* 3. Das Informationszeitalter * 3.1. Werden Computer denken lernen? MUSTER IM CHAOS
Wann wird ein Computer intelligenter sein als der Mensch?
Kurzweil: Spätestens 2019 wird ein 1000-Dollar-Computer dieRechenleistung eines menschlichen Gehirns erreichen - etwa 20Millionen Milliarden Rechenvorgänge pro Sekunde. 2029 kommt dieSoftware für Intelligenz hinzu, die Fähigkeit, das eigene Wissen zuorganisieren. Ein PC wird dann so viel leisten wie tausend Gehirne.
Ein entschiedener Vorteil nichtbiologischer Intelligenz ist,dass eine Maschine ihr Wissen leicht mit Milliarden andererMaschinen teilen kann. Wenn ich hingegen Französisch lerne oder»Krieg und Frieden« lese, kann ich meine neuen Kenntnisse, dieirgendwo im Gehirn in ein riesiges Geflecht aus Botenstoffen undneuronalen Schaltkreisen eingebettet liegen, nicht auf einenanderen Menschen übertragen. Deshalb werden wir den Kunsthirnen aufjeden Fall Anschlüsse für einen schnellen Download geben.
Die Geschwindigkeit und Speicherkapazität von Computern ist imvergangenen Jahrhundert exponentiell gestiegen - vonelektromechanischen Rechenmaschinen, über relaisgestützte Computer,Vakuum-Röhren, einzelne Transistoren und, schließlich, integrierteSchaltkreise. Das nächste Paradigma wird auf dreidimensionalenSchaltkreisen basieren. In einigen Labors arbeitet man bereits mitso genannten Nanoröhren, die aus sechseckigen Anordnungen vonKohlenstoffatomen gebaut werden. Ein Nanoröhrenschaltkreis voneinigen Kubikzentimetern Volumen wäre eine Million Malleistungsfähiger als das menschliche Gehirn.
Nun zur Software für Intelligenz. Es bietet sich an, dasmenschliche Gehirn zu scannen und seine Funktionsweise zuanalysieren, weil es die beste aller verfügbaren intelligentenEinheiten ist. In 30 Jahren werden wir winzige Scanner mit extremhohem Auflösungsvermögen, nicht größer als Blutzellen, durch dieKapillaren des Gehirns schicken, um es von innen zu erkunden. Unddann werden wir entsprechende Maschinen konstruieren.
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Roth: Wenn man unter Intelligenz Problemlösen unter Zeitdruckversteht, sind Computer häufig jetzt schon intelligenter alsMenschen: Sie verarbeiten Daten schneller und haben eine höhereSpeicherkapazität. Doch das Gehirn ist gar nicht dafüreingerichtet, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Datenmengenzu transportieren und zu verrechnen. Seine Stärke ist kreativeIntelligenz. Das Gehirn befähigt den Menschen, in einerkomplizierten Situation, zum Beispiel einer komplexen sozialenSituation, intuitiv abzuschätzen, was jetzt zu tun ist. Es kannErfahrungen und Vorwissen aus sehr unterschiedlichenGedächtniszentren in Sekundenschnelle bruchstückhaft zusammensetzenund in einen größeren Bedeutungszusammenhang stellen. Ein Beispiel:Wir kommen in einen Raum voller Menschen. Alle gucken uns an, undwir müssen abschätzen: Wer ist anwesend? Wie verhalte ich michjetzt? Wir müssen unbewusst analysieren: Fallen die jetzt über michher, oder nehmen sie mich freundlich auf? Dafür haben wirvielleicht eine Sekunde Zeit. Neurochemisch ist das ein unfassbarkomplizierter Vorgang: Wir haben 100 Milliarden Neuronen im Gehirnmit jeweils 1000 bis 10 000 Synapsen - jedes eininformationsverarbeitendes System. Millionen von Jahren wurde dasGehirn des Menschen und seiner Vorfahren auf diese Funktionsweisehin selektiert. Vielleicht lassen sich künstliche Systemeentwickeln, die 90 Prozent unserer kreativen Intelligenz abdecken.Doch die letzten zehn Prozent? Ich glaube nicht, dass man dieKomplexität, auf der unsere kreative Intelligenz fußt, künstlichwird erzeugen können.
Was unterscheidet echtes und simuliertes Bewusstsein?
Kurzweil: Wenn man unter simulierter Intelligenz eine Kopiealler wichtigen Prozesse versteht, die im menschlichen Gehirnstattfinden - Prozesse, die uns befähigen, komplexe Muster zuerfassen, Sprache zu verstehen, über unsere Situation nachzudenkenund sich in dieser Welt menschlich zu verhalten - dann gibt eskeinen Unterschied zwischen echter und simulierter Intelligenz.Doch an welchem Punkt halten wir diese Prozesse für bewusst - sodass wir ihnen zubilligen, Schmerzen und Unbehagen zu empfinden,eigene Absichten oder einen freien Willen zu haben? Hat ein WesenBewusstsein, wenn es ein individuelles Erleben hat?
Ein Maschinen-Geschöpf danach zu fragen reicht nicht. EineAntwort wie »Hey, ich hab Bewusstsein« hilft uns nicht weiter. Wasaber tun wir, wenn uns dieses Ding plötzlich aufs Überzeugendsteund Anrührendste versichert: »Ich bin einsam, bitte leiste mirGesellschaft«. Ist es dann bewusst? Oder erst, wenn wir in seineSchaltkreise schauen und dort die gleichen Rückkopplungsschleifensehen, die wir vom menschlichen Hirn kennen? Wir müssen uns damitabfinden, dass es keine wissenschaftliche, objektive Methode gibt,das Bewusstsein, die Subjektivität einer Maschine zu beurteilen.
Doch wir Menschen werden mit diesen Konstrukten kommunizieren,als hätten sie Bewusstsein. Schließlich werden wir hinnehmen,dass wir es mit bewussten Wesen zu tun haben, weil ihr Verhaltenvon unserem nicht mehr unterscheidbar ist. Die nichtbiologischenKreaturen werden vehement für sich in Anspruch nehmen, menschlichzu sein. Und wenn wir uns davon nicht überzeugen lassen, könntensie ganz schön sauer reagieren.
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Roth: Es gibt kein Bewusstsein ohne Gefühl. In aller Regelsteuert das limbische System unsere Emotionen. Es arbeitet bereitsim Mutterleib, bewertet alles, was wir tun, nach Gut oder Schlechtund speichert das Ergebnis dieser Bewertung unbewusst ab, bis sichim Alter von vier Jahren das bewusste Ich entwickelt. Auf diesenBewertungen bauen alle kognitiven Leistungen auf.
Ein Beispiel: Wir gehen an unserer früheren Schule vorbei undbekommen Magendrücken. Das Gefühl stellt sich ein, weil wir dieSchule sehen und gleichzeitig mögliche Vorerfahrungen in unserememotionalen Gedächtnis abgefragt werden. Es sind Gefühle, die unserVerhalten antreiben. Dabei spielen Moleküle eine Rolle, derenchemische Struktur sehr kompliziert ist und die es außerhalb desGehirns beziehungsweise des Körpers nicht gibt. Bewusstsein isthinsichtlich seiner biochemischen, biophysikalischen,physiologischen und anatomischen Grundlagen ein unfassbar komplexerZustand. Dieser Zustand ist höchstwahrscheinlich auchannäherungsweise nicht nachbaubar.
Ist Intelligenz eine Frage der Rechenleistung?
Kurzweil: Rechenleistung ist zwar eine notwendigeVoraussetzung, doch genauso wichtig ist die Struktur derIntelligenz. Maschinen, die sich so intelligent verhalten wieMenschen, werden Systeme sein, die wie das menschliche Gehirn aufchaotischen, sich selbst organisierenden Funktionsweisen basieren.Sie werden Muster erkennen und erlernen können, und wir werden siein die Welt ziehen lassen, damit sie Wissen und Erfahrungen sammeln- so wie wir.
Es gibt bereits eine Reihe von Projekten, in denen künstlicheSysteme die Strukturen des menschlichen Gehirns imitieren. CarverMead vom California Institute of Technology hat integrierteSchaltkreise gebaut, die fast so präzise funktionieren wie dieneuronalen Systeme von Säugetieren. Seine Chips, die dem Sehprozessim Nervensystem von Säugetieren nachempfunden sind, werden ineinigen Digitalkameras benutzt.
Vor ein paar Monaten hat ein Experiment am San Diego Institutfür Nicht-lineare Wissenschaften gezeigt, dass elektronischeNeuronen das Verhalten von biologischen exakt nachahmen können.Nach dem Prinzip des so genannten chaotic computing verhält sichjedes einzelne Neuron völlig unvorhersehbar. Wenn nun ein ganzesneuronales Netz einen Reiz erhält, benehmen sich die Neuronenzunächst wahllos und wie rasend. Nach dem Bruchteil einer Sekundeverliert sich dieses chaotische Spiel. Es entsteht ein dauerhaftesMuster, das man als Entscheidung des neuronalen Netzes begreifenkann: Es hat sich für ein Muster entschieden, das eine bestimmteBedeutung widerspiegelt.
Die Forscher wollten herausfinden, ob elektronische Neuronenbei diesem chaotischen Tanz gemeinsam mit biologischen auftretenkönnen. Sie schalteten künstliche Neuronen mit denen von Hummern zueinem gemeinsamen Netz, und ihr Netz-Bastard verhielt sich genausowie ein rein biologisch-neuronales Netz. Die biologischen Neuronenakzeptierten ihre elektronischen Partner. Wir sind also schon andem Punkt, wo nichtbiologische Systeme die Funktionsweisebiologischer Neuronen-Cluster detailgetreu nachahmen können. DieseTechnologie wird sich mit dem technischen Fortschritt exponentiellweiterentwickeln.
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Roth: Rechenleistung und Geschwindigkeit gehen in dieIntelligenz ein. Doch der entscheidende Sprung ist das kreativeZusammenfügen. Das kann der Mensch nicht in nennenswertem Umfangtrainieren, es ist ihm eingegeben. Und was man nicht trainierenkann, das kann man auch schlecht nachbauen.
Es gibt Menschen, deren Gehirn am Stirnlappen verletzt ist.Dort ist die Fähigkeit verankert, aus besonders negativenErfahrungen zu lernen und entsprechend zu handeln. Diese Menschenkönnen ganz rational erklären, dass man nicht über eine Autobahngeht, weil es zu gefährlich ist, und tun es dann doch. Bei ihnenstellt sich auch nach einem Unfall kein warnendes Gefühl ein, ihrBewusstsein funktioniert emotional nicht fehlerfrei - das nächsteMal rennen sie wieder über die Fahrbahn.
Es handelt sich um völlig verschiedene Arten von Intelligenz,ob ich Kenntnis von etwas habe, Einsicht gewonnen habe oder ob ichauch danach handele. Hierfür ist unser limbisches System mit seinenEmotionen zuständig. Intelligenz lässt sich also auf gar keinenFall auf den Begriff Rechenleistung reduzieren.
Kann ein Computer einen eigenen Willen haben?
Kurzweil: Computerkonstrukteure arbeiten bereits eng mitComputern zusammen, um eine neue Maschinengeneration herzustellen.Wir werden an den Punkt gelangen, an dem das Verhalten von Menschund Maschine nicht mehr voneinander zu unterscheiden ist und neueTechnologien nur noch von Künstlicher Intelligenz entwickeltwerden. In einigen Fällen tragen wir ja bereits intelligenteMaschinen in unseren Gehirnen, zum Beispiel Neuroimplantate fürParkinson-Patienten. Innerhalb von 30 Jahren werden wir Implantateganz sanft einsetzen können, mit Nano-Robotern, die sich in derBlutbahn vorwärtsbewegen. Durch den Zusammenschluss mitintelligenter Technologie werden wir unsere Intelligenz steigern.Eine Konfrontation mit einem »eigenen Willen« eines Rechners findetin dieser Form gar nicht statt.
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Roth: Der Wille ist ein dominanter Gefühlszustand. Und Gefühlewerden Roboter vorerst nicht haben. Wenn man einen Roboter miteigenem Willen schaffen wollte, müsste man ihm ein limbischesSystem mit der Fähigkeit zur Selbstbewertung einbauen. Er müsstewie ein Kleinkind in einer bestimmten natürlichen und sozialenUmwelt aufwachsen und diese nach Kriterien bewerten, die erverinnerlicht hat: Lust, Erfolg, Unlust, Misserfolg. Doch was istin einem Roboter Lust, was ist Erfolg? Beim Menschen sind Erfolgund Misserfolg an die Kriterien »überlebensfördernd«,»überlebenshindernd« gebunden. Überlebensfördernd ist für unszuerst elementare Bedürfnisbefriedigung durch Nahrung, Wärme undGeborgenheit. Später kommt Freude dazu - auch eine schöneEinspielung der 7. Symphonie von Beethoven kann überlebensförderndsein. Solche internen Kriterien leiten uns. Ein Roboter wird sienicht erlangen. Woher denn?
Es ist keine Kunst, in den nächsten hundert Jahren Apparate zubauen, die sich so ähnlich verhalten wie wir. Fordert man aber -wie die KI-Forscher -, Bewusstsein und Kreativität identischnachzubauen, wird man scheitern. Bewusstsein ist an hochkomplexeanatomische und physiologische Bedingungen gebunden. Wie wollen wirdiese Bedingungen künstlich erschaffen? Wir, die noch nicht einmalvermögen, eine einzige Nervenzelle nachzubauen.