Möglicherweise - DER SPIEGEL
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Briefe

Möglicherweise
• aus DER SPIEGEL 22/1948
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Möglicherweise

In Nr. 20 gaben Sie einen höchst instruktiven Ueberblick über die Europa-Bewegung. Sie schrieben, daß Bürgermeister Brauer und Professor Rudolf Laun in Hamburg auf Veranlassung der Odeonstraße in Hannover absagten. Nun schreibt Professor Laun an »Die Welt«, Ausgabe vom 20. Mai, deren Berichterstattung den gleichen Tenor wie der »Spiegel« hatte, einen sonderbaren Brief.

Bei allem schuldigen Respekt vor der wissenschaftlichen Qualität seiner Magnifizenz kommt mir dabei doch das alte Wort in den Sinn: »Si tacuisses, philosophus mansisses«. Der Rektor verwahrt sich dagegen, die Einladung zum Kongreß als SPD-Angehöriger abgelehnt zu haben. Er findet Formulierungen, die jeden Kenner seiner nicht gerade eichenstarken persönlichen Haltung in politischen Fragen lächeln machen. Er habe die Einladung als Völkerrechtler erhalten. Wenn er nicht gefahren sei, so, weil er »aus verschiedenen Anzeichen, so aus dem Fernbleiben des Bürgermeisters, geschlossen habe, die Veranstaltung könne möglicherweise keine ganz überparteiliche sein.«

Gewundener geht es kaum. Bürgermeister Brauer ist nicht gefahren, weil er einer Parteiweisung folgte, darüber kann man reden, aber Brauers Haltung ist klar und moralisch unantastbar. Seine Magnifizenz schlägt Purzelbäume. Der Bürgermeister hat nie gesagt, er halte die Veranstaltung in Den Haag »möglicherweise für keine ganz überparteiliche«. Die SPD-Reichsleitung in Hannover hat das gesagt.

Fühlte Professor Laun sich als Völkerrechtler eingeladen, gab es nur eine Antwort: »Danke, ich komme!« Seine von ihm angestellte Ueberlegung hat wahrscheinlich gerade solange gedauert wie die Anweisung von der Odeonstraße in Hannover über das Hamburger Rathaus an die geladenen Mitglieder der SPD.

Hamburg

CARL LAUTE

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