Mit dem Moskitonetz zur Umerziehung
Zu den 59 Mitgliedern des neuen Stadtkomitees der Millionenstadt Saigon, das bis zu den ersten Wahlen das kommunale Parlament ersetzen soll, gehören neben zwölf Professoren auch ein Brigadegeneral der geschlagenen Thieu-Armee und der Bonze Huynh Lien, Oberhaupt der Bettelmönche -- aber nur vier Arbeiter.
Im benachbarten Kambodscha, wo die neuen Herren selbst Kinder und Greise auf die Reisfelder schicken, arbeiten Einheiten der Roten Khmer zusammen mit chinesischen Technikern rund um die Uhr, um für das Anfang September endlich aus dem Ausland heimgekehrte Staatsoberhaupt, Prinz Sihanouk, eine Residenz, fern der Hauptstadt, in der Tempelstadt Angkor Wat zu bauen.
Das erste Dekret der Guerillatruppe des Pathet Lao, dem nach 26jährigem Kampf in Laos die Macht ohne einen einzigen Schuß zufiel, galt der Treue zum greisen König und enthielt einen Appell an die Ausländer, im Lande zu bleiben und beim Wiederaufbau mitzuhelfen.
Über sechs Monate nach dem Debakel der Amerikaner in Indochina und dem Sturz der heimischen Herrscher zeigen sich Südvietnam, Laos und Kambodscha voller Eigenheiten und Widersprüche, die nur eines gemeinsam haben: daß sie nicht in das Klischeebild von der kommunistischen Machtübernahme passen. Ho Tschi-minh ist da -aber anders als erwartet.
Im Süden Vietnams kam es bis heute weder zu dem von US-Präsident Ford prophezeiten »Blutbad« noch zu den befürchteten Massenverhaftungen von Thieu-Anhängern. Selbst achtzig US-Bürger, darunter zahlreiche Ex-GIs und militärische Berater, leben unbehelligt, wenn auch ungebeten, noch immer in Saigon.
Direktor Fred Gulden, Chef eines Bauunternehmens, das in Südvietnam auf US-Rechnung Krankenhäuser, aber auch Flugplätze, Munitionsdepots und Gefängnisse gebaut hatte, verpaßte den letzten Flucht-Helikopter. Drei Tage nach dem Einmarsch des Vietcong wurde der Ami zum örtlichen Polizeiposten bestellt, wo sich drei Dschungelkämpfer mit ihm bei Tee und Kuchen unterhalten wollten.
Direktor Gulden verabschiedete sich mit einem guten Rat: »Wenn die USA euch Dollars anbieten, nehmt sie, aber laßt nie wieder Berater ins Land.« Seither hat sich keiner mehr für ihn interessiert. Ins Gefängnis gesteckt haben die Eroberer nur den US-Hippie Larry Faigan, der es im Drogentrip nicht lassen konnte, den Vietcong-Patrouillen Blumen in die Gewehrläufe zu stecken. Die Thieu-Soldaten, die Polizisten und kleinen Beamten mußten sich in ihren Wohnbezirken mit Schulheft und Bleistift zur »Hop tap«. der landesweiten Umerziehung, melden. Die Fächer: Vietnamesische Geschichte unter antikolonialem und anti-imperialistischem Aspekt, Analyse der Rolle der USA und des Thieu-Regimes sowie die Ziele und Werte des neuen Systems.
Nur hohe Offiziere und höhere Beamte kommen nicht so leicht davon. Ausgerüstet mit einem Moskitonetz, einem Pullover, Kleidung zum Wechseln, Zigaretten und 21 Kilo Reis, der Ration für einen Monat, müssen die Machthaber von einst sich an Sammelpunkten melden und werden mit Bussen in Lager auf dem zentralvietnamesischen Hochland, weit weg von den Städten, gebracht. Neben der Umerziehung sorgt so das neue Regime auch für seine Sicherheit; einer Konterrevolution fehlen die führenden Köpfe.
Schwieriger als die Umerziehung, deren schnellen Erfolg auch die Provisorische Regierung eher skeptisch beurteilt, ist für Saigons neue Herren, die Wirtschaft des Landes wiederanzukurbeln. Die Behörden schätzen, daß zur Zeit in den Städten etwa zwei Millionen von sieben Millionen arbeitsfähigen Menschen ohne Verdienstquelle sind -- eine soziale Zeitbombe.
Am leichtesten war es noch, die Landwirtschaft wieder in Gang zu bringen. Durch Landverteilung und Erschließung brachliegenden oder verlassenen Bodens wollen die Behörden die Fläche des Reislandes von bisher 3,5 Millionen Hektar auf 5 Millionen erhöhen; 300 000 Menschen, die nach Saigon geflüchtet waren, haben inzwischen die Stadt verlassen, weil sie sich auf dem Land eine bessere Zukunft versprechen. Am Ende der Aktion soll die 3,5 Millionen große Metropole zwei Millionen Einwohner weniger haben.
Jede landsiedelnde Familie bekommt kostenlos 1,4 Hektar Acker, Geräte, Reis und Saatgut; eine Landreform mit dem Ziel, die Betriebe zu kollektivieren, steht nicht auf dem Programm. »Zur Kollektivierung werden wir möglicherweise durch die Mechanisierung und die Rationalisierung kommen, aber wir müssen sehr langsam vorgehen« -- so ein Süd-Funktionär.
Auf eine Zwangsumsiedlung der Stadtbevölkerung -- wie in Kambodscha -- will Saigon nicht nur aus politischen Gründen verzichten; die Regierung braucht Arbeiter für den Wiederaufbau der Industrie.
Der Industrie-Start aber fällt ungleich schwerer: Die meisten Firmen des Thieu-Regimes haben mit westlichen Maschinen und westlichen Rohstoff-Importen gearbeitet. Ersatzteile und Rohstoffe bleiben jetzt aus. Im Saigoner Zweigwerk des Pharma-Konzerns Hoechst setzten sechzig Arbeiter die Produktion wieder in Gang. Unter Leitung eines ausländischen Technikers, der im Land geblieben ist, halten sie die aus West- und Ostdeutschland eingeführten Maschinen in Form.
Die »Vietnam National Bank«, die Zwangsvereinigung von fünf bisherigen Banken in Saigon unter einem Direktor, der auch schon zu Thieus Zeiten im Amt war, gewährt den rund fünfhundert wieder arbeitenden Industriebetrieben großzügige Aufbaukredite.
Denn die Fernziele Vietnams -- wobei zwischen Norden und Süden gar nicht mehr unterschieden wird -- sind ehrgeizig: Möglichst bald will Vietnam aus eigener Kraft den Sprung in die Gruppe der asiatischen Industrienationen tun und dabei so weit wie möglich auf fremde Hilfe verzichten.
»Wir haben große Bodenschätze: Eisen, Anthrazit, Erdöl und können mit Hilfe des Roten Flusses für das gesamte Land hydro-elektrische Energie be-
* In Cu Chi bei Saigon.
schaffen. Von 50 Millionen Einwohnern sind 20 Millionen Werktätige, das heißt soviel wie in Frankreich. Eine Million sind ausgebildete Facharbeiter, über hunderttausend haben eine Universitätsausbildung. Die Landwirtschaft ist imstande, das ganze Volk zu ernähren. Das sind die Reichtümer, auf denen wir unsere Unabhängigkeit aufbauen« -- so ein Mitglied des nordvietnamesischen Zentralkomitees in Hanoi zum SPIEGEL.
Vorerst freilich sind die Schwierigkeiten riesengroß, allein das Gefälle zwischen dem Norden und dem Süden auszugleichen. Während in Saigon einst begüterte Familien Mobiliar und Hausrat, vom Fahrrad bis zur Kaffeemaschine, am Straßenrand zum Kauf anbieten, müssen in Hanoi die Käufer Schlange stehen, wenn eine neue Sendung Zündhölzer eingetroffen ist.
Der bislang reiche, korrupte, amerikanische Süden macht den Propagandisten im Norden psychologisch mehr Schwierigkeiten, als sie offensichtlich erwartet haben. So verbreitete die vietnamesische Nachrichtenagentur VNA Mitte Juli über viele Seiten einen fiktiven Dialog, den der Hanoier Soziologe Nguyen Khac Vien mit einem angeblichen Freund aus Afrika führt.
Der Afrikaner vertritt dabei offen die These, daß der Süden für eine Wiedervereinigung nicht reif und an ihr auf Grund historischer Spannungen zwischen Nord und Süd, aber auch wegen der westlichen Orientierung der letzten Jahre gar nicht interessiert ist. Selbst den Widerstand einer südvietnamesischen Bourgeoisie hält er für wahrscheinlich.
Der Professor tut sich schwer, in seiner Gegenposition den hohen Lebensstandard des Südens und seine Konsumgesellschaft als Blutzoll an die Amerikaner hinzustellen:
Für viele wird es sicherlich hart sein, das Fahren in ihren Autos oder auf ihren Hondas aufzugeben und auf Fahrräder umzusteigen. Aber wenn sie wählen müssen zwischen jenen Konsumgütern, für die sie mit Blut bezahlt haben, und einem Lebensstandard, der nicht so hoch ist, aber mehr im Einklang mit den nationalen Realitäten steht, dann werden die meisten nicht zögern.
Bislang gibt es tatsächlich keine Zeichen, daß Saigons neues Regime auf ernstzunehmenden Widerstand stößt. Zwar kursieren in Saigon Gerüchte über bewaffnete Überfälle ehemaliger Thieu-Verbände; aus der Millionen-Armee haben sich ein paar Tausend nicht registrieren lassen.
Offiziere der Befreiungsarmee gaben auch zu, daß sie einige Inseln vor der Küste noch nicht unter Kontrolle haben, »aber es lohnt nicht, auch nur einen einzigen unserer Leute zu opfern, um sie auszumisten«.
Schwierigkeiten bekamen die Vietcong in den eigenen Reihen. So mußte die Militärverwaltung mehrfach daran erinnern, daß die ausgerufene »Kampagne für die Beseitigung der vom alten Regime ererbten degenerierten und entwurzelten Kultur« nicht gleichbedeutend mit Bücherverbrennung und der Zerstörung von Tonbandgeräten und Diaprojektoren sei.
Von Sozialismus keine Rede.
Verbiesterte Vietcong-Soldaten, nach den entbehrungsreichen Jahren im Dschungel von der Konsumflut Saigons überfordert, hatten manches in ihren Augen überflüssige Zivilisationsgut auf die Müllhalden geworfen -- so wie die Dschungel-Genossen des Roten Khmer beim Einmarsch in PnomPenh.
Selbst Pornos wollte ein Offizier, der einen Leserbrief an die Armee-Zeitung »Quan Doi Nhan Dan« schrieb, nicht einfach vernichtet sehen. Seine Alternative: »Unsere Männer sind entschlossen, sie nicht zu lesen.« Seither werden die zerfledderten Jahrgänge des US-Magazins »Playboy« auf dem Saigoner Markt wie eh und je verkauft.
Die Provisorische Regierung ließ alle Gotteshäuser wieder öffnen und begnügte sich damit, die überwiegend von ihren ideologisch schärfsten Feinden, den Katholiken, betriebenen Privat-Universitäten und Privat-Schulen unter staatliche Aufsicht zu stellen,
An der Vorstellung des neuen Stadtkomitees von Saigon vor rund tausend ausgesuchten Bürgern der Dreimillionenstadt nahm auch der Leiter der Erzdiözese teil; von Sozialismus oder Kommunismus war auf diesem Treffen sowenig die Rede wie andernorts. Die neuen Herren appellieren an den »traditionellen Heroismus der Nation und verlangten Anstrengungen, den kreativen Arbeitsgeist des ganzen Volkes voll in Gang zu bringen«.
Politisch sehr viel rigoroser führen die Roten Khmer im benachbarten Kambodscha ihr neues Regime -- nur, sozialistisch im herkömmlichen Sinne ist es sowenig wie das von Südvietnam.
Von den drei Millionen Einwohnern der Hauptstadt PnomPenh, die nach der Eroberung im April gewaltsam aufs Land vertrieben wurden, sind nach den Worten des neuernannten Vizepremiers Jeng Sary »über 100 000 Personen« in die Geisterstadt zurückgekehrt.
Schulen, Krankenhäuser und Fabriken wurden -- vier Monate nach dem Sieg -- wiedereröffnet: den totalen Exodus von PnomPenh rechtfertigte Sary damit: »Die Bevölkerung mußte sich dorthin begehen. wo sich die Nahrung befand.«
Für den durch Flüchtlinge bereits mehrfach totgesagten Khmer-Rouge-Chef Khieu Samphan war die befohlene Ernteschlacht der Großstädter sogar so erfolgreich, daß er in seinem ersten Interview seit dem Sieg -- Mitte August -- prophezeite: »Ich wage zu behaupten. daß uns von jetzt an keine mit einer Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Inflation oder steigenden Preisen verbundenen Probleme mehr berühren werden.«
Glückliche Rote Khmer. Von den Kambodschanern, die ihre Aufseher erschlugen und nach Thailand flüchteten -- bisher über 8000 Personen -, sind freilich andere Berichte zu hören: Hunger in den Landkommunen, Seuchen, Mangel an einfachster medizinischer Versorgung, Kinderarbeit.
Regiert wird das Land noch immer im Stil der Guerilla: Eine den meisten Kambodschanern nicht einmal dem Namen nach bekannte Zentrale gibt die Befehle aus, und überwiegend junge Bauernburschen in der Uniform der Roten Khmer sorgen rücksichtslos für die Ausführung.
In Kambodscha gibt es bisher nicht einmal den Ansatz einer politischen Massenorganisation, ganz zu schweigen von politischer Vertretung. Khieu Samphan spricht in seinem Interview auch ungeniert von »unseren Kadern von der ministeriellen bis zu den höchsten Ebenen«, andere, etwas näher dem Volk, hat er anscheinend vorerst nicht im Auge.
So konnte die kambodschanische Revolution im Gegensatz zu Südvietnam auch auf politische Agitation und Propaganda im Volk verzichten; das Ergebnis der Ernte und der Pflanzplan für die nächste sind als Revolutionsziel vorerst genug.
Anzeichen, daß sich diese rüde Kommandostruktur möglicherweise bald ändern wird, geben in jüngster Zeit Sihanouks Heimkehr und Kambodschas überraschende außenpolitische Aktivitäten: Das Land, das bis auf die -- gleichfalls reduzierte -- Verbindung zu Peking alle diplomatischen Beziehungen kappte, ließ einen unteren Funktionär quasi in geheimer Mission in einem Grenzdorf mit der Regierung des benachbarten Thailand über die Lieferung von Dieselölen und Lebensmitteln verhandeln.
Als erster Staatsgast nach dem Sieg kam der nordvietnamesische KP-Chef Le Duan nach PnomPenh, hauptsächlich wohl, um die von beiden Seiten verschwiegenen Kämpfe im Golf von Thailand und an der kambodschanischen Küste beizulegen.
Hanoi hatte sich nicht gescheut, gegen die ehemaligen Waffenbrüder im Befreiungskampf sogar erbeutete amerikanische Jagdbomber einzusetzen. Diplomaten in Bangkok sind davon überzeugt, mit der Machtübernahme der Pathet Lao in Laos wollten die Roten ihren Freunden in Hanoi ein günstiges Aufmarschgelände gegen Kambodscha verschaffen.
Im Sinne Hanois ist die unblutige Machtübernahme in der laotischen Hauptstadt Vientiane allemal -- der von Ho Tschi-minh inspirierte Partisanentrupp führt nur konsequent zu Ende, wofür er im Kampf gegen die Kolonialmacht Frankreich angetreten war: Indochina unter der Hegemonie Vietnams von fremdem Einfluß zu befreien.
Hanoi dürfte auch bei den überraschenden personellen Konsequenzen des geglückten Coups in Vientiane mitentschieden haben: drei der führenden Minister der Pathet Lao, Spitzenkräfte im mühevoll ausbalancierten Kabinett, wurden zur Erholung nach Frankreich geschickt, die drei Nachfolger sind stramme Gefolgsleute Hanois.
Revolution
mit Spatzündung.
Einer von ihnen, der Ex-Außenminister und Vizepremier Phoumi Vongvichit, hatte noch Anfang Juli in bewegten Worten dem verschreckten laotischen Volk die Revolution mit Spätzündung zu erklären versucht und Befürchtungen zerstreut, die patriotischen Kräfte würden anderen Laoten Häuser und Geld wegnehmen »und die schönen Frauen einiger Leute holen, die dann den Regierungsvertretern zu Dienst sein müssen. Dies ist bloße Spekulation.«
Die erste Amtshandlung des neuen Mannes im Außenamt, Phoun Sipaseuth, war ein Abkommen mit dem deutschen Botschafter in Bangkok, Schmidt-Pauli, über einen Bonner Kredit in Höhe von 15 Millionen Mark.
Schärfer als die alte, bourgeoise, stets zu Kompromissen neigende Garde der roten Laoten formulierte Phoun Sipaseuth auf der Siegesfeier in Vientiane den politischen Willen: »Wo es Unterdrückung und Ausbeutung gibt, gibt es auch Widerstand und Kampf.« Freilich: Laos, nominell noch immer von dem kranken und resignierenden Prinzen Souvanna Phouma als Premier geführt, soll neutral bleiben.
Die Amerikaner, als Anstifter des mißglückten Rechts-Putsches vom Mai mit Schimpf und Schande aus dem Land gejagt, sind auch weiterhin als Geldspender willkommen -- ebenso wie die 1500 sowjetischen Experten im Land.
Als »Ausübung der Diktatur über den Feind und Praktizierung der Demokratie unter dem Volk«, als künstlerische, literarische und sportliche Aktivitäten »mit nationalem und fortschrittlichem Charakter«, versteht der Pathet Lao sein Revolutions-Programm.
Die mitunter allzu schrillen Töne, mit denen Laos, Kambodscha und der eroberte Süden Vietnams die nationale Selbständigkeit und den Kampf gegen Einflüsse von außen betonen, zeigen das gemeinsame Trauma: die Furcht, in den Sog der Turbulenzen zwischen Moskau und Peking zu geraten.
Propagandistisch heftiger als zuvor arbeiten seit dem KSZE-Gipfel China und die Sowjet-Union daran, das durch den Rückzug der Amerikaner entstandene Vakuum nach ihren jeweiligen politischen Vorstellungen zu füllen.
Moskau argwöhnt, China könne das Ziel von No Tschi-minh verwirklichen und ein vereinigtes Indochina aufbauen -- gegen Moskau. Peking argwöhnt, die Sowjet-Union könnte die indochinesischen Staaten durch wirtschaftlichen Druck oder Versprechungen in einen asiatischen Sicherheitspakt einbringen -- gegen China.
Beide roten Großmächte registrieren aber auch mit Sorge das ständig wachsende Selbstbewußtsein Hanois, das nach den Siegen am Mekong noch weniger als vorher bereit ist, im Genossen-Zwist einseitig Partei zu ergreifen.
Die Chancen, den nationalen Einfluß zu behaupten und den der Chinesen einzudämmen, stehen nach dem Fall von PnomPenh und Saigon besser als davor.
In Hanoi hat sich der Moskau-nahe Flügel unter Parteichef Le Duan durchgesetzt, der nach den Erfahrungen des 30jährigen Krieges wirksame Aufbauhilfen eher von der Sowjet-Union als von China erwartet.
Als »großer Bruder« ist dem aufs eigene Prestige bedachten Nordvietnam die ferne Sowjet-Union nützlicher als der direkte Nachbar China, den Vietnam ohnehin aus fast 2000 Jahre alter Fremdherrschaft fürchtet.
Wie wenig es die selbstbewußte Führung in Hanoi stört, sich auch auf Kosten Pekings zu profilieren, zeigen die jüngsten Erklärungen Vietnams zu weltpolitischen Fragen: Der KSZE-Gipfel in Helsinki, von den Chinesen als »Entspannungskitsch des Häuptlings in Moskau« interpretiert, fand in Hanoi wohlwollende Zustimmung; Indira Gandhis despotischer Regierungsstil, von Peking wütend verurteilt, wurde von den Nordvietnamesen -- nach dem Beispiel Moskaus -- wortreich verteidigt.
Mitunter greift die traditionelle China-Feindschaft der Nordvietnamesen auch auf eine einfallsreiche Politik der kleinen Nadelstiche zurück: Als eine Delegation kommunistischer Journalisten das befreite Da Nang besuchte, überreichten die Gastgeber den Chinesen kleine Marmorplastiken, hergestellt in den örtlichen Steinbrüchen -- die Figuren stellten den in China geächteten Philosophen Konfuzius dar.
»Wir verstehen nicht, worum es geht.«
Aber auch Moskau hat den Streit um Indochina noch nicht gewonnen. Auf die Frage des SPIEGEL-Korrespondenten Tiziano Terzani, was die Führung Vietnams von den sowjetischen Vorschlägen für einen asiatischen Sicherheitspakt halte, antwortete Ngyuen Huu Tho, Chef der südvietnamesischen Befreiungsfront, ironisch: »Wir haben noch nicht verstanden, um was es da geht.«
Vor allem mißtraut Vietnam dem in der KSZE festgeschriebenen Status quo der bestehenden Grenzen. Auf Asien übertragen, so argwöhnt Hanoi, könnte ein solcher Passus die Wiedervereinigung Vietnams verhindern.
Nicht nur die Wiedervereinigung Vietnams. Durch das Revirement in der Führungsspitze von Laos sitzen jetzt erklärte Hanoi-Freunde an der Macht. Auch in Kambodscha ist die China-Lobby des Vizepremier Khieu Samphan geschwächt: Ihm wurden zwei erklärte Hanoi-Freunde an die Seite gestellt -- die neuen Vizepremiers Son Sen und leng Sary, der eine Moskauer Militärakademie absolviert hat. Wenn es zu den -- bislang noch nicht öffentlich erklärten -- Zielen Hanois gehört, die Nachbarn politisch zu kontrollieren, dann ist es einen großen Schritt vorwärts gekommen.
Aber der wachsende Einfluß Hanois, neben Peking und Seoul ohnehin die stärkste militärische Macht im Fernen Osten, verschreckt auch die Anrainer. Einer der wichtigsten Gründe, warum Thailand, Malaysia oder die Philippinen den engeren Kontakt zu China suchen, ist die Furcht von einer vietnamesischen Hegemonie. Diplomaten in Bangkok, die sich auf die Geheimdienste berufen, sind der Überzeugung, der Streit um Südostasien zwischen Moskau und Hanoi auf der einen Seite, Peking auf der anderen, sei längst durch Aufteilung in Interessensphären entschieden.
Moskau und Hanoi würden bereits den Süden von Laos mit der Hauptstadt Vientiane kontrollieren, möglicherweise bald auch Kambodscha, während Peking in der nordlaotischen Provinz Phongsaly dominiert, um seinen Einfluß auf Nord-Burma auszudehnen. ·