AFGHANISTAN Mut zur Zärtlichkeit
Deutschlands übelste Heimsuchung sind derzeit gelbe Plastikkanister, »handelsübliche«, sagt Oberst Georg Klein. Sie fassen um die zehn Liter, vielleicht war Motoröl drin oder ein Pflanzenschutzmittel. Aber dann hat jemand Nägel hineingeschüttet, Sprengstoff dazugepackt und einen Zünder. Die gelben Kanister stehen versteckt am Straßenrand und warten auf die Deutschen.
Der Oberst kann einen Film dazu zeigen. Er sitzt mit seinen Gästen im verdunkelten Sitzungszimmer des Feldlagers in Kunduz, Afghanistan, und der wichtigste Gast ist Peter Struck, Fraktionschef der SPD im Bundestag, von Juli 2002 bis November 2005 Verteidigungsminister. Er war immer für den Einsatz deutscher Soldaten in Afghanistan, und von ihm stammt der geflügelte Satz: »Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt.« Nun ist er am Hindukusch. Es ist der Donnerstag der vergangenen Woche, 14 Uhr.
Der Film läuft und zeigt einen Schützenpanzer »Fuchs« der Bundeswehr, er hat ein rotes Kreuz auf weißem Grund am Heck. Der »Fuchs« fährt über afghanische Straßen, zufällig gefilmt aus einem Fahrzeug dahinter. Plötzlich taucht links neben dem »Fuchs« ein gelber Feuerball auf, das Bild kippt, die Welt wird schwarz.
Es war eine dieser zusammengefrickelten Bomben, und diesmal wurde niemand verletzt, Glück gehabt. Der Oberst kommt zum nächsten Thema: Feuergefechte. Der Zufall will es, dass fast zur selben Zeit ein Konvoi der Bundeswehr in einen Hinterhalt gerät, zehn Kilometer vom Feldlager entfernt. Wieder wird kein Deutscher verletzt, wieder Glück gehabt.
Struck brummt, während der Oberst redet. Es ist ein ganz eigenes Geräusch, dem »Ja« verwandt, irgendetwas zwischen Zustimmung und Besorgnis. Es war seine wohl letzte offizielle Reise nach Afghanistan, die ungefähr zwölfte. Struck ist 66 und tritt bei der nächsten Bundestagswahl nicht mehr an. Vergangene Woche reiste er seinem wichtigsten Satz hinterher, zwei Tage in Kabul, Masar-i-Scharif und Kunduz. Es war die Zeit für eine Bilanz. Die Frage ist, ob dieser Satz falsch war oder falsch geworden ist. Was hat die Bundeswehr am Hindukusch verloren?
Nur noch ein Drittel der Deutschen sind nach der jüngsten Umfrage von Infratest Dimap für diesen Einsatz. Als das Mandat im Oktober 2008 verlängert wurde, verweigerten 128 Abgeordnete ihre Zustimmung. Und die Lage rund um Kunduz ist so, dass man mit weiteren Zinksärgen rechnen sollte. Am 29. April wurde der deutsche Soldat Sergej Motz bei einem Feuergefecht getötet.
Kabul, Hauptquartier der Isaf, der internationalen Schutztruppe für Afghanistan, ein Mittagessen für Peter Struck. Der deutsche Flottillenarzt Matthias Beste sagt auf die Frage, was die typische Verwundung dieses Kriegs sei, das Wort »Schwamm«. Die einst gefürchteten Bauchschüsse seien nicht mehr so häufig, da die modernen Panzerwesten die Soldaten recht gut schützten. Der Schwamm ist eine Folge der Plastikkanister. Die Nägel durchbohrten die Beine der Soldaten so, dass Blut aus Dutzenden Löchern quille. Wenn die Kameraden das Bein nicht binnen zehn Minuten abbinden können, stirbt der Soldat. Wenn sie es schaffen, muss meist amputiert werden.
Darum geht es, so ist Krieg. Wenn man dies hört, gibt es unmittelbar nur einen Gedanken: Niemand sollte dort sein müssen, wo sein Bein zu einem Schwamm werden kann. Dieses Wort reist nun mit.
In Masar-i-Scharif kommt am nächsten Tag ein Satz hinzu, an den man sich auch erst einmal gewöhnen muss: Der zeitgemäße Held der Bundeswehr hält Händchen mit anderen Männern. Es ist aber so.
Am frühen Morgen fliegt Struck vom deutschen Lager in Masar-i-Scharif mit dem Hubschrauber zum Camp »Mike Spann«. Unterwegs schickt der Krieg einen kleinen, milden Gruß. Plötzlich gibt es einen Knall an der offenen Heckklappe, es blitzt, und der Hubschrauber legt sich so steil in die Kurve, dass sich das Frühstück im Magen neu sortiert. In einer solchen Lage hilft ein Blick zu den MG-Schützen an den Seitenluken. Sie sind ruhig, sie kennen das.
Die Bordelektronik hat eine Bedrohung gemeldet. Sofort schießt der Hubschrauber automatisch sogenannte »flares« ab, deshalb der Knall und der Blitz im Heck. Die »flares« sind extrem heiß und lenken Raketen mit Wärmesuchköpfen vom Motor ab. Die Bordelektronik ist empfindlich und meldet manchmal Lichtspiegelungen. So war es auch diesmal. Struck und seine Begleiter wissen aber jetzt, wie sich der Gedanke anfühlt, man könne in einem Hubschrauber unter Beschuss sein. Nicht gut.
Dann kommt der Auftritt von Major Dietmar M. Er ist Senior Mentor, das heißt, er betreut Soldaten der Afghanischen Nationalarmee. Im Camp »Mike Spann« zeigen seine Schützlinge, wie sie gelernt haben, nach deutschen Maßstäben Autos zu reparieren, Gewehre zu pflegen, Verwundete zu versorgen. Und der Major erzählt, wie schwer es ist, Vertrauen aufzubauen.
Es ist ein gutes Zeichen, wenn der afghanische Partner nach einer Weile zur Begrüßung nicht nur eine Hand nimmt, sondern zwei. Es ist ein noch besseres Zeichen, wenn er zur Begrüßung seine Wange an der von Major M. reibt. Und wenn es wirklich Vertrauen gibt, dann kann es sein, dass ein afghanischer Soldat die Hand von Major M. nimmt und traut mit ihm durchs Militärcamp schlendert. Es ist so Sitte in diesem Land.
Der Major hat nichts dagegen. Er ist ein praktischer Mann, der weiß, dass Kriege nicht nur durch Schüsse gewonnen werden. Und der bereit ist, seinen kulturell tief verankerten Widerwillen gegen Männer-Händchenhalten zu überwinden, damit dieser Krieg ein gutes Ende nimmt, für Afghanistan, für die Deutschen.
Ein kluger Militäreinsatz wird vom Ende her gedacht. Wie kommt man da raus? Die deutsche Hoffnung ist die Ausbildung der Afghanischen Nationalarmee. Ein Oberst der Bundeswehr, ebenfalls Mentor, sagt: »Wir essen mit denen, wir schlafen bei denen, wir leben mit denen, wir gehen nach vorne mit denen.«
Die Nationalarmee soll eines Tages selbst für die Sicherheit in Afghanistan sorgen und damit auch die Sicherheit der Bundesrepublik verteidigen. Das wird dauern, und vielleicht wird es nie so kommen, aber es ist richtig, daran zu arbeiten. So wird Major M.s Mut zur Zärtlichkeit zum Argument für diesen Einsatz: Die Bundeswehr tut wirklich viel, um nicht ewig bleiben zu müssen. Es gibt eine Exit-Strategie.
Strucks Reise ist auch eine Reise der Briefings. Er sitzt in düsteren Räumen, und ein Oberst oder ein General kämpft sich durch eine längliche Powerpoint-Präsentation, die im Publikum bald für brutale Müdigkeit sorgt. Es purzeln die Karten, Fähnchen und Pfeile, es jagen sich die Abkürzungen, so dass denen, die nicht schlafen, allmählich schwindelig wird: CIMIC, TLSR, OMLT, JQRF, OCC-P/R, CJTFG, IED, GIRoA. Es gibt Hunderte davon, und sollte dieser Krieg verlorengehen, läge das wahrscheinlich auch daran, dass ein SBCT mit einem IBCT verwechselt wurde.
Aber manchmal sind diese Vorträge auch interessant. Brigadegeneral Jörg Vollmer, der Kommandeur der Nord-Region, kann von einer größtenteils ruhigen Lage berichten. Die Stadt Masar-i-Scharif blühe, der Opiumanbau sei weitgehend gestoppt, Straßen und Brücken würden gebaut. Da ist auch Kriegspropaganda dabei, aber es ist unbestritten, dass es im Norden Afghanistans viel ruhiger zugeht als im Süden und Osten, wo vor allem Paschtunen leben. Im Norden sind es mehr Usbeken und Tadschiken, und die sind nicht so zugänglich für den religiös-kriegerischen Fanatismus der Taliban. Aber der Einsatz der Bundeswehr und anderer Armeen verhindert bislang, dass sich die Taliban im Norden stark ausbreiten können. Auch das ist ein Argument für Strucks Satz.
Ein Problem des Nordens liegt in der Provinz Kunduz, wo viele Paschtunen leben. Als Struck am Donnerstagmittag dort landet, soll er eine Panzerweste anziehen, gegen die Plastikkanister, aber er will erst mal eine rauchen, und dann hängt er sich die Weste so lässig um die Schultern, als wäre sie eine Fahne von Borussia Dortmund, seinem Lieblingsverein. Da werden die Soldaten ein bisschen steif und helfen ihm nachdrücklich in die Weste hinein. Jetzt sieht er, Panzerweste plus kahler Kopf, einer Schildkröte so ähnlich, wie das einem Menschen nur möglich ist.
Wenig später sitzt er wieder in einem düsteren Raum und verfolgt eine Powerpoint-Präsentation. Er sieht den gelben Kanister, die Explosion. Er hört die Zahlen: 31 Überfälle mit Schusswaffen gegen die Sicherheitskräfte in der Provinz Kunduz in diesem Jahr, 15 Raketenangriffe, 27 Sprengfallen. So schlimm war es noch nie, seitdem die Bundeswehr in Kunduz ist. Und jeder Angriff belebt die deutschen Zweifel am deutschen Einsatz.
Der Kommandeur der Bundeswehr in Kunduz, Oberst Klein, berichtet, sie wüssten von den Geheimdiensten, dass die Führer der Taliban im Norden in diesem Jahr unter Druck geraten seien. Sie sollten mehr tun, hieß es säuerlich von deren Kommandeuren. Das sieht dann so aus: Ein Trupp fährt mit Panzerfäusten auf Motorrädern durch die Gegend, und als die Bundeswehr davon erfährt, nimmt sie die Verfolgung auf. Die Kämpfer springen von den Motorrädern und beschießen die Deutschen. Die halten sie in Schach, bis afghanische Sicherheitskräfte da sind und den Kampf für sich entscheiden.
Kann das ein Argument sein, den Abzug der Bundeswehr zu fordern? Weichen vor Motorrädern, gelben Plastikkanistern und kleinen Raketen, weil sie vermehrt eingesetzt werden? Es ist entsetzlich, wenn ein Bein ein Schwamm wird, aber einen Rückzug der Bundeswehr würden die Taliban nicht als Friedenssignal annehmen, sondern als Chance, sich auszubreiten. Und ein Afghanistan unter islamistischer Kontrolle könnte wieder zum Rückzugs- und Schulungsraum für Terroristen werden.
Dann kann es jeden Deutschen treffen, und es ist die ehrenvollste Aufgabe von Soldaten, Leid von Zivilisten zu verhindern, auch wenn das eigenes Leid bedeuten kann.
Die Bundeswehr ist voller Skrupel einen langen Weg gegangen bis zu der Selbstverständlichkeit, mit der ein deutscher Oberst der Infanterie nun zu Struck sagt: »Ein Infanterist hat sich hinzulegen und zu schießen.« Das macht die Bundeswehr jetzt: auf jede Bedrohung robust antworten. Sinnlos wäre der Einsatz erst, wenn man sich von Angriffen einschüchtern ließe.
Nach dem Thema Feuergefechte landet die Powerpoint-Präsentation von Kunduz beim Thema Mädchenschulen. Sie sind das meistdiskutierte Thema auf Strucks Reise. Sie waren ein Symbol für den humanitären Charakter dieses Einsatzes. Die Präsenz der Bundeswehr sollte auch dafür sorgen, dass die paschtunischen Mädchen im Norden zur Schule gehen können, und lange konnten sie es, bis vor wenigen Wochen gemeldet wurde, einige Schulen seien geschlossen worden.
Die Frage war dann, ob die Bundeswehr das hinnehmen soll. Es gibt mittlerweile eine Diskussion darüber, ob die Streitkräfte sich in Afghanistan nur noch darum kümmern sollen, kriegerische Taliban und kriegerische Drogenbanden zu besiegen. Das Thema Menschenrechte und Demokratie solle zurückgestellt werden.
In Kunduz hört Struck, dass in einigen paschtunischen Dörfern tatsächlich Lehrer und Eltern eingeschüchtert wurden. Einige Schulen seien für Tage geschlossen geblieben, bis das Gefühl unmittelbarer Bedrohung nachgelassen habe. Die eine oder andere Schule sei wieder offen. Die Bundeswehr hat aber offenbar keinen größeren Beitrag dazu geleistet.
Ist es denkbar, dass deutsche Soldaten eine Region beaufsichtigen, in der viele Mädchen nichts anderes werden können als Haushaltssklaven? Das ist eine andere Sache, als ein korruptes Regime zu stützen. Das ist die krasseste Antithese zur deutschen Staats- und Gesellschaftsordnung. Deutsche Schützenpanzer fahren an einer Schulklasse vorbei, und nur Jungs schauen ihnen nach, und das ist dann in Ordnung. Die Taliban hätten den Krieg an der Front, die ihnen so wichtig ist, gewonnen. Auch das ist ein Argument zu bleiben. Es darf so nicht kommen. Zudem gilt: Für die Katastrophen nach einem deutschen Rückzug aus Afghanistan wären auch die Deutschen verantwortlich.
Am Ende der kurzen Reise bleibt der Eindruck: Die Bundeswehr macht nicht alles richtig, aber vieles gut. Zwischen Händchenhalten und Hinlegen-und-Schießen hat sie eine passende Strategie für dieses Land entwickelt. Zusammen mit den Leistungen der deutschen Polizei und der Entwicklungshilfe ist das ein Paket, das Bleiben rechtfertigt. Und Selbstbewusstsein gegenüber den Amerikanern, die den Einsatz in Afghanistan mehr und mehr dominieren wollen.
Struck sagt: »Mein Satz bleibt richtig. Es war keine Fehlentscheidung, nach Afghanistan zu gehen. Es ist keine Fehlentscheidung, dort zu bleiben.«