Irak-Krieg VI: Vorstoß in die Hauptstadt »Mit jedem Treffer hilfst du«
Was soll man von einem Diktator halten, der seine Getreuen einen Tag vor seinem Sturz anweist, sämtliche Beschilderungen in Bagdad zu demolieren, um den heranrollenden Invasoren die Orientierung zu erschweren? Was soll man von einem Mann halten, der die Welt angeblich mit Massenvernichtungswaffen bedroht, aber seinen Soldaten und Fedajin seit Tagen keine Anweisungen gibt, wie sie dem Feind entgegentreten sollen?
Aus dem Zentrum der Macht kommen in der ersten Aprilwoche wirre Befehle: »Särge mit Märtyrern«, also mit Gefallenen, sollen nicht direkt bei den Familien des toten Soldaten abgeliefert werden, sondern bei »der Polizeistation in der Nähe der Familie«. Und freiwillige Kämpfer aus arabischen Ländern sollten sich nicht außerhalb der Hotels versammeln, in denen sie wohnen, das könnte »zu Luftangriffen führen«.
Die Befehlsketten in der Hauptstadt funktionieren noch, die Polizei etwa bekommt am 6. April den Tagesbefehl, die Streifen zu intensivieren, um der Bevölkerung zu zeigen, dass das Regime »alles unter Kontrolle« habe. Dem widersprechen die schwelenden Panzerwracks und Autotrümmer auf den Schnellstraßen im Süden Bagdads. Dem widersprechen auch die Panzer der 2. Brigade der 3. Infanterie-Division, die am 5. April auf dem Highway 8 in die Stadt vorstoßen. Es ist eine Demonstration der Stärke von 60 Panzern, rein ins Zentrum, den Widerstand testen, alles platt rollen, auf alles feuern, was sich ihnen in den Weg stellt, nach Westen abbiegen zum Flughafen und von dort wieder zurückrollen zum Ausgangspunkt auf dem Highway 8.
Dort, am Autobahnkreuz, lagert die 2. Brigade, weiter westlich hat die 1. Brigade den Flughafen zu einem Stützpunkt ausgebaut, und Einheiten der 1. Marines-Division belagern die Hauptstadt im Osten.
Eine neue Phase des Krieges beginnt, die letzte. Die Hisb Allah im Libanon und die Kämpfer in Somalia hatten Saddam gezeigt, wie erfolgreich Guerilla-Taktik im Städtekampf sein kann. Die Fedajin, die Kämpfer der Baath-Partei, sind allerdings nicht in die normale militärische Befehlsstruktur eingebunden, das erschwert jetzt das Zusammenwirken mit der regulären Armee. Ihr Widerstand besteht aus heftigen, aber unkoordinierten Einzelaktionen. Offenbar gibt es kaum noch Kommunikation zwischen den einzelnen Einheiten.
Führungslos warten Republikanische Garde, Fedajin, Polizisten und Bürgerwehren darauf, von den Panzern der mächtigsten Armee der Welt überrollt zu werden. Die Schlacht der nächsten Tage wird einen Krieg beenden und etwas in die Welt setzen, was danach beginnt: den Guerilla-Kampf einer zersplitterten Meute von schwer Bewaffneten, die nichts mehr zu verlieren haben (siehe auch Seite 106).
7. April
+++ Luftschläge jetzt hauptsächlich im Nordirak +++ 500 Angriffsflüge, davon die meisten auf Anforderung der Bodentruppen +++ Kämpfer der 1. Marines-Division schießen über den Dijala-Fluss im Südosten Bagdads und zerstören T-72-Panzer der Iraker +++ Die 101. Airborne Division kontrolliert die Städte Kerbela und Nadschaf +++ Britische 1. Panzer-Division hat Basra nach 15 Tagen Belagerung und Straßenkampf eingenommen +++
Bagdad, im Stadtteil Mutanabi, nach Mitternacht
Es ist die 19. Kriegsnacht. Jeder der sechs Männer in Hikmat Jakubs Bürgerwehrtrupp ist bewaffnet. Aber bislang hat noch keiner einen Schuss abgegeben, auf wen auch? Jakub ist erleichtert darüber.
Die Männer treffen sich jeden Abend gegen 20 Uhr im Bagdader Stadtteil Mutanabi. Morgens um 6 Uhr gehen sie auseinander, fahl im Gesicht und ziemlich wortlos. Jeder will dann nichts als heim, wo die Frau das Frühstück bereitet hat. Mit Tee nach irakischer Art, so stark, dass er fast sämig ist, dazu Fladenbrot, etwas Bohnenmus. Anschließend schlafen sie ein paar Stunden, dann erledigen sie Besorgungen, abends ziehen sie wieder los.
Es sind etwa 20 Männer, die die Bürgerwehr in diesem Stadtteil stellen. Sie sind nicht jung, die ältesten sind Mitte fünfzig, sie gehen in drei Gruppen, jeweils zu sechs oder sieben Mann. Die Aprilnächte sind kühl, die Männer tragen Pullover, keine Stahlhelme, die sind schwer zu kriegen. Sie reden wenig, rauchen viel. Von Zeit zu Zeit bleiben die Männer stehen, lauschen auf das stets gleiche Geräusch, einen dumpfen, dröhnenden Schlag, dem ein langes Rollen folgt: die amerikanischen Bomben, die auf die Stadt niedergehen.
Wie steht es um den Krieg? Jakub lebt mitten in Bagdad, aber im Grunde weiß er gar nichts. Nur eines.
Es ist lächerlich.
Es ist ungerecht.
Es ist Politik. Den Amerikanern wurde ihr World Trade Center zerstört, aber die meisten Attentäter waren Saudis. Doch weil Bush ein Verrückter ist, fallen sie über den Irak her, und deshalb stolpert er, Jakub, seit 19 Nächten mit einer Kalaschnikow auf dem Rücken durch Straßen. Falls die Amerikaner tatsächlich kommen, dann sollen Jakub und seine Leute Alarm schlagen. So lautet die Anweisung von oben. Wo sollen sie Alarm schlagen? Und wie? Und dann? Sollen sie kämpfen? Niemand weiß das so genau, also am besten nicht darüber reden.
Die Männer marschieren schweigend die Suk-Markasi-Straße hoch, bis zur Ruwad-Eisdiele, die jetzt zugemauert ist. Jakub denkt daran, dass er seinem Sohn Raïd wieder Eis kaufen wird, sobald der Krieg vorbei ist. Dann klappern sie einen Teil der 14. Ramadan-Straße ab, spähen in die Fenster, ob jemand gerade einbricht, gehen wieder links runter, durch die kleinen Gassen des Suk, kreuz und quer durch Mutanabi.
Am ersten Kriegstag haben Jakub und seine Leute in den Gassen rund um den Suk, den Markt, Straßensperren errichtet, primitive Barrikaden aus ein paar klobigen Steinen, ein paar Schubkarren mit Sand, Erde, Müll hingekarrt, eine mottenzerfressene Matratze darüber geworfen, ein Ölfass mit Steinen beschwert. Die Barrikaden können einen Radfahrer aufhalten, aber keinen »Abrams«-Panzer. Die Anweisung dazu kam von der Baath-Partei, also haben sie auch hier nicht lange nach dem Sinn des Ganzen gefragt.
Hikmat Jakub trat bereits unter Saddams Vorgänger Ahmed Hassan al-Bakr in die Partei ein. Ihr Versprechen war die Einigkeit aller Araber, der Säkularismus, die Gerechtigkeit des Sozialismus - Jakub wollte seinen Beitrag leisten, für eine bessere Welt.
Die Schicht geht zu Ende, Hikmat Jakub denkt über sein Leben nach. Er hat nicht viel Glück gehabt: Zwei Jahre hat er in Deutschland gelebt, in Frankfurt-Bornheim, Ende der Siebziger, er wollte studieren, aber das hat nicht geklappt. Er kann noch ein paar deutsche Brocken: »Warum« und »Bitte sehr« und »Scheißausländer«.
Dann kam er zurück in den Irak, heiratete die blonde Iman, gründete ein Geschäft, Import-Export. Vor drei Jahren wollte er einen großen Coup landen, 250 Pumpen importieren, Pumpen der Firma »Oddesse« aus Oschersleben bei Magdeburg. Aber der Deal blieb stecken in dem zähen Hin und Her von Embargo, Ausnahmeanträgen, Staatsbürgschaften. Was Jakub blieb, waren Schulden, etwa 50 000 Dollar. Er hatte noch gerade genug Geld, um seine Ein-Mann-Firma zu starten, Reparatur von Kopiergeräten. Er hat sich auf Geräte der Firma Ricoh spezialisiert. Er mag Kopierer, sie sind so klug konstruiert, und sie sind so nützlich.
Kopiergeräte reparieren, das ist Hikmat Jakubs Beitrag zu einer besseren Welt.
Der Morgen graut. Die Bombardements waren in dieser Nacht heftiger als in den vorangegangenen Nächten, die Angriffe konzentrierten sich im Südwesten der Stadt, wo der Flughafen liegt. Jakub schlurft nach Hause. Vielleicht kann er ein bisschen schlafen, um 10 Uhr soll er bei seiner Cousine Thulamija sein. Sie wollen beraten, ob sie fliehen vor dem Krieg und wohin. Jakub hat ein schlechtes Gefühl.
Bagdad, im Lager der 2. Brigade der 3. Infanterie-Division, 5 Uhr
Eines der Rituale der 2. Brigade ist, dass die Offiziere sich morgens um 5.30 Uhr rasieren und einen Kaffee kochen, dann zusammenkommen, um um Punkt 6 Uhr die Nachrichten der BBC zu hören.
Sie befolgen ihr Ritual auch am Tag der Entscheidung, heute allerdings eine Stunde früher. Denn um 5.30 Uhr wird sich die Kolonne, die Bagdad erobern soll, in Bewegung setzen.
Gestern, bei dem Vorstoß der Brigade ins Zentrum und dem Abstecher zum Flughafen, sind die Panzer in heftiges Feuer geraten und schossen wild zurück. Etwa tausend Iraker überlebten den dreistündigen »Thunder Run« - wie die Soldaten ihre Aktion nennen - nicht, 100 Fahrzeugwracks blieben auf der Strecke zurück, bilanzierte die 2. Brigade. »Da lagen überall Menschen am Straßenrand«, sagt Specialist Joshua Kinnison.
Einen Panzerkommandanten haben die Amerikaner verloren, er stand oben im Ausguck und wurde im Gesicht getroffen, und ein Panzer ist beschädigt. Ein Sergeant erzählt, dass der Iraker, der den Panzer mit einer Handgranate traf, ein alter Mann ohne Beine war. »Der lag am Straßenrand und starb im Maschinengewehrfeuer.«
Heute soll die 2. Brigade der 3. Infanterie-Division wieder auf der Autobahn ins Stadtzentrum vorstoßen, diesmal aber die Paläste und Ministerien, die Kasernen und die Brücken erobern und dann im Zentrum bleiben.
Gut 20 Kilometer Fahrt liegen vor der Kolonne, unterwegs zu Saddams Palästen sind 70 »Abrams«-Panzer und 60 »Bradley«-Panzer. A-10-»Warthog«-Flugzeuge begleiten sie in der Luft, und Drohnen fliegen als Aufklärer vorweg.
»Ich hoffe, dies wird den Irakern klar machen, dass es vorbei ist und dass sie nun ihre neue Freiheit genießen können«, sagt Colonel David Perkins, der Kommandeur der 2. Brigade.
Lieutenant Colonel Eric Wesley, sein Vize, bleibt zurück.
Captain William Glaser bleibt zurück.
Und auch Christian Liebig, der »Focus«-Redakteur, bleibt zurück. Er ist einer der über 600 »embedded journalists«, die von den alliierten Truppen mit in den Krieg genommen wurden. Liebig, vor einer Woche 35 geworden, hat lange überlegt, ob er mitfahren soll nach Bagdad. Er ist ein ruhiger Reporter, aber auch ehrgeizig, er wollte in diesen Krieg. Liebig ist Hesse, Eintracht-Frankfurt-Fan, Brillenträger, er kam von der Nachrichtenagentur AP zu »Focus«, er begann den Krieg ziemlich weit hinten in einem Versorgungsbataillon und wollte weiter nach vorn. Aber jetzt bleibt er doch hier, sicherheitshalber, vor den Toren der Stadt.
Denn in der alten Fabrik neben dem Autobahnkreuz liegt das TOC, das Tactical Operations Center der 2. Brigade. Hier werden sie die Schlacht um Bagdad verfolgen und - das ist jedenfalls Wesleys Aufgabe - die Luftwaffe und die Artillerie dirigieren.
Perkins vorn in der Schlacht, Wesley hinten, das hat sich auf dem Vormarsch von Kuweit nach Bagdad bewährt, so soll es nun ein letztes Mal sein.
Und hier, hinter den gelben Mauern der alten Fabrik mit den vielen roten Reissäcken, ist der perfekte Platz, um die Brigade zu dirigieren und die Tankwagen loszuschicken, die die Kämpfer versorgen sollen. Nach fünf Stunden wird die Entscheidung fallen, ob Perkins in Bagdad bleiben kann; falls nicht, muss er sich nach fünf Stunden auf den Rückweg machen, damit ihm der Sprit nicht ausgeht.
Wesley nimmt vor den Bildschirmen Platz, an der Wand hängen Karten und Satellitenfotos, Funkgeräte und Telefone stehen auf den Tischen.
Christian Liebig setzt sich an den Rand.
Dies hier, davon sind beide überzeugt, ist ein guter, ein aufregender, ein sicherer Ort an diesem entscheidenden Tag.
Auf der Autobahn 8 nach Bagdad, 2. Brigade der 3. Infanterie-Division, 7 Uhr
Zunächst führt die Task Force 1-64, eine der drei Eingreiftrupps der 2. Brigade, den Zug nach Bagdad an, aber sie biegt vor dem Zentrum nach Norden ab zum Zoo und zu den Parks, wo Waffen der Republikanischen Garde versteckt sein sollen.
Nun sollen die 640 Männer und 58 Panzer der hinter ihnen fahrenden Task Force 4-64 Kurs auf den Regierungsbezirk nehmen. »Die Panzer der A-Kompanie fahren voraus«, sagt Lieutenant Colonel Philip deCamp, der Kommandeur der Task Force 4-64, »und alle anderen folgen. Unser Job ist es nicht, alle Iraker zu töten, die wir sehen. Unser Job ist es, so schnell wie möglich zu den Palästen zu kommen und im Vorbeifahren all die zu töten, die uns angreifen. Klar?«
Und dann steigt deCamp, seit 23 Jahren dabei, Soldat in vierter Generation, Sohn eines Generals und Ehemann einer Krankenschwester der U. S. Army, in seinen Panzer.
Eng ist es hier und heiß, 45 Grad, während des Kampfes werden es 55. Eine Gasmaske baumelt herum, die GPS-Empfänger liegen bereit, die Brandschutzmasken auch. Rechts ist deCamps Computer, daneben der Schalter »vehicle master power«, hinten die Tür zur Munition. Und überall hier drinnen sind Polster, um bei rumpeliger Fahrt Verletzungen zu vermeiden. »Hannibal« heißt Philip deCamps Panzer. Und dann brechen sie auf.
Es gibt vier kritische Orte während der kurzen Reise in die Hauptstadt, und das sind vier Autobahnbrücken. Jede Brücke hat vier Zufahrten, und das ergibt 16 Punkte, an denen viele Iraker und noch mehr Syrer, auf Army-Amerikanisch »TCNs« ("Third Country Nationals") genannt, auf die Angreifer warten. Hier haben sie sich untergestellt und vergraben, damit die Air Force sie nicht erwischt, hier müssen deCamps Männer ohne Pause und aus allen Rohren schießen.
Es sind etwa 80 Verteidiger pro Brücke, das werden nach drei Stunden Kampf über 300 Tote sein.
»Wir schießen, sie sterben, wir siegen«, sagt Lieutenant Colonel deCamp.
In der alten Fabrik im Süden Bagdads, im Tactical Operations Center der 2. Brigade der 3. Infanterie-Division, 7.30 Uhr
Die fünf Fahrzeuge zeigen mit dem Heck zur Mauer der alten Fabrik. Wenn sie andersherum geparkt wären, mit dem Heck zum Zentrum der alten Fabrik, dann würden hier heute nicht 5 Menschen sterben, sondern 20 oder 30.
Hinter den Fahrzeugen sind die Zelte aufgebaut, die die Männer von der 2. Brigade zusammengehängt haben. Das ist ihr Tactical Operation Center.
Das TOC ist vielleicht 10 mal 25 Meter groß. Hier stehen ein paar Tische und 20 Klappstühle, die Karten und Fotos hängen an den Wänden, Neonröhren spenden Licht, die Generatoren brummen draußen. Hier drinnen gibt es die Empfangsgeräte des »Joint Surveillance Target Attack Radar System«, einer Radaranlage, die alle Bewegungen auf dem Schlachtfeld überwacht; die eigenen Panzer sind die blauen Punkte auf den Bildschirmen, die irakischen Panzer erscheinen als rote Punkte.
Und jetzt sind 20 Menschen hier.
Captain William Glaser hat seinen Panasonic CF-28 mitgebracht. Wenn Glaser den Computer einschaltet, erscheint seine Frau, beim Golfen in Atlanta. Glaser ist ein Mann mit braunen Augen und schwarzem Igelschnitt; den ganzen Tag über raucht er, es sei denn, Colonel Perkins, sein Boss, ist in der Nähe, »dann traue ich mich nicht«, sagt Glaser.
Lieutenant Colonel Eric Wesley, wie alle anderen hier im braunen T-Shirt, darüber die grünliche Tarnjacke, hat nichts mitgebracht, sogar sein Satellitentelefon hat er draußen im Humvee gelassen. Wesley kommuniziert mit den Kämpfenden meist über Satelliten-E-Mail, aber er geht auch gern mal raus, er ist ganz gern allein, wenn er seinen Kommandeur Perkins anruft. Und jetzt setzt er sich auf einen der Klappstühle hier, vor einen Tisch, der mit einem Stadtplan überzogen ist, und Captain Glaser sitzt ihm gegenüber.
»Focus«-Redakteur Christian Liebig trägt die olivgrüne Hose, die so praktisch ist wegen ihrer großen Seitentaschen; Block, Kuli, Zigaretten, alles passt hinein. Er trägt ein kurzes, schwarzes Hemd und braune Velourlederschuhe. Es gibt ein Foto, einen Schnappschuss, der ihn an diesem Tag auf dem Weg ins TOC zeigt. »Christian war aufgeregt wie wir alle«, sagt Captain William Glaser, »verdammt, die 2. Brigade war die größte Show der Stadt, es war ja der wichtigste Tag mit der wichtigsten Einheit beim wichtigsten Ereignis dieses Krieges.«
Bagdad, auf dem Vordach des »Hotel Palestine«, kurz nach 9 Uhr
Es wird die berühmteste Pressekonferenz des ganzen Krieges. Sie ist etwas improvisiert.
Sie findet auf dem Vordach des »Hotel Palestine« statt, dort, wo die Fernsehsender ihre Kameras aufgebaut haben, um die Aufsager der Korrespondenten zu filmen. Man hört dort die Maschinengewehre, die leichte Artillerie auf der anderen Seite des Tigris. Man hört, dass dort hinten amerikanische gegen irakische Soldaten um Bagdad kämpfen.
Pok, pok, pok, hämmert es von der anderen Seite des Tigris herüber.
Vor ein paar Stunden haben die Journalisten von ihrem Balkonen aus die Schlacht auf dem anderen Ufer des Tigris beobachten können. Sie haben gesehen, wie Iraker fliehen, wie sie am Ufer entlanglaufen, ihre Uniformen ausziehen, ihre Waffen wegwerfen, wie ein paar von ihnen sogar in den Fluss springen.
Saddam Husseins Informationsminister Mohammed Saïd al-Sahhaf wirkt gehetzt, aber die Uniform ist auch heute frisch gebügelt.
Die Sätze, die er an diesem Morgen in die Mikrofone spricht, werden weltberühmt.
»There are no british or american troops in Baghdad.« Es gibt keine feindlichen Truppen in Bagdad.
Pok, pok, pok.
Auf der anderen Seite des Tigris, wo sonst die großen Militärparaden abgehalten wurden, steht der eingebettete Fox-Reporter Greg Kelly. Er ist live auf Sendung. Die amerikanische TV-Station Fox hat für die Zuschauer daheim den Bildschirm gesplittet. Auf der einen Seite Sahhaf, auf der anderen Kelly bei den amerikanischen Panzern. »Er ist nur ein paar Straßen weiter«, sagt ein Soldat zu Kelly. »Wir könnten einfach zu ihm rübergehen und mit ihm reden.«
Pok, pok, pok.
»Ich applaudiere«, sagt Sahhaf, »den Bewohnern von Bagdad für ihren Widerstand.«
Er klatscht Beifall.
Pok, pok, pok.
»Ich versichere Ihnen: Bagdad ist sicher.«
Ein kurzer Blick über den Rand seiner Brille hinweg.
Pok, pok, pok.
»Wir haben in der Morgendämmerung alle Feinde zurückschlagen können. Die Amerikaner haben begonnen, vor den Toren Bagdads Selbstmord zu verüben. Sie tun das zu Hunderten, und ich ermutige sie, die Rate zu erhöhen.«
Pok, pok, pok.
»Der Allmächtige grillt sie in der Hölle.«
Ein Lächeln.
Pok, pok, pok.
»Das ist Teil ihres kranken Spiels, das sie spielen. Wir haben drei Viertel von ihnen geschlachtet. Wir haben ihnen Gift gegeben und ihnen eine Lektion erteilt, die in die Geschichte eingehen wird.«
Pok, pok, pok.
Wie fühlen Sie sich?
»Meine Gefühle? Wie immer: Wir werden sie alle schlachten.«
Ein Lächeln.
Pok, pok, pok.
Bagdad, im Haus der Familie Salman, 10 Uhr
Vormittags sitzt die Sippe von Hikmat Jakub, Mitglied der Bürgerwehr Bagdads, im Wohnzimmer von Thulamija, Jakubs Cousine, weil die Familie entscheiden muss, ob sie bleibt oder flieht. Der Krieg kommt nach Bagdad. Hikmat Jakub hat es gespürt auf seinem Patrouillengang in der Nacht.
Sie beraten: Wo sind sie sicher? Wo werden die Amerikaner ihre Bomben werfen?
Abid, Jakubs Schwager, ist dagegen, die Stadt zu verlassen. Sein Chef hat ihn gebeten, auf seine Wohnung aufzupassen, sie liegt in einer Seitenstraße der 14. Ramadan-Straße, neben dem Restaurant »Saa«. Abids Chef hat die Schnapsvorräte aus dem Laden in die Wohnung geschafft, aus Angst vor Plünderern. Es sind Dutzende von Arrak-Flaschen, Feigenschnaps, russischer Wodka, aber auch vier Flaschen »Dimple«. Abid hält die Wohnung für sicher - kein Palast in der Nähe, kein Kraftwerk, kein Ministerium. Die Wohnungstür ist schwer und stabil, drei Schlösser. In der Wohnung können sie alle, sollte der Kampf um Bagdad toben, unterkriechen.
Vielleicht hat Abid Recht? Thulamija und Hikmat schauen sich an. Zumindest könnte man die Kinder in diese Wohnung neben dem Restaurant bringen, wenn die so sicher ist.
Im Zentrum Bagdads, 2. Brigade der 3. Infanterie-Division, 10 Uhr
Und dann sind die Panzer der 2. Brigade, der Task Force 4-64, im Regierungsbezirk, und hier ist alles anders als im restlichen Irak. Die Straßen sind exzellent und sehr breit, der Rasen an den Rändern ist penibel gestutzt, und überall gibt es Torbögen und Statuen und natürlich Marmor. Jede Menge Marmor. Es gibt Treppen, Plätze, Denkmäler, alles aus Marmor.
Und in diesem Palastkomplex haben sich die Männer von der Speziellen Republikanischen Garde in Erdlöchern vergraben. Sobald sie den Kopf heben, schießt Sergeant Dan Howison. Der steht in einem M-113-Schützenpanzerwagen und feuert mit einem 12,7-Millimeter-Maschinengewehr.
»That takes care of him«, sagt Howison, wenn er wieder einen Menschen erschossen hat.
Ein weißer Lastwagen, voll beladen mit Guerilla-Kämpfern, rast auf die Panzer zu; eine Salve, viele Treffer, der Lastwagen explodiert.
Sie kommen zu einer Statue Saddams, und Colonel Perkins schießt sie zu Klump. Dann sagt er zu seinen Männern: »Es bricht mir ja das Herz, das zu sagen, aber bitte hisst keine Flaggen! Dreht eure rechte Schulter zu den Irakern, aber bitte keine Flaggen.« Auf der rechten Schulter tragen alle Soldaten ein aufgenähtes US-Fähnchen.
Der Kommandeur der 3. Infanterie-Division, Buford Blount, meldet sich bei Perkins und sagt: »Wenn Sie eine Rede halten, fassen Sie sich bitte kurz.«
»Es wird keine Reden geben, Sir«, sagt Perkins.
Und als die Amerikaner kurz vor den Palästen sind, springen ein paar nackte Iraker in den Tigris, Soldaten vermutlich, die
ihre Uniformen ausgezogen und aufgegeben haben. Ein paar aber sind geblieben und schießen von oben, aus diesem Turm mit der gewaltigen Uhr, dem höchsten Gebäude hier. Die Panzer bringen den Turm zum Einsturz.
Sie sind mittendrin im Machtzentrum ihres Gegners. »Saddam Hussein sagt, er besitze Bagdad. Falsch. Wir besitzen Bagdad«, sagt Colonel David Perkins. »Sieht so aus, als könnten wir heute baden«, sagt Captain Phillip Wolford von der Task-Force 4-64.
Colonel David Perkins parkt seinen Panzer vor dem Neuen Präsidentenpalast und steigt aus.
In der alten Fabrik im Süden Bagdads, TOC der 2. Brigade der 3. Infanterie-Division, 10.20 Uhr
Die Männer grinsen. Egal, wie lange es noch dauert, bis sie nach Hause kommen, diesen Krieg werden sie nicht mehr verlieren.
Jeder Panzer, der da draußen unterwegs ist, hat einen Sender, und deshalb sehen die Männer im TOC nun, dass die Panzer am Ziel sind.
Die Panzer sind blaue Punkte auf den Bildschirmen hier, und ein blauer Punkt ist jetzt direkt vor dem Neuen Präsidentenpalast.
»We are on top of our game«, sagt Lieutenant Colonel Eric Wesley, »wir spielen auf höchstem Niveau.« Und: »Das ist ein gewaltiger Moment.«
Und dann nickt Lieutenant Colonel Eric Wesley dem »Focus«-Redakteur Christian Liebig zu, und der geht hinaus. Seit zwei Stunden hat er auf dieses Nicken gewartet. Sein Notizblock ist voll, er weiß so viel, aber er musste bis jetzt damit warten, seine Geschichte durchzugeben.
Das Nicken heißt: Sende nach Deutschland, was du senden willst.
Der »Focus«-Redakteur verlässt das TOC und geht durch die alte Fabrik; auf der anderen Seite sind drei Humvees geparkt, der von Perkins neben dem von Wesley und daneben der von General Blount. Und hinter den Humvees sind die Stapel von zusammengeschnürten roten Reissäcken, auf denen man gut sitzen kann. Christian Liebig hat seinen Computer dabei und sein Satellitentelefon, als er sich auf den Stapel setzt, er sitzt nun fünf Meter hinter Wesleys Humvee.
Und Lieutenant Colonel Eric Wesley bleibt noch einen Moment drinnen im TOC sitzen, für ihn geht es nun darum, die Versorgungslinie zu den Panzern nicht abreißen zu lassen. Er fordert Verstärkung von der 1. Brigade der 3. Division an, er erhält die Task Force 2-7, und die sichert die Autobahn 8.
Es ist der letzte Eintrag in Wesleys Kriegstagebuch: »10.15: 2.7 attached to 2nd Brigade to help us hold the line of communication.«
Im Neuen Präsidentenpalast, 2. Brigade der 3. Infanterie-Division, 10.26 Uhr
Diese Marmortreppe vor Saddams Palast ist grotesk. Die Stufen sind breit wie Tische.
Colonel David Perkins steigt hinauf.
Er weiß, er darf auch jetzt keinen Fehler machen, nicht zu protzig auftreten, nicht die Hymne pfeifen.
In der alten Fabrik im Süden Bagdads, TOC der 2. Brigade der 3. Infanterie-Division, 10.26 Uhr
Er möchte David Perkins gern persönlich gratulieren. Es gehört sich so unter Offizieren, das ist klar, aber er mag David Perkins auch. Und darum verlässt Lieutenant Colonel Eric Wesley das TOC in der alten Fabrik und geht über den Platz zu seinem Humvee. Dort liegt sein Satellitentelefon.
Eric Wesley legt seinen Helm auf die Motorhaube. Er legt seine Schutzweste neben den Helm.
Er nickt Christian Liebig zu, der hinter dem Humvee sitzt, und überlegt nur kurz, eher unbewusst, ob er sich in den Humvee setzen soll. Oder zu dem deutschen Journalisten. Oder ob er sich gegen das Fahrzeug lehnen soll. Aber er schlendert gern herum, wenn er telefoniert, und deshalb nimmt Lieutenant Colonel Eric Wesley sein Telefon aus dem Humvee und geht durch das Gelände der alten Fabrik, während er die Nummer seines Kompagnons wählt.
»Yeah?«, sagt Colonel David Perkins.
Er steht vor dem Haupteingang von Saddams Palast, als Eric Wesley ihn anruft.
Wesley sagt: »Congratulations, Sir.« Er sagt: »Großartig, das war die Entscheidung, es ist ein phantastischer Tag.«
Perkins sagt: »Danke, Eric, das ist das, was wir uns erhofft hatten.«
Und dann hören sie es beide.
Perkins, vor Saddams Palast, hört es durch das Telefon. Und Wesley, in der alten Fabrik, hört es mit dem freien Ohr.
Dieses Geräusch. Das lauter wird. Das klingt wie ein tief fliegender Jet. Ein viel zu tief fliegender Jet.
Und dann hört Lieutenant Colonel Eric Wesley nichts mehr, dann reißt es ihn um.
Die Rakete kam aus dem Nordwesten, das sagen jedenfalls die meisten Zeugen aus. Sie ist vermutlich in rund 15 Kilometer Entfernung gestartet worden, ihren Treibstoff hat sie noch nicht verbraucht, was vermutlich ein Vorteil ist, denn deshalb bohrt sie sich tiefer in den Erdboden. Sie bohrt sich vier Meter tief, der Krater ist vier Meter breit.
»Ground Zero«, sagen die Soldaten der 2. Brigade später.
Die Pioniere von der 2. Brigade glauben, es sei eine Cruise Missile gewesen, sie sei tief geflogen, weniger als einen Kilometer über dem Erdboden. Sie hat einen 200-Pfund-Sprengkopf, sie ist mit ziemlicher Sicherheit GPS-gesteuert, sagen die US-Soldaten, das ist seltsam, weil die Iraker während des Krieges eigentlich keinen Zugriff auf das Satellitensystem hatten, aber anders geht es nicht, sagen die Pioniere, denn per Zufall trifft niemand zum perfekten Zeitpunkt das perfekte Ziel. Friendly fire? Eine Lenkwaffe der Amerikaner?
Wenn diese Rakete eine Cruise Missile ist, dann ist es der einzige Marschflugkörper, der im gesamten Krieg auf die 2. Brigade abgefeuert wurde; er schlägt exakt in Lieutenant Colonel Eric Wesleys Humvee ein. Dort, wo sein Helm und seine Weste liegen, dort wo er gerade noch stand.
Fünf Meter neben dem Stapel aus Reissäcken, auf dem Christian Liebig sitzt.
Im Neuen Präsidentenpalast, 2. Brigade der 3. Infanterie-Division, 10.30 Uhr
Colonel David Perkins hört die Explosion über Telefon. Ist Wesley tot? »Eric, bist du noch da?«, fragt Perkins, aber niemand antwortet.
»Irgendwas hat das TOC getroffen«, sagt Perkins seinen Leuten. Später sagt er: »Das waren Triumph und Tragödie im selben Augenblick.«
In der alten Fabrik im Süden Bagdads, TOC der 2. Brigade der 3. Infanterie-Division, 10.31 Uhr
Sie haben so etwas trainiert, immer wieder, und trotzdem haben sie Angst. Panik.
Die Angst, die Panik hat ihren Grund ja gerade darin, dass sie so etwas trainiert haben. Sie wissen: Wenn eine Rakete kommt, kommen drei weitere. Keine Armee der Welt greift mit nur einer Rakete an. Man feuert Serien, eins, zwei, drei, vier. Dass es eine Cruise Missile sein könne, vermuten die Soldaten noch nicht.
Die alte Fabrik ist ein Schlachtfeld. Autos wurden durch die Luft gewirbelt, die Zelte des TOC sind zerfetzt, Leichenteile liegen herum, und überall flattern diese verdammten roten Reissäcke herum, die Feuer gefangen haben und nun alles in Brand setzen. Eine gewaltige Rauchwolke bildet sich, ständig explodiert etwas.
»Die Fahrzeuge haben uns vor der Druckwelle geschützt. Sie standen vor den Zelten,« sagt Captain William Glaser später. Glaser war im TOC, als es passierte. Die Zelte stürzten ein, es wurde dunkel, die Druckwelle presste alle zu Boden.
Und jetzt kann Glaser nichts entscheiden, er braucht noch ein paar Minuten, er schaut nur zu. Er kriecht ins Freie, und dort sieht er durch einen Nebel, wie ein paar Soldaten mit Tragen herumlaufen.
Er sieht die Ärzte, die sich um Verletzte kümmern. Und dann sieht er Lieutenant Colonel Wesley.
Wesley, der seine Ausrüstung genau dort abgelegt hat, wo Sekunden später die Rakete einschlug, hat Staub im Gesicht und ein paar Kratzer, sonst nichts.
Sie pflegen einen seltsamen Umgang mit dem Tod bei der U. S. Army. Sie funktionieren. Sie machen weiter, sie sind stolz darauf, wenn sie alles im Griff haben. Nur so kann man einen Krieg durchstehen.
Sie reißen die Mauer ein, damit sie die Fahrzeuge hinausbringen können. Sie löschen das Feuer.
Und dann beginnen sie zu zählen.
Es sind 17 Verletzte.
Es sind 15 zerstörte Fahrzeuge.
Und es sind 5 Tote.
Christian Liebig ist tot. »Die Soldaten haben das 'Raschid-Hotel' umstellt und eine US-Flagge auf einem Denkmal gehisst«, das waren die letzten Sätze, die er heute morgen an »Focus«-Online durchtelefonierte; dann gab er dem Radiosender FFH ein Interview; dann rief er seine Eltern an, um ihnen zu sagen, dass sie ihr Radio einschalten sollten. Das war kurz nach 10 Uhr, eine halbe Stunde vor dem Einschlag der Rakete.
Liebigs Kumpel Julio Anguita Parrado ist tot, der Korrespondent von der spanischen Tageszeitung »El Mundo«. Dreimal hatte Parrado heute Morgen noch Nachrichten an die Online-Redaktion seiner Zeitung durchgegeben, zum letzten Mal um 9.30 Uhr.
Corporal Henry Brown, 21, ist tot, der Fahrer von Kommandeur Perkins, der Spaßvogel der Truppe.
Specialist George Mitchell, 32, ist tot, der, wo auch immer er nächtigte, links vom Bett ein Bild seiner Großeltern aufhängte, rechts ein Bild seiner Frau und seiner Kinder und über dem Bett die amerikanische Flagge.
Private Anthony Miller, 19, ist tot, der Jüngste der Kompanie, ein Mechaniker.
Und hier, in der alten Fabrik, geht Lieutenant Colonel Wesley noch einmal zu Ground Zero. Unter dem verkohlten Motorblock seines Humvees findet er die Bibel, die sein Vater ihm mitgegeben hat in diesen Krieg, ein bisschen versengt, aber immer noch lesbar.
Und erst jetzt fällt den Überlebenden auf, dass die zweite, die dritte und die vierte Rakete niemals kamen.
»Die Iraker hatten nur diese eine«, sagt Glaser, »eine andere Erklärung habe ich nicht. Mein Gott, es ist unfassbar, ich glaube wirklich, das war die einzige Cruise Missile, die sie in diesem Krieg hatten.«
Im Neuen Präsidentenpalast, 2. Brigade der 3. Infanterie-Division, 11 Uhr
Wann hat Saddam den Neuen Präsidentenpalast zuletzt bewohnt? Die Soldaten der 2. Brigade finden keine frischen Lebensmittel. Aber sie finden weiche Betten. Und, endlich mal wieder, Toiletten aus Porzellan. Und Telefone und eine Videoanlage, die alle Zimmer versorgt, als wäre Saddams Haus eine Fünf-Sterne-Herberge. Es gibt »Les Miserables« und »The Assassination of Trotsky«. Und sofort werfen die Pioniere die Generatoren an, und schon nach wenigen Stunden hat die 2. Brigade eine neue Zentrale.
»Hotel Saddam« sagen die Soldaten.
Und jetzt, endlich: Jubel. Zigarren. Abklatschen. »I do believe this city is freakin' ours«, schreit Captain Chris Carter, was übersetzt so viel bedeutet wie: »Diese Stadt gehört verdammt noch mal uns.«
Der Präsidentenpalast ist sandfarben, er hat riesige Fenster und Bögen und eine blaue Kuppel. Im Garten, zum Tigris hin, wachsen lila-weiße Blumen, einen Teich gibt es hier, einen Steg und natürlich einen Zugang zum Fluss. Die rechte Hälfte des Palastes ist zerstört, Raketen oder Bomben haben den Palast erwischt. Steine liegen herum und Kabel, Staub, Schutt, die Treppen sind eingestürzt.
Und mit den Generatoren starten die Soldaten nun die Fernseher, und dann sitzen sie in Saddams Palast und sehen, wie der irakische Informationsminister Mohammed Saïd al-Sahhaf auf dem Dach des »Hotel Palestine« steht, und endlich können auch Colonel Perkins und seine Leute lachen über Comical Ali.
Bagdad, im Stadtteil Mutanabi, Restaurant »Saa«, 12 Uhr
Das Restaurant »Saa«, was so viel bedeutet wie »Zur Stunde«, ist Bagdads Antwort auf McDonald's. Hier isst man billig und schnell: weil der Laden üblicherweise, in Friedenszeiten, rappelvoll ist, kann man davon ausgehen, dass das Fleisch frisch ist. Spezialität im »Saa« ist Schawarma, eine Art Gyros, es gibt auch Pizza, belegt mit Schafskäse, Hamburger, Pommes Frites, manchmal sogar Ketchup.
In einer Wohnung neben dem Restaurant haben Hikmat Jakub, Mitglied der Bürgerwehr, und Abid, sein Schwager, ihre Familien untergebracht.
Abid hat seine Verwandten, die Sippe von Hikmat Jakub, hierher gebracht. Thulamija und Sanaa haben das Mittagessen gekocht, Fleischklöße mit Reis, Brot.
Sie wollen Bagdad jetzt nicht mehr verlassen, sondern die letzten Tage gemeinsam durchstehen. Lange kann der Krieg ohnehin nicht mehr dauern.
Zehn Personen haben sich zum Mittagessen eingefunden, Hikmat Jakub aber liegt zu Hause in seinem Bett, erschöpft vom nächtlichen Patrouillengang. Abid ist blass und schweigsam, er gibt sich Mühe, seinen Töchtern gegenüber unbefangen zu sein, er spielt mit dem kleinen Raïd. Nach dem Mittagessen, um kurz nach 13 Uhr, verlassen Abid und Hikmat Jakubs Cousine Thulamija die Wohnung, um nachzuschauen, ob zu Hause alles in Ordnung ist - am späten Nachmittag wollen sie wiederkommen.
Kaum eine Stunde später, gegen 14 Uhr, wird draußen in der Nähe des Restaurants »Saa« ein Telefonat geführt werden. Ein sehr wichtiger Anruf, der eine Kette von Ereignissen auslöst.
An das Restaurant grenzt der Stadtteil Mansur, ein Wohngebiet für die Reichen, für die Elite des Landes. Seit Wochen schon sind CIA-Mitarbeiter in Mansur unterwegs: Amerikaner arabischer Herkunft, sowie Iraker, die der CIA zuarbeiten.
Einer dieser Iraker sieht - oder glaubt zu sehen -, wie Saddam Hussein und seine Entourage ein Gebäude betreten, das als Treffpunkt des irakischen Geheimdienstes gilt und das direkt neben dem beliebten Restaurant »Saa« liegt. Er ruft seinen CIA-Verbindungsmann an.
Über dem Westirak, an Bord des B-1-Bombers von Captain Sloan Hollis, etwa um 14.50 Uhr
Zu den schwierigsten Abschnitten eines Flugs gehört das Auftanken in der Luft: Das Tankflugzeug muss Höhe und Geschwindigkeit genau halten. Sloan Hollis, der Pilot, hat das Manöver oft hinter sich gebracht. Der Einsatz eines B-1-Bombers über dem Irak dauert zwischen 7 und 17 Stunden, da ist das Auftanken tägliche Routine.
Außer dem glatzköpfigen Captain Hollis sind noch drei Mann an Bord: Chris Wachter, der Commander, sowie Joe Runci und Fred Swan, die beiden Waffensystemoffiziere. Unter ihnen befinden sich 24 Bomben vom Typ GBU-31, jede etwa 900 Kilogramm schwer.
Die B-1 trägt am Heck die offizielle Kennziffer 86-0138, ist aber in der 34. Bomberstaffel besser unter einem Spitznamen bekannt: »Seek and Destroy« heißt der Jet, »Suche und zerstöre«. Die Mannschaft soll Luftunterstützung bieten, wo es gerade nötig ist: Raketenstellungen treffen, Radaranlagen zerstören, Fahrzeuge bombardieren. Im Moment hat sie kein besonderes Ziel, jedenfalls noch nicht.
Es ist kurz vor 15 Uhr, als Commander Wachter an Bord des B-1-Bombers einen Alarmruf bekommt: »Priority Leadership Target«, das bedeutet: Vorrang für das Ausschalten von Führungskräften. Fred Swan, der Waffensystemoffizier an Bord, soll zwei Bomben bereitmachen. Er denkt: »Das könnte das ganz große Ding werden.«
Die B-1-Mannschaft bekommt ihre Befehle von einem Awacs-Flugzeug übermittelt, das sind die Boeings mit dem großen Radarpilz auf dem Dach, fliegende Leitstände. Die Awacs hat die Daten des Vorrangziels aus Saudi-Arabien, dort befindet sich eine Kommandostelle der Luftwaffe. Die Soldaten in der Kommandostelle wissen durch die CIA von dem Haus in Bagdad neben dem Restaurant »Saa«. Seit der Geheimdienst Saddams Aufenthaltsort erfahren hat, sind kaum mehr als 30 Minuten vergangen. Die »Seek and Destroy« schwenkt nach Osten, sie fliegt knapp sieben Kilometer hoch und 800 Stundenkilometer schnell. Es sind zwölf Minuten bis Bagdad.
Der Waffensystemoffizier Fred Swan tippt die Zielkoordinaten für die Bomben in den Computer. Ein »Priority Leadership Target« - so etwas gibt ihm einen Adrenalinstoß. Er versichert sich nicht zweimal, sondern dreimal, dass er die richtigen Daten eingegeben hat. Außerdem soll er jetzt nicht zwei, sondern vier Bomben programmieren. Da will jemand ganz sicher- gehen.
Der Himmel über Bagdad ist bewölkt, von oben lässt sich das Ziel nicht ausmachen. Aber die Bomben werden per Satellitennavigation gesteuert, da spielen Wolken keine Rolle.
Es sind bunkerbrechende Bomben vom Typ GBU 31. Sie lassen den Boden erzittern. Die Buchstaben GBU stehen für »Guided Bomb Unit« - Lenkbombe. Die Zielsteuerung der Bombe ist neu, eine Weiterentwicklung der »Smart Bombs« aus dem letzten Golfkrieg.
Damals wurde das Ziel mit einem Laserstrahl angepeilt, ein Zielsystem orientierte sich an der Reflektion des Strahls. Der Nachteil: Wolken oder der Rauch anderer Einschläge konnten das Ziel verdecken, die Bombe fiel dann gleichsam orientierungslos.
Bei der neuen Version übernimmt ein eingebautes, satellitengestütztes Navigationssystem die Lenkung. Für 20 000 Dollar lässt sich damit aus einer »dummen«, ungesteuerten Bombe ein Hightech-Tötungsinstrument machen. »Joint Direct Attack Munition« heißen die nachgerüsteten Waffen, abgekürzt JDAM.
Anders als die Freifallbomben, die auch im Zweiten Weltkrieg eingesetzt wurden, können die Smart-Bomben mit Hilfe eines Leitwerks in einen Gleitflug übergehen. Die 900 Kilo schweren Sprengkörper fliegen ihr Ziel direkt an - und treffen in genau dem Aufschlagwinkel, der die größte Zerstörung hervorruft. Ein Brückenpfeiler beispielsweise wird von der Seite angegriffen, ein Bunker direkt von oben.
Swan, der Waffensystemoffizier, kann die Arbeit dem Computer überlassen.
Gegen 15 Uhr gibt der Rechner die ersten beiden Bomben frei. Die Bunkerbrecher dringen drei bis sechs Meter in den Boden ein, bevor sie explodieren.
Drei Sekunden später fallen die Bomben drei und vier, präzise auf das gleiche Ziel ausgerichtet. Die beiden explodieren sofort, 25 Millisekunden nach dem Aufschlag.
Bagdad, Stadtteil Mutanabi, 15 Uhr
Um kurz nach 15 Uhr erschrickt Chalid, Kassierer im Restaurant »Saa«. Der Häuserblock wird von mehreren aufeinander folgenden Schlägen erschüttert. Die Wände beben, von der Decke kracht der Putz in tischtuchgroßen Placken. In der Küche fällt scheppernd das große Wandregal um, die Pfannen und Töpfe kullern über den Fliesenboden, Teller und Gläser zerplatzen, ein heftiger Wind faucht durchs Restaurant, in der kleinen, schlauchförmigen Backstube erlischt das Ofenfeuer. Das Restaurant ist zu etwa einem Drittel besetzt, die Gäste sind schreiend aufgesprungen, die meisten rennen zum Ausgang, manche kriechen unter die Tische, einige kauern sich auf den Boden und beten laut.
Der Kassierer Chalid zwängt sich durch das Knäuel der Gäste, die sich am Ausgang drängeln, sich schieben, stoßen, behindern und die Tür versperren, es gelingt Chalid, die schwere Holztür aufzureißen, die Menschen taumeln auf die Straße.
Der Manager, der Kassierer, die Gäste, alle stehen jetzt draußen vor dem Restaurant. Viele starren in den Himmel, der qualmverhangen ist. Viele knien auf dem Bürgersteig, die Hände vors Gesicht geschlagen, andere rennen auf und ab, schreien nach ihren Freunden, ihren Angehörigen. Vielen läuft der Schweiß in Strömen über das Gesicht, die Luft ist brennend heiß.
Das Bombardement, schätzungsweise zwei Tonnen Sprengstoff, hat einen etwa zehn Meter tiefen Krater gerissen. Wo die drei Kühlräume des Restaurants »Saa« waren, zu gut einem Drittel gefüllt mit Vorräten an Rindfleisch, Geflügel, Gemüse, ist ein tiefes Sandloch. Von den zwei angrenzenden Häuserblocks ist nichts mehr übrig als Schutt, Steine, Staub.
Abids Frau liegt unter den Trümmern, seine Töchter Mariam, 10, und Lana, 6, Thulamijas Tochter Lawa und auch Hikmat Jakubs drei Kinder und seine Frau Iman.
Über Bagdad, an Bord des B-1-Bombers von Captain Sloan Hollis
In den nächsten 15 Minuten wirft der B-1-Flieger noch sechs Bomben über Bagdad ab, dann erhält die Crew neue Koordinaten in Tikrit. Eine Viertelstunde später sind sie dort.
Zwei Wochen darauf werden die vier Soldaten das Fliegerverdienstkreuz erhalten, eine bronzene Auszeichnung an blauweiß-rotem Band. Zur Begründung heißt es, ihr Einsatz über Bagdad habe den Beginn des Zerfalls von Saddam Husseins Regime markiert. Und Chris Wachter, der Kommandant des Flugs sagt: »Es ist ein gutes Gefühl, die Bomben abzuwerfen. Weil du weißt: Mit jedem Treffer hilfst du jemandem, irgendwo da unten.«
Bagdad, im Stadtteil Mutanabi, 17 Uhr
Zwei Stunden nachdem die Häuserblocks neben dem Restaurant »Saa« in Schutt verwandelt worden sind, erwacht Hikmat Jakub davon, dass es völlig still ist bei ihm zu Hause. Jakub wäscht sich, zieht ein frisches Hemd an, trinkt einen Kaffee, wartet. Als es klingelt und zwei Nachbarn vor der Tür stehen und er in ihre betretenen Gesichter blickt, weiß er schlagartig, dass etwas Schreckliches passiert ist.
Jakub holt Abid, seinen Schwager, und rast mit ihm in einem geliehenen roten Passat in Richtung »Saa«. Die Straße ist abgesperrt, sie lassen das Auto stehen, rennen zu Fuß weiter. Zwängen sich zwischen den Soldaten und Polizisten, die den Krater absperren hindurch, schreiend, weinend, niemand hält sie auf. Jakub stolpert an dem riesigen Krater entlang, ruft immer wieder nach seinen Kindern, seiner Frau.
Er spürt nichts mehr, weiß nichts mehr.
Niemand kann ihn von dem qualmenden Krater wegziehen, er will nichts trinken, sich nicht ausruhen, er sucht seine Frau, seine Kinder.
Die ersten Stunden kratzt Jakub mit bloßen Händen durch den Sand, er merkt nicht, dass seine Fingernägel zersplittern, dass seine Hände aufgerissen sind und bluten; später kommt Abid mit zwei Schaufeln, auch Thulamija ist da, sie sprechen kaum ein Wort miteinander, nur wenn einer von ihnen vom Weinkrampf gepackt wird, umarmen die anderen ihn.
Insgesamt sind 15 Zivilisten ums Leben gekommen. Neben Jakub, Thulamija und Abid suchen noch andere nach Überresten ihrer Familienangehörigen, getrieben von der aberwitzigen Hoffnung, vielleicht jemanden schwer verletzt, aber lebend aus den Trümmern zu zerren.
Brücke des Boulevard des 14. Juli, Task Force 4-64, 16 Uhr
Ein Wahnsinniger? Ein Held?
Die Task Force 4-64, Eingreiftruppe der 2. Brigade, soll die Brücke halten, die vom Stadtzentrum herüber zu den Palästen führt, »blockieren und verteidigen, das ist mein Auftrag«, sagt Captain Steven Barry, und die Feinde kommen von drüben. Sie schwimmen, sie paddeln, oder sie rasen mit Autos heran, wie dieser Held, der Wahnsinnige.
Fünf Fahrer haben es schon versucht, fünf sind gescheitert und tot, und jetzt kommt er.
Der Mann sitzt in einem weißen Chevrolet Caprice Classic und hat keine Chance. Er kommt von der Nordseite des Tigris, die Amerikaner warten an der Südseite, und die Brücke ist 500 Meter lang.
Captain Steven Barry lässt mit Maschinengewehren feuern, erst Warnschüsse und dann scharf, auf Motorblock und Windschutzscheibe. Es reicht nicht, der Fahrer beschleunigt. Und nun lässt Barry den Wagen mit der 120-Millimeter-Kanone anvisieren, und die feuert glatt durch den Wagen hindurch, mit dieser mörderischen Munition, die die Amerikaner »High Explosive Anti-Tank«, also »Heat«, nennen.
Der Wagen kracht gegen einen Laternenpfahl. Und geht in Flammen auf.
Und der Fahrer kriecht aus dem Wrack und schwenkt ein Handtuch. Er krabbelt über den Asphalt und bleibt liegen, das Gesicht schwarz, die Beine zerschossen. Aber er lebt.
»200 Schüsse durch die Scheibe aus 500 Metern! Ein Heat-Schuss aus 175 Metern! Allah hat heute an diesen Mann gedacht«, sagt Sergeant Derrick January, der Schütze des Panzers.
Und dann verbindet Sergeant Luther Robinson die Wunden des Mannes. Robinson: »Einen Kerl mit so viel Glück habe ich im ganzen Irak nicht gesehen.«
Bagdad, im Kindi-Hospital
Es kommen Verletzte ins Kindi-Hospital, eines der fünf großen Krankenhäuser der Hauptstadt, Stunde um Stunde, es werden 113 sein bis zum Abend. Dr. Mohammed Baschir, der Leiter der Notaufnahme, hat schon viele Wunden gesehen und viele Verwundete. Aber die Bilder dieser Apriltage übertreffen alles Gesehene, das Ausmaß der schweren Verletzungen ist entmutigend.
Der Krieg in Bagdad verändert sich. Die Opfer tragen nicht mehr vor allem Splitterwunden davon, es werden jetzt vermehrt Menschen gebracht, denen Arme oder Beine fehlen. Dilal al-Aradi, der älteste Sohn des Chefarztes, ein Student der Computertechnik, geht im Krankenhaus herum und hilft, wenn er kann. Nahe an der Notaufnahme erwischt es ihn hart. Es muss ein Mann verlegt werden in den OP, dem bei einer Bombenexplosion die Beine abgetrennt wurden. Der Mann liegt betäubt und mit offenem Bauch in einem Bett auf Rollen, es ist Geschiebe, Gerenne auf dem Flur, es sind nicht genügend Pfleger da. Dilal hört seinen Namen, gerufen.
»Dilal!« Er schaut zu dem Bett mit dem verstümmelten Mann. Seine Beine liegen neben dem Bett. Der Pfleger sagt: »Dilal! Nimm die Beine! Komm schon! Hilf mir.« Dilal al-Aradi hilft. Die Beine sind schwer. Dilal weiß nicht, wie und wo er sie anfassen soll. Es ist, sagt er später, der furchtbarste Augenblick seines Lebens.
Dr. Baschir trägt vier Tote in seine breite Kladde ein, es muss etwas geschehen mit den Toten, es geht so nicht weiter, es liegen jetzt schon Leichen im Empfang am Haupteingang, sie können dort nicht bleiben. Sie werden zu warm in der Hitze, und auch in den Kühlschränken liegen sie jetzt aufgedunsen, aufgeblasen von den Faulgasen der Verwesung, der Strom bleibt zu oft weg, es muss etwas geschehen.
Ein Pfleger hat seine familiären Beziehungen spielen lassen und einen Schmitz-Cargo-Bull-Kühlanhänger beschafft. Er steht links vom Haupteingang in der Nähe der beiden überfüllten Kühlhäuser. Er braucht sehr viel Strom.
Die Kühlung der Leichen mit dem Schmitz Cargo Bull funktioniert aber nicht, wie sie soll. Der Anhänger steht in der prallen Sonne und erwärmt sich schnell, wenn der Strom ausfällt.
Chefarzt Dr. Aradi schlägt vor, die Toten noch einmal zu registrieren und dann fortzuschaffen, irgendwie. Jemand muss einen Laster besorgen. Pfleger und Ärzte ziehen die Toten aus den Kühlschränken, aus dem Schmitz Cargo Bull, es ist ein furchtbarer Anblick und ein entsetzlicher Geruch.
Sie entkleiden die Toten und fotografieren sie neben den persönlichen Sachen, die die Verstorbenen im Augenblick ihres Todes am Leibe trugen. Sie legen ein Fotoalbum an für Angehörige, die vielleicht kommen werden nach dem letzten Schuss, auf der Suche nach Brüdern, Vätern, Müttern
Sie haben einen Laster aufgetrieben, angeblich von der Müllabfuhr. Sie laden die Leichen auf wie auf eine Pestkarre, übereinander geworfen, nicht mehr Menschen, nur noch totes Fleisch. Dr. Aradi schärft den Leuten ein, die Toten wirklich zu bestatten, er legt Strenge in seine Stimme, er droht den Arbeitern. Dann bewegt sich der Leichenwagen. Richtung Norden. Am Stadtrand, dort werden die Toten beerdigt, irgendwo.
Falludscha, im Polizeigefängnis
François Calas von »Ärzte ohne Grenzen«, der vom irakischen Geheimdienst verschleppt worden ist, fällt auf, dass die Wärter heute in Zivil gekommen sind. Sie tragen immer noch die Schlauchstücke in der Hand, mit denen sie schlagen. Aber die Uniformen sind verschwunden.
Am 2. April ist der Franzose, der den Ärzten im Kindi-Hospital mit seiner Hilfsorganisation zur Seite steht, festgenommen worden. Der Vorwurf: Er betreibe Spionage für die Amerikaner, er benutze schließlich ein Satellitentelefon. In den ersten drei Nächten war er im berüchtigten Gefängnis Abu Ghureib nahe des Flughafens eingesperrt, hörte in seiner dunklen Zelle den anschwellenden Kriegslärm und zählte die Sekunden zwischen Mündungsknall und Einschlag. Die Intervalle wurden immer kürzer, bis die Wärter ihn, seinen Kollegen Junis und andere Gefangene in einen fensterlosen Transporter stopften und nach Falludscha brachten, wie er inzwischen weiß, 50 Kilometer westlich von Bagdad.
Er sitzt zusammen mit 175 Häftlingen in einem Raum, sie teilen sich einen Wasserhahn und einen Abtritt. Gestern noch prügelten die Wärter, heute wirken sie unentschlossen. Und auch die Gefangenen verändern sich. Sie sprechen mehr miteinander. Zum ersten Mal hört Calas, dass sich jemand über das Regime beklagt. Jemand sagt, er hoffe, dass die Amerikaner endlich kämen.
Einige sind wegen Geldfälschung eingesperrt, andere, weil sie von den Amerikanern GPS-Geräte bekommen hatten, um Ziele auszuspionieren. In der Zelle sind ein verstoßener Cousin von Saddam Hussein und ein tunesischer Geschäftsmann, der sich ein wichtiges Dokument selbst ausgestellt hatte. Ein Luftwaffengeneral und ein junger Palästinenser, der festgenommen worden ist, weil er sein jordanisches Handy dabeihatte.
Ein Mann hat ein Radio in die Zelle geschmuggelt. Man kann das arabische Programm von Radio Monte Carlo empfangen. Sein Mitgefangener Junis sagt ihm, in den Nachrichten sei von ihnen die Rede: »Immer noch keine Nachricht von den zwei verschwundenen Ärzten.«
Bagdad, im Stadtteil Mutanabi, 23 Uhr
Am Bombenkrater haben Hikmat Jakub und die anderen Feuer angezündet, um Licht zu haben, auch Scheinwerfer werden aufgestellt. Mit langen Brechstangen und Schaufelstielen hebeln sie die Steinbrocken beiseite, schippen und scharren durch den Schutt. Vergebens: Sie finden nichts - keinen Fetzen Kleidung, der zu ihren Angehörigen gehörte, keine abgerissene Hand, keinen Schuh. Abid findet ein paar Plastiksplitter. Es kommt ihm so vor, als gehörten sie zu einem Spielzeug, das Mariam bei sich hatte, er steckt die Plastikreste in seine Tasche.
Er merkt nicht, dass die Amerikaner in das Regierungsviertel eingerückt sind, er weiß nicht, dass Bush, bei einem Treffen mit Tony Blair, gesagt hat, im Irak breche ein neuer Tag an. Für Jakub gibt es keinen neuen Tag - nach zwei weiteren Tagen wird er den verbrannten Körper seiner Frau Iman finden. Jakub wird vor Schmerz kaum noch zurechnungsfähig sein; er wird die Tote zum nächstgelegenen Krankenhaus schleppen. Er wird die Ärzte anflehen, seiner Frau zu helfen.
Während Jakub, Thulamija, Abid nach ihren Angehörigen suchen, kommt ein Gerücht auf. In dem Kraterschutt seien Regierungsakten gefunden worden, hochgeheimes Material - das gilt als Beweis, dass Saddam hier tatsächlich eine seiner vielen konspirativen Wohnungen hatte und womöglich wirklich da war.
Und wenn schon. Thulamija Sultan, Cousine von Hikmat Jakub, 43 Jahre alt und Witwe seit dem Krieg zwischen dem Irak und Iran, sagt: »Von diesem Krieg weiß ich nur eines - dass meine Tochter nicht mehr lebt.«
KLAUS BRINKBÄUMER, UWE BUSE, ASIEM EL DIFRAOUI, FIONA EHLERS, CAROLIN EMCKE, ULLRICH FICHTNER, HAUKE GOOS, LOTHAR GORRIS, RALF HOPPE, THOMAS HÜETLIN, ANSBERT KNEIP, CLAUS CHRISTIAN MALZAHN, ALEXANDER OSANG, CORDT SCHNIBBEN, ALEXANDER SMOLTCZYK, BARBARA SUPP, ALEXANDER SZANDAR