenn wir daran denken, daß zum Beispiel an ihren Arbeitsplatz zurückkehrende türkische Arbeitnehmer, die etwas verspätet ankamen, fristlos entlassen wurden, mir würde als Arbeiter selber das Messer in der Tasche aufgehen. Ich wäre in einem solchen Betrieb selbst ein aufrührerisches Element.
SPIEGEL: Sind die Gewerkschaften nicht mit schuld, weil sie sich zuwenig um die ausländischen Arbeiter gekümmert haben in den letzten Jahren?
VETTER: Das ist natürlich ein in vielfacher Hinsicht schwieriges und auch von den Sprachbarrieren her noch nicht gelöstes Problem. Wären die ausländischen Arbeitnehmer in dem Umfange in die Bundesrepublik gekommen, wie wir sie gesellschafts- und sozialpolitisch hätten verkraften können, dann wäre auch die Einfügung in die gewerkschaftliche Organisation anders zu beurteilen. Ich stimme dem Betriebsratsvorsitzenden aus einem Chemie-Betrieb vollinhaltlich zu, der erklärt hat: Ich gebe keine Zustimmung mehr für die Einstellung ausländischer Kollegen, ehe ich nicht sicher weiß, daß sie eine angemessene Wohnung haben und menschenwürdig leben können. Erst dann gibt es keinen Riß mehr zwischen gesellschaftlich isoliert lebenden ausländischen Kollegen und den deutschen.
SPIEGEL: Sie sehen die Türken nicht als Radikale?
VETTER: Auf keinen Fall. Wir haben soviel über die Unerträglichkeit der Situation der ausländischen Arbeitnehmer gesprochen, daß wir auch hinnehmen müssen, wenn sie das selbst einmal artikulieren.
SPIEGEL: Könnte das gestiegene Selbstbewußtsein dieser Arbeitnehmer künftig auch einmal dazu führen, daß Lohnstreiks in politische Streiks umschlagen?
VETTER: Der politische Streik wird bisher in der Bundesrepublik verstanden als Zwang gegenüber dem Bundestag, gegenüber den Parteien, gegenüber der Regierung. Aber eine durch Lohnkämpfe mobil gewordene Arbeitnehmerschaft kann mit massiven Aktionen auch einmal versuchen, gesellschaftliche Forderungen deutlich zu machen. Zum Beispiel könnte ich mir vorstellen, daß für die Mitbestimmung die Arbeitnehmer auch einmal auf die Straße gehen. Damit wäre auch bewiesen, daß die Forderung nicht eine Funktionärsangelegenheit ist, sondern eine Angelegenheit der Arbeitnehmer selbst.
SPIEGEL: Früher wurde nach spontanen Streiks aufgeräumt. Dutzende von Gewerkschaftskollegen flogen aus der Organisation. Würden Sie es heute als gewerkschaftsschädigendes Verhalten betrachten, wenn ein Kollege sich -- im Rahmen der Programme und der Satzungen- aktiv an den wilden Streiks beteiligt hat.
VETTER: Kein Gewerkschafter kann diese spontanen Streiks eo ipso verurteilen, auch wenn ihm zur Zeit als Funktionär aus Vertragstreue und Friedenspflicht die Hände gebunden sind. Das ist keine Sanktionierung aller Vorkommnisse bei den Streiks. Aber der überwiegende Teil der jetzigen Arbeitsniederlegungen entspringt einer Stimmung und einer Beurteilung der Lage, die wir als Gewerkschafter nicht anders sehen.
SPIEGEL: Herr Vetter, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.