Mit dem Messer - DER SPIEGEL
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JUGOSLAWIEN / KRIMINALITÄT Mit dem Messer

• aus DER SPIEGEL 8/1969
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Im Amtsbereich des Kreisgerichts von Pozarevac (auf dem Wege von Belgrad zu den Donauschluchten gelegen) leben 300 000 ehrliche Serben von Viehzucht und der Produktion von Gummistiefeln. Manche aber -- mehr als andernorts -- morden,

Innerhalb der letzten 20 Jahre kamen hier -- in Pozarevac -- über 600 Menschen durch andere Menschen ums Leben -- mehr, als in einem Jahr in ganz Jugoslawien. Es sind Nachkommen der verwegenen Haiducken und des Türkenschlächters Milenko Stojkovic. Sie nutzen noch immer jede Gelegenheit, einander den Garaus zu machen.

Dragoslav Gavrilovic, 26, erstach seinen trunkenen Vater mit einem Bajonett, Maurer Vladimir Golubovic, 64, erstach seinen Lohnarbeiter Svetislav Tosic, weil er einen Vorschuß in Höhe von 1,70 Mark erbeten hatte. Golubovic zu seinem Opfer: »Das ist dein Lohn, auf den du nicht warten konntest.«

Maurer Dragoljub Markovic erstach den Landarbeiter Zivorad Djordjevic beim serbischen Volkstanz Kolo, und Draginja Ickovic brachte ihre Enkelin um, weil die Mutter des Neugeborenen schon erwachsene Söhne hatte: Ein Spätkömmling, so fand die mordende Großmutter, sei eine Schande für die ganze Familie.

Landarbeiter Borislav Jovanovic ermordete seinen älteren Bruder -- es ging ums Geld. Um ein Erbe ging es bei einem Totschlag im Dorf Poljane, dessen Bewohner nach eigenen Aussagen so viel Gold versteckt halten, daß man damit einen Ochsenwagen füllen könnte.

Angelina Milovanovic erschlug ihren schlafenden Vater Radivoje, weil er die Mini-Mode nicht mochte. Slobodan Dunic, 26, stach seiner Freundin Verica ein Messer in den Rücken, obwohl er schon einmal zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt worden war -- wegen Mordes an einer Freundin.

Cveta Stevic schnitt ihrem Freund Dragoslav die Kehle durch, Vuksan Misic erschlug den Freund seiner Frau mit einem Hammer. Landarbeiter Vasiljevic, 29, tötete seine Schwiegermutter, nachdem er sich zur Stärkung von seinem Schwiegervater eine Zigarette erbeten hatte. Die Kellnerin Novka Ratkovk schüttete einem Gast, der sie nicht mehr liebte, kaustisches Soda in die Augen.

Der Geblendete blieb am Leben, wie auch die heute acht Monate alte Mirjana Milenkovic, der Großmutter Javorka mehrere fünf Zentimeter lange Nadeln in den Schädel spießte.

Für das medizinische Phänomen des dennoch quicklebendigen Kindes finden die Ärzte der neurochirurgischen Klinik von Belgrad nur eine Parallele: Vor Jahren reiste ein Bürger Banja Lukas 400 Kilometer weit mit der Eisenbahn in die jugoslawische Hauptstadt, weil man ihm daheim nicht helfen konnte: Ein Messer saß ihm zwischen den Augen.

Der Richter des gefährlichen Amtsbereiches Pozarevac, Vojislav Zivkovic, hat bereits 7000 Jahre Zuchthaus über Mörder verhängt. Allmorgendlich steht er um fünf Uhr auf, um sein bereits auf 40 000 Seiten angewachsenes Tagebuch mit weiteren Tötungsfällen aus dem Leben seiner Gemeinde anzufüllen und dazu ein Buch über den jugoslawischen Mordparagraphen 135 abzuschließen.

Auch er kann für die grassierende Mordlust der Menschen von Pozarevac keine Ursache finden. An die abschreckende Wirkung hoher Freiheitsstrafen glaubt er nicht: Drohend, aber wirkungslos erhebt sich inmitten der Provinzstadt das älteste Zuchthaus Serbiens.

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