Mörder mit Programm - DER SPIEGEL
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Artikel 15 / 31

PANTHER-BANDE Mörder mit Programm

• aus DER SPIEGEL 20/1953
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In den Saal 235 des Münchner Justizpalastes an der Prielmayerstraße hat eigens eine lange Bank geschafft werden müssen. Sie ist für acht junge Leute bestimmt, die hier, ihre Gesichter in das grelle Licht der riesigen Fensterfront des Saales gewandt, auf ihre Richter sehen sollen.

Die acht sind die überlebenden Mitglieder der »Pantherbande«. Mit roten, blauen und schwarzen Schlagzeilen hat die deutsche Presse den acht jungen Leuten schon seit Monaten das Etikett »Gefährlichste Verbrecherbande der Nachkriegszeit« angehängt. Schon Wochen vor dem Termin hatte der Leiter der Justizpressestelle, Landgerichtsdirektor Dr. Rittel, ankündigen müssen, er werde wohl gezwungen sein, genau wie im Auerbach-Prozeß Platzkarten auszugeben.

Was die »Pantherbande« in den Nachkriegsjahren zusammengebracht hat, sind

* drei Morde

* zwei versuchte Morde

* zwei schwere Raubüberfälle

* mehrere räuberische Erpressungen

* wenig Geld.

Zwei der Morde wurden an Mitgliedern der »Pantherbande« begangen, von denen ihre Genossen glaubten, sie würden die Bandendisziplin brechen.

Das, was die achtköpfige Bande jetzt vor Gericht bringt, ist schon am 19. Oktober 1951 in dem Augsburger Augusten-Kino passiert. Besucher des Ingrid-Bergman-Films »Weißes Gift« hatten in der Pause zwischen zwei Vorführungen aus einer der Toiletten drei Schüsse gehört. Als die Kinoangestellten schließlich nachsahen, fanden sie den zwanzig Jahre alten Erich Reutner mit Schußwunden in der Herzgegend auf dem Boden liegend.

Beamte der Kriminalpolizei stellten fest: Das Kaliber der Geschosse bei Reutner stimmte genau mit dem des Projektils überein, das wenige Tage zuvor, am 14. Oktober 1951, dem Leben des Rentners Matthias Augustin in München-Harlaching durch einen glatten Kopfschuß ein Ende gesetzt hatte.

Erich Reutner wurde aus der Augsburger Kinotoilette ins Krankenhaus gebracht. Amtmann Schmid vom Münchner Polizeipräsidium fuhr nach Augsburg und setzte sich an das Krankenbett Erich Reutners. Wenige Schritte entfernt war unter einem Arztkittel ein Miniatur-UKW-Sender in Buchgröße versteckt. Im Nebenraum nahm unterdessen das Abhörgerät »Golem 1951« (SPIEGEL 48/51) das Verhör auf Tonband auf. Es war das erste Mal, daß dieses Gerät in der Kriminaltechnik angewandt wurde.

Reutner hatte in der Kinotoilette Selbstmord begehen wollen. Voller Reue erzählte er dem Amtmann Schmid nun im Krankenbett, wie es komme, daß der Rentner Matthias Augustin mit einem Geschoß der Art ermordet wurde, mit der er, Reutner, sich umbringen wollte. Er erzählte von der »Pantherbande«. Vom Chef dieser Bande wußte er nur, daß er mit Vornamen Hugo heiße und zwei Tage später 21 Jahre alt werde. Das genügte.

Elf Tage, nachdem Reutners Schüsse im Augsburger Augusten-Kino gefallen waren, saß auch der letzte der Panther- Banditen hinter den Gittern der Stadelheimer Gefängniszellen. Was sich seitdem nach mühsamer

Kleinarbeit der Kriminalisten herausgestellt hat, sieht so aus:

Im Jahre 1943, als die alliierten Luftangriffe auf deutsche Städte immer intensiver wurden, entschloß sich, wie überall, auch in München die NSV, 65 Schüler der Münchner Luisenschule in das Kinderlandverschickungslager Aindling zu stecken. Das Zusammenleben im Lager, abseits von Stadt und Eltern, ließ in den Köpfen von fünfen der halbwüchsigen Jungen die Idee reifen, eine Indianerbande, den »Pantherbund«, zu gründen. Die Statuten wurden romantischerweise mit Blut unterzeichnet.

Zunächst war einer der schlechteren Schüler Chef des »Pantherbundes«; aber bald spielte sich ein anderer an die Spitze seiner Freunde: der Musterschüler Hugo Werner, Sohn eines Chemigraphen, ein Junge, der gern und viel las und dem das Lernen leicht fiel. Der 15jährige entwarf seinen Freunden phantasievolle Pläne von dem, was der »Pantherbund« alles einmal machen müsse. An Hand von Indianer-Büchern unterrichtete Hugo Werner seine »Panther« im Anschleichen, Spurenlesen und Überrumpeln.

Der Krieg ging zu Ende, und nach 1945 trafen sich die fünf, inzwischen schulentlassen, in München wieder. Hugo Werners Vater war 1944 durch Bomben umgekommen. Einer seiner Kumpane schilderte dem Staatsanwalt: »Nach dem Tode seines Vaters bekam er einen brutalen Zug um den Mund, er war ganz verändert.« Mit dem Indianerspielen war es nun vorbei, aber Hugo Werner hatte andere Ideen, wie man in der chaotischen Nachkriegszeit die Indianerbündelei aus dem KLV-Lager auf entschieden weniger harmlose Weise fortsetzen konnte. Die fünf fingen an zu stehlen, stiegen in amerikanische Unterkünfte ein, organisierten Lebensmittel und verhökerten sie.

Sie suchten Kontakt mit einer anderen Gruppe, als deren stellvertretender Chef ein kräftiger junger Mann namens Albrecht Sticht fungierte. Albrecht Sticht war 24 Jahre alt, Hugo Werners Pantherbündler erst 15 und 16. Hugo Werner dachte, daß er zusammen mit des älteren Albrecht Stichts Leuten eine kampfstärkere Bande aufstellen könne.

An dem naßkalten Abend des 23. November 1946 startet der 15jährige Hugo Werner mit dreien seiner Pantherleute und Albrecht Sticht den ersten Raubzug größeren Formats. Hugo Werner läuft mit einem Kollegen auf die Großtankstelle »Zentralwerkstätten« an der Brienner Straße 50 zu, die anderen stehen Schmiere. Benzinmarken und Werkzeug sollen geraubt werden. Die beiden haben Pech und laufen dem Nachtwächter in die Arme. Der Nachtwächter nimmt Hugo Werners Kollegen fest und bringt ihn in das gleich um die Ecke gelegene Zentralamt für Kriminal-Identifizierung. Hugo Werner verschwindet.

Er hat in dem Handgemenge mit dem Nachtwächter aber seine Pistole im Büro verloren und kommt mit einem Kollegen, der Schmiere gestanden hatte, zurück. In der Dunkelheit und dem Durcheinander sieht der zur Verstärkung herangeholte Bandit einen Mann auf sich zukommen, den er für den Nachtwächter hält. Er legt an und drückt ab; aber er hat seinen Chef Hugo Werner in die Brust geschossen. »Jetzt ist es aus«, stöhnt Werner. Aber es ist halb so schlimm. (Die Wunde verheilt später ohne ärztliche Behandlung.)

Ohne Benzinmarken und ohne Werkzeug geht Hugo Werner mit seinen zwei Leuten - einer sitzt bei der Kriminal-Identifizierung - und dem Albrecht Sticht nach dem mißglückten Überfall in die Hausruine am Habsburger Platz 5.

Es wird nun schwer zu ergründen sein, was Hugo Werner wohl bewegt haben mochte, auf dem Weg zur Ruine einem seiner Leute leise zu sagen: »Der Sticht muß weg.« Hugo Werner ist der intelligenteste seiner Leute. Sie stehen völlig unter seinem Einfluß. Was er sagt, wird getan. Möglich, daß Hugo Werner fürchtete, der neue Mann könne die Pantherbande verraten.

In der Hausruine treffen schließlich alle vier in der Waschküche zusammen. Sie machen im Waschkessel Feuer. 23 Minuten später hebt auf Befehl Hugo Werners einer seiner Leute die 7,65er Pistole, hält sie 5 Zentimeter hinter das Genick des vor ihm stehenden Albrecht Sticht und drückt los. Sticht bricht lautlos zusammen. Der entscheidende Schritt zum Verbrechen ist getan.

Werner beugt sich über die Leiche und horcht. Als kein Lebenszeichen mehr zu hören ist, zieht er den Toten bis auf die Haut aus, verschenkt die Schuhe an einen seiner Leute und verbrennt die übrigen Kleider. Die Leiche schleppen sie zu zweit in ein anderes Kellerabteil und bedecken sie mit Schutt.

Noch am gleichen Abend, an dem der Tankstellennachtwächter den einen Panthermann zum Institut für Kriminal-Identifizierung gebracht hatte, wird die »Pantherbande« von amerikanischer Militärpolizei festgenommen. Hätten die amerikanischen und deutschen Polizisten in der Hausruine am Habsburger Platz 5 ein bißchen länger gesucht, wären sie sicher auf die nackte Leiche des gerade ermordeten Albrecht Sticht gestoßen. So werden die Pantherleute nur wegen ihrer Eigentumsdelikte am 15. Februar 1947 in das Jugendgefängnis Niederschönenfeld gebracht.

Im Gefängnis reift in des halbwüchsigen Hugo Werners Hirn der Plan, seine Bande nach der Entlassung mit festen Statuten neu zu gründen. Als sich zwei Jahre später die Tore des Jugendgefängnisses vor ihm und seinen Leuten öffnen, konstituiert sich die »Pantherbande« neu.

Die Statuten:

* Art. 1: »Erreichung eines sicheren, alle Mitglieder zufriedenstellenden Lebensstandards, unter Zuhilfenahme aller gesetzlichen und ungesetzlichen Mittel.«

Der höhere Lebensstandard ist etwas, was die Pantherleute lockt. Auf übliche Weise würden sie ihn kaum erreichen können. Aber dieser intelligente Hugo Werner wird es für sie schon machen.

In Artikel 3 steht »auf Verrat der Tod«. Hugo Werner, inzwischen 17 Jahre alt geworden, stellt ein »Aufrüstungsprogramm« auf. Alle Mitglieder der Bande haben zu versuchen, Waffen zu besorgen. Die aus geplanten Unternehmen erzielten Gewinne werden in die »Bundeskasse« eingezahlt, nur ein kleiner Teil der Beute wird verteilt, um keinen Verdacht zu erregen. Jeder hat ferner ein festes Arbeitsverhältnis einzugehen. (Hugo Werner selbst ist Maurer, er bestand seine Gesellenprüfung mit »sehr gut«.)

An der Beute ist jeder der Bande beteiligt, gleichviel, ob er an dem Unternehmen teilnahm oder nicht. Die geplanten Unternehmen werden im »Forum«, der Hauptversammlung, in einem abgelegenen Teil des Münchner Englischen Gartens oder am Schuttberg des »Luitpoldparkes« diskutiert. Jedes Bandenmitglied hat eine Stimme. Einberufen werden die Mitglieder durch Verbindungsmänner. Aus dem Indianerbund der Halbwüchsigen im KLV-Lager ist eine perfekte Mordgesellschaft geworden.

Im Frühjahr 1949 wendet sich einer der Pantherbanditen, der inzwischen 17jährige

Alois Lechhart, an seinen Bandenchef Hugo Werner: »Kannst du mir nicht 30 Mark geben? Ich will mich bei der Fremdenlegion melden. Ich habe aber das Fahrgeld nicht.« Aus der »Bundeskasse« zahlt Werner schließlich an Lechhart die 30 Mark aus.

Chef Werner ist erstaunt, als er einige Monate später denselben Lechhart am Gärtnerplatz wiedertrifft. Werner ist mißtrauisch geworden. Lechhart ist auch der Mann, der 1946 von dem Tankstellennachtwächter zur Kripo gebracht worden war, am gleichen Abend, an dem anschließend die Pantherbande hochgenommen worden war. Hugo Werner läßt seine Bande zum Forum einladen. An dem Schuttberg gibt er eine Übersicht über den »Verrat« des Lechhart. Er verlangt endlich Ausstoß aus der »Pantherbande«. Drei stimmen zu. Das heißt nach den Statuten: Lechhart ist zu töten.

Und während wenige Tage später einer der Banditen den abtrünnigen Alois Lechhart

für Samstag, den 13. August 1949, zum Aumeister, einer Gaststätte vor den Toren Münchens, zum Waffenreinigen einlädt, gibt Banditenchef Werner die Parole aus: »An diesem Samstag ist Lechhart zu erschießen.« Einer bekommt den Auftrag, den Lechhart am Aumeister zu erwarten und mit ihm auf dem Weg innerhalb der Isarauen nach Großlappen zu fahren.

Am Samstag gegen 14 Uhr trifft sich Hugo Werner mit einem seiner Leute. Ehe beide wegfahren, stellen sie noch die Küchenuhr um eine Stunde vor, um, falls etwas schiefgeht, ein zeitliches Alibi zu haben. Dreißig Minuten später trifft der Beauftragte beim Aumeister mit Lechhart zusammen. Beide fahren mit ihren Fahrrädern durch die Isarauen in Richtung Großlappen. 500 Meter hinter ihnen folgt unbemerkt Bandenchef Hugo Werner. Ab und zu blickt er nach hinten, um festzustellen,

ob Lechhart etwa Hilfe mitgebracht hat.

Freundschaftlich begrüßt Werner den Lechhart. Zu dritt fahren sie noch ein Stück weiter isarabwärts und schieben dann die Fahrräder in ein Unterholz. »Ich werde dir jetzt meine Gewehre zeigen«, meint der Werner zu Lechhart harmlos. Werner steigt auf einen Baum und holt dort einen Karabiner herunter. Alle drei besichtigen ihn. Werner öffnet das Schloß und zeigt, daß sich noch vier Patronen in der Kammer befinden. Er schließt die Kammer und lädt den Karabiner durch.

Noch hat Werner keine günstige Schußposition. Alle drei gehen deshalb in ein Gebüsch, um ein zweites Gewehr zu suchen. An einer undurchdringlichen Stelle läßt Werner den Lechhart ein bis zwei Meter vorausgehen. Dann fällt der Schuß, aus der Hüfte abgegeben. Lechhart bricht zusammen; da er noch Lebenszeichen von sich gibt, feuert Werner noch einen zweiten Schuß auf ihn ab. Rechts seitlich von Werner aber grinst der Begleiter seinem Chef zu: »Gut gemacht.«

Der tote Lechhart wird in ein Dickicht geschleift, ausgezogen und mit Reisig bedeckt. Ein Bandenmitglied bekommt den Auftrag, am Montag zu Anni Eglseder, der Braut des Lechhart, in die Frauenhoferstraße zu gehen. Er soll sich dort nach dem Verbleiben von Annis Bräutigam erkundigen. Tränenüberströmt findet der Gangster das Mädchen am Montag in seiner Wohnung. »Da muß man unbedingt zur Polizei gehen«, rät er. Im Polizeirevier am Baldeplatz machen schließlich beide eine Vermißtenanzeige.

Eineinhalb Jahre später: Am 30. Januar 1951 unternimmt Hugo Werner mit nur einem Kollegen einen anderen Coup. Um 19 Uhr stehen die zwei pistolenbewaffnet an der Ecke Clemens-/Bismarckstraße. Hugo Werner: »Bleib du hier stehen und komm erst nach, wenn ich dir ein Zeichen gebe.«

Während der Kollege vor dem Zigarrenladen des Händlers Josef Gassner, 60, Schmiere steht, grüßt Werner drinnen den verdutzten Zigarrenhändler mit seiner schußbereiten Pistole: »Stellen Sie sich in die Ecke.« Nun hatte Hugo Werner nicht damit gerechnet, daß der 60jährige Greis ihn am Rockkragen zu fassen bekommen würde. Deshalb gibt Werner einen Schuß auf den Oberschenkel Gassners ab. Ohne Beute ziehen Werner und sein Kumpan fort.

Der 20. Februar 1951 wird für den Kassenboten Martin Plenagl vom Hauptzollamt an der Landsberger Straße ein schwarzer Tag. Einer der Wernerschen Banditen, der selbst Kassenbote ist, hatte dem Forum schon im Herbst 1950 mitgeteilt, daß in der Landeszentralbank ein Geldbote des Zollamtes verkehren würde, der mindestens 5000 Mark mit sich herumtrage. Regelmäßig kurz nach 10.30 Uhr verlasse dieser Bote das Zollamt an der Landsberger Straße.

Auf die Pünktlichkeit des Kassenboten stellt Bandenchef Werner seinen Plan ab. Drei seiner Leute werden am Schuttberg im Luitpoldpark für den Raubüberfall bestimmt. Waffen und ein Taxi sind zu besorgen. Da keiner von den Banditen ein Auto fahren kann, wird der 20jährige Erich Dietz angeheuert, den Bandenchef Werner im Gefängnis Niederschönenfeld kennengelernt hatte. Dietz macht seine Beteiligung davon abhängig, daß er vierzig Prozent der Beute bekommt.

Am Sonntag, dem 18. Februar 1951, bespricht Werner mit einem seiner Leute und Kraftfahrer Dietz die Einzelheiten des geplanten Unternehmens. Ein Panthermann, der ursprünglich mitmachen sollte, wird befreit, weil er sich für eine Elektrikerprüfung vorbereiten muß.

Hugo Werner hält auf strikte Ordnung unter seinen Bandenmitgliedern und achtet darauf, daß sie etwas Anständiges lernen. Als einer seiner Leute einmal von Hause weggelaufen war, schickt ihn Chef Werner zur Mutter zurück. Werner hat sich zum Ziel gesetzt,

* in eineinhalb bis zwei Jahren etwa 1,5 Millionen Mark zu erbeuten, damit der in den Statuten vorgesehene zufriedenstellende Lebensstandard erreicht werden kann. Dann wollen die Pantherleute als biedere Geschäftsleute untertauchen.

Und dazu muß man ja etwas Ordentliches gelernt haben.

Am Dienstag, dem 20. Februar, treffen sich Bandenchef Hugo Werner und Kraftfahrer Dietz am Sendlingertorplatz und mieten ein Taxi. Fahrer dieses Taxis ist der 70jährige Matthias Hoellriegel. »Hochleite« gibt Hugo Werner als Ziel an. In der Harthauserstraße, gegenüber dem Hause 109, läßt Werner den Fahrer Hoellriegel anhalten und setzt ihm den Lauf seiner geladenen 7,65-mm-Pistole ins Genick. Hoellriegel wird aufgefordert, den Fahrersitz zu verlassen. Der Bandenchef versichert ihm, es werde ihm nichts passieren, wenn er sich ruhig verhalte und weiter mitfahre.

Kraftfahrer Dietz rückt nach vorn, setzt sich die Mütze des Taxifahrers Hoellriegel auf den Kopf und braust bis zur Hauptstraße München-Grünwald los. Bei Geiselgasteig biegt er in den Perlacher Forst ein. Dort läßt Werner anhalten und will den Taxifahrer Hoellriegel fesseln. In seiner Not bietet der Taxifahrer seine ganze Barschaft von 500 Mark an. »Laß dein Geld stecken, das haben wir nicht nötig, wir holen uns gleich mehr.« Der Taxifahrer Hoellriegel verspricht, bis um 11 Uhr nicht zur Polizei zu gehen.

Das Taxi wendet ohne Hoellriegel und braust in Richtung Stadtmitte ab. An den Propyläen am Königsplatz steigt noch ein Bandit zu. Um 10.25 Uhr trifft der Wagen programmgemäß am Hauptzollamt ein. Fahrer Dietz fährt ihn rückwärts in die

Hofeinfahrt, damit diese für andere Fahrzeuge blockiert ist. Bei abgestelltem Motor bleibt er am Lenkrad sitzen, während Hugo Werner und sein Kumpan auf dem Gehsteig Aufstellung nehmen. Werner steht in der Nähe der an der Kreuzung Landsberger/Rudelsberger Straße befindlichen Telephonkabine, sein Kumpan unmittelbar vor dem Zollamtshof. Fünfzehn Minuten später gibt der Kumpan das verabredete Zeichen, indem er den Hut lüpft. Der Kassenbote kommt.

Fahrer Dietz läßt in diesem Augenblick den Motor anspringen. Hugo Werner läuft auf die Toreinfahrt zu und trifft dort mit dem Kassenboten, dem 57jährigen Martin Plenagl, zusammen. Werner fragt den Plenagl nach der Zollabfertigung, um etwas Zeit zu gewinnen, da in diesem Augenblick drei Männer die Toreinfahrt passieren. Dann zieht er die schußfertige 7,65-Millimeter-Pistole aus der Tasche, setzt sie Plenagl an den Unterleib und fordert ihn auf, sofort und ohne Widerstand in das danebenstehende Auto einzusteigen.

Als Plenagl sich weigert, zerrt Bandenchef Werner den Kassenboten in den Wagen. Noch immer windet sich Plenagl, da setzt Werner die Pistole auf den Rücken des Kassenboten in der Höhe der Nierengegend und feuert den ersten Schuß ab. Plenagl taumelt zurück, Werners Kumpan entreißt ihm die Aktentasche, und in Sekunden ist der Wagen verschwunden. Als Bandenchef Werner die Aktenmappe aufmacht, ist sie leer.

Am Samstag, dem 6. Oktober 1951, trifft einer der Banditen in der Münchner Reichenbachstraße den Erich Reutner, den er noch vom Jugendgefängnis Niederschönenfeld her kennt (und der sich später im Augsburger Augusten-Kino eine Kugel in den Leib schießt). Reutner war schon ein paarmal aus der Erziehungsanstalt weggelaufen. »Wie geht's«, fragen sie sich gegenseitig. Reuter: »Machst denn du nichts mehr?« Die Antwort: »Ja, weißt du denn etwas Größeres?« Reutner: »Ich wüßt' schon etwas.« Er fügt aber in Erinnerung an die Zellen in Niederschönenfeld hinzu: »Aber für mich kommt nur eine ganz sichere Sache in Frage.« Vor allem müßten Waffen da sein.

Dem Reutner wird zu verstehen gegeben, um Waffen brauche er sich nicht zu kümmern. Sie seien in genügender Zahl vorhanden. Reutner wieder: Er kenne ein Gastheim in Geiselgasteig, in dem vornehmlich Filmschauspieler absteigen. Dort könnte man mindestens 3000 Mark herausholen. Die Antwort: »Das ist doch nichts.« Reutner erneut: Dann wüßte er eine andere Sache in Harlaching bei seinem Onkel, dem Gärtnermeister Augustin. Dort seien mindestens 10 000 Mark zu holen.

Für Freitag, den 12. Oktober, 20 Uhr, bestellt der Gesprächspartner den Erich Reutner in die Isarauen an der Ecke Ohlmüller/Eduard-Schmid-Straße. Dort wiederholt Reutner seinen Vorschlag vor Bandenchef Hugo Werner. Nach der Besichtigung beider Örtlichkeiten trennen sich die Banditen bis zum Sonntag um 19 Uhr in der Kapelle von Geiselgasteig.

An diesem Sonntag trifft sich Reutner um 18 Uhr, eine Stunde vor der verabredeten Zeit, mit einem Hausnachbarn, dem 21 Jahre alten Hugo Weitl. Was hier besprochen wird, ist nicht für die Ohren des Bandenchefs Hugo Werner bestimmt. Weitl soll zur Zeit des Einbruchs in der Villa in Geiselgasteig unter einem verabredeten Fenster stehen, um dort die von Reutner hinuntergeworfenen Gelder in Empfang zu nehmen und dann zu verschwinden, ohne mit Bandenchef Werner zu teilen.

Um für später auf alle Fälle ein Alibi zu haben, trifft sich unterdessen Bandenchef Hugo Werner mit zweien seiner Leute. Sie erhalten Auftrag, falls etwas schiefgeht, auszusagen, daß er mit ihnen in den »Augusta-Lichtspielen« und im »Weißbräu« gewesen sei.

Gegen 18 Uhr verläßt der Chef seine Wohnung. In eine Aktentasche hat er drei Pistolen, einen Staubmantel, zwei Schals und zwei Paar Handschuhe gepackt. In der Herzogstraße holt er einen Kumpan ab. Dann fahren beide mit der Straßenbahnlinie 25 vom Ostfriedhof aus nach Geiselgasteig. An der Haltestelle Bavariafilm steigen sie aus. In den Anlagen oberhalb des Isarhanges wartet schon Neu-Pantherbandit Reutner.

Bei der Wirtschaft »Zur Einkehr« gehen alle drei die Isarhänge hinunter. Unter einem Baum verteilt der Chef die Waffen. Reutner bekommt eine Walther-Pistole, 7,65 mm, Chef Werner rüstet sich mit einer spanischen »Martina«, Kaliber 7,65 mm, aus, und der dritte Mann bekommt eine Pistole 08. Chef Werner: »Auf Zivilisten wird nur dann geschossen, wenn sie Widerstand leisten. Auf Polizisten rücksichtslos drauf. Auf Zivilisten schießt ihr nur in Unterleibshöhe und auf die Beine. Ihr wartet aber in jedem Falle meine Weisung ab.

Mit einer Kombinationszange ausgerüstet, um beim Eindringen in das Haus sofort die Telephonleitungen zerstören zu können, ziehen sich die Banditen die Handschuhe an und maskieren sich mit den von Chef Werner mitgebrachten Schals. Die Pistole im Anschlag, läutet Werner an der Tür. Der Geschäftsführer Geitner öffnet. »Hände hoch!«, platzt es ihm entgegen. In der Küche sitzen vier Frauen. »Hände hoch!« Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schießt Bandenchef Werner einmal in die Tischplatte.

Sein Kumpan bringt unterdessen den Geschäftsführer Geitner mit. Geitner muß sich zu den schon aufgestellten Frauen gesellen. Hugo Werner geht nach oben, um das Haus nach weiteren Personen zu durchsuchen. Im Büro trifft er mit Erich Reutner zusammen. Aus dem Schreibtisch hat Reutner gerade eine verschlossene Kassette herausgeholt. Geschäftsführer Geitner muß sie öffnen. In ihr finden die Gangster Schmuck.

Werner: »Habt ihr auch Bargeld im Haus?« Geschäftsführer Geitner: »Ja, 320 Mark.« Werner: »Nicht mehr?« Die Pistole im Rücken spürend, wieder Geitner: »Kontrollieren Sie doch die Geschäftsbücher.«

Das tut denn Bandenchef Werner auch in aller Ruhe. Erich Reutner holt sich indessen einen grauen Anzug und einen Sommermantel. Er findet auch noch ein Lederetui mit Schmucksachen. Mehr ist nicht im Hause.

Werner: »Sie haben mich angelogen. Wo ist das übrige Geld? Wenn nicht augenblicklich mehr Bargeld erscheint, dann werde ich ganz andere Saiten aufziehen.« Mit seiner Pistole in einen Tellerhaufen stoßend, daß die Splitter nur so herumfetzen, nimmt sein Kumpan ein langes Küchenmesser, setzt es dem Geschäftsführer Geitner an die Kehle und schreit: »Geld her, sage ich.«

Da passiert nun etwas, womit auch Bandenchef Werner nicht gerechnet hatte: Das Licht geht im ganzen Hause aus. Reutner hatte nicht nur die Telephonleitung, sondern auch die Lichtleitung zerschnitten. Mit zwei Kerzen in der Hand schließt Bandenchef Werner den Weinkeller auf. Die Frauen werden dort eingesperrt: »Wenn ihr nicht mindestens fünfzehn Minuten ruhig seid, wird durch die Fenster geschossen«, erläutert Werner. Aus

dem Keller holen sich die Banditen zwei Herrenfahrräder und ein Damenfahrrad. Dann geht es in Richtung Harlaching zum Überfall auf Reutners Onkel, den Gärtnermeister Augustin.

Unterwegs wirft Reutner sein Rad weg. Er fährt mit der Straßenbahn zum Authariplatz. Dort trifft das Kleeblatt wieder zusammen. Chef Werners ursprünglicher Plan, das Augustin-Haus durch die Terrassentür anzugehen, fällt ins Wasser. Die Tür ist durch einen Rolladen gesichert. Es wird beschlossen, das Experiment von Geiselgasteig zu wiederholen.

Reutner und der dritte Mann stellen sich schußbereit auf. Weil sich im oberen Teil der Tür eine Glasscheibe befindet, bücken sie sich, um von innen nicht gesehen zu werden. Hugo Werner drückt auf den Klingelknopf.

Die Tür öffnet sich. Da schnellt Werners Begleiter hoch und drückt die Tür auf, um ins Haus zu kommen. Hinter der Tür aber drückt der 70jährige Gärtner Augustin mit aller Gewalt dagegen. Er schreit um Hilfe. Und als sein Sohn Oskar nun auch noch dagegendrückt, da geht die Tür beinahe wieder zu. Aber in diesem Augenblick schießt Hugo Werners Begleiter durch die Tür. Die Kugel durchschlägt die Tür und dringt in den Kopf des alten Augustin ein. Der Gärtner bricht tot zusammen. Was jetzt folgt, ist wilde Flucht.

Am 19. Oktober 1951 fährt dann der Amtmann Schmid von der Münchner Mordkommission nach Augsburg in das Krankenhaus, um den Beinahe-Selbstmörder Erich Reutner mit einem Tonbandgerät zu überführen. Aber es ist nicht festzustellen, wo sich Bandenchef Hugo Werner aufhält. Zehn Tage später aber sitzt auch Werner.

Er erzählt: Die »Pantherbande« hatte vor:

* den Geldtransport von der Bayerischen Staatsbank zum Arbeitsamt in der Thalkirchner Straße zu überfallen. Hierzu waren von Werner zwischen 3 und 7 Uhr morgens lange Zeit Beobachtungen angestellt worden;

* mehrere Totostellen im Stadtinnern auszuplündern. Vier Monate lang mußten drei Pantherleute alle Geldtransporte von den einzelnen Totostellen zur Staatlichen Lotterieverwaltung beobachten. Alle an- und abfahrenden Kraftfahrzeuge wurden notiert;

* den Kassenboten der Spedition Schenker in der Arnulfstraße auf dem Wege zur Bayerischen Verkehrsbank in der Prannerstraße zu überfallen. Jeden 1. und 15. des Monats trug er 100 000 Mark bei sich. Der Überfall sollte in der Halle der Bank stattfinden, weil die Banditen sich einbildeten, die Bank habe keine ausreichende Sicherungsanlage. Die Bankkunden sollten gezwungen werden, sich auf den Boden zu legen;

* die Kasse der Güterabfertigung in der Arnulfstraße auszuheben. Jeden Mittwoch um 8 Uhr befanden sich dort 23 000 Mark.

Die phantastischen Pläne des ehemaligen Musterschülers und erstklassigen Maurergesellen Hugo Werner haben sich nicht erfüllt. Er hat nur einen winzigen Bruchteil der veranschlagten 1,5 Millionen Mark zusammenrauben können, und mit dem zufriedenstellenden Lebensstandard ist es nichts geworden. Auf seinem vorgeplanten Weg vom Verbrecher zum Kleinbürger blieb er auf der Strecke.

Ein medizinisches Gutachten von Obermedizinalrat Dr. Lothar Gerweck schildert alle Pantherleute als »weder geisteskrank noch abartig«. Die strafrechtliche Verantwortung wird in dem Gutachten bejaht.

Der Psychologe Dr. Heldwein gibt diese Deutung: Die »Pantherbande« wollte etwas leisten; das übersteigerte Bedürfnis hierzu machte sie zum Verbrecherklub; es handelt sich nicht um Verbrechertypen allgemein. Im Dschungel der Rücksichtslosigkeit und Unmoral der Nachkriegszeit konnte auch ein Jugendlicher nur zersetzende Beispiele in sich aufnehmen. Die »Pantherbande« ist ein Beispiel dafür, wieweit der Zersetzungsprozeß in Teilen der jugendlichen Generation vorangeschritten ist.

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