Fahndung Mutter oder Pferd
Im Kühlschrank stand noch frisch gekochter Reis, im Bad hingen feuchte Dessous an der Leine. Lippenstifte, Puderdosen und Kofferanhänger in einer Wohnung in der Düsseldorfer Charlottenstraße ließen Fahnder auf die Existenz von sechs jungen Frauen aus Malaysia schließen.
Herumliegende Visitenkarten rheinischer Bordelle und ein Notizbuch verrieten, daß die Frauen zur Prostitution gezwungen und an diverse Etablissements ausgeliehen worden waren. Als Anti-Terror-Spezialisten der GSG 9 das Sexdomizil stürmten, waren die Asiatinnen mitsamt ihren drei Zuhältern jedoch gerade ausgeflogen.
Trotz der Fülle von Spuren fahnden Beamte seither vergebens nach der Truppe. Die Gesuchten verstecken sich hinter einem Gewirr chinesischer Namen, die in immer wieder neuen Schreibweisen in den Akten auftauchen.
Seit chinesische Banden, die sogenannten Triaden, nach Deutschland drängen, kämpfen Fahnder zunehmend mit den Tücken der chinesischen Schrift. Namenschaos herrscht nicht nur im Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA) und in Düsseldorf, das, so der dortige Kripo-Kommissariatsleiter Gerd Hue, als »ein Logistikzentrum der chinesischen Mafia« gilt. Auch in Frankfurt, München, Hamburg und Mittelfranken, den anderen Triaden-Stützpunkten, möchte mancher Kripo-Mann schier verzweifeln.
Besonders schwierig erweist sich die internationale Zusammenarbeit der Ermittler, wenn deutsche Polizisten etwa die Personalien eines Verdächtigen bei Interpol Hongkong prüfen wollen. Ein Triaden-Gangster, mit Namen in lateinischen Buchstaben beispielsweise als »Jian« vermerkt, kann auch als »Chien«, »Kin« oder »Gan« erfaßt werden. Ein »Wong Kin-kwok« kann sich je nach Transkription »Wang Jianguo« oder »Wang Chien-kuo« nennen.
Im Gegensatz zu westlichen Sprachen basiert das Chinesische nicht auf einem Alphabet, sondern auf Silben. Die Schrift besteht aus Tausenden von Piktogrammen und Symbolen. Chinesische Schriftzeichen sind mit arabischen Ziffern vergleichbar: So wie eine 5 in Europa je nach Land als »fünf«, »five«, »cinq« oder »cinco« gesprochen wird, klingt dasselbe Symbol in den verschiedenen chinesischen Dialekten unterschiedlich.
Dazu kommen andere Sprachhürden. So gibt es im Peking-Dialekt - der chinesischen Hochsprache - rund 40 Schriftzeichen, die wie »Wang« ausgesprochen werden. Mehrere andere Zeichen klingen zum Beispiel wie »ma«, haben jedoch je nach Tonhöhe die unterschiedlichsten Bedeutungen: Mutter, Hanf, Pferd, schimpfen. Der Peking-Dialekt kennt vier, andere Dialekte haben bis zu neun verschiedene Stimmlagen.
Für die meisten Dialekte gibt es genormte Methoden, um die Zeichen in Buchstaben zu übersetzen. Der Peking-Dialekt etwa kann anhand von zwei Systemen bearbeitet werden, die Wade-Giles und Pinyin genannt werden. Das eine, im 19. Jahrhundert von zwei britischen Missionaren entwickelt, versieht die zwei Silben eines Vornamens mit einem Bindestrich; das andere seit 1979 von Peking international verwendete System fügt sie zu einem Wort zusammen. So kann der Name Li Yu-lung auch als Li Youlong geschrieben werden.
Bis 1979 hielten sich Interpol, FBI und BKA an das Wade-Giles-System, seither gilt auch bei Polizeibehörden im Westen das Pinyin-System. Oft schreiben Polizisten den Namen eines Verdächtigen im Alltag aber auch einfach nur so hin, wie er für ihre Ohren klingt.
Ratlos waren Transkriptionsfachleute aus 30 Staaten, als das Thema im Sommer auf einer Uno-Tagung im kanadischen Montreal anstand. Die Experten wollen einen weltweiten Standard mit hochintelligenten Computernetzen erreichen; doch die Gespräche blieben oberflächlich, weil Pekings Vertreter zu der Konferenz nicht erschienen waren.
Um die vielfältigen Mißverständnisse zwischen den Fahndern in West und Fernost auszuräumen, haben FBI-Experten dem BKA einstweilen empfohlen, sich an ein Buch zu halten, das den sogenannten Standard-Telegramm-Code enthält. Jedem chinesischen Zeichen entspricht dort eine vierstellige Zahl. Der Mann, der sich mal Jian, Chien, Kin oder Gan schreibt, wird zur Nummer 1696. Ein Wang Jianguo, selbst wenn er sich Wong Kin-kwok nennt, läßt sich weltweit als Nummer 3769/1696/0948 verfolgen. Doch längst nicht jeder Kripo-Mann beherrscht den Zahlen-Code, kann chinesische Zeichen übersetzen oder die Ziffernfolge in sprechbare Buchstaben verwandeln.
Zudem können Kriminelle mit kleinen hinzugefügten Strichen ein original chinesisches Namenszeichen ganz simpel verändern. Ein winziger Haken, von deutschen Polizisten kaum zu erkennen, verursacht im Code kaum entwirrbaren Zahlensalat.
»Ich bin da eigentlich nur fein raus, wenn es von dem Kameraden einen Fingerabdruck gibt«, sagt der Düsseldorfer Triaden-Fahnder Siegfried Hübner: »Wenn nicht, habe ich ganz schlechte Karten.« Y
Eine vierstellige Zahl für jedes Schriftzeichen