PAKISTAN / BÜRGERKRIEG Mit eiserner Faust
Wenn die deutsche Kolonie flüchtet, ist der Krieg da«, wissen Pakistanis seit dem Kaschmir-Krieg von 1965. In blinder Panik hatten damals deutsche Techniker mit ihren Autos die Nachschubstraßen zur Front blockiert.
Jetzt flüchteten wieder Deutsche -- die Bundesregierung evakuierte ihre Bürger aus Ostpakistan nach Thailand oder in die Heimat, Und wieder herrscht, wie vor knapp sechs Jahren, Krieg in Pakistan -- diesmal ein Bruderkrieg in der Ostprovinz Bengalen.
Dort rotten sich seit Wochen die schmächtigen Bewohner des Gangesdeltas zusammen, um ihr Bengalenland von den herrschsüchtigen Brüdern aus dem 2000 Kilometer entfernten Westteil Pakistans zu befreien.
In ihren Städten bauten sie Barrikaden gegen die 40 000 »Besatzer« -- Soldaten aus Westpakistan. Sie mordeten einzelne Besatzer, wo immer sie ihrer habhaft wurden, sie bengalisierten Ladenschilder und Reklamen mit den verhaßten Urdu-Schriftzeichen Westpakistans, sie legten durch einen Generalstreik die Wirtschaft Ostpakistans lahm und verfolgten die Westler mit ihrem Haß sogar bis ins Ausland: In London steinigte die Bengalen-Kolonie den westpakistanischen Botschafter.
Schließlich übernahm der Führer der Bengalen, Scheich Mudschib-ur Rahman, sogar die bewährten Kampfmethoden der benachbarten Inder: Am vorletzten Sonntag riet er seinen Bengalen zum Satjagraha, dem passiven Widerstand, mit dem Mahatma Gandhi einst die britische Kolonialmacht bezwungen hatte.
Denn Mudschib-ur Rahman, der »Tiger von Bengalen«, sieht in den Pakistanis aus dem Westen nicht Landsleute, sondern eine neue Kolonialmacht, die den Osten unterdrückt und ausbeutet.
Die Kluft zwischen den reichen, hochmütigen Kriegerstämmen des Pandschab und den armen Dichtern und Denkern am Ganges klafft seit Jahrzehnten, Im Grunde seit die Briten das künstlich geformte »Land der Reinen« (Pak-istan) 1947 in die Unabhängigkeit entließen.
In dieser Kluft versank 1969 Pakistans bislang prominentester Staatsmann, der Marschall und Präsident Ajub Khan, der Bengalen-Zorn und Bengalen-Aufstand mit Soldaten niederschlagen wollte; in dieser Kluft droht nun das ganze Staatsgebilde zu versinken.
Zwar versuchte sich Ajubs Nachfolger, der General Jahja Khan, von Anfang an als Vermittler. Er schickte keine weiteren Soldaten, sondern eine Friedensbotschaft an den Ganges, indem er den flächenmäßig größeren Westteil Pakistans in vier Provinzen gliederte. Dadurch wurde das mit 72 Millionen Menschen (gegenüber knapp 60 Millionen Westpakistanis) entschieden dichter bevölkerte Bengalen zur stärksten Provinz des Landes.
Vor allem aber befahl der General seinem Volk demokratische Wahlen -- Pakistans ersten freien Urnengang.
Doch die freie Wahl kittete die beiden Landeshälften nicht etwa zusammen, sie vertiefte im Gegenteil die Kluft zwischen Ost und West.
Denn als die Awami-("Volks«-)Liga des Mudschib-ur Rahman im Dezember vorigen Jahres 167 der 169 Wahlkreise Ostpakistans gewann, folgerte der »Tiger von Bengalen«, das sei die absolute Mehrheit in ganz Pakistan.
Schon sah er sich als neuer pakistanischer Ministerpräsident, schon proklamierte er, sein Landesteil solle autonom, die »Knechtschaft unter dem Pandschab« für immer beendet werden, schon wollte er das Sechs-Punkte-Programm seiner Awami-Liga in der neuen pakistanischen Verfassung verankert sehen.
Doch die Annahme von Mudschibs Sechs-Punkte-Programm schien dem Westen gleichbedeutend mit einer Sezession der Ostprovinz. Der Tiger verlangte unter anderem:
* eigene Währung und Steuerhoheit, um den Kapitalabfluß an die Westpakistanis zu beenden und den von Fluten und Krankheiten gepeinigten Bengalen eine echte Lebenschance zu gewähren;
* eigene Miliz, um die Besatzer-Armee aus dem Westen loszuwerden und nicht länger für teure Kriegszüge des Pandschab gegen Indien zahlen zu müssen (60 Prozent des pakistanischen Staatshaushalts geben die Militärs in Islamabad für die Streitkräfte aus).
Vor allem aber forderte Mudschib eigenen Handel mit dem traditionellen Partner Indien -- seit dem Kaschmir-Krieg ein Sakrileg in Pakistan.
Nur die Außen- und Verteidigungspolitik will der Tiger noch der Zentralregierung zugestehen, die natürlich in Dakka sitzen soll -- »wo die Mehrheit des Volkes lebt« (Mudschib).
Für die Herren im Pandschab, die das Land seit der Unabhängigkeit beherrschen, war das zuviel. Zu ihrem Wortführer machte sich Ex-Außenminister Zulfikar Ah Bhutto, bei den Wahlen vom Dezember überlegener Wahlsieger in Westpakistan. Präsident Jahja Khan stellte er die rhetorisch-scheinheilige Frage, ob er aus lauter Loyalität zu den Bengalen der Spaltung des Landes vorstehen wolle.
Der politisch unerfahrene General verschob daraufhin die für den 3. März in Dakka vorgesehene Eröffnungssitzung der Nationalversammlung in die ferne Zukunft: »Ich werde nicht einer Handvoll Menschen erlauben, die Heimat von Millionen unschuldigen Pakistanis zu zerstören.«
Doch die Zerstörung des Staats war schon weiter fortgeschritten, als der Präsident glaubte. Die jahrzehntealte Rivalität zwischen West und Ost entlud sich im blutigen Bruder-Kampf, in einer Woche starben in Bengalen mehr als 300 Pakistanis, Westler wie Ostler.
Hastig kehrten verängstigte West-Parlamentarier (Bhutto: »Das Volk wird sie lynchen") aus Dakka in ihren Landesteil zurück; bengalische Beamte aus dem Westen belagern mit ihren Familien den Flughafen von Karatschi. Denn die »Pakistan International Airlines« stellten ihre Flüge nach Dakka ein.
Nicht jedoch fürs Militär. Zusätzlich zu den schon im Osten stationierten Truppen entsandte Präsident Jahja Khan zwei weitere, kampferprobte Divisionen nach Dakka, dazu einen neuen Statthalter, der Mudschibs Männer »mit eiserner Faust« ("The Times") zur Vernunft bringen sollte: den Pandschab-Generalleutnant Ticka Khan, der als Pakistans härtester Militär gilt.
Die eiserne Faust verfehlte Ihr Ziel: Zwar benutzte Scheich Mudschib-ur Rahman bislang nie das Wort Sezession, er sprach statt von Ostpakistan nur von »Bangladesh"' der Heimat der Bengalen. Zwar suchte der Tiger bis Ende vergangener Woche noch einen Kompromiß mit den Brüdern in Westpakistan: »Laßt jeden von uns eine eigene Verfassung formulieren. Laßt uns dann sehen, ob wir noch als Brüder zusammen leben können.«
Bengalens Oberster Richter aber lehnte es ab, den neuen Statthalter als Gouverneur zu vereidigen; Bengalens Behörden erklärten, sie fühlten sich nur noch Mudschib verpflichtet; Bengalens Steuerzahlungen an die Zentralregierung in Islamabad wurden eingestellt.
Und als Präsident Jahja Khan nun doch einen neuen Termin für die Eröffnung der Nationalversammlung anberaumte -- den 25. März -, da stellte Mudschib vier Bedingungen für seine Teilnahme: Rückzug der Besatzer, Ende des Kriegsrechts zumindest in Ostpakistan« Untersuchung des jüngsten Blutbades in Ostpakistan, Übernahme aller Ordnungsfunktionen durch bengalische Polizei und die wenigen bengalischen Soldaten.
Die Resonanz des Westens auf diese Forderungen war eindeutig: Radio Pakistan unterbrach die Direktübertragung der Mudschib-Rede schon nach den ersten Sätzen.
Doch mit jedem Tag wächst die Zahl der Mudschib-Alliierten -- sogar im Westen: In Karatschi demonstrierten Belutschen und Pathanen für die Sache des Tigers, weil auch sie sich von der reichen Pandschab-Provinz überrollt fühlen.
Vor allem aber stellte sich Bengalens Altrevolutionär Maulana Bhaschani, 88, hinter den Scheich und dessen Awami-Liga« die er im Wahlkampf noch als zu liberal verhöhnt hatte. Bhaschani hatte einst Pakistans Fäden zu Peking geknüpft, jetzt feuerte er die Autonomisten an: »Ich glaube nicht an Gewaltlosigkeit, das habe ich schon Mahatma Gandhi erklärt.«