Nach dem Einmarsch
Es ist, als warte jeder in Bonn erschrocken auf das Schreckliche.
Fast ein Dutzend Jahre lang hatten die westlichen Staatsmänner sich und ihre Bürger vom politischen, wirtschaftlichen, humanitären Nutzen der Detente überzeugt. Dann kam Afghanistan, und es dauerte ein halbes Jahr, bis die Gespräche zwischen Ost und West mühsam wieder auflebten. Danach dauerte es nicht mehr ganz so lange, bis sie vollends stockten, »wegen der Lage in Polen«, wie die euphemistische Sprachregelung etwa des Bonner Kanzlers lautet.
Sein Außenminister sondert stetig neue Erklärungen ab, die einen auffälligen Mangel gemein haben: Das Wort »Entspannung« kommt nicht mehr vor. Statt entspannt wird nur mehr eingedämmt und abgeschottet. Die Diplomatie ist gelähmt. Gehörlose führen einen Dialog, Staatskunst erschöpft sich im Bewältigen von Aktennotizen. Die Bonner und die westliche Politik starren auf jenen Tag, an dem in Polen Liberalisierung und Demokratisierung zu Ende gehen, an dem die Polen verhungern oder verzweifeln -- aber nicht darüber hinaus.
»Einen zweiten Schlag«, so Schmidt und der französische Präsident Valery Giscard d'Estaing vage drohend nach Afghanistan, »würde die Entspannung nicht überleben.«
Klar, wenn keiner an Wiederbelebung denkt. Klar, wenn keiner fragt, ob das Leben danach insgesamt aufzuhören hat oder womöglich verlängert werden darf.
Die bitter nötige Wirtschaftshilfe gewährt der Westen Polen nur, »wenn keine Gewalt angewendet wird« -- da waren sich der noch unversehrte Ronald Reagan, Schmidt und Giscard am Telephon ganz einig.
Wozu kann diese Klausel gut sein? Nicht einmal für den Ernstfall kann sie ernst gemeint sein: Sie diente nur als Legitimation neuer Massenvernichtungen an und in Polen.
Als in Mitteleuropa der bisher letzte Ernstfall ausbrach, 1968 in Prag, waren die Breschnew-Doktrin und die gültige Teilung der Welt in Macht- und Einflußsphären nicht gefährdet. Der Westen erholte sich vom Schock und begann mutig seine -- a la longue erfolgreiche --Ostpolitik. Gewiß, auf Kosten von Tschechen und Slowaken, aber zu vieler Vorteil.
Gewiß, die Sowjets kamen nicht als Aggressoren an den Pranger, sondern straffrei davon. Aber sie mußten den Geist von Helsinki in ihren Herrschaftsbereich lassen; und sie werden ihn nun nicht mehr los. Von Prag über Helsinki nach Warschau führt zeit- und ideengeschichtlich ein, wenn auch nicht gerader, so doch folgerichtiger Weg; und selbst der gewaltsame Umweg über Kabul in Afghanistan gehört in die Abfolge: Die Sowjets haben dazugelernt.
Als einzige verfolgen sie derzeit eine klare, überschaubare Politik: Sie sorgen in ihrem Machtbereich mit massivem politischem Druck für Ordnung, aber sie scheuen Blut und Gewalt. Und sie locken den Westen mit einer Serie von Sonderangeboten zur vermeintlichen oder tatsächlichen Abrüstung und Rüstungskontrolle; Offerten, die sofort gegenstandslos wären, würde Polen tatsächlich überfallen.
Aus der Abrüstungskampagne ziehen selbst Bonner Diplomaten den Schluß, daß deren Fortbestand zugleich den Fortbestand der unabhängigen Gewerkschaft Walesas garantiert. Über den Umkehrschluß, der Westen müsse, um Polen zu retten, mit den Sowjets konkret über Abrüstung reden, spricht niemand.
Interesse und Bereitschaft Moskaus an Vereinbarungen über Rüstungsbegrenzung müssen in der Tat sehr groß sein: Die Sowjets zogen 20 000 Mann aus der DDR ab -vergessene Geste; und es waren nicht die Sowjets, die Salt II nicht ratifizierten -- vergessene Pflichten.
Es waren die Amerikaner, die dem Moskauer Botschafter in Washington die Tiefgarage und seinen Landsleuten die Getreideeinfuhren sperrten; die Amerikaner zerhieben, zunächst gegen den Willen der Europäer, das zu kurze Zeitalter der Entspannung und plakatieren nun Eindämmung. Die USA versuchen auf Kosten der Sowjets, deren Fehler Afghanistan und deren Problem Polen umzumünzen zum eigenen Vorteil.
So etwas ging nie lange gut. Auch bei der Kuba-Krise halfen die USA den Moskauer Politbürokraten, Gesicht zu wahren. Im Gegenzug bauten sie Raketenbasen in der Türkei und in Italien ab, statt den Russen schmerzliche Reaktionen abzuverlangen.
Wenn Bonn und der Westen die jetzt unbedingt fühlen wollen, müssen sie nur weiter auf einen Einmarsch starren und ihn durch beharrliches Nichtstun herbeipolitisieren. Das Spiel mit den Muskeln, das Vergessen(wollen) des Entspannungs-Auftrages sind die sichersten Weiser auf den Weg in einen Kalten Krieg. Der zweifelhafte Erfolg wird nicht auf sich warten lassen, den Schauplatz kann man jetzt schon ausmachen: nur 100 Kilometer von der polnischen Westgrenze entfernt, in Berlin.
Erreicht wäre, was die Bonner Regierung mit ihrem bisweilen zu tiefen Diener vor der neuen amerikanischen Administration verhüten will. Wenn künftig nicht mehr die Suche nach Gleichgewicht, sondern nach Stärke den Umgang zwischen West und Ost bestimmen würde, dann fänden sich die Deutschen dank Berlin in einer Lage wie die Polen jetzt, einer Schieflage zwischen Erpreßbarkeit und nutzlosem Trotz.
War es denn nur Wahlkampf, wenn sich Helmut Schmidt im letzten Jahr als moderater Friedenskanzler präsentierte, historisch erfahren, der seinen Wählern und Bürgern ein neues 1914 ersparen wollte?
War es nur Show, wenn er die Arme majestätisch wie zum Segen für die Seinen ausbreitete, die Hände dann theatralisch unvermittelt an die Nase führte und psalmodierte: »Wir haben das Schießen satt, bis hier oben hin«? Die Zeit ist reif, den Schwur einzulösen.
Wenn es je ein gesamteuropäisches Interesse an Friedfertigkeit gegeben haben müßte oder geben muß, dann jetzt. Was aber für Polen und Deutsche gut wäre, kann für Ronald Reagan nicht a priori nur falsch sein -- wenigstens müßte der Bonner Kanzler ihm das bei seiner Visite begreiflich machen.
Schmidt bleibt keine Alternative, weder nach noch vor der Intervention in Polen: Um das polnische Nachher zu vermeiden, braucht er vorher die Gespräche über Rüstung und deren Kontrolle.
Auf die Gefahr hin, daß Breschnew es ernst meint.