BOSNIEN Mutter Courage
Biljana Plavsic hatte es gut gemeint. Sie wollte nur das Beste für den »größten Sohn des serbischen Volkes«, wie sie ihren Schützling bis vor kurzem noch liebevoll nannte.
Doch Radovan Karadzic, Ex-Präsident der bosnischen Serbenrepublik, sah in der mütterlichen Fürsorge seiner Nachfolgerin, die er selbst ausgewählt hatte, keinen Liebesdienst, sondern einen »gemeinen Trick«.
So begann ein Machtkampf, der die »Republika Srpska«, jene Hälfte Bosniens, die den Serben vor knapp zwei Jahren beim Friedensabkommen von Dayton zugefallen ist, an den Rand eines Bruderkriegs gebracht hat - und die internationale Friedenstruppe (Sfor) steckt mittendrin.
Bei einem Besuch der amerikanischen Außenministerin Madeleine Albright am 2. Juni in Banja Luka hatte Frau Plavsic einen ungewöhnlichen Vorschlag gemacht: Der Westen solle darauf verzichten, Karadzic, den meistgesuchten Kriegsverbrecher Bosniens, unbedingt vor das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zu bringen, ihn statt dessen lieber in ein Land seiner Wahl ausreisen lassen. Das Angebot sah vor, die Öffentlichkeit erst dann zu informieren, wenn Karadzic in Rußland, Nordkorea, Kuba oder der griechischen Mönchsrepublik Athos sicheren Unterschlupf gefunden hätte.
Frau Albright wußte, worauf sie sich da einließ. Doch ihr schien es tragbar, den Kriegstreiber entkommen zu lassen, wenn er dafür nur endgültig kaltgestellt würde. Und Plavsic glaubte, mit dem Schachzug ihrem Mitstreiter einen Gefallen zu tun und ihn vor dem Gefängnis zu bewahren - ein folgenschwerer Irrtum.
Denn Karadzic gibt sich längst nicht geschlagen, er glaubt immer noch, eine politische Zukunft zu haben. Aus seiner schwerbewachten Bergfeste Pale in den Wäldern vor Sarajevo ließ der heimliche Herrscher der Republika Srpska dem Westen ausrichten, er werde das Feld nicht kampflos räumen und sich nicht bis ans Lebensende in irgendeinen freudlosen Winkel verkriechen.
Damit forderte der Großmeister des bosnischen Bruderkriegs erneut die Autorität von Uno und Nato heraus - und pokert diesmal sogar mit seinem Leben.
So wie er während des Kriegs internationale Befriedungsversuche mit immer neuen Provokationen hintertrieb, verfiel Karadzic nun wieder in seine trotzige Attitüde des Jetzt-erst-recht. Er stimmte seine Landsleute auf »ein Leben nach Dayton« ein, in dem er sein Volk zu neuem Ruhm führen werde. Wer sich gegen ihn stellt, wird zum Verräter und Kollaborateur gestempelt - selbst so treue Mitkämpfer für die großserbische Idee wie Plavsic.
Das Kalkül des Psychiaters ist so simpel wie waghalsig: Allein der Präsenz von 30 000 Friedenssoldaten unter Nato-Kommando ist es bislang zu verdanken, daß die Feindseligkeiten zwischen Serben, Moslems und Kroaten nicht wieder offen ausgebrochen sind. Doch Mitte nächsten Jahres könnte US-Präsident Bill Clinton seine Truppen aus Bosnien abziehen. Und die Europäer allein, denkt Karadzic, seien nicht in der Lage, Bosnien zu befrieden. Dann soll seine Stunde wieder schlagen - und die Landkarte abermals neu gezeichnet werden.
Bisher konnten die Architekten des Friedensabkommens von Dayton keinen der brisanten Streitpunkte entschärfen, die erst die Voraussetzung für einen stabilen Frieden schaffen würden: Hunderttausende Vertriebene wissen nicht, wohin sie heimkehren sollen. In Westeuropa wollen etwa 690 000 Bosnien-Flüchtlinge ein weiteres Mal überwintern, weil die Kriegsherren vor Ort ihre Ansiedlung verweigern.
Von Banja Luka im Nordwesten bis Mostar im Südosten: Überall herrscht das Gesetz der Apartheid. Moslems, Kroaten und Serben wagen sich aus ihrer jeweiligen Enklave nicht hinaus, denn im Gebiet anderer Volksgruppen sind sie Freiwild für all die Massenmörder und Folterer, denen das Uno-Kriegsverbrechertribunal nicht beikommt.
Zudem gibt es nach wie vor kein stabiles militärisches Gleichgewicht, das die verfeindeten Konfliktparteien von erneuten Feldzügen abschrecken könnte. Zwar ist die serbisch-bosnische Armee den Streitkräften der Moslems und Kroaten, die von Amerikanern und Türken aufgerüstet wurden, nicht mehr gewachsen. Aber Karadzic hofft im Ernstfall auf Beistand aus Belgrad: Die Generäle der Jugoslawischen Armee unterstützen heimlich die Ambitionen ihres bosnischen Statthalters.
Karadzic, der wohl berühmteste Nervenarzt der Welt, verstand es nach seinem Pro-forma-Rücktritt als Präsident der bosnischen Serben, seine politischen und wirtschaftlichen Verbindungen zu erhalten und sogar auszubauen, vor allem mit der serbischen Heimatrepublik. Hinter dem Rücken der Dayton-Friedensmakler zog er mit seiner »Schar von Politkriminellen« (so der deutsche Außenminister Klaus Kinkel) ungehindert die Fäden im serbisch besetzten Teil Bosniens; er mischt beim staatlichen Außenhandel und der bosnisch-serbischen Zentralbank mit.
Über Firmen wie Selekt-impeks und Centrex schöpft Karadzic' Familie Erlöse aus dem Verkauf von Zigaretten, Benzin und Alkohol ab. Zum Verdruß internationaler Hilfsorganisationen steht Ehefrau Liljana noch immer an der Spitze des bosnisch-serbischen Roten Kreuzes. Tochter Sonja leitet das Pressebüro der Regierung und des Wirtschaftsministeriums. Verwandte und Freunde kontrollieren Waffenfabriken und Duty-free-Läden.
Weil das Volk dabei darbte und auch sie zuwenig abbekam, begann die nominelle Präsidentin Plavsic, immer lauter über den Karadzic-Clan zu klagen. Für ihren Einsatz wollte die frühere Biologieprofessorin, die vor dem Krieg zur besseren Gesellschaft Sarajevos gehörte, mehr bekommen als Almosen und den zweifelhaften Rang einer Galionsfigur. Möglicherweise durch Versprechungen der Amerikaner gelockt, wagte sie den Bruch. Die Serbenrepublik sei »ein Staat von Dieben und Kriminellen« geworden, schimpfte sie, die Pale-Clique habe sich schamlos bereichert.
Sie verfügte die Auflösung des Parlaments in Pale, »einem Hort von Mafiosi und Terroristen«, und setzte Neuwahlen für Oktober an. Karadzic' Getreue erklärten im Gegenzug die Präsidentin für abgesetzt; ein Abgeordneter schlug sogar öffentlich vor, der angeblichen Verräterin »eine Kugel in den Kopf zu jagen«. Im über hundert Kilometer entfernten Banja Luka baut Plavsic eine provisorische Gegenregierung auf, mit eigener Polizei und eigenem Staatssicherheitsdienst - alles gesetzlich nicht gedeckt, aber unter dem Schutz der Nato-Truppen vor Ort.
Doch stand hier wirklich eine tapfere Mutter Courage gegen den bösen Buben Karadzic auf? Oder verbündeten sich Uno und Nato mit einer Politikerin, die kaum Rückhalt im Serbenstaat hat und deswegen gar nicht die Stabilität bringen kann, die sich die internationale Gemeinschaft so dringend erhofft?
In einer gemeinsamen Aktion von Nato und Plavsic ergebenen Polizisten gelang es vorige Woche, mehrere Polizeiwachen unter Kontrolle zu bekommen, Waffenlager und ein Spitzelzentrum auszuheben.
Aber der Einfluß der Präsidentin reicht nicht weit über die Stadt Banja Luka hinaus. Überall sonst im Serbenland schlagen ihr Haß und Verachtung entgegen. Militante Nationalisten, die Regierung in Belgrad, aber auch Demokraten und Pazifisten wenden sich schroff von ihr ab.
Der berüchtigte Freischärlerführer Zeljko Raznjatovic Arkan, 44, genannt »die Raubkatze«, wirft ihr vor, »den Kampf um Lebensraum nicht zu Ende gedacht zu haben« - dabei hatte sie Arkan einst als Helden geküßt. Regimetreue serbische Medien nennen die Gelehrte eine verblendete »Nato-Kollaborateurin«, Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic bezeichnete sie als »Irre«.
Käme es zu den von ihr angesetzten Wahlen, würde sie mit ihrer neugegründeten Partei »Serbische Volksbewegung« wohl klar geschlagen - Karadzic könnte frohlocken, der Westen hätte sich blamiert.
Auf Kroaten und Moslems wirkt Plavsic wie ein Schreckgespenst: unberechenbar und deshalb als Partnerin im gesamtbosnischen Staatsverband kaum akzeptabel. Sie selbst schwört noch heute, mit Kroatien nicht einmal Handelsbeziehungen aufnehmen zu wollen. In Reden, von denen sie sich nie distanziert hat, verteidigte sie Mord und Vertreibung. »Ich möchte Banja Luka sorgfältig von Moslems gereinigt sehen«, erklärte sie etwa 1993 als Karadzic-Stellvertreterin, »sonst werden die uns ewig belästigen.«
Bis vor kurzem zitierte die ehemalige Dekanin an der Universität Sarajevo gern die Worte eines serbischen Kompanieführers, der ihr im Sommer 1992 beim Angriff auf die bosnische Hauptstadt geschworen haben soll: »Wenn die Hälfte der Serben in diesem Krieg stirbt, werden sechs Millionen überleben. Das ist die Sache wert.«
Nichts deutet darauf hin, daß sie inzwischen anders denkt: Keine Entschuldigung, kein Bedauern über die Schrecken des Krieges sind von ihr zu hören. Vor einer Handvoll Anhänger erklärte sie vorige Woche: »Wir sind der Kern einer neuen Bewegung, wahre Serben, die aus dem erfolgreichen Kampf gegen unsere äußeren Feinde die Kraft gefunden haben, auch unsere inneren Feinde zu besiegen.«
In dieser verfahrenen Situation geraten Amerikaner und Europäer immer stärker unter Druck. Da ihre Alliierte Plavsic sich allein nicht behaupten kann, müssen die Sfor-Truppen sich darauf einstellen, den serbischen Finsterling doch noch gewaltsam zu ergreifen - oder irgendwann als Papiertiger dazustehen. Vorigen Freitag ließ Karadzic seine Getreuen in Pale gegen die »SSfor« marschieren.
Das Verteidigungsministerium in Washington kündigte an, die derzeit 8000 US-Soldaten vorübergehend um 4000 zu verstärken, damit die Sicherheit der für Mitte September vorgesehenen Kommunalwahlen in Bosnien gewährleistet sei. Sofort frohlockten die Moslems in Sarajevo: Das sei das Zeichen, daß Karadzic kurz vor dem Urnengang eingefangen und nach Den Haag ausgeliefert werde.
Etwas später könne dann auch Plavsic abtreten, ihre Dienste würden nicht mehr gebraucht.