MUSIL
Ihr Aufsatz über Robert Musil »Mann ohne Eigenschaften« hat mich ganz besonders gefreut. Ich habe Musil persönlich gekannt, ihn sehr oft gesehen und Sie können sich denken, daß solche Aufsätze die Musilfreunde viel mehr gefreut hätten, wenn sie zu Lebzeiten dieses stillen, bescheidenen fast timiden Menschen erschienen wären. Ich möchte Ihre interessanten Ausführungen wie folgt aufklärend ergänzen. Die Äußerung der »Times«, Robert Musil sei der »unbekannteste Schriftsteller« gewesen, ist leicht zu widerlegen. Im »Literarischen Almanach« meiner Wiener Buchhandlung aus dem Jahre 1936 schreibt der leider gleichfalls zu früh verstorbene und gleichfalls zu wenig bekannte Hermann Broch über Musil unter anderem:
»Das Schaffen Robert Musils, dessen so außerordentlich überragende Bedeutung innerhalb des österreichischen Schrifttums kaum mehr unterstrichen zu werden braucht, ist das beste Illustrationsbeispiel für die Frage nach dem Bestand einer spezifisch österreichischen Literatur ... Unter österreichischer Dichtung wird gemeiniglich jenes Schaffensgebiet verstanden, das im 19. Jahrhundert durch Grillparzer, Stifter. Saar usw. abgesteckt worden ist und das ... gerade infolge seiner treuen Verhaftung an den österreichischen Boden und an die österreichische Atmosphäre die gebührende Eingliederung in die übernationale europäische Dichtung erfahren hat. Schließt sich das Werk Musils an eine dieser Linien an? Oder ist es - goethischer Haltung entsprechend - ab ovo kosmopolitisch? Für das erste spräche seine innige Verwachsenheit mit dem österreichischen Ursprung, die sich auch im Thematischen und in der Gestaltenwahl ausdrückt, für das zweite jedoch eine Art der Geistigkeit, deren geschliffene Schärfe weit eher im Westen verwurzelt ist, ja, die beinahe als französisch anzusprechen wäre...«
Hermann Broch hat also Musils Bedeutung neben die der großen Klassiker gestellt. Übrigens ist auch Musil selbst in diesem Almanach zu Wort gekommen.
Paris MARTIN FLINKER