Mit allen Mitteln - DER SPIEGEL
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BROKDORF Mit allen Mitteln

»Bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen« erwarten am kommenden Wochenende Polizei wie Atomgegner, wenn Zehntausende gen Brokdorf marschieren.
• aus DER SPIEGEL 9/1981
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In einer »Gardinenpredigt«, nachzulesen in der grünbunten »Tageszeitung« ("taz"), rät ein »Bruder Walter« im Namen »von Herrn J. Christus« allen Atomkraftgegnern, nunmehr von kleinlichem Gezänk zu lassen und ans einigende Werk zu gehen: »Ihr sollt brüderlich den Bauplatz besetzen und die Atommafia verjagen.«

Zu einer ähnlichen Aktion, vorgesehen für Samstag dieser Woche, rufen auch rund 50 Organisationen von Kernkraftgegnern ins schleswig-holsteinische Brokdorf, wo nach dem Willen von Bonn und Kiel einmal Strom aus dem Atom fließen soll. »Unser Ziel ist nach wie vor«, heißt es im »Aufruf zur Großdemonstration": »Der Bauplatz muß zur Wiese werden!«

Die Anrufe und Anweisungen richten sich gegen den Bau des meistumstrittenen Kernkraftwerks der Republik, das längst zum Symbol für die künftige Energieversorgung geworden ist, das Bundesvolk spaltet und vornehmlich für die SPD politischen Sprengstoff birgt (SPIEGEL 8/1981). Und die Brisanz hat sich erhöht, seit Kiels CDU-Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg vergangene Woche einen Baustopp für Brokdorf ablehnte und eine zweite Teilerrichtungsgenehmigung ausfertigen ließ.

Der sich jetzt formierende Demonstrationszug durch die Marsch, bei dem nach Schätzungen mindestens 50 000 AKW-Gegner auf mehrere tausend Polizei- und Grenzschutzbeamte treffen werden, könnte durchaus, wie ein norddeutscher Sachkenner fürchtet, zu »bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen« führen, »wie wir sie in der Bundesrepublik noch nicht erlebt haben«.

Während die Polizeien norddeutscher Länder Urlaubssperren für die Brokdorf-Woche verhängt haben, tüfteln Oberbeamte in Lagezentren und Innenministerien an taktischen Varianten für die bislang größte Marschen-Schutzmacht. Stützen können sie sich auf einschlägige Erfahrungen, die sie in dem siebenjährigen Kampf um das Kernkraftwerk gesammelt haben:

Konfrontation direkt am Bauplatz, wie im November 1976, als Polizei und Grenzschutz mit brutaler Härte auch gegen Zehntausende friedlicher Protestler vorgingen; Demonstrationsverbot bei Brokdorf und weiträumige Sperrung des Marschenlandes, wie im Februar 1977, als anreisende Demonstranten schon in Bayern aufgehalten wurden; totales Demonstrationsverbot mit unabsehbaren Folgen.

Denn weite Teile der Brokdorf-Gegner, zum »härtesten Widerstand seit Bestehen der Bundesrepublik« und zum »Kampf mit allen Mitteln« entschlossen, mögen sich nicht mehr »vorschreiben« lassen, »wo wir demonstrieren wollen«. Sollten sie »nicht bis zum Bauplatz kommen, wird die Demonstration jeweils vor Ort über ihr weiteres Vorgehen entscheiden« und dann womöglich, sorgt sich ein Staatsschützer, »massenhaft in ungesicherten Städten ihre Aktionen abziehen«.

»Sollen die doch in Brokdorf hundert Meter Zaun einreißen«, kalkuliert ein hoher Sicherheitsbeamter das Risiko, »damit wird man schon fertig«, kaum hingegen mit unwägbaren Gewaltaktionen in einer von Polizei entleerten Region.

Daß es ohne Gewalt nicht abgehen wird, ist für beide Seiten keine Frage mehr. Seit gut einem Jahr, nach Jugendrevolten in Zürich und Amsterdam, Bundeswehr-Krawallen in Bremen und Hausbesetzer-Straßenschlachten in Berlin, registrieren staatliche Stellen eine »qualitative Veränderung auch innerhalb der Anti-AKW-Bewegung«.

Bestimmten noch im letzten Sommer, bei der Bohrplatz-Besetzung in Gorleben, lokale Bürgerinitiativen den gewaltfreien Widerstand, so haben seither die Befürworter von Gewalt die Mehrheit gewonnen.

Auch jene Gruppen, die nicht selbst mit Stangen und Steinen gegen den Meiler in der Marsch rüsten, tolerieren zumindest weitergehende Widerstandsformen. Jedem Brokdorf-Marschierer, heißt es bei den Protestlern, müsse klar sein, »daß es dabei nicht gewaltfrei abgehen kann«.

Hinter solchen Sprüchen verbirgt sich mehr als Verbalradikalismus. Als am vierten Advent letzten Jahres wieder einmal in Brokdorf demonstriert wurde, flogen Stahl- und Leuchtkugeln sowie über 100 Molotow-Cocktails gegen die Bauplatz-Bewacher. Und als S.58 vor drei Wochen 15 000 Brokdorf-Gegner durch Hamburgs Innenstadt zogen, gab es Steinwürfe und Katapultschüsse gegen die Polizei.

Auch Terroranschläge und Sabotageakte gehören zum Repertoire von AKW-Gegnern, die ihre »Stärke« in der »Vielfalt des Widerstandes« sehen. Brandsätze flogen in Privat- und Firmenhäuser von Brokdorf-Betreibern, Anschläge richteten sich gegen Gerichtsgebäude und Stromanlagen.

Denn eingereiht in das breite Bündnis der Brokdorf-Gegner haben sich mittlerweile nahezu alle Schattierungen der sogenannten Neuen Linken: autonome Gruppen und Spontis, maoistische K-Gruppen und Antifaschisten, Anarchos und Rote Zellen, die eine Parole eint: »legal, illegal, scheißegal.«

Tonangebend sind die autonomen Gruppen, die neuerdings verstärkt »Front machen gegen den Staat«, auf den sie »keinen Bock mehr« haben. Gleichgesinnte finden sie bei Punkern und Politrockern -- allein in Hamburg insgesamt weit über 1000, die zur Gewaltanwendung bereit sind.

Aus Sorge um den »Frieden in der Wilster Marsch« (Stoltenberg) warnen CDU, SPD und FDP einhellig vor einer Beteiligung in Brokdorf. Statt dessen sollten Atomgegner, so der Umweltbeauftragte der nordelbischen evangelischen Kirche, aus Solidarität am Samstag zu Hause handeln: Zwischen »Heute« und »Tagesschau« könnten »alle elektrischen Geräte und Lampen« abgeschaltet und Gespräche »über einen maßvolleren Lebensstil« geführt werden.

Zusätzlich rät der Pastor zu einem schon erprobten Signal gegen Mauer und Stacheldraht: »Stellen Sie eine brennende Kerze ins Fenster.«

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