»Mutter, sei glücklich«
Die Jungen warteten ab, bis die Schule aus war, dann machten sie sich auf den Weg in den Tod: Jussuf Sakut, Anwar Hamduna und Ismail Abu Nadi kamen am Nachmittag vom Unterricht, warfen die Büchertaschen beiseite und erzählten ihren Eltern, sie wollten Freunde besuchen.
In Wahrheit brachen die drei 14-Jährigen vergangenen Dienstag aus dem Ortsteil Scheich Radwan in Gaza-Stadt auf, um die sechs Kilometer entfernte jüdische Siedlung Nezarim anzugreifen.
Ausgerüstet waren die Kids mit vier Messern, einer Axt, einer Granate und einer selbst gebastelten Bombenladung, doch das Trio kam nicht einmal bis ans Ziel. Kurz vor Mitternacht, als die Jungen auf den äußersten Zaun von Nezarim vorrobbten, wurden sie von israelischen Wachposten entdeckt: »Die Soldaten eröffneten das Feuer«, so eine Armeesprecherin zu dem Vorfall, »die drei wurden getötet.«
Die aberwitzige Aktion des halbwüchsigen Himmelfahrtskommandos schockierte selbst die radikalen Palästinenser von Hamas. Die Tat offenbart, so der Londoner »Guardian«, einen »neuen, tragischen Trend": Nicht nur mit Steinen und Schleudern beteiligen sich auch die Jüngsten an den Kämpfen gegen das israelische Militär, inzwischen eifern Kinder sogar jenen Selbstmordattentätern nach, die sich und die verhassten jüdischen Feinde in die Luft sprengen.
Sie sind die neuen Vorbilder: Die Killer der Hamas, des islamischen Dschihad und der Aksa-Brigaden, in den Medien und Moscheen als Helden gepriesen, beflügeln Phantasie und Rachsucht schon der Schulkinder.
Auch die drei Jungen aus Scheich Radwan wussten, dass sie bei ihrem Überfall sterben würden. »Mutter, sei glücklich mit mir«, schrieb Jussuf in seinem Abschiedsbrief, »ich gebe mein Leben für Gott und die Heimat.« »Papa, Mama, vergebt mir«, bat sein Freund Abu Nadi die Eltern, »ich werde eine Märtyreroperation gegen eine Siedlung ausführen.«
Palästinensische Ärzte machen den Schrecken der jüngsten israelischen Offensive für das abnorme Verhalten verantwortlich. »Das ist pure Verzweiflung«, meint Psychologe Fadil Abu Hin zu den Motiven, »Kinder sind nicht in der Lage, angemessen auf die traurige Realität zu reagieren.«
Schuld an der Entwicklung sei aber auch die bluttriefende Berichterstattung der arabischen Fernsehanstalten, sagt der Arzt. Sie unterlegten ihre Israel-feindliche Propaganda mit Bildern zerfetzter Opfer von Selbstmordattentätern. »Wir dürfen unsere Gesellschaft nicht militarisieren«, mahnt Abu Hin, »Schulkinder müssen lernen, Erwachsene können kämpfen.«
Das sehen jetzt selbst die militanten Führer von Hamas ein. Als »nationale Katastrophe« werteten sie den Tod der Jungen und warnten Nachahmungstäter vor Aktionen, bei denen sie »vor den Zäunen der Siedlungen umkommen« würden. STEFAN SIMONS