SÜDAFRIKA Mitte des Nichts
Wir haben einige Ziegen und sonst nichts.« Mit verkrüppeltem Finger weist die alte Frau auf ihren Sohn, der vor der Lehmhütte hockt. »Er kann nichts tun, er sitzt nur da, beobachtet Sonnenauf- und -untergänge, nachts schläft er.« Joseph Duncan Kesimolotse Morolong, 51, ist »Gebannter«.
Vor fast 15 Jahren wurde der ehemalige Lehrer mit dem Bann belegt und in Tlhaping interniert, einem winzigen Dorf in der wüstenähnlichen nördlichen Kap-Provinz. Mitte der fünfziger Jahre war er Mitglied der Befreiungsbewegung ANC, 1956 wurde er erstmals aufgrund eines Sicherheitsgesetzes festgenommen, später aber freigesprochen.
Während des Ausnahmezustands im Jahr 1960 saß er abermals für fünf Monate ein, im März 1963 schließlich wurde er per Dekret des Justizministers zunächst für fünf Jahre in Tlhaping interniert, nach zwei Verlängerungen des Bannes hofft er am 31. März freizukommen.
»Eine barbarische Bestrafung« nennt die Oppositionsparlamentarierin Helen Suzman die Bannverfügung gegen Regimegegner. Joseph Morolong darf sich nur im Umkreis von zweieinhalb Kilometern von seiner Hütte aufhalten, von sechs Uhr abends bis sechs Uhr morgens sind es nur 50 Meter. Die Lehmhütte des nächsten Nachbarn ist außer Reichweite, auch der einzige Kramladen, die Post und die Polizeistation. Er darf keine Besucher empfangen, außer einem Arzt »für Ihre medizinische Betreuung oder die eines Haushaltsmitglieds«, so der Bannbefehl.
Joseph Morolong lebt mit seinen alten Eltern zusammen und mit zwei von seinen fünf Kindern. Seine Frau hat ihn verlassen, »sie konnte das harte Leben nicht mehr aushalten«, so Mutter Morolong. Der Lehrer darf keine »erzieherischen Anweisungen« erteilen, »außer an Personen, für die Sie als Elternteil gelten«. Er darf keine Kontakte mit anderen Gebannten unterhalten und »weder politischen noch geselligen Versammlungen beiwohnen«.
»Kurz gesagt«, so urteilte schon vor Jahren Johannesburgs liberale »Rand Daily Mail«, »Mr. Morolong ist gefangen in der Mitte des Nichts.«
Rund 165 Menschen sind gegenwärtig in Südafrika mit dem Bann belegt, der ohne richterliches Urteil nach Gutdünken des Justizministers verhängt wird. Schätzungsweise 800 Personen sitzen außerdem nach einem der zahlreichen Sicherheitsgesetze im Gefängnis -- oftmals, nachdem sie zunächst »nur« gebannt wurden.
Meist wurden Ärzte, Anwälte, Studenten, Priester und kirchliche Mitarbeiter, Gewerkschafter, aber auch politische Häftlinge, die ihre Strafe verbüßt haben, vom Bannstrahl des Justizministers James Thomas Kruger ereilt. Der ehemalige Führer der Widerstandsbewegung Pan African Congress zum Beispiel, Robert Sobukwe aus Johannesburg, wurde nach mehrjähriger Haftstrafe auf der berüchtigten Robben-Insel vor Kapstadt in der Provinzstadt Kimberley festgesetzt.
Winnie Mandela, die Frau des zu lebenslanger Haft verurteilten Farbigenführers Nelson Mandela, schickte der Justizminister Kruger in das Dorf Brandfort, »wo viel frische Luft ist« (Kruger). Der Leiter des Christlichen Instituts in Johannesburg, Christiaan Frederik Beyers Naudé, erhielt die Bannorder ebenso wie sein Verwalter Brian Joseph Brown und der Direktor des Kapstadt-Büros, Pfarrer Theo Kotze. Schließlich wurde das apartheidskritische Institut gänzlich verboten.
Wunderliches geschah bei der Bannung des schwarzen katholischen Priesters Smangaliso Mkhatshwa aus Pretoria. Jahrelang hatte der Geistliche vergebens die Zuteilung eines Hauses in einem der überfüllten schwarzen Vororte beantragt. Dann, mit dem Bannschreiben' erhielt er den Zuschlag. Die Sicherheitspolizei hatte kurzerhand eine Familie an die Luft setzen lassen und ihr Haus dem Priester zugewiesen.
Viele der bannbestraften Apartheidsgegner geraten schon nach wenigen Monaten in Vergessenheit, denn die meisten von ihnen dürfen nur jeweils eine Person treffen, und ihre Worte dürfen nicht mehr publiziert werden.
Der Bann wirkt sogar über den Tod hinaus. So darf der schwarze Bürgerrechtler Steve Biko, der im September in einem Gefängnis ums Leben kam, bis Februar in Südafrika nicht mehr zitiert werden. Denn erst zu diesem Zeitpunkt läuft seine Bannorder aus.
»Eine gebannte Person«, erklärte der südafrikanische Professor John Dugard' »ist unfreier als ein Häftling. Der kann wenigstens mit seinen Mitgefangenen und den Wärtern reden.«
»Die Ideen sollen in den Gehirnen verriegelt werden«, sagt die mittlerweile ebenfalls gebannte Soziologin Fatima Meer von der Natal-Universität in Durban. »Doch jeder Bann ist ein Nagel im Sarg für Südafrika, an dem die gegenwärtigen Herrscher zimmern.«
Einmal als Staatsfeinde abgestempelt, leben die Gebannten gefährlich: Dozent Richard Turner wurde Anfang Januar, kurz nach Mitternacht, in seinem Haus in Durban erschossen. Im März wäre sein Bann abgelaufen. Bitter kommentierte Turners Mutter: »Donald Woods wird beschuldigt, fortgelaufen zu sein. Dabei ist er genau vor einem solchen Schicksal weggerannt.«
Denn auch das Haus des gebannten »Daily Dispatch«-Chefredakteurs Woods war beschossen worden, seine Frau hatte Todesdrohungen erhalten, und seiner Tochter war ein mit ätzenden Chemikalien behandeltes T-Shirt durch die Post zugesandt worden.
Etliche Gebannte haben wie Donald Woods in den letzten Jahren die Flucht über die grüne Grenze gewagt, die Zurückgebliebenen leben mit der Angst. Ihre Widersacher greifen zu Mitteln des Psychoterrors, schlitzen etwa Haustiere auf, stecken Häuser und Autos an -- und geben neuerdings gezielte Schüsse ab.
Schon 1974 war Justizminister Kruger eine Liste von 400 ungeklärten Verbrechen übergeben worden, allesamt an Apartheidsgegnern verübt. Darauf Kruger ungerührt: »Was soll ich tun? Ich bin kein Polizist.«
in den letzten Wochen häuften sich die Anschläge auf Apartheidsfeinde:
>lm Dezember wurde ein Besucher im Haus von Fatima Meer durch Schüsse verletzt, zwei Autos gingen in Flammen auf.
* In die Wohnung des schwarzen Chefredakteurs Percy Qoboza von der -- mittlerweile verbotenen -- Zeitung »The World« flog eine Brandbombe.
* Anfang Januar erhielt der schwarze Chefredakteur der Kirchenzeitung »Voice« eine Briefbombe.
* Am Auto des schwarzen Anwalts Griffith Menge löste sich bei voller Fahrt ein Hinterrad, nachdem vorher einige Weiße -- so Augenzeugen -- die Radmuttern gelöst hatten.
Manche solcher Taten gehen auf das Konto der Vereinigung »Scorpio«, einer Gruppe selbsternannter Verteidiger des Apartheidsystems. Doch Terror üben nicht nur sie.
Eine Stunde vor dem Mord an Richard Turner wurde -- ohne Zusammenhang, befand die Polizei -- Ernest Mtshali durch mehrere Schüsse verletzt. Er hatte als Staatszeuge gegen ehemalige Kameraden aus der Widerstandsbewegung ausgesagt. Damit galt er als Verräter und sollte vermutlich liquidiert werden.
Johannesburgs »The Citizen« warnte jetzt vor »politischen Racheakten im IRA-Stil«. Einmal »auf der irischen Straße«, so das Blatt, »gibt es kein ZurUck mehr«.
Vor allem aber beweist die Eskalation der Gewalt, daß auch das drakonische Strafsystem der Weißen den Widerstandswillen der Schwarzen nicht zu brechen vermag. Das gilt nach Ansicht des schwarzen lutherischen Johannesburger Bischofs Manas Buthelezi vor allem für die Bannstrafe.
Bischof Buthelezi, in den Jahren 1973 und 1974 selbst gebannt, meinte: »In der Gemeinschaft der Schwarzen besitzt man so viel moralischen Rückhalt, daß der Bann niemanden demoralisieren kann.«
Diese Erkenntnis scheint sich auch bei Justizminister Kruger festgesetzt zu haben. Bei seinem großen Schlag gegen schwarze und weiße Regimegegner am 19. Oktober verhängte er über die Weißen ausnahmslos den Bann, die Schwarzen aber ließ er für unbestimmte Zeit in Haft nehmen.