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KOLUMBIEN Mit eiserner Faust

Mit Entführungen, zu deren Opfern auch Deutsche zählen, setzen Rebellen Staatspräsident Pastrana unter Druck. Die Europäer sollen helfen.
Von Dieter Bednarz, Carolin Emcke, Jens Glüsing und Jürgen Hogrefe
• aus DER SPIEGEL 33/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Mann ist gefragt: Auf seiner diplomatischen Mission durch Europa wird Antonio García hofiert, als sei er schon Träger des Nobelpreises. Die renommierte Universität Sorbonne in Paris lud ihn im Juli ebenso zum Vortrag ein wie Regierungsvertreter in Norwegen, Schweden, Spanien und Frankreich. In Europa streitet García dafür, als ernsthafter Friedensemissär anerkannt zu werden.

In Kolumbien dagegen, wo im Krieg zwischen Regierung, linken Guerrilleros, rechten Paramilitärs und Drogenkartellen in 40 Jahren 200 000 Menschen gestorben sind, kämpft der Anführer der Guerrilla-Organisation ELN (Nationales Befreiungsheer) seit mehr als zehn Jahren mit aller Gewalt für seine Ziele.

»Die Waffen werden erst überflüssig«, sagt García, »wenn es einen Rechtsstaat für die ganze kolumbianische Gesellschaft gibt.« So lange schweigt sich der beredte García aus über die unschuldigen Geiseln, die seine Kameraden entführt haben - und zu denen in der vergangenen Woche auch eine deutsche Studentin zählte.

Mit 25 weiteren Naturkundeexperten war die 24-Jährige, die seit Jahren mit ihrer Familie in Kolumbien lebt und beide Staatsangehörigkeiten hat, nahe der Stadt La Unión in der Provinz Antioquia verschleppt worden. Dort wollte die Truppe Flora und Fauna studieren.

Ob die Aktion nun eine Entführung war oder, wie das ELN es darstellt, gar eine gute Tat, bleibt offen. Der Erste Kommandant der Rebellen, Nicolás Bautista, räumte ein, dass die Naturschützer zwar in die Hände seiner Männer gerieten - allerdings eher in Schutzhaft. Weil die Gruppe ihren Erkundungstrip entgegen den Gepflogenheiten nicht den Rebellen gemeldet habe, sei sie höchst gefährdet gewesen.

Angeblich, so ein ELN-Sprecher zum SPIEGEL, hätten Paramilitärs einen Anschlag auf die Fauna-Forscher geplant. Die Aktion hätten die oft eng mit den Drogenbaronen verquickten Milizen dem ELN anlasten wollen. Bautista versicherte, die Forscher sollten sofort wieder freikommen. Samstag früh waren sie es dann.

Die spektakuläre Aktion wirft ein Schlaglicht auf das in Kolumbien boomende Geschäft mit Entführungen. Allein dieses Jahr wurden annähernd 1500 Menschen verschleppt, nach einem Polizeibericht sind weit über 500 noch in Geiselhaft.

In der Gewalt des ELN sollen sich zumindest noch fünf Menschen befinden, die mit 36 weiteren - inzwischen freigelassenen - Passagieren im April 1999 Opfer einer Flugzeugentführung geworden waren. Die Bautista-Gruppe wollte so der Regierung demonstrieren, dass sie ihren Kampf jederzeit auch auf den Luftraum ausdehnen kann.

Die Studentin aus der Umweltgruppe ist nicht der einzige aktuelle Entführungsfall, der das Auswärtige Amt beschäftigt. Zwei weitere Deutsche sind schon länger in Rebellenhänden. Eines der Opfer ist ein Geschäftsmann, der vor mehr als einem Jahr in Bogotá von Guerrilleros verschleppt wurde. Die Ohnmacht des Amtes gegenüber den Entführungen lässt eine eher lapidare Stellungnahme erahnen, die Berlin zu dem Fall abgab: Die Angelegenheit werde mit kolumbianischen Stellen intensiv verhandelt.

Ausgerechnet in der Provinz Antioquia hatten sich vor dem Kidnapping Vertreter der »Beobachterstaaten« Spanien, Frankreich, Schweiz, Norwegen und Kuba mit ELN-Kommandant Pablo Beltrán und dem Friedensbeauftragten der Regierung getroffen. Sie wollten über eine »Entspannungszone« verhandeln, in der Friedensgespräche stattfinden sollen.

Die Konkurrenz der Bewaffneten revolutionären Streitkräfte (Farc), der mit 15 000 Mann größten Guerrilla-Gruppe, hatte Bogotá vor zwei Jahren als Vorbedingung für Friedensgespräche eine eigene »Entspannungszone« südlich von Bogotá abgetrotzt.

Das ELN, das über etwa 5000 Kämpfer verfügt, verlangt nun eine Herrschaftszone im Norden. Experten warnen Andrés Pastrana seit seiner Amtsübernahme 1998 vor übertriebenen Hoffnungen auf die Friedensbereitschaft der Rebellen. Kritiker bemängeln, dass der Präsident sich auf Gespräche eingelassen hatte, ohne zuvor einen Waffenstillstand vereinbart zu haben. Tatsächlich versuchen die Guerrilleros immer wieder, ihre Verhandlungsposition durch Militäraktionen zu stärken - und ihre Kriegskassen durch Entführungen aufzufüllen.

Weil die Gespräche mit den Farc stockten, nahm Pastrana in jüngster Zeit den Kontakt zur Konkurrenz ELN auf. Aber auch die Bautista-Gruppe hat sich mit Geiselnahmen nicht zurückgehalten, im Gegenteil. Nur einen Monat nach der Flugzeugentführung stürmte die Gruppe einen katholischen Gottesdienst in der Stadt Cali und verschleppte alle 164 Kirchenbesucher.

Im Juli drohte der Staatschef mit dem Ende seiner Geduld. Wer das Land zu zerstören suche, so Pastrana in seiner Rede anlässlich des Nationalfeiertags, den werde er mit eiserner Faust bekämpfen.

Die Bundesregierung stufte die selbst ernannten Freiheitskämpfer noch 1999 in einem internen Papier des Kanzleramts (Abteilung Koordinierung der Nachrichtendienste) als Terrororganisation ein, deren revolutionäre Ansprüche zum Deckmantel für kriminelle Geschäfte verkümmert seien. »Es bleibt der ungute Eindruck«, so die Geheimdienstexperten, dass dem ELN »zur Erreichung profaner Gewinninteressen jedes Mittel recht ist«. Es versuche, »sich auf Kosten von Menschenleben als ,Friedensstifter'' zu verkaufen«.

Trotzdem gelten die ELN-Aktivisten international als wichtige Verhandlungspartner für einen Frieden. Der Weg dahin führt über Genf: Ende Juli hatte die Schweizer Regierung

erstmals Vertreter Pastranas und der Guerrilleros an einen Tisch bekommen.

Überschattet von blutigen Zusammenstößen zwischen Farc und Sicherheitskräften daheim, blieben die Gespräche in Genf ohne konkrete Ergebnisse. Trotzdem war es für die vierköpfige ELN-Delegation in Genf wichtig, den »Dialog für den Frieden nicht durch die Gewalt ersticken zu lassen«, so Gesprächsteilnehmer García.

Nebenbei sammelt Präsident Pastrana Gelder für seinen ehrgeizigen »Plan Colombia«. Mit dem will er das von Krieg und Korruption ausgezehrte Land befrieden. IWF, Weltbank, Spanien, Japan, Norwegen und die USA rangen sich zu Finanzhilfen durch.

Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch teilen allerdings die Bedenken von Antonio García, dass die 2,6 Milliarden Mark, die allein die USA nach Kolumbien pumpen, auch in falsche Kanäle fließen. Die Gelder würden weniger, wie offiziell vorgesehen, dem Kampf gegen die Drogenmafia dienen als möglicherweise der unkontrollierten Aufrüstung der diversen Militärs und Paramilitärs. »Die Menschenrechtsbedingungen, die an die finanzielle Hilfe der USA gebunden waren, sind von der kolumbianischen Regierung nicht erfüllt worden«, klagt Joanne Mariner, Lateinamerika-Expertin von Human Rights Watch.

Das Vertrauen der USA in Präsident Pastrana ist erstaunlich. In einem Bericht vom Februar 1999 hatte das State Department noch erklärt, »die Armee kollaboriert mit paramilitärischen Gruppen«, die mit ihren Todesschwadronen Schrecken und Gewalt verbreiteten. Pastranas Menschenrechtsbilanz ist nach Einschätzung des US-Außenministeriums enttäuschend »arm«.

García warnt die Europäer denn auch davor, durch so genannte Hilfszahlungen »jetzt Geld in eine weitere Eskalation des Krieges zu stecken«. Die Europäer sollten, so der ELN-Funktionär, »lieber einen Friedensplan finanzieren, der aus Verhandlungen zwischen Guerrilla und Regierung entstanden ist«.

Dass auch Geiselnahmen nicht immer den erhofften Geldsegen bringen, zeigt der Fall des in Bogotá entführten deutschen Geschäftsmanns. Der entpuppte sich als eher mittlerer Angestellter einer lokalen deutsch-kolumbianischen Firma. Inzwischen senkten die Kidnapper von den Farc ihre Kopfgeldforderung von vier Millionen auf 200 000 Mark.

DIETER BEDNARZ, CAROLIN EMCKE,

JENS GLÜSING, JÜRGEN HOGREFE

* Zwischen Regierungsvertreter Camilo Gómez Alzate undELN-Führer García im vergangenen Juli.

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