SOWJET-UNION / JUBILÄUM Mutter Erde
Parteichef Leonid Breschnew hielt zu Beginn des fünftägigen 50. Jubelfestes der Oktoberrevolution eine Rede von vier Stunden. Nach ihm sprachen bis in den Abend des darauffolgenden Tages 59 Redner zusammen 17 Stunden lang.
Danach flog Breschnew, begleitet vom Staatsoberhaupt Nikolai Podgorny und Regierungschef Alexej Kossygin, nach Leningrad, der »Wiege der Revolution«. Dort sprachen Breschnew eine Stunde und nach ihm 17 Redner insgesamt sechs Stunden lang.
Nach Moskau zurückgekehrt, ergriff Kossygin das Wort, nach ihm sprachen 16 weitere Redner. In den vier Tagen vom 3. bis 6. November hatten sieben Dutzend Festredner 36 Stunden lang laudiert und 10 000 Delegierte und Gäste insgesamt mehr als drei Stunden applaudiert.
Die Moskauer City erstrahlte wie westdeutsche Einkaufsstraßen in der Vorweihnachtszeit. Über allen Häuptern schwebte nach Eintritt der Dunkelheit ein von Scheinwerfern der Flak beleuchtetes Leninbild auf rotem Fahnentuch. Das Gesicht des Revolutionärs hing an einem Fesselballon, der allabendlich hochgelassen wurde. 1947, am 30. Revolutionstag, hing dort an einem zweiten Luftballon Stalins Abbild.
Die Türme des Kreml waren mit weißen Lichtern besteckt. Rotes Licht umflutete die Spitzen der alten Moskauer Hochhäuser im Stalinschen Zuckerbäckerstil. Grüne Lampen gaben den schon entlaubten Bäumen am Kutusow -- Prospekt Frühlingsahnen, quer zum Fahrdamm baumelten im Abstand von 50 Metern rotgelbe Birnen-Ketten.
Lampengirlanden in allen Farben schmückten fast alle Moskauer Ausfallstraßen bis an den Stadtrand, an Bäumen und Masten blinkten rote, gelbe und lilafarbene fünf zackige Sterne. Selbst die Schiffe auf der Moskwa feierten Oktoberfest mit rummelbunten Lampen über allen Toppen.
Die Militärparade auf dem Roten Platz in Moskau dauerte in diesem Jubiläumsjahr dreimal länger als sonst. Tausend Militärmusiker ermunterten die Verdammten dieser Erde, endlich aufzuwachen. Dann rollte über Moskaus Roten Platz die Oktoberrevolution von 1917.
Erst kamen die Kommissare -- doch die Schrecklichen von einst wirkten wie freundliche Verkehrspolizisten: Weiße Koppel verschönten die schwarzen Lederjacken der Terrorzeit. Ihnen folgten die »Roten Garden« im Overall des modernen Proletariats und die -- von den Bolschewiki liquidierten -- roten Matrosen von Kronstadt.
Die Rotarmisten Trotzkis -- dessen Namen niemand nennt -- mit langen, braunen Mänteln im aktuellen Schiwago-Look marschierten auf, die Streiter von Budjonnys säbelbewehrter Reiterarmee trugen die längst zur Kindermütze degradierten revolutionären Pickelhauben aus Filz.
Überall wucherte Sowjet-Patriotismus. Transparente verlangten Ruhm in vielfacher Ausfertigung: »Ruhm der Partei, Ruhm dem Sowjetvolk, Ruhm der Heimat!« Nationalistische Gigantomanie marschierte: Nach der Militärparade trotteten über den Roten Platz Gestalten in überlangen, wehenden Mänteln und dem Lieblings-Requisit sowjetischer Heldendarstellung, einem kleinen Kind auf dem starken Arm. Aus Lautsprechern donnerte mit heldischem Pathos das Wort »Rodina« -- Vaterland.
Als eine Abordnung sowjetischer Offiziere und Soldaten zum Festakt in den Sitzungs-Saal des Kreml marschierte, begrüßte sie der Generalmajor der Panzertruppen, Lapygin, mit den Worten: »So wie der Sagenheld unbesiegbar blieb, solange er sich von der Mutter Erde nicht losriß, so ist unsere Armee stark, weil sie mit allen ihren Wurzeln fest verbunden ist mit dem Vaterland.«
Das Küssen der Fahne wie in vorrevolutionären Zeiten gehört heute statt der Hymne an die -- nicht einmal mehr in Worten erwähnte -- Weltrevolution zum roten Ritual. Alle großen Festveranstaltungen wurden nicht mit der »Internationalen«, sondern mit der sowjetischen Staatshymne eröffnet.
Alte grüne Panzerautos trugen ein Plakat mit Original-Losungen aus der allerersten Revolutionszeit Alle Macht den Räten«, gemalt in einer altkyrillischen Orthographie' die Rußlands Schulen nicht mehr lehren.
Jene, die alle Macht besitzen, standen auf der Tribüne über Lenins Mausoleum -- mit Homburger Hüten. Parteichef Breschnew stieg vor seinen Genossen Kossygin und Podgorny die Marmortreppe des Mausoleums empor, um allein den Beifall des Publikums und der Ehrengäste entgegenzunehmen.
Am Tag zuvor waren Rußlands Regierungs-Räte noch gleichberechtigt zu stiller Andacht vor Lenins Leichnam in den Keller unter der Tribüne gestiegen. Sie legten einen Kranz nieder mit Blumen im revolutionären Rot. und in konterrevolutionärem Weiß.
Die Militär-Kapelle spielte zwar -- nach der Staatshymne -- die »Internationale«, aber die Ehrengäste repräsentierten das rote Welt-Kollegium nur unvollständig. Von den 13 Staaten, in denen nach Rußland die Kommunisten die Macht übernahmen, fehlten die Führer des größten und des kleinsten -- Chinas und Albaniens -- wie aller jener Länder, die selbständig, ohne Nachhilfe durch Sowjettruppen, kommunistisch geworden waren: Kuba, Nordvietnam, Nordkorea.
Kubas Castro schickte lediglich seinen Gesundheitsminister Ventura. Er klatschte nur zaghaft und entfernte sich in der einmal wöchentlich nach Kuba fliegenden Linienmaschine einen Tag vor allen Gästen vom Fest.
Dafür stand Walter Ulbricht -- einen modischen Pelzkragen auf seinem Ulster -- gleich neben den drei Sowjet-Herren, und Nassers Vize Ah Sabri kam aus Ägypten -- wo die Kommunistische Partei verboten ist.
Beim Festakt im Kreml wurden zwei chinesische Moskau-Diplomaten so dicht am Saaleingang placiert, daß sie -- ohne Aufsehen zu erregen -- die Veranstaltung verlassen konnten, als Breschnew ihren Mao der Spaltung des sozialistischen Lagers bezichtigte. Dieses Lager war auch beim Jubelfest der Revolution heillos gespalten.
Als Breschnew die ausländischen KP-Vertreter beschwor, endlich der Einberufung eines roten Weltkonzils aller Kommunisten zuzustimmen, begrüßten von sieben Dutzend Festrednern nur knapp zwei Dutzend diesen verzweifelten Appell zur Einheit.
Gegenüber den Gästen und dem Generalstab der Weltrevolution auf der Mausoleums-Tribüne verdeckte ein Lenin-Bild von 150 Quadratmetern die konkreten Interessen der Werktätigen: das Kaufhaus »Gum«. Dessen Extra-Warenangebot zum Fest bewies, daß sich jedenfalls die Erinnerungsfeier der Oktoberrevolution für das Proletariat ausgezahlt hat:
Importschuhe (für 178 Mark) waren eingetroffen, ebenso Kaviar -- im Sommer in ganz Moskau nicht aufzutreiben. Sechs Prozent mehr Kuchen und Süßigkeiten, acht Prozent mehr Fleisch als im Vorjahr standen zum Verkauf, versicherte Handelsminister Strujew zum Feiertag. Dazu versprach er 13 Prozent mehr Graupen.
Die Parfums »Roter Oktober« und »Kreml« kamen neu auf den Markt, eine Zigarettenmarke »Oktober« und -- »Jubilejnaja« ("Feiertags«-Wodka). Vor allem aber gab es drei Tage frei. Die Avantgarde des Proletariats, die Metallarbeiter, soll 1968 eine Lohnerhöhung von 15 Prozent erhalten, das gesetzliche Mindesteinkommen soll um die Hälfte, auf 266 Mark im Monat, erhöht, die Wehrpflicht um ein Jahr verkürzt werden: auf nur noch zwei Jahre im Heer, drei in der Marine.
Dafür verpflichteten sich Leningrads Eisenbahner, jeden Waggon im Monat mit 400 Kilogramm mehr zu beladen als 1966. Die Weinbauern im Moldaugebiet gelobten bessere Traubenernten, die Marinesoldaten größere Leistungen im Polit-Unterricht.
Die Litauer wollen ihr Soll für 1967 schon sechs Tage vor Jahresende erfüllen. Die Gartenbauer betrachten es als ihre internationale und patriotische Pflicht, die Grünanlagen zu verschönern. Die Fernaufklärer versprachen, die Gräber vergessener Helden des Zweiten Weltkriegs aufzuspüren.
250 Alpinisten mühten sich, auf dem »Pik Lenin« im Pamirgebirge ein Lenin-Denkmal aus rostfreiem Stahl zu errichten. Auf dem höchsten Fernsehturm der Welt (533 Meter) in Moskau stieg eine rote Kunststoffahne auf, im (nicht rechtzeitig fertiggestellten) rotierenden Turm-Restaurant »Der siebente Himmel« sollten Kellnerinnen in Stewardessen-Tracht bedienen.
Als die Moskowiter am letzten Dienstag nach dem Kostüm-Fest auf allen Plätzen tanzten, tranken, turtelten, gab der Kommissar im Ruhestand Alexander Belyschew, 73, an Bord des historischen Kreuzers »Aurora«, der sonst als Museum dient, um 21.45 Uhr auf der Leningrader Newa noch einmal -- wie vor 50 Jahren -- dem Buggeschütz das Kommando, wenn auch in neuer Formulierung: »Zu Ehren der Leninschen Partei der Kommunisten, zu Ehren unseres Volkes -- Feuer!«
Es war ein blinder Schuß -- und er war historisch einwandfrei. Denn die »Aurora«-Kanone, die 1917 das Signal zum Sturm auf das Winterpalais gab, das Fanal zur »Großen Sozialistischen Oktober-Revolution«, schoß mit einer Platzpatrone.