Mit vollem Risiko... - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 21 / 182

Februar 1998 Mit vollem Risiko...

Trotz des Unglücks von Cavalese erlauben die Nato-Verteidigungsminister weiterhin Tiefstflüge in Europa.
• aus SPIEGEL Chronik 54/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Air Task Order (Einsatzbefehl) für den Flug »Easy 01« war über 100 Seiten stark und top-secret. Der Flugplan, von den Piloten salopp Cheat-Sheet (Schwindelblatt) genannt, schrieb detailliert Kurs, Wendepunkte, Ziele, Höhen und Geschwindigkeiten vor.

Doch die Besatzung hielt sich an den Grundsatz, der ihr seit ihrer Rekrutenzeit bei den US-Ledernacken täglich eingehämmert wird: Immer die Besten! Schneidig, schneidiger, Marines.

Pilot Richard Ashby, 31, sein gleichaltriger Navigationsoffizier Joseph Schweitzer und die zwei Experten für elektronische Kampfführung auf den Rücksitzen starteten am 3. Februar vom italienischen US-Stützpunkt Aviano in Richtung Bruneck, nahmen Kurs Südwest und fädelten sich dann in ein enges Dolomitental ein.

Um vom angenommenen gegnerischen Radar nicht entdeckt zu werden, mußte die Maschine tief ins Tal tauchen. Der Pilot drückte die zweistrahlige Grumman EA-6B Prowler auf eine Flughöhe von etwa 100 Metern und beschleunigte auf 900 km/h. Das erfordert höchste Konzentration und ständige Korrekturen der Höhe und des Kurses.

250 Meter in der Sekunde, 15 Kilometer in der Minute: Bei diesem Tempo schüttelt sich die Prowler wie ein Porsche, der ohne Stoßdämpfer über eine Schotterstrecke rast. Der Magen rebelliert, das Sichtfeld verengt sich. Bei solchen Einsätzen, sagen die Flugmediziner, gerate der Pilot in einen
»konstant überhöhten Erregungszustand«, die Herzfrequenz, die normal bei 70 Schlägen in der Minute liege, schnelle auf 170.

Zu spät erkannte der gestreßte Pilot die zwischen Cavalese und dem Berg Cermis gespannten Kabel der Seilbahn. Er wollte unten durch, doch der rechte Flügel der Maschine zerriß das Seil. Es war 15.12 Uhr. Die an dem Seil hängende Gondel stürzte donnernd ins Tal. 20 Menschen starben, unter ihnen 8 Deutsche.

Die Prowler kehrte, nur wenig beschädigt, nach Aviano zurück. Die Besatzung schaffte mit Wissen der Vorgesetzten in Windeseile die Beweisstücke beiseite: den Flugschreiber und ein Videoband mit Aufnahmen aus dem Cockpit.

Die italienische Regierung, die jahrelang die Eingaben ihrer Bürger gegen die gefährlichen Tiefstflüge unbeachtet ließ, protestierte bei den Amerikanern und verlangte eine Untersuchung durch italienische Staatsanwälte, lenkte dann aber schnell ein. Sie gab sich mit einem geheim geführten amerikanischen Ermittlungsverfahren zufrieden. Bei einer öffentlichen Untersuchung wäre nämlich herausgekommen, daß die Vorschriften für Mindestflughöhen in der Region (600 Meter) längst aufgehoben waren.

Um ein realistisches Training für Einsätze am Golf und auf dem Balkan zu ermöglichen, hatten die Verteidigungsminister die bis dahin gültigen Tiefflugbeschränkungen in Europa außer Kraft gesetzt.

Die Militärs in Aviano gingen bewußt hohe Risiken ein. Bei internen Vernehmungen sagten 15 Staffelkameraden von Ashby aus, sie seien auf Flugbeschränkungen nicht hingewiesen worden. Um weitere Enthüllungen zu vermeiden, enthob der Kommandierende General den Staffelkapitän seines Amtes. Ashby und Schweitzer müssen sich im Dezember und Januar wegen fahrlässiger Tötung und Vernichtung von Beweismitteln vor einem Militärgericht verantworten. Die Tiefstflüge in Europa gehen weiter.

Zur Ausgabe
Artikel 21 / 182

Mehr lesen über