Bosnien »Mladic wird bleiben«
SPIEGEL: Tagelang hat der amerikanische Unterhändler Richard Holbrooke um den Rücktritt Radovan Karadzics von allen politischen Ämtern gekämpft. Wer hat da so lange blockiert - Sie im Namen Ihres bisherigen Parteichefs oder der serbische Präsident Milosevic?
Buha: Jedes Wort der endgültigen Vereinbarung war strittig. Das liegt in der Natur dieser Gespräche.
SPIEGEL: Warum eigentlich? Das Abkommen von Dayton legt unmißverständlich fest, daß Karadzic alle politischen Funktionen aufgeben muß.
Buha: Es gibt, was die Beibehaltung des Parteivorsitzes betrifft, auch unterschiedliche Interpretationen innerhalb der internationalen Gemeinschaft. Sowohl US-Präsident Bill Clinton wie auch der EU-Beauftragte Carl Bildt definierten diesen Vorsitz zunächst nicht als offizielles Amt. Nun ist Karadzic auch davon zurückgetreten - wir hoffen, daß dies die letzte Forderung an uns bosnische Serben war.
SPIEGEL: Ist mit der Vereinbarung von Belgrad die Forderung, Radovan Karadzic und Ratko Mladic ans Internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag auszuliefern, zu den Akten gelegt?
Buha: Solange ich an den Gesprächen teilnahm, forderte Holbrooke keine Auslieferung der beiden nach Den Haag. Über General Mladic wurde überhaupt nicht gesprochen. Er wird Generalstabschef unserer Armee bleiben, solange unsere Regierung dies für nötig erachtet.
SPIEGEL: Wie reagieren Sie als Karadzics Nachfolger im Parteivorsitz auf die Vorwürfe der unabhängigen Experten, daß nach der Einnahme Srebrenicas Tausende von Moslems von den Serben exekutiert und in Massengräbern verscharrt wurden?
Buha: Zunächst - es gibt auch Tausende von serbischen Leichen, doch die scheinen niemanden zu interessieren. Wir werden alle Kriegsverbrechen, egal von wem sie begangen wurden, bestrafen. Aber eine Auslieferung an ein anderes Land kommt nicht in Frage, dies verbietet unsere Verfassung. Außerdem ist das Haager Tribunal eine politische und keine Rechtsinstitution...
SPIEGEL: ... eine sehr eigenwillige Interpretation...
Buha: ... und außerdem halte ich persönlich Karadzic und Mladic für unschuldig.
SPIEGEL: Werden Sie den beiden auch künftig bewaffnete Truppen stellen, um sie vor den Nato-Truppen zu schützen? Werden Sie wie Ihr Vorgänger weiter mit Kidnapping von Soldaten der Uno-Friedenstruppe und mit Blutbädern drohen, sollten die beiden verhaftet werden?
Buha: Nein, Kidnapping kommt nicht in Frage. Das waren vielleicht erste, unbedachte Reaktionen. Aber ein Chaos würde sicher entstehen, sollte sich die Nato auf ein solches Abenteuer, das den gesamten Friedensprozeß gefährden würde, einlassen. Ich habe in Genf eine Generalamnestie vorgeschlagen, da sonst die Bewegungsfreiheit in Bosnien zur Illusion wird.
SPIEGEL: Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun?
Buha: Sowohl die Moslems wie auch wir Serben haben jeweils eine Geheimliste von über tausend Kriegsverbrechern der anderen Seite erstellt, die nicht dem Haager Tribunal vorgelegt wurde. Jeden Moment können wir Moslems, die auf unserer Liste stehen, verhaften. Selbst Präsident Alija Izetbegovic würde nicht geschont. Wir haben Zeugen, daß er die Silos in Tarcin und Hadzici aufsuchte, in denen Serben gefangengehalten wurden.
SPIEGEL: Auch die Serben in Bosnien sind kriegsmüde, die meisten haben vor dem Krieg besser gelebt als heute. Gesiegt haben Sie nicht. Mit welchen Argumenten wollen Sie die Wahlen am 14. September für Ihre Partei gewinnen?
Buha: Unsere Partei hat unseren Staat, die Republika Srpska, ins Leben gerufen. Dessen Erhalt ist nach wie vor das Ziel des serbischen Volkes in Bosnien. Die Dayton-Vereinbarung enthält darüber hinaus Elemente, die sich erst später allen erschließen werden - unter anderem die Möglichkeit, daß wir Serben uns von der Föderation der Moslems und Kroaten endgültig abtrennen.
SPIEGEL: So interpretieren nur die Serben in Pale die Dayton-Vereinbarungen. Wollen Sie tatsächlich einen neuen Krieg riskieren? Präsident Izetbegovic drohte, die staatliche Einheit Bosniens notfalls mit Waffengewalt zu erringen.
Buha: Eine Wiederherstellung der Einheit wird es nicht geben. Das wäre aus unserer Sicht eine unzulässige Revision der Dayton-Vereinbarung, die klar von zwei souveränen Entitäten spricht, der serbischen und der moslemisch-kroatischen. Wir werden unsere eigene Polizei haben, und es wird auch keine gemeinsame Armee geben. Dayton regelt eindeutig, daß die Armee einer Entität die Grenzen der anderen nicht ohne Genehmigung der dortigen Regierung überschreiten darf.
SPIEGEL: Wo soll es dann innerhalb Bosniens überhaupt Gemeinsamkeit geben?
Buha: Diese wird sich im gemeinsamen Außenhandel und in der abgesprochenen Außenpolitik erschöpfen.
SPIEGEL: Was würde es für den serbischen Teil bedeuten, wenn die Föderation zwischen Moslems und Kroaten zerbräche?
Buha: Der ehemalige EU-Administrator von Mostar, Hans Koschnick, gestand mir schon vor zwei Jahren, daß er keine Chance für eine Vereinigung der Stadt Mostar sähe. Und Mostar ist das Spiegelbild der Föderation. Deren Ende würde das Ende der Dayton-Vereinbarung und damit des bosnischen Gesamtstaats bedeuten - und wir wären in diesem Fall automatisch ein unabhängiger Staat.
SPIEGEL: In Dayton war Belgrads Serbenpräsident Milosevic von Pale bevollmächtigt worden, über das Schicksal der bosnischen Serben zu entscheiden. Sehen Sie in ihm auch heute noch den Mitverantwortlichen für Ihre Politik?
Buha: Die internationale Gemeinschaft klammert sich an Milosevic, sobald es zu Krisensituationen kommt. Ich habe Herrn Holbrooke darauf hingewiesen, daß es höchste Zeit ist, diese Gewohnheit abzustellen. Alle Entscheidungen werden künftig direkt von uns getroffen.
SPIEGEL: Worin wird sich Ihre Politik künftig von jener unterscheiden, die Karadzic führte?
Buha: Auch bisher hat über unsere Politik nicht eine Einzelperson entschieden. Diese Praxis wird auch in Zukunft beibehalten. Unterschiede bestehen vielleicht in der Persönlichkeit, der Bildung, dem Temperament.
SPIEGEL: Werden Sie Ihren Vorgänger, der nicht mehr öffentlich auftreten darf, bei künftigen Entscheidungen dennoch konsultieren?
Buha: Die Autorität von Karadzic kann niemand zerstören. In der Politik finden sich immer Beispiele, wie Menschen auch ohne amtliche Funktion weiter das Geschick des Landes bestimmen. Der Geist überdauert. Ich werde mich künftig mit allen klugen Menschen beraten, nicht nur - aber eben auch - mit Dr. Karadzic.