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Mut braucht Geld

Wie Bürgerinitiativen trotz Angst und knapper Mittel Rechtsradikalismus bekämpfen
• aus DER SPIEGEL 33/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Phantasie beflügelt die Angst vorm schwarzen Mann. Ein Achtklässler in Frankenberg bei Chemnitz bot für sein Vorurteil, Schwarze würden mehr stinken als Weiße, diese Erklärung an: »Vielleicht zieht dunkle Haut die Sonne mehr an und wird daher schneller erhitzt.« Eine Mitschülerin äußerte »Angst vor Negern, die haben immer so rote Ohren«.

Seit einem Jahr versuchen Mitarbeiter des Dresdner Projekts »Für Demokratie Courage zeigen«, den grassierenden Rassismus unter sächsischen Schülern abzubauen. Das rechte Gedankengut der Probanden macht den jungen Honorarkräften Angst - und manchmal fürchten sie sogar um ihr Leben.

In Nerchau - unweit von Leipzig - forderte ein Schüler die Courage-Mitarbeiterin auf, sich selbst zu töten. Die junge Frau hatte der Klasse zuvor mitgeteilt, dass sie jüdische Vorfahren hat.

An Schulen mit berufsvorbereitendem Jahr prägen oft Glatzen und Springerstiefel das Bild. »In den Klassen ist es manchmal wie beim Kameradschaftstreffen«, sagt Courage-Koordinator Martin Dulig.

Doch die meisten braunen Mitläufer wissen gar nicht, was sie warum tun. Eine neunte Klasse im sächsischen Burkau konnte nichts mit dem Begriff Auschwitz anfangen. Eine achte Klasse in Dresden war nicht in der Lage, das Hakenkreuz dem Nationalsozialismus zuzuordnen.

Auch die diffuse Fremdenfeindlichkeit ("Ausländer stinken, sind kriminell und nehmen den Deutschen die Arbeit weg") ist eine Phantomangst ohne eigene Erfahrungen. Den Ausländeranteil in Sachsen schätzen die Schüler in Breitenbrunn im Erzgebirge auf 20 Prozent - tatsächlich sind es nur etwa 2 Prozent.

Lehrerin Katrin Pönitz fährt regelmäßig mit ihren Schülern nach Tschechien, um ihnen überhaupt Ausländer zeigen zu können. Sie berichtet von Schülern, die lediglich die vietnamesischen Händler an der Grenze kennen. Einige glaubten daher, »dass die Tschechen Schlitzaugen haben«.

Eher spielerisch versuchen die Courage-Teams den Schülern ihre Vorurteile auszutreiben. Etwa 150 Schulen haben inzwischen geplant, ihre Projekttage mit Courage durchzuführen. Die jährlichen Kosten von rund 176 000 Mark übernahm bisher der Deutsche Gewerkschaftsbund.

Auf das Engagement Prominenter will man sich hier lieber nicht verlassen: »Es nutzt uns nichts, wenn Boris Becker hier einmal vorbeikommt und uns 10 000 Mark in die Hand drückt«, sagt Projektleiter Ralf Hron, »was wir brauchen, ist eine dauerhafte Absicherung.« Schirmherr des Projekts ist Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, der schon Unterstützung für engagierte Bürger forderte, als es noch keiner hören wollte. Thierse schreibt zudem noch Bettelbriefe für die Amadeu-Antonio-Stiftung, benannt nach dem ersten Todesopfer rechtsextremer Gewalt seit dem Mauerfall.

Gegründet wurde diese von der früheren Ausländerbeauftragten im Nachwende-Ost-Berlin, Anetta Kahane. Das Startkapital kam von Karl Konrad von der Groeben aus Baden-Baden. Kahane konnte den aus Ostpreußen stammenden Grafen, der mit einer Coca-Cola-Lizenz Millionen machte, von ihrer Idee einer Stiftung für Zivilcouragierte begeistern.

Eine ganz andere Wahrnehmung haben offenbar Berliner Senat und örtliche Arbeitsämter. Für rund die Hälfte der ehemals 30 ABM-Kräfte der von Kahane geleiteten regionalen Arbeitsstelle für Ausländerfragen, Jugendarbeit und Schule in Berlin ist kein Geld mehr da. Kahane versucht trotzdem unermüdlich, die vielen Anfragen zu beantworten, unterstützt Schulprojekte, Lehrerfortbildungen, entwickelt Konzepte für Kommunen und sammelt nebenbei über die Stiftung das dringend benötigte Geld für Bürgerinitiativen.

Diese arbeiten oft unter schwierigsten Bedingungen, wie das »Netzwerk für Demokratische Kultur« in der sächsischen Kleinstadt Wurzen, die unter Rechten als »national befreite Zone« gilt. Als Thierse zur Unterstützung der Gruppe mit Lehrern und Kommunalpolitikern über das geistige Klima in der Stadt reden wollte, blieb der Bürgermeister demonstrativ zu Hause.

Dass es auch anders geht, zeigte die Stadt Weimar. Unter dem Motto »Bunte Vielfalt statt braune Einfalt« organisierten alle Fraktionen des Stadtrats (von der PDS bis zur CDU) zusammen mit Museen, Theatern, Vereinen, Hotels und Einzelhändlern den Widerstand gegen angekündigte Aufmärsche der NPD. An zwei Tagen machten sie mit Samba-Rhythmen, Fahnen und Happenings aus ihrer Stadt eine fröhliche Festung gegen rechts. Auf den Bürgersteigen türmten sich Pantoffelberge. Die Bürger hatten ihre ausgelatschten Hausschuhe vor die Tür gestellt und den Glatzen zum Tausch gegen die Springerstiefel angeboten: »Leise Sohlen gegen laute Parolen«.

Für Toleranz unter Jugendlichen setzt sich auch der Germanist Gerhard Wengereck, 49, in Frankfurt (Oder) ein. Schon 1993 maßgeblich beteiligt am medialen deutsch-polnischen Jugendprojekt - dem Magazin »Grenzenlos« -, initiierte er 1996 einen Austausch der Fußballfans von Schalke 04 und Lech Posen. Daraus ging der Club »Eurofighter« hervor, der als Ostfiliale der Fan-Initiative »Schalker gegen Rassismus« gilt. Die wehrt sich mit mittlerweile rund 450 Mitgliedern gegen zunehmende rechtsextreme Auftritte im Stadion. Auf ihren Antrag hin hat der Bundesligaclub einen Passus in die Satzung aufgenommen, der Ausschluss oder Stadionsperre »bei Kundgabe rassistischer Gesinnung« ermöglicht. Über Fanartikel mit dem Vereinslogo - einem Fußballschuh, der ein Hakenkreuz zertritt - finanziert die Initiative Konzerte und Fahrten ins Ausland.

Da es das offizielle »Bündnis für Demokratie und Toleranz« nur zu einer teuren Gründungsgala mit Promis in der Berliner Staatsoper brachte, sind die meisten Initiativen weiter auf ehrenamtliche Kreativität und Sponsoren wie von der Groeben oder den Wahl-Dresdner Peter Grohmann, 62, angewiesen.

Der Kabarettist hat einen Friedenspreis ausgelobt für Projekte, »die sich einmischen«. Das Preisgeld von 5000 Mark sammelt er jährlich bei Freunden.

Die meisten seiner kulturellen Aktivitäten für Toleranz finanziert er aber aus eigener Tasche: »Immer wenn das Geld knapp wird, mache ich halt wieder Kabarett.«

Dass die Initiativen vor Ort der Realität im Osten viel schneller gerecht werden, zeigte sich auch in der Bereitschaft, das Aufgabengebiet unbürokratisch zu erweitern. Der Steinmetz Otmar Kagerer hatte zusammen mit einigen Kollegen über 100 Grabsteine, die auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee zerstört worden waren, unentgeltlich repariert und wieder aufgebaut. Unbekannte verwüsteten daraufhin sein Lager. Der angerichtete Schaden von 60 000 Mark drohte, den Steinmetz in den Ruin zu treiben. Die Amadeu-Antonio-Stiftung sammelte Spenden und beglich den Schaden. Bund und Länder dagegen diskutieren noch, wie couragierten Bürgern nach Racheakten geholfen werden kann. INA KÖHLER, MICHAEL KRASKE

Ina Köhler
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