MIT BART - DER SPIEGEL
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Briefe

MIT BART
• aus DER SPIEGEL 22/1968
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

MIT BART

(Nr. 18/1988, Titelgeschichte)

Endlich eine Zeitschrift, die trotz aller Verächtlichmachung den Mut hat, den bärtigen Karl Marx auf dem Titelbild zu bringen.

Kamen (Nrdrh.-Westf.) DIETRICH DAUERT

Übrigens: Ihr Titelbild wie auch die Marx-Briefmarke der Deutschen Bundespost zeigen Karl Marx mit dem bekannten Bart. In einem Brief an Engels schrieb Marx jedoch am 28. April 1862 von Algier aus: vor Sonne habe ich den Prophetenbart und die Kopfperücke weggeräumt, aber ... mich photographieren lassen vor

Haaropfer auf Altar eines algerischen Barbiers.«

Luisenthal (Saarl.) KARL HANDFEST

Die Unterschrift auf dem unteren Bild Seite 93 ist irreführend. Es handelt sich dabei nicht um die eigentliche Oktober-Revolution, sondern um Vorfälle anläßlich der (gescheiterten) Generalprobe hierfür am 4./17. Juli 1917, die Lenin zwang, sich ohne Spitzbart und mit einer Perücke, die Glatze verdeckend, als Lokheizer getarnt, zunächst nach Finnland abzusetzen.

Aus eigener Anschauung dieser Vorfälle kann ich berichten, daß damals mit bewaffneten Arbeitern besetzte bespannte Fahrzeuge plötzlich auf dem Newskij-Prospekt erschienen. Nach gegenseitigen Beschimpfungen wurden die bolschewistischen Arbeiter nach kurzem Handgemenge von den zufälligen Straßenpassanten mit bloßen Fäusten von ihren Fahrzeugen gezerrt und kurzerhand entwaffnet. Erst nach einigen in die Luft abgegebenen Warnschüssen der Bolschewisten suchten die Passanten, sich auf Boden werfend oder in umliegende Hausflure und Toreinfahrten flüchtend, ihr Heil. Tote und Verwundete hat es dort nach meinen Beobachtungen nicht gegeben. Jedenfalls hatten die Bolschewisten damals auf dem Newskij-Prospekt keine Sympathisierenden.

Bezeichnend ist das Verhalten des im Vordergrund als zweiter von rechts sichtbaren Mannes, der in Ihrer Reproduktion nur schwer, jedoch in den »Staatsbürgerlichen Informationen«, Folge 48 bis 49, November bis Dezember 1956, gut erkennbar ist. Es handelt sich nach dem äußeren Habitus offenbar um einen Angehörigen der höheren Ministerialbürokratie, der, uninteressiert an den Händeln des niederen Volkes, gelassen und gemessenen Schrittes seiner Wege geht.

Mannheim GERHARD FEHST

Dipl.-Ing. VDI

Sie berichten allerhand Schnickschnack, der nicht zwangsläufig zur historischen Wirkung des Geburtstagskindes gehört (Marx als Antisemit und ähnliches).

Weit interessanter wäre es zu erfahren, wie es um die Behauptung aus ernsthafter Quelle steht, Marx habe als Emigrant in England seine ebenfalls geflohenen Gesinnungsfreunde bespitzelt und Berichte an das erzreaktionäre Kabinett in Wien gesandt. München RICHARD W. EICHLER

Es ist schon genialisch, wie Sie Marx auf zehn Seiten mit vielen Photos erschöpfend behandeln! Falls Sie zum 150. Todestag Gottes eine Titelgeschichte zu bringen gedenken, die ähnlich universal gestaltet ist, bitte ich Sie, mich vorher darauf aufmerksam zu machen, damit ich mir das Heft erstehen kann. Gießen

ERHARD H. SCHÜTZ

In der Redaktion des SPIEGEL hätte

ich die geistige und moralische Potenz vermutet, mit der Titelgeschichte »Karl Marx« das Wahre vom Falschen um seine Lehre zu scheiden. Ein solcher für die Gesundung des politischen Bewußtseins in der Bundesrepublik fruchtbarer Versuch ist es leider nicht geworden. Statt dessen zeichnen die Autoren zu den bereits existierenden ein weiteres Wisch-Waschi-Porträt.

Oberhausen (Nrdrh.-Westf.)

HANS-JOACHIM SCHMIDT

Daß die Pauperisierung nicht das prophezeite Riesenausmaß angenommen hat, verdankt die Menschheit eben gerade dem Genius Marx, dessen Ideen überall dort spürbar sind, wo der Kampf für den Fortschritt die größten Katastrophen verhindert. Marxens heroischer Einsatz für Gerechtigkeit hat es also zuwege gebracht, daß Marxens apokalyptische Voraussagen nur zur halben Realität wurden. Daß das die nahezu idiotischen Arbeitnehmerhaufen nicht begreifen, ist eine andere Sache.

Hückeswagen (Nrdrh.-Westf.)

ERNST DITTRICH

Am 1. Mai -- der als Tag sozialistischer Demonstration in unserem Land bei den meisten höchstens noch Erinnerungswert hat und vor allem als bezahlter Ruhetag interessant ist -, an diesem sonderbaren Tag also, lese ich im SPIEGEL, daß unser gegenwärtiger Vizekanzler und Außenminister die Trierer Karl-Marx-Ausstellung eröffnet. Welche Ehre für den Begründer des Sozialismus! Genausogut hätte man einfach den Bischof von Trier zu dem Auftritt bemühen können. Viersen (Nrdrh.-Westf.)

WILHELM THÖNISSEN

SITTLICHE FÄULNIS

(Nr. 19/1968, SPIEGEL in Osterreich)

In meinem Heimatland, dem Lande der »Oberoffizials« und »Hofrätchen', herrscht noch immer die Pseudomoral, welche zu Zeiten des Adelsstandes und unseres seligen Kaisers im Schwange war.

Als Beispiel möchte ich den vor einigen Wochen über die Bühne gegangenen Pornographie-Prozeß anführen, wo hinter verschlossenen Türen Vollstreckungsoberoffizial, Richter und Protokolischreiber beschlagnahmte Porno-Filme zwei- bis dreimal spielen mußten, um sich ein Urteil über den »Inhalt« dieser zu bilden.

Und solche Richter beschlagnahmen den SPIEGEL wegen einiger oder mehrerer verhungerter, bloßgelegter Brüste?

z. Z. Dortmund H. NEUBAUER

cand. ing.

Bei Aufzählung der Institutionen, die sich als Gralshüter der Moral betrachten, haben Sie den »Katholischen Familienbund« vergessen. Auf der Jahresversammlung, die im Februar dieses Jahres in Innsbruck stattfand, hat der Verband auf Vorschlag seines Präsidenten, Nationalrat Kranebitter, in einer Resolution den Vorschlag aufgenommen, nach dem vor allem in ländlichen Fremdenverkehrsorten die »Träger sittlicher »Fäulnis' unter den Touristen durch gezielte Maßnahmen veranlaßt werden sollen, diese Orte in Ruhe zu lassen.

In einem Schreiben an eine Innsbrucker Tageszeitung, dessen Veröffentlichung allerdings unterblieb, sollte diese Resolution durch folgendes »Aktionsprogramm« lächerlich gemacht werden:

1. In allen ländlichen Fremdenverkehrsorten wird ein Spezialaktionsausschuß zur Reinerhaltung von Tugend und Moral der einheimischen Bevölkerung gebildet. An jeder Ortseinfahrt ist eine Tafel anzubringen: »Träger sittlicher Fäulnis sind hier unerwünscht«. In Größe und Ausführung ist diese Tafel dem Schild »Maul- und Klauenseuche« anzupassen.

2. Die im Ort wohnenden Fremdenverkehrsgäste müssen sich gegebenenfalls einer Überprüfung ihres sittlichen Fäulnisgrades durch Ausschußmitglieder unterziehen. Einheimische sind davon ausgeschlossen, da ihre echte sittliche Reife als vorhanden angenommen wird.

3. Die Tiroler Fremdenverkehrsorgane werden angewiesen, die ausländischen Reisegesellschaften zu veranlassen, von den Touristen neben dem Reisepaß auch eine amtliche Beglaubigung beizubringen, aus der hervorgeht, daß ihre Träger von »sittlicher Fäulnis« frei sind.

4. Eventuelle Verdienstausfälle, die durch die »Sitten-Fäulnis-Aktion« dem Fremdenverkehrsgewerbe in Tirol entstehen, werden vom Familienverband getragen.

Im Ernst: Der Verbandspräsident hätte besser getan, bei der Abfassung dieser Resolution den gesunden Menschenverstand und die christliche Demut walten zu lassen.

Innsbruck

PROF. DR. jur. WALTER MARZEN

In der letzten Woche des Monats November 1967 bin ich vom London Airport über Flughafen Wien-Schwechat nach Zagreb geflogen. In Schwechat war eine Zwischenlandung, wo dann die österreichischen Zollbeamten eine Kontrolle durchführten, nahmen mir den SPIEGEL Nr. 46/1967 ab mit der Bemerkung: »Der SPIEGEL ist beschlagnahmt.« Auf meinen Protest und die Erklärung. daß ich das Magazin in London gekauft habe und nicht in Österreich und weil ich weiter nach Zagreb/Ljubljana fliege, bekam ich eine drohende Antwort: »Noch einen Widerspruch und ich lasse Sie verhaften, denn wir erlauben es nicht, unsere Demokratie durch solche Schmarotzer-Zeitung zu blamieren.« Ich sagte diesem Beamten, daß ich nicht wüßte, warum das Magazin beschlagnahmt werden sollte (ich habe diese Nummer nicht gelesen!), und bekam eine Antwort, die mir mein Leben lang bekannt ist: »Ach ja, du bist ein Windischer!« »Windischer Hund« ist ein Schimpfname für alle Slowenen, besonders aber für die aus Untersteiermark (ich bin in Marburg/Drau [Maribor] geboren). In meiner Begleitung war ein jugoslawischer Journalist von »Vjedrik u Sisjedu«. Zagreb. Der sagte mir: »Österreich ist noch mehr braun und schwarz als die Bundesrepublik Deutschland, und mir ist vollkommen verständlich, das als solche eine offene Sprache des SPIEGEL nicht ertragen können.« -- Diese Nummer war in Zagreb und Ljubljana nicht mehr zu haben. Überall wurde mir gesagt, diese Nummer war von österreichischen Touristen (oder Geschäftsleuten) restlos vergriffen.

Manchester Joschy SCHOSTERITSCH

Hätte nie gedacht, daß Schuschniggs Tochter (im Badekostüm) sooo jugendgefährdend ist! Ist sie doch?! Küß die Hand, Herr Minister.

Wien WERNER HASLINGER

Sie prangern mit Recht die muffigen Paragraphen an, nach denen in Österreich entschieden wird, was »die Lüsternheit reizt« oder nicht. Sie werden die Verbreitungsbeschränkung im Disneyland Europas sicher leicht verkraften können, nahezu verzweifelt ist aber die Situation der künstlerisch recht potenten Wiener Avantgarde, die im Kampf gegen das allmächtige Spießertum immer mehr zur inneren oder tatsächlichen Emigration gezwungen wird. Es nützt nichts, auch wenn man noch so aufpaßt. Dann und wann wird halt doch ein Stückchen Busen frei, es fand sich noch immer etwas, das man als Penis deuten konnte. So gibt es hierzulande kaum einen Avantgardisten, der es nicht schon mit Gericht oder Polizei zu tun bekommen hat.

Wien DR. MALTE OLSCHEWSKI

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