Mörderischer Protest - DER SPIEGEL
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CHINA Mörderischer Protest

Neue blutige Unruhen 30 Jahre nach dem tibetischen Volksaufstand: Peking verhängte das Kriegsrecht.
• aus DER SPIEGEL 11/1989
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Im Morgengrauen begannen Menschenmassen aus der Hauptstadt Lhasa hinauszuströmen. Gegen neun Uhr hatten sich 30 000 Tibeter vor der Sommerresidenz des Dalai-Lama eingefunden. Der Gottkönig, so Gerüchte, sollte von den Chinesen entführt werden.

In der Stadt gingen chinesische Soldaten an strategisch wichtigen Plätzen in Stellung. In den Gassen der Altstadt sammelten sich Demonstranten. »Von nun an«, riefen protestierende Frauen, »ist Tibet unabhängig.«

Das war im März vor 30 Jahren, und die Tibeter irrten. Als der Konflikt mit den chinesischen Besatzern eine Woche später zum offenen Kampf eskalierte und der Dalai-Lama schließlich mit über 100 000 seiner Anhänger ins indische Exil fliehen mußte, hatten die Tibeter keine Chance mehr. Die Revolte wurde von den Bataillonen Pekings brutal unterdrückt. Die chinesische Armee, deren Einmarsch auf das Dach der Welt 1950 den Anschluß Tibets an die Volksrepublik besiegelt hatte, kartätschte, acht Jahre nach der »friedlichen Befreiung«, den Widerstand der Tibeter zusammen. Fortan herrschte Friedhofsruhe.

Schauplatz Lhasa, 30 Jahre später: Demonstranten liefern sich mörderische Straßenschlachten mit Sicherheitskräften, Büros werden verwüstet, Geschäfte brennen, in der Altstadt werden Barrikaden errichtet. Über Lhasa steigen Rauchschwaden auf. Bei den mehrtägigen Gewalttätigkeiten werden Dutzende erschossen und erschlagen. Flugblätter fordern: »Chinesische Invasoren - verlaßt Tibet«.

Begonnen hatte der blutige Protest mit dem Marsch einer kleinen Gruppe jugendlicher Mönche und Nonnen, die am vorletzten Sonntag unter der verbotenen Flagge des freien Tibet (der Schneelöwe über aufgehender Sonne) zum Dschokhang-Tempel zogen. Der Gedenkmarsch für die Opfer einer Demonstration, bei der im vergangenen Jahr an die zwei Dutzend Menschen umgekommen waren, wuchs schnell zu einer bedrohlichen Masse: Bald waren es mehrere hundert Tibeter, die, Parolen rufend, rund um den heiligsten Schrein des Lamaismus liefen. Polizei und Miliz, unfähig den Demonstrationszug zu stoppen, schossen erst mit Tränengas, später mit scharfer Munition in die Menge.

Der Zorn der aufgebrachten Demonstranten kehrte sich gegen die Symbole der verhaßten Pekinger Herrschaft: Ein tausendköpfiger Mob zog randalierend durch Lhasa, plünderte chinesische Läden und Restaurants, demolierte Polizeifahrzeuge und Feuerwehrwagen.

Wo chinesische Miliz oder Soldaten mit Tibetern aneinandergerieten, entlud sich der angestaute Haß in Grausamkeiten. Touristen beobachteten, wie ein Dutzend Uniformierter einen Tibeter zu Fall brachten und dann den am Boden Liegenden zusammentraten. Fanatisierte Tibeter ließen ihre Wut auch an völlig unbeteiligten Chinesen aus, verprügelten und steinigten sie.

Am Dienstag stellte Peking Tibet unter Kriegsrecht: »Fortgesetzte Unruhen einer kleinen Minderheit von Separatisten«, so begründete der Staatsfunk den Ausnahmezustand, »haben die öffentliche Ordnung ernstlich gefährdet.«

Das ist propagandistisch untertrieben: Die Auseinandersetzungen der vergangenen Woche waren die schwersten Unruhen seit dem Aufstand von 1959. Die Krawalle bedrohen nicht nur ein strategisch wichtiges Gebiet im Südwesten der Volksrepublik - die Ausrufung des Notstands ist auch eine Bankrotterklärung für den Versuch Pekings, seine Machtansprüche in Tibet durchzusetzen. »Weder 20 Jahre der Repression noch 10 Jahre - relativer - politischer und wirtschaftlicher Liberalisierung«, so kommentierte die Pariser Tageszeitung »Le Monde«, »haben den Nationalismus eines Volkes eingedämmt.«

Die tiefe Abneigung der knapp zwei Millionen Tibeter gegen die chinesische Vorherrschaft, die von mindestens 180 000 Besatzungssoldaten gesichert wird, gilt in Peking als Tabu-Thema. Die unfreiwillige Wiedervereinigung wird noch immer als »Befreiung vom feudalen Sklavenhaltersystem« gepriesen, und der gescheiterte Volksaufstand gilt bis heute als »bewaffneter Putsch«.

Glaubt man der Pekinger Propaganda, herrscht in der formal als »autonomes Gebiet« ausgewiesenen Region spätestens seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik kulturelle Vielfalt und ideologische Toleranz, einhergehend mit wirtschaftlichem Wandel und ständig wachsendem Wohlstand. »Das tibetische Volk«, resümierte »China Reconstructs« im vergangenen Jahr, »ist nun glücklich und erfreut sich der Religionsfreiheit.«

So optimistisch wollte nicht einmal der Pantschen-Lama die Lage in seiner Heimat beurteilen. Der Ende Januar verstorbene zweithöchste religiöse Führer des tibetischen Buddhismus, der im Ausland lange als Kollaborateur der Chinesen galt, machte bei einer Inspektionstour im vergangenen Jahr »Fehler und Versäumnisse« aus. »Viele Genossen«, so schimpfte der Pantschen-Lama, seien »ziemlich träge bei der Arbeit«.

Jetzt fehlt der mäßigende Einfluß des Pantschen-Lama, der, zugleich tibetischer Religionsführer und Vizevorsitzender des chinesischen Volkskongresses, zwischen seinen Landsleuten und Pekings Politikern zu vermitteln suchte. »Wir müssen fortfahren, die ,linken' Fehler zu korrigieren, die während der politischen Kampagnen der Vergangenheit begangen wurden«, hatte er gemahnt, »und wir müssen die Autonomie der Minderheitenregierung weiter vervollkommnen.«

Der Wunsch des Pantschen-Lama, dessen jähen Tod Exiltibeter gar den Chinesen anlasten, dürfte sich nach dem blutigen Aufruhr der vergangenen Woche erst recht nicht erfüllen. Der mörderische Protest dürfte nicht nur die direkten Gespräche des Dalai-Lama mit den chinesischen Funktionären torpedieren, nach dem neuerlichen Gesichtsverlust für die Chinesen droht in Tibet ein Rückfall in die Politik der fünfziger Jahre: Repression statt Reformen.

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