Mit einem Winner - DER SPIEGEL
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BONN/WASHINGTON Mit einem Winner

Zum Gipfeltreffen mit Kanzler Kohl ließ sich Präsident Reagan über die Flick-Affäre und ihre denkbaren Folgen unterrichten. *
• aus DER SPIEGEL 48/1984
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine Woche vor der Abreise Helmut Kohls zum wiedergewählten amerikanischen Präsidenten meldete sich der ägyptische Botschafter Shaffie Abdel-Hamid im Auswärtigen Amt. Ein Sonderbeauftragter seines Präsidenten Husni Mubarak führe gerade Gespräche in Israel, erläuterte er, und seine Regierung wäre außerordentlich dankbar, wenn der Herr Bundeskanzler mit Ronald Reagan in Washington auch das Nahost-Problem erörtern könne.

Abdel-Hamid erinnerte daran, daß Kohl dem ägyptischen Präsidenten bei dessen Bonn-Besuch seine guten Dienste zugesagt habe.

Kohl hat sich viel vorgenommen. Schon frühzeitig ließ er sich als einer der ersten Besucher nach den US-Wahlen auf Ronald Reagans Gästeliste setzen - nicht nur, um artig zu gratulieren.

Der Kanzler will sich vielmehr in Washington als Sachwalter europäischer Interessen in Erinnerung bringen. Die Chancen, die amerikanische Politik der nächsten vier Jahre zu beeinflussen, meinte er, seien um so größer, je früher er sich dort Gehör verschaffe. Und er mag sich einbilden, daß er noch am Textentwurf für Reagans Inaugurationsrede im Januar mitgestalten kann.

Wichtiger noch als Maklerdienste für arabische Staatsmänner im komplizierten Nahost-Konflikt scheint dem Kanzler, daß er kurz vor dem neuen Abrüstungsdialog der beiden Supermächte an zuständiger Stelle spezifisch deutsche und westeuropäische Interessen vortragen kann. Kohl möchte wie Helmut Schmidt in Washington ernst genommen werden, als Politiker und als Mahner.

»Dieser Besuch ist auch eine Bewährungsprobe für die Freundschaft von Kanzler und Präsident«, findet Regierungssprecher Peter Boenisch. »Kohl muß sicher sein, daß nichts gegen vitale Bonner Interessen geschieht.«

Den Bonnern ist daran gelegen, daß bei den Gesprächen der Außenminister George Shultz und Andrej Gromyko im Januar und bei den möglicherweise folgenden Detailverhandlungen nicht über die Köpfe der Europäer hinweg entschieden wird. Zwar scheint es ihnen eine »Illusion« (Boenisch), die Amerikaner auf ständige Konsultation zu verpflichten. Aber gerade deshalb ist es ihnen wichtig, von Anfang an deutsche Positionen klarzumachen.

Der Kanzler und noch mehr sein Vize, Außenminister Hans-Dietrich Genscher, sind besorgt, daß die beiden Großen der Rüstung im All und einer möglichen Beschränkung mehr Augenmerk widmen als einem Abbau der Mittelstreckenraketen in Europa.

Bei den Wiener Verhandlungen über eine beiderseitige Truppenreduzierung, das wissen die Deutschen, stellen die USA bislang Forderungen, die für die Sowjets unakzeptabel sind. Einigkeit zwischen Bonn und Washington ließ sich _(Bei seinem letzten Besuch im Weißen Haus ) _(im März 1984. )

bisher auch nicht über den Abbau chemischer US-Waffenlager in der Bundesrepublik erzielen. Ernster Streit schwelt in Sachen Technologie-Transfer: Die USA wollen um jeden Preis die Ausfuhr von militärisch verwendbarer Technik einschränken und schmälern dabei die westdeutsche Exportbilanz.

Außer für die TV-Kameras ist vom Gipfelgespräch am Kamin des Weißen Hauses Harmonie nicht zu erwarten. Obendrein wird der Kanzler in Washington auf ein Phänomen stoßen, daß ihm dort noch nie begegnet ist: Mißtrauen und Besorgnis, daß es um die Berechenbarkeit Bonner Politik derzeit nicht zum besten bestellt ist.

Der Name eines Mannes nämlich ist Kohl vorausgeeilt, für den auf der Kanzler-Maschine kein Platz gebucht ist: Flick. »Die Flick-Affäre könnte Kohl den Job kosten«, meldete das Wirtschaftsmagazin »Business Week« und merkte an: »Die Zweifel an seiner Führungsqualität nehmen zu.«

Reagan wird den Namen Flick in den »briefing papers« lesen, jenen vom Außenminister und Nationalen Sicherheitsrat ausgearbeiteten Gesprächsvorlagen. Die CIA-Verantwortlichen, die den Staatschef vor der Ankunft des Bonners über deutsche Politik belehren, werden darüber spekulieren, welche Folgen bei weiterem Verschleiß der moralischen und politischen Autorität der Skandaldemokraten in Bonn zu erwarten seien.

Vor des Kanzlers Auftritt im Flick-Untersuchungsausschuß waren die US-Experten keineswegs sicher, ob »der Kohl das durchstehen wird«. Inzwischen haben sie sich etwas beruhigt: »Seine Situation scheint stabilisiert.« Weniger optimistisch ist ihr Ausblick für die FDP. Die wähnen sie »im Todeskampf«, Hans-Dietrich Genscher ist nach amerikanischen Analysen schon weiter: »Der ist praktisch tot.«

Und wenn sich Kohl mit Reagan den Photographen stellt, dann werde das »so schön harmonisch aussehen wie immer«, prophezeit einer der Führer der Demokraten im Kongreß. Nur: »Im Hintergrund wird sich so mancher die Frage stellen, wie lange der wohl noch Kanzler ist.« Kohl, kommentiert der Kolumnist Joseph Kraft, »steht nicht länger als der starke Führer da, als den diese Administration ihn verstehen wollte«.

Manche US-Parlamentarier sind verwundert, daß sich »der Deutsche trotz allem an der Macht halten kann«. »In einer anderen politischen Kultur«, so urteilte die »New York Times« bereits vor einem Jahr, als Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff trotz Ermittlungen der Staatsanwaltschaft im Amt blieb, wäre ein Minister »umgehend zurückgetreten«. Der deutsche Kanzler hingegen wolle den Skandal aussitzen. »An amerikanischen Maßstäben gemessen«, meint Kolumnist Kraft, sei das »eigentlich ein erstaunlicher Vorgang«.

Ein US-Politiker, der wie Kohl in Briefumschläge gesteckte Geldscheine annimmt und das öffentlich bestätigt, »wäre politisch einfach tot«, behauptet einer der Chefs der Demokraten.

Schon bevor der Flick-Skandal die Bonner Republik erschütterte, hatte die »New York Times« Zweifel an der Bundesrepublik geäußert: »Ein westliches Bollwerk wird zum westlichen Kopfschmerz.« Den hat Kanzler Kohl nicht so heilen können, wie es die Reagan-Administration erhoffte. Er blieb zwar standhaft, als es galt, die »Pershing« zu stationieren, ist umgänglicher als Helmut Schmidt und intellektuell weniger anspruchsvoll. Die Milliarden-Kredite an die DDR und die Intensität der Honecker-Kontakte irritierten die Freunde in Washington aber nachhaltig.

»Wenn schon der konservative Kohl in diesem Bereich so aktiv ist«, argumentierte ein Reagan-Berater, »wie soll es dann erst werden, wenn die Lafontaines die Macht übernehmen?« Einflußreiche Polit-Berater, zumal die des Pentagon, betrachten den Sozialdemokraten aus dem Saarland ebenso wie die Grünen als Vorhut eines neuen deutschen, diesmal roteingefärbten Nationalismus - abhängig von Moskau, beherrscht vom Kreml.

Trotz konservativer Mehrheit in Bonn ist die Bundesrepublik in ihrer Vielschichtigkeit den meisten außenpolitischen Beratern Reagans fremd geblieben, vor allem jenen, die von der Westküste nach Washington übersiedelten.

Wohl wirkt US-Botschafter Arthur Burns intensiv auf das Weiße Haus ein. Auch der Präsident selbst mag durchaus deutsche Gemütlichkeit, jedenfalls im Wahlkampf: Im »Heidelberg Park« zu Milwaukee trank er ein Glas »Pschorrbraeu« und verriet seinem Tisch-Nachbarn, dem aus Schlesien stammenden Einwanderer Walter Geissler: »Die Deutschen liegen mir am Herzen.«

Das waren aber wohl nur jene 13 000 Deutschstämmigen, die der Einladung der Reagan-Partei zu einem Oktoberfest gefolgt waren und den Klängen einer Blaskapelle lauschten, die »Alte Kameraden« intonierte, »Rosamunde« und »Bier her, Bier her, oder ich fall um«.

Jenseits solcher Gemeinsamkeiten mit deutschem Wesen hatten sich die meisten von ideologischem Eifer gezeichneten Reagan-Vertrauten von Helmut Kohl und seinen Konservativen mehr Verständnis für ihre Rüstungspolitik erwartet. Statt dessen, ließ einer der Kohl-Gesprächspartner im State Department seine Mitarbeiter in vertrauter Runde wissen, »nerven die Deutschen uns mit ihrer Besserwisserei und Angst«.

Zunehmende Bedeutung der Grünen, nationale Töne bei der SPD, Verschleiß in der Union, Wirtschaftsprobleme, der Widerstand gegen die Nachrüstung, Friedensmärsche, Kontakte zur DDR werden von diesen Bonn-Kritikern eingeordnet in das »deutsche Problem«.

Nun haben sie ihrer Liste einen Posten hinzugefügt: Helmut Kohl. Er sei »ein beschädigter Mann«, sagen jene Politiker, die sich am Freitag als seine Freunde erklären werden.

Einen Erfolg kann Helmut Kohl allerdings schon im voraus als sicher verbuchen: »Es ist gut«, so Peter Boenisch, »sich mit einem Winner zu zeigen.« _(Beim Oktoberfest in Milwaukee. )

Bei seinem letzten Besuch im Weißen Haus im März 1984.Beim Oktoberfest in Milwaukee.

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