»Mutter aller Feste« - DER SPIEGEL
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HONGKONG »Mutter aller Feste«

Zwei Wochen vor dem Tag der Übergabe der Kronkolonie streiten sich Großbritannien und China über den Ablauf der politischen Feierlichkeiten. Der Westen boykottiert die Vereidigung des neuen Parlaments von Pekings Gnaden.
Von Erich Follath
• aus DER SPIEGEL 25/1997
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eigentlich wäre das eine Aufgabe für einen Meisterregisseur wie Steven Spielberg gewesen. Der kennt sich aus mit Dinosauriern, die alles niedertrampeln, mit unberechenbaren Haien, mit merkwürdigen Wesen, so schwierig einzuschätzen, als wären sie von einem anderen Stern. Doch der Job, den letzten Tag der britischen Kronkolonie Hongkong festlich zu gestalten und dabei Spitzenpolitiker, Diplomaten und andere VIPs einzuladen und zu betreuen, ist an Stephen Lam Shuilun und Maureen Earls hängengeblieben.

Der Hongkonger Anwalt und Karrierebeamte Lam sagt: »Viele Empfindlichkeiten wollen berücksichtigt sein. Wenn Sie jemals eine Sitzordnung für ein Hochzeitsessen entworfen haben, ahnen Sie, wovon ich spreche - dies ist eine Vermählung mit 4000 Gästen.«

Die Party-Organisatorin Earls, die früher für eine Kosmetikfirma Feste vorbereitete, meint: »Die Feierlichkeiten sollen ja weder traurig noch frivol werden, sondern Freude auf die Zukunft wecken - nach dem Grundsatz ,Ein Land, zwei Systeme': Da fühlen sich viele herausgefordert.«

Schon im September hatten sich London und Peking auf das Übergabe-Zeremoniell geeinigt: Am Nachmittag des 30. Juni verläßt Chris Patten, der letzte britische Gouverneur, seinen Regierungssitz. Am frühen Abend markiert eine Feier am ehemaligen britischen Marinestützpunkt Tamar das Ende der kolonialen Verwaltung; dann treffen sich die internationalen Gäste im prächtigen, für über eine Milliarde Mark auf neugewonnenem Land erbauten Convention Centre.

Nach einem Bankett folgt eine Stunde vor Mitternacht die offizielle Übergabe mit kurzen Ansprachen von Prinz Charles und dem chinesischen Präsidenten Jiang Zemin; anschließend ist Flaggenzeremoniell.

Um Mitternacht besteigen dann Ex-Gouverneur Patten und der britische Thronfolger die königliche Jacht »Britannia« und verlassen endgültig Hongkong - »das sinkende Schiff«, wie Spötter sagen; in einem »würdevollen Übergang«, wie es London und Peking offiziell formuliert haben.

Doch die Kolonialmacht und der Kommunistenstaat belauern einander mißtrauisch, sie fürchten versteckte Demütigungen. So entbrannte ein heftiger Streit um die Reihenfolge, in der die Fahnen aufgezogen werden, selbst um die Höhe der Flaggenmasten. Und soll der - zunächst bei der Einladung ganz vergessene - Repräsentant von Bangladesch wirklich einen Sitzplatz weiter vorn bekommen als Margaret Thatcher, die 1984 doch die Rückführung Hongkongs aushandelte?

Peking ließ auch wissen, man wolle in der Nacht der Nächte nicht auf die Queen anstoßen, schließlich repräsentiere sie die Macht, die für die »ungleichen Verträge« zur Abtretung der Territorien im letzten Jahrhundert verantwortlich sei. Die Briten weigerten sich im Gegenzug, den neuen Herren zuzuprosten.

Nun wird womöglich nur auf die Zukunft der »Sonderverwaltungsregion« getrunken - und London feixt: Als erste Amtshandlung soll der neue Hongkong-Chef von Pekings Gnaden, der Ex-Reeder Tung Chee-hwa, am 1. Juli beim kanadischen Nationalfeiertag seine Aufwartung machen. Dabei wird er das Glas auf die Queen heben müssen - sie ist Kanadas Staatsoberhaupt.

Die bitterste diplomatische Schlacht tobt gegenwärtig um die Vereidigung des neuen Hongkong-Parlaments: Pekings Parteibosse provozieren den Westen, indem sie darauf bestehen, dieses handverlesene Gremium gleich nach Mitternacht in Anwesenheit der internationalen Gäste zu »legitimieren«. Den bis zum Jahr 1999 demokratisch gewählten Legislativrat mit seiner Abgeordnetenmehrheit um den Demokraten-Chef Martin Lee hat Chinas kommunistische Regierung zum 1. Juli für abgesetzt erklärt.

Hält Peking an der Vereidigung im Beisein der ausländischen VIPs fest, könnten noch weitere westliche Politiker wohl nicht anders, als unter Protest die Feierlichkeiten zu verlassen - US-Außenministerin Madeleine Albright hat schon wissen lassen, sie werde gehen, die Europäer, etwa der deutsche Außenminister Klaus Kinkel, könnten sich anschließen. Auch deshalb, weil die gewählten Volksvertreter »draußen vor der Tür« demonstrieren wollten: Einige Demokraten hatten sogar geplant, sich an das Parlament zu ketten. Doch fast alle ihrer Kundgebungen wurden verboten, nicht so der Aufmarsch einer Pro-Peking-Gruppe.

Auch Briten wissen, wie man die Gegenseite mit Nadelstichen ärgert: Das »Hong Kong Lyric Theatre« veranstaltet in der letzten »kolonialen« Woche an drei Abenden eine Spielart der »Last Night of the Proms«. Das Klassik-Spektakel zum Mitsingen, traditioneller Ausklang der Londoner Promenadenkonzerte, hat unverkennbar nationalistische Untertöne: »Rule Britannia«, heißt ein Song, »Land of Hope and Glory« ein anderer.

Am 1. Juli, dem ersten Tag von »Hongkong, China«, planen die neuen Machthaber ihr eigenes patriotisches Sangesfest, und sie tun es, typisch für diese Stadt der Rekordsüchtigen, nicht unter einem Weltrekordversuch: Mehr als eine Million Hongkonger sollen sich am Hafen versammeln und eine eigens zur Wiedervereinigung komponierte Hymne des Chine- sen Tan Dun schmettern. Das »Lied vom Frieden« beginnt mit Klängen einer Nachbildung des klassischen, 2500 Jahre alten Glockenspiels »bianzhong«, geht dann aber im Stil internationaler Fahrstuhlmusik weiter: »Die Mutter weint nicht länger, singt vom freudigen Frieden: Ah! Himmel, Erde und Menschheit finden zueinander.«

Das Massenkaraoke wird das mit mehr als 22 Millionen Mark teuerste und größte Feuerwerk aller Zeiten begleiten. Mehr als 80 Tonnen Ausrüstung für die Spezialeffekte werden die Experten heranschaffen, die auch schon die Schlußfeier der Olympischen Spiele in Atlanta gestaltet haben; eine riesige, zu einer Höhe von zehn Stockwerken aufblasbare Perle soll über dem Hafen schweben, eine Flotte von 31 hellerleuchteten Barken die Was-ser durchkreuzen - sofern das Wetter es zuläßt.

Um diese Jahreszeit sind in Hongkong Taifune nicht ungewöhnlich: Aus Sicherheitsgründen könnte das ganze Spektakel ins Wasser fallen. Darauf kann man in der wettverrückten Noch-Kronkolonie Geld setzen - illegale Buchmacher bieten eine Quote von sechs zu eins für den großen Sturm.

Zu den sicheren Gewinnern der Festlichkeiten gehören die luxuriösen Hotels mit Hafenblick; die meisten haben für die entscheidenden Tage die Preise kräftig erhöht. So kostet das billigste Zimmer im Peninsula statt wie sonst 700 Mark pro Nacht jetzt über 1100 Mark, immerhin mit Frühstück - Mindestaufenthalt sechs Nächte. Das Regent verlangt für die »Mutter aller Feste« mit Gourmetbüfett, chinesischen Wahrsagern und bester Aussicht auf das Feuerwerk gut 600 Mark, ohne Zimmer versteht sich; wenn man die rauschende zweite Ballnacht vom 1. auf den 2. Juli gleich mitbezahlt, gewährt das Luxushotel einen Rabatt: 1100 Mark für beides. Die Top-Adressen sind ausgebucht.

Gewaltig verschätzt haben sich aber viele der mittleren Hotels, die bei den angeblich anstürmenden Touristenmassen abkassieren wollten: Noch sind sie längst nicht voll belegt.

Die größte Begeisterung über Hongkongs Heimholung herrscht jenseits der Grenze - kaum eine Stadt der Volksrepublik ohne ihre eigene patriotische Feier. In Nanking veranstaltet die Partei ein Massenbildermalen, in Fuzhou ein Massensingen, in der Provinz Henan eine Hongkong gewidmete Massenhochzeit. Die Volksbefreiungsarmee hat eine goldene Hongkong-Gedenkuhr herausgebracht, 4000 Mark pro Stück. »Alle Chinesen feiern am 1. Juli ein Freudenfest«, steht darin eingraviert.

Längst nicht alle. In einer Umfrage der Tageszeitung MING PAO äußerten fast 47 Prozent aller Hongkonger, sie hätten »keine Zeit, sich den Feiern anzuschließen«. Während sich andere bei ihren Partys amüsieren, werden viele wohl das tun, was sie sonst auch so gut können - Geschäfte abschließen, Geld verdienen.

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