Mussolinis Erben - DER SPIEGEL
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ITALIEN Mussolinis Erben

Mit Heil-Grüßen und Treueschwüren werden Zigtausende Italiener am 29. Juli den Geburtstag ihres »Duce« feiern: Unter der Regierung Berlusconi wird die extreme Rechte gesellschaftsfähig.
• aus DER SPIEGEL 30/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nordöstlich von Florenz, auf der Strecke nach Ravenna, liegt der kleine Ort Predappio: Ein paar Häuser entlang der breiten Durchgangsstraße, ein paar weitere an den schmalen Abzweigungen, stille Straßen, die sich nach wenigen Metern in Wiesen und Feldern verlieren, zwei Restaurants, drei Bars, 2600 Einwohner - Predappio ist eigentlich keine Reise wert.

Und doch machen die großen, voll gestopften Andenkenläden, die mit Reklameschildern und Italien-Fahnen vor den Türen locken, gute Geschäfte. Denn hier wurde am 29. Juli 1883 als Sohn des Schmiedes und der Dorfschullehrerin Benito Mussolini geboren - Italiens »Duce«, Vorläufer und in vielem auch Vorbild des »Führers« der Deutschen, Adolf Hitler. Deshalb ist Predappio heute vielen eine Reise wert, Italienern zumeist, aber auch Deutschen.

»Sie erweisen dem Duce die Ehre, die er verdient«, bejubelt Mussolini-Devotionalienhändler Pierluigi Pompignoli den Besucheransturm. Am Hals trägt er ein Goldkettchen mit den Symbolen »der goldenen Zeit Italiens«, den »fasci«. Das sind stilisierte Getreidebündel mit einem Beil an der Seite, die im alten Rom den Liktoren als Insignien der Macht dienten. Nach dem Ersten Weltkrieg lieferten sie rechtsradikalen Schlägertrupps, die sich »Fasci di Combattimento« (Kampfbünde) nannten, das Symbol. Daraus entstand der Name für den ideologischen Unterbau der italienischen Diktatur (1922 bis 1943): fascismo, Faschismus.

Solche »fasci« prangen auf Schreibmappen und Kleiderbürsten, reihen sich in schwerer Bronze in den Regalen, als Briefbeschwerer oder Buchstütze. Pompignoli verkauft Originalhüte von Mussolini - »diesen cremefarbenen hat er 1917 im Schweiz-Urlaub getragen« - und Rotwein mit dem »Duce« auf dem Etikett: »Der schmeckt prima, den mache ich selbst.« Hitler war »ein Verbrecher«, sagt Pompignoli, »aber Mussolini war ein Ehrenmann«.

Das sehen offenbar immer mehr Italiener auch so. Denn in kurzer Zeit hat sich die Zahl der Predappio-Besucher verdoppelt, auf nun mehr als 100 000 im Jahr. Bücher, CDs und Videokassetten gehen von Predappio in alle Welt. Pompignolis Duce-Wandkalender 2002 mit heroisierenden Fotos und pompösen Zitaten ("Dieses Jahrhundert wird faschistisch sein") hat sich 480 000-mal verkauft. Keiner der sonst in Italien so beliebten Kalender mit Pin-up-Girls kann da mithalten.

Rechts ist wieder in. Zeitschriften und Internet-Seiten verbreiten verstärkt Hoffnung auf eine baldige Rückkehr des »wahren Faschismus«. In vielen Kommunalparlamenten paktiert die Regierungskoalition von Ministerpräsident Silvio Berlusconi ganz offen mit Spätfaschisten.

Auch in der Mehrparteien-Allianz, die deutlich die letzten Parlamentswahlen gewonnen hat, weht der Wind kräftig von rechts. Dafür sorgen Männer wie Mirko Tremaglia, Minister für die Belange der ausgewanderten Italiener: Er hat sich als Kämpfer der Nazitreuen Salò-Regierung (1943 bis 1945) einen Namen gemacht und ist noch heute stolz darauf.

Sein Parteifreund Francesco Storace, Präsident der Region Lazio rund um Rom, ließ im Mai an 50 000 Schulkinder Sets für »den kleinen Patrioten« verteilen. Minister Maurizio Gasparri, zuständig für Kommunikation, kündigte kürzlich an, gezielt »rechte Kulturtalente« zu fördern, um die linke Dominanz in den Schulen und beim Staatssender RAI zu brechen.

Bei der Ausstellung »Rom 1948 bis 1959«, Anfang dieses Jahres, musste auf politischen Druck der schon gedruckte Katalog umgeschrieben werden. Nun stehen Sätze darin wie: »Dank der Kultur der Rechten ist Italien noch heute ein gesünderes Land als jene Demokratien, die dem Nihilismus entgegengehen.«

Für die Volksgesundheit schlägt sich auch Gianfranco Fini, 50, stellvertretender Regierungschef und wichtigster Koalitionspartner von Premier Silvio Berlusconi. Fini ist im Dunstkreis von Duce-Freunden politisch aufgewachsen, war lange persönlicher Referent von Faschistenführer Giorgio Almirante. »Wie können wir in einer Demokratie Faschisten bleiben?«, hatte der einmal rhetorisch seine Parteikameraden gefragt und die Antwort gleich mitgeliefert: »Über dem schwarzen Hemd tragen wir einen Dreiteiler.«

Auch Almirantes Schüler und Nachfolger Fini predigte 1987 noch »den Faschismus 2000«. Doch Mitte der neunziger Jahre wechselte er, um für Berlusconi koalitions- und damit erstmals regierungsfähig zu werden, das komplette politische Outfit. Seine Partei, Movimento Sociale Italiano (MSI), wurde - bis auf eine kleine Gruppe, die zum alten Namen steht - in Alleanza Nazionale umgetauft und mit neuen ideologischen Überschriften verziert. Fini: »Heute sind wir eine europäische Rechte.«

Die bis dahin unberührbaren Mussolini-Erben, mit denen keiner koalieren wollte, wurden dank Finis Wendigkeit zur drittstärksten politischen Kraft Italiens. In diesem Jahr folgte die Anerkennung auf europäischer Ebene: Fini vertritt Italien im Europäischen Konvent, darf die künftige europäische Verfassung mit formulieren. Um in Brüssel nicht anzuecken, will er nun »so nicht mehr sagen«, was er zuvor gepriesen hatte: Mussolini sei »der größte Staatsmann des Jahrhunderts« gewesen.

Und wenn ratlose Parteigänger sich bei all den neuen Tönen gelegentlich irritiert fragten, ob Fini wirklich noch auf dem rechten Weg sei, beruhigte sie die Almirante-Witwe Assunta. Sie verstehe ja die Sorge, garantiere aber: »Gianfranco ist immer der Alte geblieben.«

Kurz nachdem Berlusconi, Fini und Co. die Macht in Rom übernahmen, bekam der Duce in Predappio, vor seinem Sarkophag, eine »Ehrenwache«. Junge Männer, mit Glatzen und langem schwarzen Umhang, postieren seither in der kalten, muffigen Gruft, in der der Ex-Diktator, mit Vater und Mutter, Frau und Tochter, Schwägerin und Bruder, beigesetzt ist.

Im Kondolenzbuch schrecken die Nostalgiker des Diktators auch vor blasphemischen Hymnen nicht zurück: »Du bist der einzige Gott«, steht da gleich mehrfach, oder: »Du bist das Licht, das uns führt.« Manche Besucher recken den rechten Arm nach vorn. Der italienische, so genannte römische Gruß ist etwas lockerer als die entsprechende deutsche, nationalsozialistische Variante.

Ehrfürchtig bestaunt wird Mussolinis Geburtshaus, das zwar umgebaut und kräftig aufgehübscht wurde, aber trotzdem den Geist des Heroen auszuströmen scheint. Dovia hieß das trostlose Mini-Dorf einst und bestand aus gerade einmal drei, vier Häusern. Staatslenker Mussolini ließ es in den zwanziger Jahren zu einer Mustersiedlung faschistischer Architektur umbauen und in Predappio umtaufen.

Predappio lebt gut von diesem Erbe. Die Einwohner wählen, wie die Mehrheit überall in dieser Gegend, die Linksdemokraten, die bis vor ein paar Jahren noch Kommunisten waren. Aber das stört die Fascio-Geschäfte nicht. Im Gegenteil, für Bürgermeister Ivo Marcelli war es gar keine Frage, mit städtischem Geld die Mussolini-Krypta zu restaurieren.

Italien hat das faschistische Kapitel seiner Geschichte nie aufgearbeitet, nur verdrängt. Der Abessinien-Feldzug 1935/36, bei dem Tausende Menschen, auch mit Giftgas, hingemetzelt wurden, ist ebenso kollektiv vergessen, wie es die Überfälle auf Albanien und Griechenland sind. Nicht ein einziger italienischer Kriegsverbrecher wurde je verurteilt, fanden Historiker wie Filippo Focardi heraus. So konnte »der Mythos des guten italienischen Soldaten« entstehen, analysierte Lutz Klinkhammer vom Deutschen Historischen Institut in Rom die Legendenbildung.

Mussolinis Armee, schrieb ein Offizier nach dem Krieg, habe stets »das menschliche und loyale Verhalten« gezeigt, »das die lateinische Rasse auszeichnet«. Andenkenhändler Pompignoli formuliert es einfacher: »Wir waren auch als Soldaten gute Menschen.« Und überhaupt sei der Duce ja nur mit Hitler in den Krieg gezogen, weil der andernfalls »Italien besetzt und daraus ein zweites Polen gemacht hätte«. Berge von Büchern habe er, die das »alles beweisen«. Von Mussolinis Rassengesetzen 1938, vom italienischen Einsatz im Spanischen Bürgerkrieg 1936 bis 1939 an der Seite von Francisco Franco, von Geiselerschießungen und Deportationen - massenhaft durch Dokumente etwa im New Yorker Uno-Archiv belegt - findet sich darin eher nichts.

Mit Vorsatz und Geschick taten die ersten Nachkriegsregierungen in Rom alles, um die Verfolgung der eigenen Kriegsverbrecher zu verhindern. Nur auf massiven Druck der Alliierten leiteten die Behörden Verfahren gegen hohe Faschistenfunktionäre ein, wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen in den von den italienischen Truppen besetzten Gebieten. Denen aber blieb genug Zeit, sich ins Ausland abzusetzen. Ein paar Jahre später durften sie nach Italien zurückkehren. »Autoimmunisierung des Landes gegen Kritik«, nennt Historiker Klinkhammer diesen Prozess, der längst nicht abgeschlossen ist.

Als Italiens aktueller Regent Silvio Berlusconi kürzlich in Pratica di Mare, wo die Nato-Staaten und Russland sich feierlich zusammentaten, vor Journalisten die drei Ideologien aufzählte, die für das große Leid des vorigen Jahrhunderts verantwortlich seien, fielen ihm Kommunismus und Nationalsozialismus ein. Dazu »statalismo«, worunter er die staatliche Gängelei von Wirtschaft und Bürgern versteht. Das Wort Faschismus kam Berlusconi nicht über die Lippen. HANS-JÜRGEN SCHLAMP

* Am 9. Mai 1938 in Florenz.

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