Mit vollem Risiko
Nr. 11/2006, Theater: Debatte, Teil 2 - Ein kritisches Plädoyer für das moderne Regietheater im Bühnen-Kulturkampf
Welch ein schönes Gefühl, mich zwar unbewusst, aber dennoch seit langem in so herausragender gedanklicher Gesellschaft wie der von Aristoteles zu befinden: Das Lesen der Texte, nicht deren Aufführung sei der höhere Wert. Die Intention des Dichters ist wichtig - und nicht die von aktuellen politischen, sozialen und psychischen Ängsten und Vorlieben geprägten »Interpretationen«.
HAMBURG BIRGIT KLÄSENER
Im Gegensatz zu Lessings »Emilia Galotti« bittet heute eine Tochter nicht mehr den Vater um ihre Tötung, wenn sie Aussichten auf einen One-Night-Stand mit einem Fürstensohn hat. Sie ruft vielmehr die Boulevardpresse an. Im Gegensatz zur Grete in Goethes »Faust« wird eine Kindsmörderin heute nicht mehr hingerichtet. Sie wird psychiatrisch betreut. Die Konflikte der meisten klassischen Stücke müssen in ihrer hintergründigen Bedeutung erfasst werden. Ein Nachspielen der Handlung genügt nicht mehr. Deswegen benötigen wir ein mutiges Theater, und das bedeutet: Regietheater mit dem vollen Risiko des Scheiterns. Deswegen gehe ich ins »schauspielfrankfurt«.
FRANKFURT AM MAIN PROF. DR. LUKAS BORMANN
Ob eine Inszenierung »zeitgenössisch und modern« oder »konventionell und werktreu« ist, ist für mich grundsätzlich ohne Belang. Meine Fragestellung lautet: Ist die Inszenierung »stimmig«? Das bedeutet: Entspricht die Inszenierung den wesentlichen Intentionen, die der Autor oder Komponist mit seinem Werk verfolgt hat, oder meint der Regisseur, das Stück - sei es Schauspiel oder Oper - umdeuten zu müssen? Der Alberich im »Rheingold« als skrupelloser Kapitalist in Gestalt des Betreibers eines Kinderkarussells mag zwar originell sein, aber keineswegs hilfreich für die Werkerschließung. Meine Erkenntnis: Fast immer, wenn ein Regisseur sein Konzept seitenlang im Programmheft erläutern muss, ist er an seiner Aufgabe gescheitert - oft sogar grandios.
OBERHAUSEN HORST LUFT