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MOSAMBIK Nach den Fluten kamen Diebe

250 000 Überschwemmungsopfer harren in Sammellagern aus. Sie haben ihre Hütten, ihre Felder und ihr Vieh verloren. Oft mussten sie mit ansehen, wie Angehörige von der Strömung mitgerissen wurden. Jetzt haben sie Angst vor neuen Wassermassen.
Von Birgit Schwarz
• aus DER SPIEGEL 11/2000
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Salome Machava gehört zu jener Sorte von Leuten, die sich in Arbeit stürzen, um ihr Unglück zu vergessen. Doch am Donnerstag voriger Woche starrte die 42-jährige Mosambikanerin fassungslos in den Himmel, bevor sie sich erneut an ihre selbst gewählte Aufgabe machte, eingeflogene Lebensmittel in einem Lagerhaus der Hilfsorganisation Caritas zu verteilen.

Am zwölften Tag, nachdem die Katastrophe in Gestalt einer zwei Meter hohen Welle über Salome und die 40 000 Bewohner von Chokwe hereingebrochen war, regnete es wieder in Strömen.

Tags zuvor noch schien sich erstmals wieder fester Boden unter den braunen Fluten abzuzeichnen. Wie Inseln lagen die Dörfer und Städte am Unterlauf des Limpopos in der schlammigen Brühe. Baumkronen ragten aus dem Wasser ebenso wie verfaulte Maispflanzen und sogar Fußballtore. Auch die Flüsse, die sich wie tosende Wasserfälle über Mosambiks Provinz Gaza ergossen hatten, schienen wieder friedlich in ihren Betten zu mäandern. Doch der Regen wollte nicht aufhören und drohte alle Hilfe und alle Hoffnung auf eine baldige Rückkehr zum Alltag zunichte zu machen.

Seit Beginn der Woche war die Stadt über eine Luftbrücke mit dem Allernötigsten versorgt worden: Weizenmehl stapelte sich neben inzwischen gehärteten Zementsäcken im Lagerhaus, Zucker war eingetroffen; Trinkwasser und ballaststoffreiche Kekse hatte Salome verteilt. Am Morgen brachte ein »Puma«-Helikopter der britischen Luftwaffe noch 200 Zelte.

Doch da musste der Hubschrauber bereits gefährlich dicht über dem Boden hinwegfliegen. Denn in den tief hängenden grau-schwarzen Wolken waren Markierungspunkte und entgegenkommende Helikopter kaum noch zu erkennen. In Windeseile wurden die Zelte ausgeladen, dann stoppte der Flugverkehr.

Die Hilfe war zu spät gekommen für viele, die das Wasser im Schlaf überrascht hatte. Allein am Donnerstag habe man 30 Tote in Chokwe bestattet, erzählt Salome. Am Mittwoch waren es 42. Je mehr sich das Wasser zurückzog, umso mehr Leichen wurden aus dem stinkenden Morast geborgen.

Die Schuld an der Jahrhundertkatastrophe geben viele Mosambikaner ihrer Regierung, die das Schlimmste hätte verhindern können. Um neun Uhr abends an jenem 26. Februar hatte der staatliche Rundfunk zwar vor der herannahenden Überschwemmung gewarnt, erzählt Salome. Doch gab es keinerlei Anstrengungen, die bedrohte Bevölkerung auch zu evakuieren. So gingen die meisten Bewohner Chokwes in der Überzeugung zu Bett, dass ihnen das Wasser allenfalls bis zur Matratze steigen würde.

Als um Mitternacht Polizisten per Megafon dringend zum Verlassen des Ortes aufriefen, lief Salome zum Fluss hinunter, um dessen Pegelstand zu erkunden. Da schwappte das Wasser bereits über die Brücke.

Bis sie ihren Mann und die sechs Kinder aus den Betten gerissen und zum Aufbruch gedrängt hatte, lief die lehmige Brühe schon zur Haustür hinein. Zehn Minuten später stand die Flut ihr bis zur Hüfte. Die Familie schaffte es gerade noch bis zur Hauptstraße, die auf einer Böschung lag. Dort nahm ein Lastwagen der Caritas sie auf und brachte sie in die 40 Kilometer entfernte, höher gelegene Ortschaft Chiaquelane.

Seither kehrt Salome zwar täglich in die Stadt zurück, in der sie vor zwei Wochen noch ein Häuschen hatte. Die Nächte aber verbringt sie mit den Kindern und ihrem Mann unter einer an Baumgabeln aufgespannten Plastikplane in Chiaquelane. Binnen weniger Stunden wurde der Flecken, der nur über zwei Brunnen für die 100 ortsansässigen Familien verfügte, zum Auffanglager für 45 000 Menschen.

Die Flüchtlinge campieren unter Cashewnussbäumen oder in notdürftig errichteten Grashütten. Triefende Decken und Hemden hängen von den Ästen. Traktoren und Ochsenkarren säumen die einzige Straße. Stillende Mütter haben unter Lastwagen Schutz vor dem unablässigen Regen gefunden. Jungen angeln in schmutzigen Teichen am Wegesrand nach Fischen, die als unbekömmlich gelten. Die Lebensmittelvorräte sind so knapp, dass das Welternährungsprogramm der Uno sein Zeltlager von einem mit einer Pferdepeitsche bewehrten Wächter schützen lässt.

Etwa 250 000 Mosambikaner haben in solchen Sammellagern Zuflucht gefunden. Die meisten können nur aus der Luft versorgt werden. Doch die Verteilung der Nahrungsmittel läuft schleppend, obwohl die Geberländer über 100 Millionen Dollar für Hilfsleistungen in Aussicht gestellt haben. Anhaltender Regen und der anfängliche Abstimmungswirrwarr der Hilfsorganisationen drosseln das Tempo, mit dem die Lebensmittel zu den Notleidenden in Chokwe und Chiaquelane gelangen.

Salome macht sich deshalb Sorgen. Das Warenlager der Caritas, das sie verwaltet, ist halb leer. Wenn sie nicht mehr genug zu verteilen hat, könnte es Hungeraufstände im Gebiet von Chokwe geben.

15 000 Menschen sollen inzwischen in die Stadt zurückgekehrt sein. Auch aus den Dörfern der Umgebung kommen junge Männer und bitten um ein paar Säcke Mehl und Zucker für ihre Gemeinden. Zwar fordert die Regierung die Bevölkerung auf, in den Lagern zu bleiben, bis die Unwetter aufgehört haben. Doch die Menschen halten sich nicht an diese Anweisung.

Auf der Straße zwischen Chokwe und Chiaquelane herrscht deshalb reges Kommen und Gehen: Alte Männer führen Eselskarren in Richtung Stadt, junge Männer treiben überlebende Kühe zusammen, auf voll beladenen Lastern werden Kühlschränke und Betten in das Lager transportiert. Jemand hat eine Polstergarnitur aus seinem überfluteten Haus gerettet. Jetzt steht sie so verloren unter den Cashewbäumen wie die zwangsweise stillgelegten Traktoren.

Flutopfer, deren Häuser noch halbwegs intakt sind, haben in Chokwe mit den Aufräumarbeiten begonnen. Im Hotel Limpopo fangen Frauen das Regenwasser in Eimern auf, um die Böden zu wischen. Bis zum Bauchnabel stehen drei junge Mädchen in der stinkenden braunen Brühe und wollen mit wenigen geretteten Trockenhauben den Friseursalon wieder herrichten.

An der Hauptkreuzung des Orts hat sich ein Markt etabliert. Zigaretten werden feilgeboten, Eier, Öl und Orangen, dazu das Bier, das am Vortag mit dem ersten Lastwagen eintraf, der durchgekommen war. Verkauft wird zu völlig überhöhten Preisen, denn der Nachschub der Händler hängt vom Zustand der Straße nach Maputo ab. Und die droht, trotz des unermüdlichen Einsatzes von Planierfahrzeugen, einmal mehr im Schlamm zu versinken.

Salome hat einen einzigen Blick in ihr Haus geworfen und würde lieber wieder vergessen, was sie dabei sah. Die Betten, Tische, Schränke und Stühle lagen kreuz und quer durcheinander, als hätte ein Wirbelsturm sie erfasst. Was sie aber am meisten schockierte, war die Erkenntnis, dass das Haus geplündert worden war.

Wie Aasgeier waren die Diebe im Dunkel der Nacht mit Booten gekommen und über die abgetauchte Stadt hergefallen. Sie nahmen ihr Videogerät mit und den Fernseher. Selbst Kleider hat sie keine mehr. Die dunkelroten Gummilatschen, die gelbe Regenjacke und der knöchellange Rock, an dessen Saum die Schlammspritzer nicht trocknen wollen, sind das Geschenk einer Dörflerin in Chiaquelane.

Doch Salome sorgt sich weniger um die Zukunft als um das Überleben in den nächsten Tagen. Laut Wetterbericht soll es noch bis Ende des Monats regnen. Die Wirbelstürme haben auch Teile der 400 Kilometer weiter östlich gelegenen Insel Madagaskar verheert. Tausend Choleratote werden von dort gemeldet. Nun gibt es weniger Hilfe für Mosambik. Hubschrauber der Franzosen haben bereits zur Katastropheninsel abgedreht. BIRGIT SCHWARZ

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