»Mir graust vor dem Gemetzel«
Das Haus des Ministers liegt am Berg hoch über Beirut. Von unten weht das Dröhnen der Geschütze herauf, wölken die Rauchfahnen der Einschläge empor. Eine Granate - 60 Menschen tot, das ist die Faustregel, nach der die Bewohner Beiruts rechnen.
Der Minister indes, libanesischer Christ, möchte der Schlacht etwas Gutes abgewinnen. »Das ist der beste Krieg, den es je gab«, sagt er. »Da gewinnen fast alle. Die Israelis haben ihren 40 Kilometer breiten Sicherheitsstreifen, wir werden endlich eine neue Regierung bilden und unseren Streit vergessen - die PLO kann, von radikalen Elementen gesäubert, irgendwo einen neuen Anfang machen. Wir sind alle Aktionäre einer Sieger-Gesellschaft.«
Wie die meisten anderen Libanesen scheint der Minister die blutige Gegenwart zu verdrängen, will er lieber von der Zukunft reden, von der Illusion eines neuen, einigen und nach langen Jahren des Bürgerkriegs endlich friedlichen Libanon. Die Anwesenheit der Israelis habe all dies wahrscheinlich werden lassen, glaubt er.
Libanesische Soldaten und Israelis begegnen sich wie alte Verbündete, aber verlegen macht sie dieses Bündnis doch. Als ob es Tod und Vernichtung nicht gäbe, hupen sich die libanesischen Privatautos zwischen israelischen Militärfahrzeugen im christlichen Osten der Stadt den Weg frei. Verloren fahren israelische Militärkolonnen im Straßenverkehr mit, oft durch waghalsige Überholmanöver der Libanesen getrennt.
West-Beirut, wo die Israelis 2000 Syrer, 5000 palästinensische Milizionäre und schätzungsweise Hunderttausende libanesischer Zivilisten eingeschlossen haben, ein Drittel davon Flüchtlinge aus dem von Israel eroberten Südlibanon, ist nicht mehr zugänglich.
Zwar empfinden die Christen durchaus eine Art grimmiger Genugtuung, daß Palästinenser und Syrer, von denen sie in ihrer Beiruter Ost-Enklave allzuoft unter Feuer genommen wurden, nun selbst von einem übermächtigen Gegner bedrängt sind - aber geliebt werden die Israelis nicht, allenfalls wegen ihrer Chuzpe bewundert.
Mit einer gewissen Anerkennung erzählt ein Eingeweihter, wie Israels Verteidigungsminister Ariel Scharon vorletzte Woche zum libanesischen Präsidentenpalast im Vorort Baabda vordrang.
»Er und zwölf Generäle fuhren ohne Waffen und sichtbare Begleitung in mehreren Jeeps vor.« Bei der Straßenwache vor dem Palast habe sich Scharon bei dem Wachsoldaten vorschriftsmäßig gemeldet: S.105 »Scharon, ich bin der israelische Verteidigungsminister, ich möchte zum Palast.«
Voller Aufregung habe der Soldat dann im Palast angerufen: »Hier ist jemand, der sagt, er sei Scharon - und ich meine, er ist es wirklich.« Zunächst wollte dem Soldaten niemand glauben. »Du mußt betrunken sein!« hieß es aus dem Palast.
Erst nach langem Zögern konnten die Israelis passieren und wurden von einem hohen Offizier empfangen. Präsident Sarkis selbst habe ausrichten lassen, er sei unabkömmlich - behaupten die Libanesen. Später seien Scharon und seine Generäle mit freundlichem Schalom wieder abgefahren.
Von den Israelis nehmen die Menschen in Beirut wenig Notiz. Hält ein israelischer Wagen am Straßenrand, zeigen die Passanten weder Begeisterung noch Feindseligkeit. Nur wenige drängen sich neugierig herbei, um die »Zionisten« in Augenschein zu nehmen.
Zurückhaltend sind die Libanesen, weil Christenführer Beschir Gemayel die Losung ausgab, nicht mit den Israelis zu fraternisieren. Den einigen hundert Offizieren seiner Miliz, die am vergangenen Donnerstag auf dem Kasernenhof seines Hauptquartiers in Ost-Beirut vor ihm auf dem Boden hockten, hämmerte er ein: »Die Israelis sind nicht hier, weil sie uns lieben. Ich verbiete euch, sie zum Essen einzuladen oder andere Beziehungen zu ihnen anzuknüpfen. Das ist ein Befehl.«
Der Appell war ernst gemeint. Scheich Beschir, wie die Libanesen den 35jährigen Sohn des großen Christenführers Pierre Gemayel respektvoll nennen, hat Chancen, nächster Präsident des Libanon zu werden. So will er sich jetzt als Staatsmann aufbauen, das bedeutet, auch zu den Israelis auf Distanz zu gehen. Die Amtszeit des von Syrien favorisierten Staatschefs Elias Sarkis läuft aus. Und an Beschir Gemayel, glauben die meisten Libanesen, komme niemand mehr vorbei.
Er hat als Hausmacht die schlagkräftigste Truppe unter den über 30 libanesischen Milizen hinter sich. Seine 5000 Mann starken, gut ausgebildeten Truppen sind motiviert, straff organisiert und auch streng kontrolliert.
Die Christenarmee kann außerdem 40 000 Reservisten einberufen, meist Jugendliche aus den Bergdörfern, die schon in friedlicheren Zeiten wegen ihrer Rauflust in Beirut gefürchtet waren. Immerhin haben sich diese Streiter in acht schweren Bürgerkriegsjahren gegen eine mehrfache syrische und palästinensische Übermacht behauptet.
Die übermäßige Konfrontationslust will Christenführer Gemayel seinen Kämpfern jetzt austreiben. Immer wieder schärfte er ihnen ein: »Fragt nicht danach, welche Religion oder politische Überzeugung ein Mensch hat, den ihr hier antrefft. Es reicht, daß er Libanese S.108 ist. Behandelt alle Libanesen gleich. Wehe höre ich von Racheakten!«
Gemayel gilt auch als der einzige libanesische Führer, der sich noch vor keinem Ausländer geduckt hat, wie sogar ein Moslem-Parlamentarier anerkennt. Auch der Sprecher der Sunnitenmehrheit in Beirut, Saib Salam, der mehrmals Regierungschef des Libanon war, will sich schon jetzt, noch bevor PLO und syrische Armee aus dem Feld gedrängt sind, auf die richtige Seite schlagen: »Wer sich jetzt weigert, das nationale Interesse des Libanon den Interessen der auf unserem Boden anwesenden nichtlibanesischen Truppen vorzuziehen, der hat hinterher kein Recht zur Kritik.«
Salam, der trotz syrischer und palästinensischer Morddrohungen als erster Moslem-Politiker offen ausspricht, was wahrscheinlich die Mehrheit seiner Glaubensgenossen schon lange denkt, reagierte auch prompt auf die neue weiche Welle der Christen: »Ich bin vom Nationalismus Beschir Gemayels überzeugt.«
Der Christenführer hat es geschafft, die Mehrheit der Parlamentsabgeordneten (insgesamt 99, 11 sind seit dem Ausbruch des Bürgerkrieges gestorben) hinter sich zu bringen. Auf ihn hört man heute auch bei den schiitischen Moslems und den Drusen.
Der Führer der Schiiten-Miliz Amal in West-Beirut, Rechtsanwalt Nasih Birri, hat sich von den Palästinensern bereits distanziert, ihm waren Arroganz und Machtgelüste der ungeliebten Zuwanderer schon lange zuwider. Erst sieben Wochen vor dem israelischen Einmarsch hatten sich seine Milizionäre einen blutigen Kleinkrieg mit der PLO geliefert, der allein in Beirut über 50 Menschenleben forderte.
Vom Ajatollah kaum unterstützt, von den Palästinensern beschossen, jetzt auch noch von den Israelis bedrängt, warfen die Schiiten-Milizionäre ihre Waffen bereits weg. Im Palästinenserlager Burdsch el-Baradschina im Südosten von Beirut hinderte die Schiitenmiliz die Mitglieder der moskaufreundlichen »Volksfront zur Befreiung Palästinas« des radikalen Palästinenserführers Georges Habasch sogar daran, in ihre Lager zurückzugehen.
Amal-Chef Birri machte als erster nichtchristlicher Libanese sogar bei dem Versuch mit, den Präsident Sarkis auf Betreiben Gemayels unternahm: die Schwäche der PLO zu nutzen, um die zerstrittenen libanesischen Religionsgruppen zu einem »Nationalen Rettungskomitee« zusammenzuführen.
Das von der PLO und der links-libanesischen Allianz als »Verräterclique« abgestempelte Gremium sollte einen Ausweg finden, die blutige und verheerende Schlacht um West-Beirut doch noch abzuwenden.
Nach langem Zögern trat auch Drusenchef Walid Dschumblat, gleichzeitig Führer der links-libanesischen »Progressiven Allianz«, dem Rettungskomitee bei.
Schiiten, Sunniten, Drusen, christliche Maroniten, Orthodoxe und Katholiken vertreten in dem sechsköpfigen Ausschuß die 2,7 Millionen Libanesen. Die Palästinenser waren nicht gebeten worden, ebensowenig die Syrer.
In Dauersitzungen mit dem US-Sonderbotschafter Philip Habib, einem Sohn libanesischer Christen, suchten die sechs nach einer Formel, die das Schlimmste verhindern und einen neuen Anfang im Libanon machen sollte.
Aber Habib sprach - indirekt - auch noch mit ganz anderen: über den früheren Premier Salam mit den Palästinensern. »Wenn Habib Beirut vor der Vernichtung retten will«, erklärte Arafats politischer Berater Hassan el-Hani, »muß er uns etwas bieten.« Das klang nach Verhandlungsbereitschaft. Für direkte Gespräche mit den Amerikanern mit dem Ziel einer politischen Anerkennung der PLO durch Washington, so wurde in Beirut bekannt, seien die gemäßigten Teile der PLO bereit, über alles zu reden, einschließlich der Möglichkeit, ihre Waffen niederzulegen.
Genau das wollte Habib erreichen, als er von einer »neuen Form der palästinensischen Präsenz« im Libanon sprach. Mit anderen Worten: Die PLO könne möglicherweise in der Zukunft Anerkennung als politische Kraft gewinnen, wenn sie ihre Armee und ihre Rolle als Staat im Staate Libanon aufgebe. S.109
Doch für die meisten Libanesen stand schon fest, daß die Tage der Palästinenser im Libanon gezählt seien. Viele meinen, die PLO habe den aussichtslosen Kampf nur deshalb verbissen weitergeführt, weil PLO-Chef Arafat und andere Palästinenserchefs glaubten, daß die Israelis sie vor ein Tribunal stellen wollten, nach dem Muster des Eichmann-Prozesses.
»Monatelang soll dieser Prozeß dauern«, schauderte es einen Funktionär aus der Umgebung Arafats. Deshalb ließen die PLO-Führer all ihre möglicherweise belastenden schriftlichen Unterlagen, Akten, Geheimdokumente, Codes und Strategiepläne schon auf Mikrofilm aufnehmen und im Ostteil der Stadt sicher, wie sie meinen, verstecken. Die Originale wurden vernichtet.
Zwar dröhnte Arafat noch: »Beirut wird für die Israelis zum Friedhof werden und für die Araber zum (siegreichen) Stalingrad.« Aber gleichzeitig hielten sich hartnäckig Gerüchte, daß die bedrängte PLO zu Kompromissen bereit sei. »Vielleicht«, hoffte schon Beschir Gemayel, »erleben wir jetzt die letzten Stunden des siebenjährigen libanesischen Krieges.«
Ende vergangener Woche schien der Ring um die Stadt schon so eng gezogen, daß die PLO an ein Entkommen kaum mehr denken konnte. Danach wurden sämtliche Übergänge auch für die Libanesen geschlossen. Ihre Lager in der Nähe des Flugplatzes haben die Palästinenser längst geräumt.
Syrien, ihre offizielle Schutzmacht, ist nun selbst bis zur Bewegungsunfähigkeit geschwächt. Die Syrer hatten zwar gelobt, »für das libanesische und das palästinensische Volk bis zur letzten Patrone« kämpfen und sich gar »für Arabiens Ehre« opfern zu wollen. Doch die Libanesen zeigten für die syrische Armee nur noch Verachtung. Ein Offizier der libanesischen Streitkräfte zum SPIEGEL: »Es zählt nicht so sehr, daß sie verloren haben, sondern die Art und Weise, wie es geschah.«
Am hellichten Tag hätten die Syrer ihre Kolonnen von Panzern und Militärfahrzeugen über die ungeschützte Bekaa-Hochebene nach dem Süden gesandt. »Von israelischen Flugzeugen wurden sie in Minuten vernichtet. 300 Panzer, darunter die modernsten sowjetischen Kampfwagen vom Typ T-72.«
Vier Panzerbrigaden und 4000 Mann hat Syrien angeblich im Libanon eingebüßt. Etwa ein Viertel seiner Luftwaffe wurde innerhalb von nur drei Tagen ausgeschaltet. Das Ausmaß der syrischen Niederlage sei in seinen Proportionen sogar schlimmer als Ägyptens Niederlage im Sechs-Tage-Krieg von 1967, schätzen Militärs in Beirut.
Von Syrien hatte die PLO also kaum noch etwas zu hoffen. So verhandelte im umzingelten West-Beirut Arafats Fatah, die 80 Prozent der PLO-Truppe stellt, bereits mit den libanesischen Christen und der schwachen Staatsgewalt im israelisch bewachten Präsidentenpalast um Abzug durch das christliche Ost-Beirut.
Offen blieb freilich: Wenn die gemäßigten PLO-Kräfte tatsächlich den bewaffneten Kampf für das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser aufgeben wollten, könnten sie einen solchen Verzicht gegen die radikaleren Teile durchsetzen? Und könnte, falls eine innerlibanesische Einigung zustande käme, die schwache libanesische Armee die Autorität der Regierung gegen Dutzende gut ausgerüsteter Milizen tatsächlich wahren?
Und schließlich die Grundsatzfrage: Wohin sollten die PLO-Führer, die weiterkämpfen wollen, wohin aber auch die Hunderttausende palästinensischer Flüchtlinge ausweichen, die der Libanon ebenso loswerden möchte wie zuvor Israel und Jordanien?
Arafat und seine Getreuen, die aus Furcht vor einer syrisch dirigierten extremistischen Minderheit in den eigenen Reihen nie gewagt hatten, ihre Friedensbereitschaft unter Beweis zu stellen, wollten nicht nach Syrien fliehen, dessen Regime sie streng kontrollieren würde, sondern erwogen, nach Kairo zu gehen.
Schon vor einer Woche schickte er ein Hilfstelegramm nach Ägypten, ausgerechnet an jenes Land, das vor allem auf Betreiben der PLO aus der Araber-Liga ausgestoßen worden war.
Doch an einen friedlichen Ausgang in Beirut glaubte Ende voriger Woche kaum mehr jemand. Die Frage lautete nicht, ob die »Schlacht um Beirut« beginnen würde, sondern wann: »Mir graust, wenn ich an das Gemetzel denke, das es geben wird«, sagt ein Libanese im Ostteil der Stadt.
Daß aber die Palästinenser das Land verlassen müßten, »und zwar alle ohne Ausnahme«, wie Beschir Gemayel sagte, stand für die Christen fest. »Sie sollen gehen, wohin sie wollen«, so Gemayel, »nach Syrien oder nach Südamerika, das ist uns gleich.«
Die Israelis hingegen wollten offenbar niemanden entkommen lassen. Scharf kontrollierten sie zehn Seemeilen vor der Libanon-Küste jeden der rostigen Uralt-Frachter, die von Zypern her den libanesischen Christenhafen Dschunia anlaufen. Jedes Schiff wurde den israelischen Schnellbooten vor der Küste schon von der Reederei angekündigt, die Paßnummern jedes Passagiers übermittelt. Die Palästinenser sollten nicht die mindeste Chance haben.
Viele Libanesen sind mit dem - wie sie finden - zögernden Vorgehen der Israelis um und in Beirut nicht einverstanden. »Jeder Tag«, so ein libanesisches Kabinettsmitglied, »den die Palästinenser in Ost-Beirut länger durchhalten, wertet die PLO in arabischen Augen auf.«
Schon gebe es viele, die mit einer gewissen Bewunderung feststellen, daß sich die kleine PLO gegen die militärische Supermacht Israel länger behauptet habe als alle arabischen Armeen in allen Nahostkriegen, mit Ausnahme der Ägypter.
»Am Schluß, egal wie es ausgeht«, so der Minister, »wird moralisch noch ein palästinensischer Sieg daraus - Sie kennen doch die Araber.«