MODELLFALL
Die Vorgänge an der Freien Universität Berlin erfüllen nicht nur die Studentenschaft in Berlin mit Sorge, war doch das Modell dieser Universität mit den weitreichenden Kompetenzen für den Asta auch für unsere Arbeit richtungweisend. Um so bestürzter waren wir, als wir von der weitgehenden Einschränkung der politischen Aktivität der Studentenschaft in Berlin hörten. Soll die Studentenschaft und ihre Selbstverwaltung aus dem Bereich der Mitverantwortung herausgedrängt werden? Soll die akademische Freiheit sterilisiert werden, indem man sie für die Studenten nur auf das Basteln von Stundenplänen beschränkt? Wohin das führen könnte, liegt auf der Hand. Hier könnte ein Präzedenzfall geschaffen werden, der weitgehende Folgen für die akademische Jugend, der späteren Führungsschicht der Bundesrepublik, haben könnte.
Braunschweig BERND-W. VAHLDIEK
Referat »Politische Bildung« des Asta der PH Braunschweig
Das »Berliner Modell« bedeutet nicht und hat nie bedeutet, daß die gewählte Studentenvertretung sich mit Fragen der Tagespolitik befaßt. Dazu sind die politischen Vereinigungen da. Die Studentenvertretung hat vielmehr Aufgaben der Mitwirkung und Mitbestimmung in den Fakultäten, im Senat und Kuratorium. Dazu haben die Studenten ihre Vertretung gewählt, nicht aber, um die 15 000 Studenten in Fragen der Tagespolitik zu vertreten. Das »Berliner Modell« sollte für ganz Deutschland vorbildlich werden; das hat die Studentenvertretung durch ihr Dilettieren in allgemeinen politischen Fragen gründlich zerstört. Jetzt lachen die westdeutschen Universitäten nur über die Idee, das »Berliner Modell« zu übernehmen. Forschung und Lehre sind immer noch die Aufgaben der Universität; hier liegt auch die Aufgabe der Studentenvertretung. Daneben sollen die Studenten, wie jeder Staatsbürger, sich politisch bilden und in den Vereinigungen verschiedenster Richtungen, betätigen. Das ist des Pudels Kern. Wir alle wünschen uns, daß die Berliner Studenten nicht unpolitisch sind, sondern aufgeschlossen, gut orientiert und interessiert. Aber die Studentenvertretung soll ihre Aufgaben als Teilorgan
der Universität in deren Aufgabenbereich wahrnehmen, nicht aber Tagespolitik betreiben. Sonst diskreditiert sie das »Berliner Modell« unheilbar.
Berlin PROF. DR. E. HEINITZ
Die Beschlüsse des Senats der Freien Universität und die Stellungnahme seiner Magnifizenz zur Einschränkung der Diskussionsfreiheit politischer Studentengruppen im Raum der Universität sind uns nicht nur unverständlich, sondern bringen die Gefahr der Entfremdung von Studentenschaft und Universität gegenüber ihrer politischen Verantwortung mit sich. Die Gefahr der Illusion angeblicher unpolitischer, in Wirklichkeit unkritisch politischen Vorurteilen folgender Wissenschaft droht sich zu wiederholen, die 1914 und 1933 die deutsche Universität ins Unglück gestürzt hat.
Wir begrüßen deshalb das Verhalten Professor Dr. Sontheimers gegen diese Beschlüsse.
Marburg PROF. DR. W. ABENDROTH
PROF. DR. H. DÜKER
PROF. DR. W. KLAFKI
PROF. DR. H. MAUS
PROF. DR. F. MERZ
PROF. K. SEIDELMANN
In Ihrem Artikel schreiben Sie: »Der für das kommende Semester bereits gewählte Asta-Vorsitzende Knut Nevermann, Sohn des abgehalfterten Hamburger (SPD-)Bürgermeisters ...«
Ihr Berichterstatter hätte wissen müssen, daß ich als Hamburger Bürgermeister nicht »abgehalftert« worden bin. Ich bin aus eigenem Entschluß zurückgetreten. Am Tage meines Rücktritts telegraphierte mir Herr Augstein wie folgt: »Voller Mitgefühl und Hochachtung - Rudolf Augstein«.
Was hat mein Rücktritt mit der Funktion meines Sohnes in der Berliner Studentenschaft zu tun?
Hamburg DR. PAUL NEVERMANN
Eines möchte ich als Student, der jetzt im dritten Jahr an der FU studiert, ausdrücklich klarstellen: Es sind nicht nur die konservativen Professoren, sondern auch die Linksaußen der Studentenschaft
- übrigens ausschließlich an der Philosophischen Fakultät beheimatet -, die lustig am Berliner Modell herumsäbeln. Bezeichnend ist, daß die Vertreter der genannten Gruppen, die allein dafür verantwortlich sind, daß der Konvent und Asta nun schon seit Jahren zu allen möglichen und unmöglichen Problemen mit Memoranden und Beschlüssen Stellung nehmen, nicht fähig oder willens sind, die Fragen anzupacken, die den Studenten wirklich unter den Nägeln brennen, wie zum Beispiel Studienreform und Studienpläne, Krankenversicherung, Studienbibliotheken und ähnliches. Es ist eben leichter, mit Beschlüssen zu politischen Tagesfragen Schlagzeilen zu machen, als tatkräftige Studentenvertretung zu praktizieren.
Berlin ULRICH HOPF
Heinitz*
Nevermann
* Ordentlicher Professor für Strafrecht, Prozeßrecht, Arbeitsrecht an der Berliner Freien Universität, Rektor der Universität von 1961 bis 1963, seit 1959 Präsident des Berliner Kammergerichts.