PRESSE »Mit Getöse in den Markt«
Nach einem langen Tag ermüdender Gespräche sann Vodafone-Chef Chris Gent am Dienstag vergangener Woche auf einen schnellen Heimflug. Doch aus dem Dickicht der Hydrokulturen am Frankfurter Flughafen trat ihm plötzlich eine Reporterin mit gezücktem Diktiergerät entgegen. Gent war so überrascht, dass er prompt Rede und Antwort stand.
Vorbei die Zeiten, als der gemeine Wirtschaftsjournalist entspannt am Schreibtisch die Bilanzen durchging und in Pressekonferenzen dem Wortschwall irgendeines Vorstandsvorsitzenden lauschte. Am Zeitschriftenmarkt wird die Konkurrenz härter. Allein in diesem Frühjahr drängen sieben neue Wirtschaftstitel an die Kioske, und alle möchten mit heißen Börsen-News Leser gewinnen.
Die kletternden Aktienkurse, der Trend zur privaten Altersvorsorge, der Börsengang der Telekom und die riesigen Vermögen, die derzeit vererbt werden - das alles hat einen regelrechten Boom der Wirtschaftspresse ausgelöst. »Schon in fünf Jahren wird ein Viertel der Bevölkerung Aktien besitzen«, glaubt Ralf-Dieter Brunowsky, Chefredakteur des Auflagenprimus »Capital«. »In diesem Markt kann es für jeden ein Plätzchen geben.« Um seinen Platz zu sichern, stellte Brunowsky die Erscheinungsweise von »Capital« unlängst von monatlich auf vierzehntäglich um.
Das Anleger-Blatt »Börse Online« konnte seine Auflage seit 1996 vervierfachen, mit »Bizz«, »Geldidee« und »Euro am Sonntag« drängten zudem neue Magazine auf den Markt. Nun werden weitere folgen: »Focus Money« aus dem Burda-Verlag, »Aktien-Research« von Springer oder die deutsche Ausgabe der »Financial Times«, die Gruner + Jahr zusammen mit der britischen Pearson-Gruppe herausbringt.
Selbst Verlage, die ihre Leser bislang eher mit Tipps zum Geldausgeben versorgten, entdecken plötzlich die neue Kundschaft. So startete der Lifestyle-Verlag Milchstraße ("Max«, »Fit for fun") am Montag vergangener Woche mit »Net-Business« ein Blatt für die Internet-Branche, die Modezeitschrift »Vogue« plant gar eine Art BWL-Version namens »Vogue-Business«.
Vorbei die Zeiten, in denen die Börsenkurse als Service für reiche Leser galten. Der Nachwuchs, so hoffen die unternehmungslustigen Verlagsleute, hat einen unverkrampfteren Zugang zum Kapitalismus: »Die zeigen ihren 68er Eltern jetzt mal, wie man eine Mark macht.«
Profitieren könnten die neuen Blätter auch von der dramatischen Entwicklung der Weltwirtschaft. Fusionen großer Unternehmen, wie die von Time Warner und AOL, lassen Wirtschaft auch für bislang Desinteressierte spannend erscheinen. Wo sich früher grau melierte Herren die Hände reichten, fallen sich heute Industriebosse mit gelockertem Kragen in die Arme - als hätten sie gerade gemeinsam ein Basketballspiel gewonnen.
Die Info-Elite hat anscheinend ausgedient, gefragt ist nun die »Money class«, deren jüngere Angehörige das Erbe am Neuen Markt riskieren, während die älteren vom jahrelangen Lottospielen lassen und zu ausgebufften Daytradern reifen.
»Bei vielen hat es klick gemacht. Die lassen sich nicht länger vom Bankangestellten für dumm verkaufen«, sagt der Wirtschaftsjournalist Roland Tichy, der gleich sieben Millionen potenzielle Zeitschriftenkunden ausgemacht haben will. »In diesen Markt muss man mit Getöse reingehen.«
Und so hat Tichy - einst Chefredakteur des Magazins »Impulse« - innerhalb weniger Monate ein neues Anlegermagazin aus dem Boden gestampft. Am 3. Januar hatte die Redaktion der »Telebörse« (eines Ablegers der gleichnamigen Sendung auf dem Nachrichtenkanal n-tv) ihre Arbeit gegenüber der Frankfurter Börse aufgenommen - am Dienstag vergangener Woche, 23.00 Uhr, war die erste Ausgabe fertig. Tichy ebenso.
Erst am nächsten Morgen kam langsam wieder Farbe in sein Gesicht. Erstens wirkten endlich die Kreislauftropfen, zweitens waren in der Post zwei Bewerbungen von Mitarbeitern der Konkurrenz, angeblich von der »Financial Times Deutschland«, die in Kürze starten will.
Das deutsch-britische Joint Venture ist das risikoreichste Projekt unter den Neugründungen. Schätzungsweise 300 Millionen Mark investieren die beiden traditionsreichen Großverlage, um vor allem dem »Handelsblatt« Konkurrenz zu machen. Dort hat man mittlerweile die Redaktion aufgestockt und die halbe Republik mit orangefarbenen Plakaten zugepflastert. Motto: »Substanz entscheidet.«
Der Chefredakteur der »Financial Times Deutschland«, der Brite Andrew Gowers, hält tapfer sein eigenes Sprüchlein dagegen: Man produziere für »den Leser, der Wichtigeres zu tun hat, als Zeitung zu lesen«. In seiner Redaktion aber macht sich die Sorge breit, dass es die wirklich wichtigen Menschen gar nicht so schick finden, mit der deutschen »FT« unter dem Arm zu signalisieren, dass sie das englische Original nicht lesen können.
Zunehmend drückt auch auf die Stimmung, dass der Starttermin der »FTD« noch immer nicht klar ist, zuletzt wurde er für die zweite Februarhälfte avisiert. So durchleiden die teils teuer eingekauften Journalisten seit Monaten eine zermürbende Testphase.
Dabei gilt am neuen Zeitschriftenmarkt das Mantra aller Betriebswirtschaftler: Zeit ist Geld. Wer zuerst da ist, kann auf das größte Stück vom Werbekuchen hoffen, der in den vergangenen Jahren gewaltig aufgegangen ist. Vor allem Finanzdienstleister und Börsenneulinge investieren etliche Millionen in Anzeigen - jede Emission wird mittlerweile von wochenlangen Werbekampagnen begleitet.
Im Vergleich zum Vorjahr stieg das Anzeigenvolumen der Wirtschaftstitel 1999 um 14 Prozent. Erstmals verkaufte die »Wirtschaftswoche« mehr Anzeigen als der »Stern«. Allein von dem Geld, das die beiden Mobilfunkkonzerne Mannesmann und Vodafone derzeit in ihre Anzeigenschlacht investieren, könnte ein mittelständischer Verlag gut leben.
Zwar wird das Werbevolumen noch weiter wachsen, ob aber für alle Titel Platz sein wird, ist ungewiss. »Einige Blätter sind schon heute nicht wirtschaftlich«, sagt Philipp Busch, Geschäftsführer der G+J-Wirtschaftspresse. Für manche der neuen Objekte brauche es daher viel »Glaube, Liebe, Hoffnung«.
Die Gewinner der Hausse am Kiosk stehen indes schon fest: die Wirtschaftsjournalisten. Mit wahren »Freudenhaus-Preisen«, so ein Chefredakteur, hätten sich die Verlage gegenseitig die Mitarbeiter abgeworben. Als die Besten unter Vertrag waren, senkte mancher kurzerhand die Anforderungen. In einigen Stellenannoncen wurde nicht mal mehr ein Volontariat oder Berufserfahrung verlangt.
Dabei ist es noch gar nicht lange her, dass Wirtschaftsjournalisten vielfach als dröge Gesellen galten, die mit dem Tariflohn zufrieden sein konnten. In seiner Klasse an der Münchner Journalistenschule, erinnert sich »Telebörse«-Chefredakteur Tichy, sei er Mitte der Siebziger der Einzige gewesen, der sich für Aktien und Unternehmensberichte begeistern konnte. »Damals galt ich als ganz schön schräger Vogel.« OLIVER GEHRS