Mit Eichenlaub
Die Nationaldemokratische Partei der Ostzone hat bereits 80000 Mitglieder; aber sie hat kein Geld. Ihre Anhänger zahlen noch keinen Beitrag. Bisher zeigte sich die SEDistische »Treuhandverwaltung« (Rumpfkonzern) solidarisch. Sie hat der von Wilhelm Pieck so bereitwillig befürworteten Tochterpartei erst einmal für drei Monate alles Lebensnotwendige vorgeschossen. Auch das Haus für das Berliner Hauptquartier.
Zwischen Blumenladen und Geschäft für Regenbekleidung in der Friedrichstraße 113A (sowjetischer Sektor) fällt das seriöse Firmenschild »NDP-Hauptvorstand« nicht ins Auge. Innen wird gemauert, gehandwerkt und gepinselt. Das ehemalige russische Dienstgebäude wird nationaldemokratisch umgebaut. Vor allem renoviert. »Weil es hier saumäßig ausgesehen hat« sagt ein Arbeiter.
Der erste Stock ist fertiggestellt. 15 Parteiangestellte sitzen in doppelfensterverglasten Zimmern. Unter ihnen zwei Sekretärinnen. Zwischen ihnen steht die unentschiedene Frage, wer Chefsekretärin beim NDP-Führer Dr. Lothar Bolz wird.
Die Schreibtische haben noch nicht einen Kratzer. Bis auf die feldgraue PK-Schreibmaschine ist alles neu. SS-Runen auf der Tastatur erinnern an Tage vergangener Größe. Polsterstühle, Tische und Regale werden eingeräumt. Fabrikneu. Auch sie gehören den National-Demokraten nicht.
Wie er einmal aus den Schulden herauskommen soll, ist dem NDP-Schatzmeister Braun völlig unklar. »Ich weiß kaum, woher ich die laufenden Mittel nehmen soll.«
Der mittelgroße Schwabe hält sehr auf die Selbständigkeit seiner Partei. »Wir sind eine unabhängige Partei und haben von keiner Besatzungsmacht Unterstützungen erhalten.« - Mit Ausnahme der russischen Lizenz.
»National-Zeitung«, das ehemalige »Volksblatt für deutsche Politik« und der Sprechsaal der »kleinen Pg's« im Osten, wurde gegen den Willen seines Chefredakteurs Albrecht Albert zum Parteiorgan bestimmt. (Vgl. Spiegel Nr. 18/48 »Spontan bei Aschinger«.) Heute ist es mit einer täglichen Auflage von 500000 eine der wenigen Einnahmequellen.
Ein Teil der Exemplare allerdings muß unentgeltlich für die ostzonalen Konzentrationslager abgezweigt werden. Mit der sowjetamtlichen »Täglichen Rundschau« wird sie dort an die seit Jahren verschwundenen Ostzonenbewohner verteilt. »Unser Partei-Blättle«, unken die Nachkriegskonzentrationäre von Sachsenhausen und Oranienburg.
Mit Autos hilft die Zentralverwaltung des Innern aus, um die national-demokratische Politik beweglich zu halten.
Trotz der leeren Kasse beurteilt NDP-Braun die Aussichten der Pg-Partei günstig. Für Berlin erhofft er die Lizenz ohne große Schwier gkeiten: »Nach dem, was wir so bei den einzelnen Besatzungsmächten gehört haben!« Dabei hatten Englands und Amerikas stellvertretende Berlin-Kommandanten Mr. Benson und Mr. Babcoc schon am 28. April gegen die Bildung einer national-demokratischen Partei protestiert: Verletzung der Kontrollrats-Direktive 2.
NDP-Chef Dr. Lothar Bolz läßt sich nicht sprechen. Der am 3. 7. in Potsdam einstimmig gekürte Führer habe mehr zu tun, als sich jeden Tag dreimal photographieren zu lassen. »Bitte, reichen Sie Ihre Fragen schriftlich ein«, sagt die Sekretärin nach gutem SED-Brauch.
Dr. Lothar Bolz, stämmiger Uhrmacherssohn aus Gleiwitz, Gerichtsreferendar, später Rechtsanwalt beim Oberlandesgericht Breslau, war am 16. Juni noch nicht dabei, als der Partei-Gründungsausschuß Sowjet-Informationschef Tulpanow das vorläufige Programm vorlegte Doch bald darauf tauchte sein gerötetes, volles Gesicht zum erstenmal in der deutschen Politik auf und zum erstenmal in Deutschland seit 15 Jahren.
1933 war Bolz nach Polen geflüchtet, wenig später in das Vaterland aller Werktätigen gegangen. In Nowosibirsk lehrte er Deutsch und Geschichte an einer Mittelschule für Emigranten: Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei Voraussetzung.
Rußlands KP-Zentralsekretariat machte ihn im Kriege zum Polit-Instrukteur. Weitere Stationen: Redaktion der Kriegsgefangenenzeitung »Freies Wort« und der Zeitung »Freies Deutschland«. Nationalkomitee-amtlich.
Als neuer Parteichef wird er im Blockausschuß der antifaschistischen Parteien gut mit Pieck und Co. zusammenarbeiten können. »Im Sowjetstaat haben sich die beiden so genossenschaftlich angeredet«, sagen Leute, die dabei waren.
»Wenn Bolz Kommunist ist, bin ich auch einer«, sagt sein Schatzmeister, der nichts von der kommunistischen Verwandtschaft wissen will. Ein »guter Deutscher« und ein »fortschrittlicher Bürger«, das sei Bolz.
Fortschrittlich ist das Programm. Dargelegt in »Einiges Volk - einiges Land«. Grundlegende Broschüre. Verfasser: Bolz Druck: NDP-»Verlag der Nation«. Mit Eichenlaub (ohne Schwerter) als Verlagszeichen. Einheit Deutschlands, Friedensvertrag, Bekanntgabe der bisher geleisteten Reparationen, Bodenreform, Entkartellisierung sind Bolzens Forderungen. Die SED hat die gleichen. Nach NDP-Rezept zu erreichen durch die »Wiedergeburt des nationalen Gedankens« und »Zusammenschließung aller Deutschen ohne Rücksicht auf Herkunft und Vermögen, Bildung und Weltanschauung für eine gesamt-nationale Politik mit gesamt-nationaler Zielsetzung«.
Außenpolitisch lehnt sich die Bolzsche Konzeption an Sowjetrußland an. »Das größte, volkreichste und geschlossenste Staatsgebiet auf unserer Erde« - »Besitzer aller nötigen Rohstoffe« - »stärkstes Agrar- und produktivstes Industrieland« - »stärkste Militärmacht der Welt« lauten die national-demokratischen Superlative.
Auf dem Parteitag beklatschten die Delegierten den Schlußruf ihres Führers: »Millionen müssen unseren Ruf hören, beherzigen und befolgen: Einiges Land - einiges Volk«
Der Anspruch auf die politische Führung in der Ostzone folgte. »Die Zukunft wird zeigen, ob die jetzigen Mehrheitsparteien noch lange das Recht haben, sich Mehrheitsparteien zu nennen.« Regers »Tagesspiegel« hat die NDP genau wie ihre ebenfalls neugegründete Schwester, die Bauernpartei, »Produkte der politischen Planwirtschaft« genannt. Sie seien zwei neue Zuflüsse für den kommunistischen Kanal.
Stellvertretender NDP-Vorsitzender wurde Oberlandrat a. D. Dr. Oswald Koltzenburg. Ihm hatte den politischen Nachkriegsstart durch warmherzige Empfehlungen der einstige LDP-Seniorchef Dr. Wilhelm Külz ermöglicht. Aber trotz dieser liberal-demokratischen Freundschaft trat Koltzenburg erst einmal in die CDU ein. Unter seinen Mitarbeitern und Untergebenen im Beelitzer Landratsamt warb er rührig für die christlichen Demokraten. Etwas später für marxistische Einheitssozialisten.
Sein Uebertritt wurde der SED-Wahlschlager bei den Brandenburger Landtagswahlen 1946. Die SED empfahl ihn auf allen Wahlplakaten, und auch die Russen zeigten sich erkenntlich. Sie machten ihn zum Chef der »SMA-Verwaltungsschule Beelitz-Mark«.
Eigentlich sollte Koltzenburg jetzt NDP-Führer werden. Aber dazu reichte es dann doch nicht. Ihm fehlt die Moskauer Schule.