Mit eiserner Faust - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 63 / 107

IRAK Mit eiserner Faust

Die Kämpfe mit den Schiiten-Milizen in Nadschaf stellten Bagdads Übergangsregierung vor einen ersten Härtetest. Premier Ijad Alawi suchte nach einem Kompromiss mit dem radikalen Prediger Muktada al-Sadr und sorgte damit für Irritationen bei seinen amerikanischen Gönnern.
Von Olaf Ihlau und Volkhard Windfuhr
• aus DER SPIEGEL 34/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bagdads neuer starker Mann hat Mut, kein Zweifel. Doch viele glauben, er sei damit auch dem Tode geweiht. Das könnte verheerend sein für die Zukunft des geschundenen Irak, denn Ijad Alawi, 59, Übergangspremier von Washingtons Gnaden, ist womöglich die letzte Hoffnung, das Land nach Monaten eskalierender Gewalt vor dem Versacken in Chaos und Bürgerkrieg zu bewahren.

Die Amerikaner tun alles, um ihren bulligen Schützling abzuschirmen, US-Spezialeinheiten behüten den gelernten Nervenarzt wie ein Kronjuwel. Alawi, als säkularer Schiit einst Mitglied der sozialistischen Baath-Partei und nach dem Bruch mit Saddam Hussein im Exil emsigster Komplotteur gegen den Despoten, ist Zielscheibe des Hasses sämtlicher Widerständler im Lande: der unbeirrbaren Saddam-Loyalisten, hausgemachter wie importierter Islamisten, der zugewanderten Qaida-Terrorzellen um den Bin-Laden-Vertrauten Abu Mussab al-Sarkawi. Aus dem Untergrund hat der ein horrendes Kopfgeld »auf den Verräter« ausgelobt.

Da sich das Gros der 24 Millionen Iraker aber nach Frieden und einem normalen Alltag sehnt, hat Alawi auch eine einmalige Chance: Erzwingt er mit eiserner Faust Ruhe und Ordnung im Lande, kann er sich nicht nur von einer Marionette Washingtons zum Patrioten mausern, sondern 15 Monate nach Kriegsende dem Irak auch den ersehnten politischen und wirtschaftlichen Neuaufbau bescheren.

Der Weg dorthin führte vorige Woche über den blutigen Showdown mit den aufständischen Gotteskriegern des radikalen Predigers Muktada al-Sadr, 31. In Nadschaf, dem spirituellen Zentrum des schiitischen Islam, hatte sich »die Armee des Mahdi« (Erlösers), Sadrs Privatmiliz, auf dem verminten Gelände und riesigen Friedhof um die Grabmoschee des Imam Ali zum finalen Gefecht verschanzt. »Bis zu meinem letzten Tropfen Blut«, so hatte der pausbäckige Spross einer der angesehensten Gelehrtendynastien angekündigt, werde er an dieser heiligsten Stätte für 150 Millionen Schiiten in aller Welt gegen die

»ungläubigen Besatzer« kämpfen und notfalls als Märtyrer sterben.

Bei einem US-Granatenangriff verletzt, schien dem jungen Kleriker jene Rolle zu drohen, welche der Aufopferungsmythos der Schiiten-Religion ihren Helden bestimmt: zu unterliegen im Kampf gegen übermächtige Gegner wie einst der ermordete Imam Hussein, Enkel des Propheten Mohammed. Aber aus diesem Opfer, so hatte Muktada al-Sadr seine Anhänger zur Fortführung des Kampfes auch nach seinem Ableben aufgerufen, sollten sich in einer schiitischen Intifada zwischen Bagdad und Basra Bäche von Blut ergießen über das Zweistromland: »Mit Gottes Willen werdet ihr siegen.«

Doch Gott schien mehr der Supermacht und deren Schützlingen gewogen zu sein. Schwarze Rauchsäulen über der vergoldeten Kuppel der Grabmoschee kündeten von der prekären Lage der eingekesselten Gotteskrieger. Binnen Stunden waren 3000 US-Soldaten, unterstützt von Panzern und Kampfhubschraubern, sowie 1800 Kämpfer der neu gebildeten irakischen Nationalgarde am Donnerstag in Nadschafs Innenstadt vorgestoßen.

Dem hatten Sadrs Männer außer ihrem Glauben und Todesmut wenig entgegenzusetzen. Militärisch trat die Mahdi-Truppe, bestenfalls 10 000 Mann im Siedlungsgürtel der Schiiten, der Hightech-Supermacht nur mit leichten Waffen entgegen: mit

Kalaschnikows, Mörsern, Panzerfäusten. Genug indes immerhin, um am heiligen Schrein der Pilgerstadt in einem Blutbad zu enden. Bis Freitag forderten die Kämpfe in Nadschaf mindestens 172 Tote.

Wie zuvor schon Premier Alawi, riefen der Verteidigungs- und der Innenminister die Eingeschlossenen zur Aufgabe auf bei Zusicherung einer weitestgehenden Amnestie. Die Türen für Verhandlungen stünden noch offen. Andernfalls würden irakische Eliteeinheiten zum Sturm antreten, keinesfalls aber »fremde Soldaten«, um die Grabmoschee nicht zu entweihen.

Rundum im Lande, aber auch in Metropolen der islamischen Welt, kam es zu heftigen Protesten. Zehntausende Schiiten demonstrierten gegen die Gewaltaktion von Nadschaf mit Bannern wie: »Lang lebe Sadr - Amerika und Alawi sind Ungläubige«.

Tausende zogen nach den Freitagsgebeten mit Trauergesängen auch durch die Straßen Teherans, in Sprechchören die USA und Israel verdammend. Zuvor hatte schon Ajatollah Ali Chamenei, Irans religiöser Führer, die US-Attacken in Nadschaf als »eines der schlimmsten Verbrechen der Menschheit« gebrandmarkt.

Fiebernde Aufregung ergriff vor allem eine der größten Bastionen der Extremisten, die Bewohner des Schiiten-Viertels Sadr City im Nordosten Bagdads. In den Slums dort hatte Scharfmacher Sadr als Volkstribun der verarmten Unterklasse seine ergebenste Gefolgschaft, lieferten sich seine schwarz gekleideten und vermummten Milizen, vorwiegend berufslose junge Männer, während der vergangenen Wochen unentwegt Scharmützel mit den Amerikanern.

»Muktada darf nicht sterben. Wenn er stirbt, sterben wir mit ihm«, weinte Hussein Abd al-Rassul, 26, Kellner im Arme-Leute-Imbiss »al-Chamaïl« (die Sträucher) am Freitagmorgen und ballte die Faust. Dann umarmte er einen jungen Gast, seinen Bruder. Der bartlose Teenager legte seine Kalaschnikow auf den Tresen, nippte an einem Glas schwarzen Tee und stand ruckartig auf: »Ich muss zur Hauptgruppe«, erklärte er seine Eile, »jetzt werden wir die Amerikaner und ihre Knechte endgültig in die Knie zwingen. Es lebe Muktada.« Aus der Ferne röhrten Panzermotoren. Die US-Truppen umzingelten wieder einmal Sadr City.

Aus London meldete sich nach langem Schweigen schließlich Großajatollah Ali al-Sistani, 73, die oberste Autorität der irakischen Schiiten und Führer ihres gemäßigten Flügels. Eine Woche zuvor hatte der unter Herzproblemen leidende Greis nahezu unbemerkt seinen kleinen Lehmziegelbau in Nadschaf verlassen und sich nach England abgesetzt. Vertraute sprachen von einer Flucht vor den zu erwartenden Ereignissen. Sistani befürchtete, dass beim Endkampf um Nadschaf Muktada al-Sadr Zuflucht in seinem Haus suchen könnte oder die radikalen Milizen ihn zu ihrer Geisel machen würden.

Zu Bildern, die den gebrechlichen Geistlichen auf dem Krankenbett zeigten, wurde nun das Statement verbreitet, Sistani empfinde »tiefe Trauer« über die Geschehnisse und appelliere an alle Beteiligten, die tragische Situation schnellstens zu beenden. Eine Solidarisierung mit dem lästigen Rivalen Sadr enthielt diese Erklärung ebenso wenig wie eine Verurteilung der Amerikaner oder deren Akteure in Bagdad. Kein Wunder, dass sehr schnell das Gerücht die Runde machte, der persischstämmige Großajatollah sei vorab über die geplante Militäraktion informiert gewesen und habe sich aus dem Staub gemacht, um nicht Zeuge eines Massakers an seinen Glaubensbrüdern werden zu müssen.

An einem Massaker war auch Premier Alawi nicht gelegen, zumal ihn Regierungschefs der arabischen Länder, die er soeben auf seiner ersten Auslandstour besucht hatte, zum Dialog drängten und vor einem emotionalen Flächenbrand warnten, sollten die Milizen abgeschlachtet werden. Aber als Bagdads neuer starker Mann musste Alawi mit einer Domestizierung der Radikalen auch den Beweis erbringen, dass sich seine Übergangsregierung in ihrem ersten Härtetest durchsetzen und die Sicherheit im Lande garantieren kann. Dabei war der Ministerpräsident bis zuletzt äußerst behutsam mit dem jungen Schiitenführer umgegangen, so als hoffte er, ihn doch noch in den Demokratisierungsprozess einbinden zu können.

»Muktada ist ein seltsamer Mann«, räsonierte Alawi im SPIEGEL-Gespräch, »bis heute weiß ich nicht, was er eigentlich will.« Die Fernsehbilder, die zeigten, wie

unter dem lustvollen Beifall der Marines US-Bomber in Nadschaf Stellungen der Milizen eliminierten, brachten nicht nur die Schiiten zur Weißglut. »Zieht euch aus Nadschaf zurück«, fauchte der sunnitische Staatspräsident Ghasi al-Jawir die Mitglieder einer amerikanischen Offiziersdelegation an, »mit Muktada kommen wir selbst schon klar.« Und der schiitische Vizepräsident Ibrahim al-Dschaafari forderte vor ausländischen Diplomaten: »Schluss mit den Wildwestmethoden, wir Iraker sind keine Indianer.«

Da fiel es Alawi nicht schwer, Entspannungssignale eines Sadr-Sprechers aufzugreifen. In der Nacht zum Samstag fanden zunächst Verhandlungen statt über freies Geleit für einen Abzug der Milizen. Allerdings blieb unklar, über wie viel Manövrierraum der in der Falle sitzende Heißsporn noch verfügte. Offenbar setzten Extremisten in den eigenen Reihen Sadr unter Druck. So verlangte der Milizenführer plötzlich den Rücktritt der Übergangsregierung; dann wiederum befahl er seinen Männern, »bis zum Sieg oder Märtyrertod« weiterzukämpfen. Beobachter aber vermeldeten erst einmal Waffenruhe.

Die Ultras unter Sadrs Anhängern, die von einem Gottesstaat nach Teheraner Vorbild träumen, lehnen den Dialog mit Amerikas Schutzbefohlenen ab. Erst unlängst war bei internen Auseinandersetzungen einer mit dem Messer auf Sadr losgegangen und hatte ihn dermaßen verletzt, dass der Kleriker vier Wochen lang nicht zum Freitagsgebet erscheinen konnte.

»Mit Muktada leben heißt, sich mit Teheran arrangieren«, hatte Alawi europäischen Diplomaten schon vor drei Wochen anvertraut. Inzwischen liegt eine Einladung zum Besuch Teherans vor, die Alawi bald wahrzunehmen gedenkt. Seinen amerikanischen Protektoren gefällt dies gar nicht. Es sei »eine Unverfrorenheit«, das Mullah-Regime durch eine Staatsvisite »aufzuwerten«, dräute es aus der US-Botschaft, die sich in Saddams einstigem Lieblingspalast einquartiert hat.

Solche Töne sollten den Premier nicht schrecken. Denn sie helfen seinem Image bei den Irakern gehörig auf. OLAF IHLAU,

VOLKHARD WINDFUHR

* Mitte Juli am Tatort eines Autobomben-Anschlags in Bagdad.

Zur Ausgabe
Artikel 63 / 107