Das Älterwerden, habe ich irgendwo gelesen, macht uns zu Fremden in der eigenen Welt. Nach und nach verlassen uns die Menschen, denen wir emotionale Hilfe und intellektuelle Nahrung verdanken. Mag auch die Weitsicht zunehmen, sie durchmisst doch eine stetig wachsende Leere. Irgendwie ist es seltsam, dass Rudolf Augsteins Tod derartige Gedanken hervorbringt. Er hat zur Tagespolitik Standpunkte bezogen, die ich nicht immer teilte. Und er hat an eine Art von intellektuellem Kampf geglaubt, der mir gelegentlich zu konfrontativ und unversöhnlich schien.
Und dennoch habe ich Rudolf über viele Jahrzehnte als Freund geschätzt. Ich genoss seine intellektuelle Gewandtheit, bewunderte sein außerordentliches historisches Wissen und respektierte sein moralisches Engagement. Mir gegenüber hat Rudolf nie das Drama eines Menschen im Licht der Öffentlichkeit zur Schau gestellt. Die Opfer seiner vielen Kreuzzüge mögen es unglaublich finden, aber Rudolf war zu seinen Freunden stets freundlich und nicht zynisch, gedankenreich, aber nicht besserwisserisch, großzügig, besinnlich und warmherzig.
Ich traf Rudolf 1959, beinahe vor einem halben Jahrhundert. Zusammen mit Conrad Ahlers interviewte er mich zur Berlin-Krise - ein Interview, das er unter dem Titel »Mit Panzern nach Berlin?« veröffentlichte. Der Text erregte einige Kontroversen, aber er gab mir keinen Anlass zur Beschwerde. Augstein hatte meine eigenen Worte publiziert, ohne jede Änderung.
Was Rudolf wirklich interessierte, zumindest in den Unterhaltungen mit mir, war vor allem die Geschichte sowie der politische und moralische Wiederaufbau seines Vaterlands.
Letztlich war Rudolf ein Moralist und ein glühender Patriot. Weil er in einer Periode der deutschen Geschichte aufgewachsen war, die ihn beschämte, und wegen der Entwurzelung und dem Chaos der Nachkriegszeit schienen ihm abstrakte Äußerungen moralischer Gewissheiten unpassend - vor allem für jemanden, der so jung war wie er. Deswegen strebte Rudolf danach, seinen Glauben an die Demokratie und die Erneuerung der Gesellschaft dadurch zu verwirklichen, dass er ihre Unzulänglichkeiten bloßstellte. Und gerade weil er seine Ziele so hoch steckte, konnte seine Kritik zuweilen gnadenlos ausfallen. Seinen selbst gestellten Anspruch, einer der Wächter der deutschen Demokratie zu sein, nahm er sehr ernst.
In all diesen Kämpfen war Rudolf dennoch stets in der Lage, zwischen seinen Anliegen und den Qualitäten seiner Gegner zu unterscheiden. So konnte er den Beitrag Konrad Adenauers zum Wiederaufbau Deutschlands durchaus auch bewundern und war durch die Versöhnung mit ihm tief bewegt, die nach Adenauers Abschied vom Amt möglich geworden war. Ebenso hegte er großen Respekt für die intellektuelle und physische Lebenskraft seines alten Gegners Franz Josef Strauß. Privat war er gegenüber seinen Widersachern überaus galant.
Ich werde Rudolf sehr vermissen. Mehrfach hat er mich an Wochenenden in meinem Landhaus besucht, und gewöhnlich fand er Gelegenheit, mich auf meinen Europareisen zu treffen. In den letzten Jahren schränkte Rudolfs Gesundheitszustand die Zahl der persönlichen Begegnungen ein. Das hat der Freundschaft und Zuneigung, die ich ihm gegenüber empfunden habe, keinerlei Abbruch getan. Rudolf setzte unseren Gedankenaustausch fort, indem er mir regelmäßig Bücher, Artikel und nachdenkliche Anregungen zukommen ließ.
Ihm lag leidenschaftlich daran, das Land zu verändern, das er liebte, auch wenn er es geißelte. Das hat er erreicht. Bei seinen Freunden hinterlässt Rudolf Augstein eine unersetzliche Lücke, und ihr weiteres Leben wird von der Erinnerung daran geprägt sein, was er ihnen bedeutet hat.
Friedensnobelpreisträger Henry A. Kissinger, 79, war Sicherheitsberater und Außenminister unter den US-Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford.