Mit Käsekuchen auf Kundenfang
Im Hinterzimmer des Hotels »Jägerhaus« ist was los. Die Frau, die an der Stirnseite des Raumes steht, streift ihre Schuhe ab, schwingt sich rücklings auf drei zusammengestellte Tische und tut dann so, als lege sie sich zum Schlafen nieder. Das Publikum johlt, es sind 35 Rentner.
Unruhig wälzt sich die Dame auf der provisorischen Bettstatt hin und her, rollt sich zusammen, kann aber nicht zur Ruhe kommen. Immer wieder rutscht ein Arm oder ein Bein unter der Decke hervor, und schließlich wird, o Gott, o Gott, auch noch das »Fiedle« freigelegt. So heißt der Hintern auf schwäbisch, das Ganze findet in Titisee-Neustadt im Schwarzwald statt.
Die Entblößung hat ihren Sinn, denn »wenn die kalte Luft auf Arm und Beine knallt«, sagt die Vorführdame, »entsteht Rheuma«. Vor allem aber geht es darum, den drei Dutzend Alten, die der sonderbaren Darbietung folgen, sogenannte Schafschurwollbetten anzudrehen. Die sind, so wird ihnen erzählt, dem gewöhnlichen Federbett weit überlegen.
Eigentlich hatten die Rentner, als sie in den Bus gestiegen waren, mit so etwas nicht gerechnet. Es sollte eine »Erlebnisfahrt zur Schwarzwaldklinik ins Glottertal« werden: mehr beiläufig wurde auch auf die »Teilnahmemöglichkeit an einer interessanten Werbeverkaufsveranstaltung« hingewiesen.
Und nun sind die Teilnehmer bockig. Für Barbara Schnabel, Vertreterin der Vertriebsfirma Karl Kaul in Eschborn, hat sich die Wälzerei auf dem Tisch heute nicht gelohnt. Nur drei der Glottertal-Fahrer kaufen ein komplettes »Merinolamm-Schurwollbett«, bestehend aus »Oberbett, Unterbett, Kopfkissen und Schmusekissen«. Dabei gibt es die ganze Garnitur heute zum »Werbepreis von nur 748 statt 929 Mark«.
Kein Wunder also, daß Frau Barbara auf einmal die Laune verliert. »Jetzt geben Sie sich endlich einen Ruck«, fährt sie die betagten Herrschaften an, die wohl »nur ihre Werbegeschenke kassieren wollen«, ein »24teiliges Besteck aus Edelstahl«, ein »Schwarzwälder Wetterhäuschen« und »eine hübsche Glasdose mit Deckel«, alles im Fahrpreis von 22,80 Mark schon enthalten.
Doch auch das Drohen hilft nichts. Die Senioren aus Filderstadt bei Stuttgart blicken stumm auf ihren Teller mit Bratwurst. Gemüse und Kartoffeln (9,80 Mark) oder Jägerschnitzel mit Spätzle (13,80) und bleiben standhaft. Doch diese wackeren Schwaben sind eine Ausnahme.
In aller Regel machen die fliegenden Händler mit ihren Schlafdecken und Sprudelbädern, Bügelpressen, Elektrotöpfen, Nierenwärmern oder Heizkissen guten Profit. Jeden Tag starten in der
Bundesrepublik rund 200 Omnibusse und bringen 8000 Ausflügler zu stets »herrlichen«, »fröhlichen«, »romantischen« oder auch »bezaubernden« Reisezielen im Schwarzwald, in der Lüneburger Heide oder im Sauerland.
Das Vergnügen ist billig, zahlt sich aber aus. Allein die Busunternehmen und die Vertriebsfirmen nehmen alljährlich mehr als 600 Millionen Mark mit diesem dubiosen Tourismus ein.
Vor allem Rentner und alleinstehende ältere Frauen erliegen der Verlockung, denn so preiswert ist dem Alleinsein und dem immergrauen Alltag sonst nicht zu entkommen. Manch einer wird sich, wenn er in den Bus steigt, wohl auch im klaren sein über den Hauptzweck der Reise, der im Prospekt nur als Nebensache erwähnt wird. Doch bei der Aussicht auf Glottertäler verschwinden die Bedenken leicht aus dem Blickfeld.
Was sich dann abspielt in den Jägerhäusern oder Post-Schenken, fällt unter die legale Verführung, wie sie dem freien Markt nun einmal eigen ist. Aber die Abwehrkräfte, die dem Bürger für gewöhnlich zur Verfügung stehen, sind unter solchen Umständen derart herabgesetzt, daß sich die Frage nach der sozialen Verträglichkeit dieses Käsekuchen-Kapitalismus stellt.
»Im Mittelalter«, schrieb dazu die »Süddeutsche Zeitung«, nahmen »Räuber, finstere Gesellen die Reisenden aus. Heute nennt man die organisierte Gelegenheit, bei der ein Reisender seine Barschaft verliert, Kaffeefahrt«.
Der Gegenwert an Romantik und Herrlichkeit bleibt meist bescheiden:
Nur 20 bis 30 Prozent der Reisezeit, so hat der Sozialwissenschaftler Wolfgang Retza in einer Studie für die Bonner Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher ermittelt, bleiben im Schnitt für das touristische Programm.
Keine Verkaufsfinte ist den Veranstaltern zu abgenützt, um sie nicht noch einmal auszuprobieren (siehe Kasten Seite 102). Mitunter werden inkognito mitreisende Vertreter ins Publikum gesetzt, sogenannte Eisbrecher, die sich dann vor Bewunderung über das vorgeführte Küchengerät oder Gesundheitsutensil gar nicht fassen können.
Um die Ausflügler daran zu hindern, statt zum Verkaufsvortrag in die umliegende Landschaft zu spazieren, werden sie über die Abfahrtszeit des Busses oft im unklaren gelassen. Auch trauen sich viele der älteren Menschen nicht, das unbekannte Terrain auf eigene Faust zu erkunden.
»Es stimmt bedenklich«, schreibt Forscher Retza in seiner Untersuchung, »daß es gerade weniger begüterte Menschen ... mit unterdurchschnittlich ausgeprägter Selbstbehauptungsfähigkeit sind«, die »wegen mangelnder Kontakte und fehlender preiswerter Alternativen zu Fahrgästen der Vertriebsfirmen und ungewollt zu Käufern überflüssiger oder überteuerter Produkte werden«.
Bedenklich sind schon die Wurfzettel, die in manchen Regionen fast täglich in den Briefkästen stecken, und die Knüllerangebote im Anzeigenteil der Lokalblätter. Trutzige Burgen, rauschende Wildbäche oder herzige Schwarzwaldmädel suggerieren dem Betrachter eine heile Welt. Nur mit einiger Aufmerksamkeit sind die Hinweise auszumachen, daß es sich um eine Werbefahrt handelt.
Wer nicht kritisch liest, kann auch glauben, daß es den »Wettervogel aus Alabaster«, die Obstschale und die Dauerwurst oder was sonst so angeboten wird, umsonst gibt. Doch nach dem Gesetz müssen diese Beigaben im Fahrpreis enthalten sein. Dafür sind die angebotenen Waren um so teurer.
Die Gewinnspannen der Direktvertriebsfirmen liegen nach einer Untersuchung des Bundesjustizministeriums zwischen 400 und 1000 Prozent. Wie Hohn klingen da die Beteuerungen des Bundesverbands Deutscher Vertriebsfirmen (BDV), die reisenden Händler seien ein »preisstabilisierender Faktor in der Wirtschaft«.
Selbst der geringe Fahrpreis muß nicht unbedingt als Verlust abgebucht werden. Denn bei Busunternehmern, Gastwirten und Hoteliers werden den Vertriebsfirmen häufig erstaunliche Rabatte eingeräumt.
»Kaffeefahrten«, warnt die Berliner Stiftung »Warentest«, die kürzlich 2O Mitarbeiter auf die Reise schickte, »sind Abenteuerurlaub für Senioren«. Wer etwas kauft, stellten die Prüfer fest, könne schon »glücklich sein, wenn er für teures Geld überhaupt etwas Brauchbares erstanden hat«.
Dennoch gibt es immer wieder genug Bürger, die bei der Klimbimbranche einsteigen. Letztes Jahr waren es drei Millionen, und mit Abenteuerlust sind die Beweggründe wohl nur unzureichend beschrieben.
»Das ist immer noch besser, als allein daheim herumzusitzen«, meint eine alleinstehende Tschechoslowakin aus Filderstadt, die schon zum dritten Mal bei einer Werbefahrt dabei war. Sie hat zwar ein Auto, traut sich aber nicht, selbst die weite Tour ins Glottertal zu machen.
Eine ebenfalls alleinstehende Mutter von drei Söhnen ist sogar »schon mindestens ein dutzendmal« bei Werbereisen mitgefahren und hat »fast immer was gekauft«. Da sie lange arbeitslos war und zur Zeit als Zimmermädchen in einem Hotel nicht viel verdient, blieb sie diesmal bei der Schurwollbettgeschichte fest. Außerdem ist das Sprudelbad, das sie sich erst kürzlich hat aufreden lassen, schon kaputt. Die Reparatur aber kostet »mindestens 800 Mark«.
Der Wunsch, »einmal rauszukommen, etwas zu erleben«, fand Wolfgang Retza bei seiner Umfrage heraus, gehört zu den Hauptmotiven der Kaffeefahrer. Die meisten freuen sich schon, wenn sie überhaupt mal »unter die Leute kommen«. Daß sie dafür teuer bezahlen müssen, nehmen manche in Kauf. »Ich habe doch sowieso nicht mehr die Kraft, von Geschäft zu Geschäft zu laufen, um Preisvergleiche anzustellen«, meint eine 72jährige Filderstädterin.
Einhalt könnte den Vertriebsfirmen nur der Gesetzgeber bieten, doch der hält sich zurück. Nach Ansicht der Bundesregierung und nach den Urteilen westdeutscher Gerichte sind Werbefahrten nicht generell sittenwidrig - schon gar nicht deshalb, weil da zu gepfefferten Preisen Ramsch angeboten wird. Denn erst wenn die für den Fahrpreis gebotenen Leistungen unverhältnismäßig üppig sind, entschied zum Beispiel das Münchner Oberlandesgericht, könne eine Kaffeefahrt wegen »übertriebenen Anlockens« oder »psychologischen Kaufzwangs« wettbewerbswidrig sein. Andere Gerichte, wie etwa das Oberlandesgericht Hamm, halten Werbefahrten selbst unter diesen Voraussetzungen für unzulässig.
Nur in einem Punkt herrscht seit einem Urteil des Bundesgerichtshofs vom Oktober vergangenen Jahres Klarheit.
Bereits aus den Anzeigen und Prospekten, entschieden die Karlsruher Richter, müsse eindeutig hervorgehen, daß es sich um eine Werbeveranstaltung handle. »Werden die Vorteile der Fahrt blickfangmäßig herausgestellt, schrieben sie in der Begründung, »so muß auch deren Charakter als Verkaufsveranstaltung regelmäßig blickfangmäßig verdeutlicht werden.«
Bis zu den Vertriebsfirmen scheint sich diese Rechtsauffassung noch nicht herumgesprochen zu haben. Ein Blick in Tageszeitungen und Anzeigenblätter zeigt, daß sich nur wenige Unternehmen an die neuen Grundsätze halten, darunter etwa die Bremer Firma Rubin oder die Firma Opti in Sottrum. Konkurrenten, wie die Detmolder »Romantik-Reisen«, die Hamburger BTW GmbH oder die Wuppertaler Witt GmbH und Co. KG, rücken dagegen den verräterischen Hinweis immer noch dezent ins Kleingedruckte.
Zwar bemühen sich Verbraucherzentralen und die Karlsruher »Aktionsgemeinschaft gegen unlautere Werbeverkaufsfahrten«, den Anzeigensündern Manieren beizubringen. Doch die Erfolge sind bescheiden. »Wir können den Firmen doch nicht wegen jeder falschen Anzeige eine Abmahnung schicken«, sagt Heinold Hirsch, Busunternehmer in Karlsruhe und Vorsitzender der Aktionsgemeinschlaft.
Die übelsten Auswüchse soll ein neues Gesetz beheben, das am 1. Mai in Kraft getreten ist. War bislang der Rücktritt von einem Kaffeefahrt-Kaufvertrag nur möglich, wenn Ratenzahlung vereinbart wurde, soll den Kunden nun auch bei Barkäufen eine Bedenkzeit von acht Tagen eingeräumt werden.
Fachleute wie Manfred Dimper von der Bonner Arbeitsgemeinschaft der Verbraucher bezweifeln allerdings, daß sich durch dieses Rücktrittsrecht viel ändern wird. Denn schon jetzt versuchen Werbeverkäufer die Denkpause für Abzahlungsgeschäfte abzukürzen, indem sie den Vertrag rückdatieren oder einfach die Lieferung der Ware für einen späteren Termin vereinbaren.
Und auch derjenige. der die Frist einhält, tut sich mitunter schwer, seinen Anspruch durchzusetzen. Er hat es in der Regel mit einer Vielzahl von Firmen zu tun: dem Busunternehmer, dem Reiseveranstalter, der Vertriebsfirma, einer Treuhandfirma, die den Zahlungsverkehr abwickelt, und der Herstellerfirma. Versteht sich, daß da einer auf den anderen verweist.
Diese Erfahrung mußte zum Beispiel der Stuttgarter Rentner Erwin Diehl machen. Der Witwer wollte seiner Tochter eine Freude bereiten und hatte bei einer Verkaufsveranstaltung des Marktführers FFO (Ferien Freizeit Organisation) ein 70teiliges Goldbesteck sowie je ein sechsteiliges Kaffee- und Tafelservice für 1298 Mark gekauft. Doch die Tochter hatte keine Verwendung für Vaters Geschenk.
Nachdem der Witwer um Auflösung des Vertrags gebeten hatte, ließ die Firma erst einmal wochenlang nichts von sich hören und zögerte die Sache hinaus. Erst als die Stuttgarter Verbraucherzentrale sich einschaltete, erhielt der Rentner das Stornierungsschreiben - nach fast vier Monaten.
So kommt es, daß viele Spontankäufer frühzeitig resignieren. Weil die Verkäuferin »wie der Uracher Wasserfall« geredet hatte, ließ sich beispielsweise ein Stuttgarter Kriegsrentner dazu verleiten, ein Magnetstreifenbett für 1696 Mark zu kaufen. Die Schlafstatt sollte die starken Ohrenschmerzen lindern, unter denen er litt. Zwar ließen die Beschwerden nicht nach, aber bezahlt hat der Mann schließlich doch - weil er »die Sache aus der Welt schaffen« und »keine Schwierigkeiten haben« wollte.
Gleichsam auf natürliche Weise lassen sich Fristen und Hemmungen durch Fernfahrten überbrücken. So bietet die Bremer Firma Robin, die auf längere Werbetouren spezialisiert ist, für 398 Mark eine Neun-Tage-Reise nach Istanbul an, für 895 Mark geht es zwei Wochen lang nach Griechenland. Marktführer
FFO flog im vergangenen Herbst sogar für fünf Tage nach Moskau. »Da sind Leute mitgefahren«, freut sich Verkaufsleiter Harald Pinn, »die sich das sonst nie getraut hätten«.
Aber diese günstigen Fernreisen, an denen die Veranstalter trotz der niedrigen Preise noch verdienen, haben selbstverständlich nicht den Zweck, den Leuten die Welt zu zeigen. Oftmals müssen die Billigtouristen, wie bei der FFO, sogar zwei Werbevorträge über sich ergehen lassen. Außerdem, weiß der Karlsruher Busunternehmer Hirsch: »Je weiter die Leute von daheim weg sind, desto unsicherer werden sie.« Und erfahrungsgemäß stellt sich Reue über einen voreiligen Kauf erst nach der Rückkehr aus dem Urlaub ein. Dann aber ist es für eine Stornierung meist schon zu spät.
Gelegentlich versucht der Bundesverband Deutscher Vertriebsfirmen, in dem nur ein Teil der Branche organisiert ist die ganz »schwarzen Schafe von der fetten Weide zu vertreiben: »Die inserieren oft nur einen Sommer lang«, sagt Verbandssprecher Mathias Kaiser, »und verschwinden dann von der Bildfläche.«
Gewisse Sorgen bereitet derzeit ein Baron von Schilling aus Thedinghausen bei Bremen, der es besonders toll treibt. Im März etwa hatte er zu einer Omnibus-Tagesfahrt in die »romantische Pfälzer Börde« unter anderem einen »Sektempfang im Luxusrestaurant«, ein »Kaltes Buffet« sowie »Ein Pfund Landwurst und ein Pfund Bauernbrot« in Aussicht gestellt. Als »Sensation« wurden die Darbietungen der »elektronischen Wasserorgel« angekündigt.
Doch statt Schampus mit Luxus, so beklagte sich später ein Teilnehmer, gab es »ein kleines Gläschen mit vier Fingerhüten einer fragwürdigen Flüssigkeit«. Das kalte Büfett war diesem Standard ebenbürtig und bestand aus »drei Scheiben Wurst, einer Scheibe Käse, einem Löffel Kartoffelsalat und einigen Paprikawürfeln«. Die Landwurst war zu 370 Gramm Blutwurst geworden, das Bauernbrot kam abgepackt aus der Fabrik - bei Aldi erhältlich für 49 Pfennig. Und die einmalige Sensation fiel aus, weil die Wasserorgel angeblich defekt war.
Der Baron bewegt sich samt seiner Kollegenschaft im Rahmen des Rechts. Auf eine Selbstreinigung des trüben Gewerbes aber ist kaum zu hoffen, da die Vertriebsfirmen im Transportwesen stets willige Helfer finden.
Noch immer arbeiten fast zwei Drittel der 5500 Busunternehmen in der Bundesrepublik mit den Vertriebsfirmen zusammen. Ein Omnibus kostet heute eben an die 500000 Mark und muß ständig unterwegs sein, um sich zu rentieren. Und bei all dem Konkurrenzkampf fällt es schwer, die anrüchigen, aber einträglichen Aufträge abzuweisen.
»Wenn wir nein sagen«, so Michael Kumor, Geschäftsführer des Stuttgarter Reisebüros Ruoff, »gehen die zu unseren Nachbarn, und die machen's dann.«