Großbritannien Morbides Interesse
Der Klassenausflug der kleinen Engländer erreicht seinen Höhepunkt - Lunchtime mit Horror. Ihr Sandwich mampfend, beäugen die Schüler durch ein Eisengitter eine auf glühendem Rost festgekettete Männergestalt. Mit grausig verzerrtem Gesicht stiert das Jammerwesen auf seine eigenen Gedärme, die ihm aus dem aufgeschlitzten Bauch gequollen sind und über der Glut schmoren.
Der Gentleman auf dem Grill, so erläutert sachlich die Lehrerin mit der Stahlrandbrille, sei David, Prince of Wales. Der wurde 1283 wegen seines Widerstands gegen den englischen König Eduard I. auf diese bestialische Weise hingerichtet. Die durch TV-Horror gestählten Kids beugen sich vor, um die realistisch nachgeformten, glupschig-feuchten Eingeweide besser sehen zu können.
Um die 600 000 Touristen, überwiegend Briten, strömen jährlich durch die dunklen, modrig riechenden, von Kassetten-Schreien und anglikanischen Kirchengesängen widerhallenden Backsteingewölbe des Foltermuseums »The London Dungeon« am Themse-Ufer gegenüber dem Tower. Bald sollen es noch viel mehr sein - der Dungeon (Kerker) erweitert sein Angebot des Schreckens.
Ein Drittel der Besucher, die vor den Darstellungen von Torturen und Hinrichtungen im mittelalterlichen Königreich defilieren, sind Kinder. Auch die Enkel der Queen, die Prinzen William und Henry, zehn und acht Jahre alt, wurden schon durch die von ihren Ahnen inspirierte Horror-Show geführt.
Sosehr das Britenvolk Makabres von Monty Pythons schwärzestem Humor bis zu Spukschlössern schätzt - das Foltergewölbe unter dem Bahnhof London Bridge ist heftig umstritten. Der Marketing-Direktor des Dungeon, der Geschichtslehrer Feisal Khalif, 34, kann das gar nicht verstehen. Ein Gang durch das Folterreich sei »historisch lehrreich für alt und jung«.
Es gibt andere Meinungen. Kirchenführer und Pädagogen haben gegen die Horror-Galerie protestiert. »Entsetzt« über die »als Entertainment dargebotenen Perversionen« zeigt sich die Leiterin der Londoner Stiftung für die Behandlung von Folteropfern, Helen Bamber. Torturen, so die Chefin des Instituts, das schon 6000 seelisch und physisch Verkrüppelte aus Vietnam, Uganda und Bosnien behandelt hat, seien eben nicht museale Vergangenheit: »Folter breitet sich in epidemischen Formen aus.« Laut Amnesty International wird in über hundert Ländern gefoltert.
Gegründet wurde der Dungeon 1975 von einer Britin, die nach ihrer Scheidung zum Geldverdienen genötigt war. Modell stand die »torture chamber« des Tower; die wirkt allerdings eher heimelig im Vergleich mit der von der Lady eröffneten Galerie des Grauens.
Voriges Jahr kauften Profis der Vergnügungsindustrie - die auf Marinezentren mit Delphinen und Wasserrutschen spezialisierte Vardon PLC - den Schauerladen.
Die neuen Eigentümer bauen gerade aus, und rechtzeitig zum Osterfest wird das Angebot des Schreckens erweitert. Akteure werden die grausamsten »Morde und Verstümmelungen« aus dem viktorianischen Zeitalter nachspielen: Menschenquälerei als Live-Show für die ganze Familie.
Manche Dungeon-Historienspiele wirken marionettenhaft, etwa die Köpfung der Anna Boleyn, die 1536 auf Befehl ihres Gatten Heinrich VIII. hingerichtet wurde. Auch der 1170 im Dom gemeuchelte Thomas Becket sieht unter Glühbirnen eher ketchupbekleckert als blutig aus.
Aber andere realistisch nachgestellte Torturen, vor allem authentisches Foltergerät, verbreiten Grauen: schartige Zangen etwa, mit denen Menschen Zunge, Gesäß und Brüste stückweise vom Leib gerissen wurden, raffinierte Geräte zum Brechen von Knochen sowie Daumenschrauben und Brandeisen.
Die englische Ärztin Sheila Cassidy, 1975 in Chile gefoltert, weil sie Dissidenten versorgt hatte, besuchte zur Selbsttherapie die Stätte ihrer Qualen. Aber den Dungeon will sie »nie, nie« betreten: »Wer weiß, was Folter ist, kann solche Schaustellungen nur als extrem krank empfinden.«
Was treibt biedere Briten, für viel Geld (5,50 Pfund) zu besichtigen, wie Menschen gevierteilt oder gekocht, gepfählt oder, in winzige Käfige gepreßt, dem Themsewasser und hungrigen Ratten ausgesetzt wurden?
Menschen wollten ihre »heimliche Furcht vor Qualen zähmen«, vermutet Glenn Wilson vom Londoner »Institut für Psychiatrie«. Deswegen setzten sie sich Ängsten in »kleinen Dosen« aus.
Lawrence Barnes vom Londoner »Institute of Psychology« macht als Triebfedern für das »morbide Interesse« der Dungeon-Pilger sado-masochistische Tendenzen aus; die seien vor allem in der britischen Oberklasse stark verbreitet. Menschen »nackt und leidend« zu beobachten könne sexuell erregend wirken; die Verbindung von »Horror und Abnormalem« ängstige und fasziniere zugleich.
Dem Folter-Management liegt daran, daß vor allem die kleinsten Dungeon-Kunden ihre neuen Kenntnisse über die »sorgfältig recherchierten historischen Fakten« vertiefen. Schulklassen erhalten Vordrucke mit Denksportaufgaben: Wie funktionierte der »eiserne Kamm«, der dem heiligen Georg - Schutzpatron der Engländer - »das Fleisch vom Körper schabte?«