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Mir wird er fehlen

VON GERHARD SCHRÖDER
Von Gerhard Schröder
• aus DER SPIEGEL 46/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Deutschland ist ärmer geworden - mir wird er fehlen. Ohne jeden Zweifel war Rudolf Augstein einer der ganz großen Journalisten des vergangenen Jahrhunderts. Das hat man nicht nur in Deutschland so gesehen: Es war wohl Henry Kissinger, der, nur halb im Scherz, von »Rudi Augsteins private Freedom of Information Act« sprach und damit die herausragende Bedeutung dieses Publizisten weit über unser Land hinaus unterstrich. Michail Gorbatschow bezog sich explizit auf Rudolf Augstein, als er die Stimmen würdigte, die ihn zu seiner Politik des »Glasnost« inspiriert hätten. Auch ich danke ihm manchen kritischen Rat; auf sein Urteil habe ich stets großen Wert gelegt.

Seine Erfahrung von Krieg und nationalsozialistischer Terrorherrschaft hatten ihn zu einem glühenden Verfechter der Demokratie gemacht, der aber auch um die Notwendigkeit wusste, die durch den Krieg geschaffenen Realitäten anzuerkennen, um in einem friedlichen Europa leben zu können. So hat Rudolf Augstein einen ganz wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass die so genannte Bonner Republik zu einer stabilen und erfolgreichen Demokratie und zu einem Land der guten Nachbarschaft werden konnte.

Ich erinnere mich, wie wir im Februar dieses Jahres auf einem Fest im Berliner SPIEGEL-Büro beieinander saßen, ganz bezeichnenderweise unter einem Foto, das Augstein beim Spaziergang mit Willy Brandt zeigte. Bezeichnend, denn ohne die frühzeitige und dauerhafte publizistische Unterstützung durch Rudolf Augstein - aber auch durch Marion Gräfin Dönhoff und Henri Nan-

nen, die man in diesem Zusammenhang ebenso nennen muss - wäre die Ost- und Entspannungspolitik Brandts sicher auf weit größere Schwierigkeiten gestoßen und weniger erfolgreich verlaufen.

Wir sprachen dann damals über den internationalen Terrorismus und dessen Auswirkungen auf unsere Politik gegenüber den Vereinigten Staaten und dem Nahen Osten. Augstein vertrat in diesen Fragen, wie gewohnt, pointierte Positionen, die ich mir als Bundeskanzler nicht ohne weiteres zu Eigen machen wollte und konnte. Aber sie zeugten von scharfer Analyse und brillanter Formulierungskunst. Und, auch das habe ich immer wieder erlebt, er war im persönlichen Gespräch keineswegs der Polemiker, als der er so gern schrieb.

Nein, »gutmütig« wird man Rudolf Augstein gerechterweise nicht nennen wollen. Er selbst sah sich ja gern als »Zyniker«, aber ich denke, das war, wie bei manchen, die im Lauf ihres Lebens etwas zu tief in die politischen Niederungen geblickt haben, auch eine Schutzbehauptung. Jedenfalls war er großherzig, und sein Humor - davon besaß er jede Menge - war keinesfalls nur sarkastisch, sondern oft anrührend und sehr menschlich.

Um Augsteins innenpolitische Wirkung zu ermessen, muss ich in die Zeit meiner Jugend zurückgehen. Die SPIEGEL-Affäre, während der er mehr als drei Monate in Untersuchungshaft saß und die in Wirklichkeit eine Adenauer- und Strauß-Affäre war, hat wache Bürger nicht nur meiner Generation empört und aufgebracht. Am Ende hat sie geholfen, der »Demokratur«, wie Augstein es nannte, und den Restaurationstendenzen ein Ende zu setzen.

Wenn man in der Folge auch in Deutschland von der vierten Gewalt sprach - jenem von der Verfassung geschützten und keineswegs immer bequemen »Wächteramt« der Presse -, dann musste man automatisch und meist zuallererst an Augsteins SPIEGEL denken. Er hat den investigativen Journalismus zur Gattung gemacht und mit seinem Blatt eine ganz eigene journalistische Tradition begründet und geprägt. Unter Augsteins Leitung wurde der SPIEGEL zum unverzichtbaren Medium für das politische und gesellschaftliche Leben in Deutschland. Der Montag ist und bleibt nun einmal SPIEGEL-Tag.

Wie kaum ein anderer Journalist hat er die öffentliche Meinung und Diskussion in der Bundesrepublik Deutschland mitgeprägt und mitgestaltet. Rudolf Augstein und der SPIEGEL konnten Regierungen in Bedrängnis, Minister zu Fall bringen und schwarze Kassen gläsern werden lassen.

Das »Sturmgeschütz der Demokratie«, wie Augstein sein Blatt selbst nannte, hat immer wieder als formidable Abschreckung gegen Korruption, Vorteilsnahme und Unterschleif gewirkt. In dieser Hinsicht war der SPIEGEL, den Augstein sich als »linksliberales, im Zweifel linkes Blatt« wünschte, stets parteiisch für die Demokratie, aber ohne Rücksicht auf bestimmte Parteien. Auch damit hat sich Rudolf Augstein um die demokratische Kultur in unserem Land verdient gemacht.

In der Geschichte des deutschen Journalismus dürfte es nicht viele gegeben haben, die in sich profundes historisches Wissen, scharfsinnige Analyse der Gegenwart und die jederzeitige Bereitschaft zur verlässlich streitbaren Meinung so verbinden konnten wie Rudolf Augstein. Dabei war er Historiker ebenso aus Leidenschaft wie Polemiker, Opernliebhaber und Opernkenner mit - ich durfte das, ebenso erstaunt wie manche seiner Kollegen, bei seinem 75. Geburtstag bewundern - gelegentlicher Neigung zur selbst vorgetragenen Arie.

Wer Rudolf Augstein persönlich gekannt und intensive Gespräche mit ihm geführt hat, wird seinen brillanten Verstand, sein klares Urteil, seinen Humor, aber auch seine hannöversche Dickköpfigkeit schätzen gelernt haben. Dabei war er, in hellem Kontrast zu seinem öffentlichen Wirken in einem hektischen Gewerbe, von ungemeiner Verlässlichkeit und Diskretion. Wir haben bis zum Schluss in Kontakt miteinander gestanden, ohne dass einer von uns je Aufhebens darum gemacht hätte. Seine kritischen Ratschläge sind für mich nur ein weiterer Grund, mich seiner mit Respekt und Zuneigung zu erinnern.

Deutschland verliert in ihm einen unbeugsamen Demokraten und einen aufrechten Patrioten. Mir selbst wird nicht nur wichtige Lektüre, sondern auch ein unschätzbarer Gesprächspartner fehlen.

Der SPD-Vorsitzende Gerhard Schröder, 58, war von 1990 bis 1998 Ministerpräsident von Niedersachsen und ist seit 1998 Bundeskanzler.

* Am Donnerstag vergangener Woche.

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