Nach Hause - DER SPIEGEL
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VOLKSTUM Nach Hause

• aus DER SPIEGEL 15/1948
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ceslaus Strybylki drückte sich am 1. April in seinem Bottroper Kotten herum. Es wurde gepackt. Polen ist stärker als der Kohlenpott. Auf dem Güterbahnhof Wanne-Eickel ließ er sich mit Frau, Sohn, Schwiegertochter, drei Enkeln, Möbeln, Waschmaschine und Kaltverpflegung in den ersten Rückkehrertransport nach Polen einschleusen. Sieben Fragebogen und fünf Fotos pro Person hatte es gekostet. Und zwei Jahre Geduld.

Der sowjetische Zonenklamauk hatte die Heimkehreraspiranten leicht schockiert. Die 48 polnischen Güterwagen kamen dann mit Verspätung doch noch im Kohlenpott an. Doppelte Freude.

Am Samstagnachmittag (3. April) waren alle verpackt. Im Sonntagsstaat nahmen die Zurückbleibenden Abschied. Tränen flossen kaum.

Ein Idyll mit Fahnenschwenken, Gedichten und Gesang war vorausgegangen. Mit deutlich sichtbarer Rührung hatten die ersten 160 Heimkehrer eine symbolische Gabe der Zurückbleibenden in Empfang genommen: ein Stück Kohle, ein Stück Erz und einen Sack rote Erde. Deutsch sprach niemand. Das lag am Anlaß. Großvater Ceslaus zitterte mit seiner rot-weißen Fahne. Das lag auch an der Kälte.

Die polnische Repatriierungs-Kommission hatte aus Bad Salzuflen ihre Vertreter geschickt: schneidige Offiziersuniformen aus englischem Stoff. Deutsche Vertreter gab es nicht. Auch keine Polizei.

Der breitschädlige, schnurrbärtige Ceslaus kann sich auf sein oberschlesisches Heimatdorf nicht mehr besinnen. 68 Jahre war er nicht zu Hause. 15 Monate war er alt, als ihn Vater Stanislaus auf einer Wolldecke in den Kohlenpott trug. Mutter ließ die anderen sieben Kinder auf dem 4.-Klasse-Transport nicht aus dem Auge.

»Ich bin Bottroper«, behauptete Ceslaus, als er in einem Eisenwerk als Laufjunge anfing. Er fiel nicht weiter auf. Nur jeder fünfte Stift war deutscher Abkunft. 1906 wurde er auf Vaters Spuren Berglehrling. Er besinnt sich noch ganz gut, daß er damals ganz anders malochen mußte als heutzutage die Lehrlinge. Zu Hause waren sie inzwischen zwölf geworden. Mutter ging waschen.

Von Polen wurde nie gesprochen. Vater Stanislaus hielt es für das klügste, auf gut deutsch zu machen. Nur die Familiensprache blieb polnisch. Mit den anderen Kindern auf der Straße verstanden sich die Strybylkis gut. Die paar deutschen lernten um.

Ceslaus erinnert sich nicht gern daran, daß er als 20jähriger beinahe eine Familientragödie verursacht hätte. Das war 1910. Er sollte Zweijähriger werden, wollte aber partout als Dreijähriger zur Kaiserlichen Kavallerie. »Die Gäule haben mich schon immer gereizt«, sagt er heute. Vater Stanislaus hielt zwei Jahre für reichlich. Es gab turbulente Familienszenen, Ceslaus machte kurzen Prozeß und Kleinholz. Nach drei Jahren kam er kuriert zurück. Die Kohle hatte ihn wieder.

Ein Jahr später wurde er Kaiserlich-Feldgrauer. Eine kleine Wanda krähte hinterher. Er brachte es zum Gefreiten, zum EK II. und zum Verwundetenabzeichen in Silber. 1916 fiel er d. u. aus. Die Kohle hatte ihn zum drittenmal.

Nach Versailles abonnierte er zu seinem Brieftauben-Informationsblatt eine Tageszeitung und dachte mit. Auch an Oberschlesien. In seiner Zwei-Zimmer-Wohnung führte er Polnisch als Ordnungssprache ein. Wanda und ihre beiden Brüderchen lernten es gründlich.

Am 2. Mai 1923 hatte Ceslaus einen unvergeßlichen Feiertag: Mit der rot-weißen Fahne zwischen den Fäusten war er Statist bei der Gründung des Bundes der Polen in Deutschland. Es wurde viel gesungen und gebetet. Ceslaus machte zwei Tage blau.

Als einer, dem Gesang gegeben, hielt er es hinfort mit der Sangesabteilung des Bundes. Zweimal wöchentlich, sonntags und bei besonderen Gelegenheiten. Bis Hitler kam, hatte er sich dreizehn Diplome ersungen.

1933 war nichts Besonderes für Ceslaus. Von Hitler verstand er nichts, und die anderen Parteien hatten ihn nicht interessiert. Höchstens das Zentrum. Aber der Polenbund hatte Parteigänger nicht gern. Darum hielt sich Ceslaus von den Parteien weg.

Auch unter Hitler konnten die Polenkinder von Bottrop in die polnische Schule gehen. Meistens gab es Geschichte und Religion. Das andere lernten sie auf deutsch. Rodur, das wolfsangel-ähnliche Bundessymbol, prangte nach wie vor auf den Rockaufschlägen, auf den Fahnen, über den Versammlungen und auf der Bundesplakette mit der stilisierten Weichsel und Krakau, »der Wiege der polnischen Kultur«. Hinter Pilsudskis Sarg marschierte 1935 auch die Rodur-Fahne.

Als Ende 1934 Vater Stanislaus mit Steinstaublunge starb, trat Ceslaus in die »Bruderschaft« ein und lernte polnisch Gottesfurcht. Deutsche Pfarrer unterwiesen ihn. In den Andachten fehlte er nur jede dritte Woche, wenn er Nachmittagsschicht hatte.

Bis dahin hatte Ceslaus nie daran gedacht, nach Polen zurückzukehren. Er war mit seinem Kumpeldasein ganz zufrieden. 6,50 Mark Schichtlohn brachte er nach Hause. Um seinen Kotten herum hatte er einen Kleingarten und fütterte zwei Ziegen, ein Schwein, meistens sechs Hühner und ein Dach voll Tauben.

Ab 1. September 1939 fing er an, umzudenken.

Beim deutschen Einmarsch in Polen wurden die Minderheitenrechte für die Ruhrpolen aufgehoben. Der polnische Gottesdienst, der Schulunterricht, der Chorgesang und die polnischen Heimatzeitungen wurden verboten. SD verhaftete die Führung des Polenbundes. Damals fand Ceslaus, daß es besser sei, wenn jeder mit seinem Stamme lebe. Das Fremdkörperdasein trieb ihn in die passive Opposition zum Dritten Reich.

Zwei Neffen - Jahrgang 1914 und 1918 - mußten als Kradmelder und als Pionier das polnische Ursprungsland besetzen helfen. Ihre Polenbund-Mitgliedskarte befreite sie nicht. Ein dritter Neffe verweigerte den Einmarschdienst. Das Kriegsgericht ließ ihn umlegen.

Ceslaus hat nie offenen Widerstand gepredigt. Er ist auch heute gegen Gewalt. »Ich hätte im Krieg, als ich wieder in den Pütt geholt wurde, Sabotage treiben können«, sagt er, »aber was hätte ich erreicht? Die ganze Zeche hätte darunter gelitten. Wer kann das verantworten?«

Sein Kotten wurde zweimal ausgebombt. Auch seine Haustierfarm. 1945 war er der erste in der Siedlung, der ein neues Wellblech auf sein Dach setzte. Im Herbst weinte er ganz richtige Freudentränen: Der Bund der Polen hatte sich wieder gebildet. »Uns reißt keine Macht der Welt auseinander«, sagte der Alte, »dafür sind wir Polen«.

Diesen Glauben bekam er jede Woche druckfeucht ins Haus gebracht. Seine Stammblätter waren die »Slowo Polskie« (Polnische Stimme), die von der polnischen Repatriierungskommission in Bad Salzuflen herausgegeben wird, und »Repatriant« (Der Heimkehrer), ein illustriertes Wochenblatt aus Warschau. Seinen Enkeln las er vor. Sie verstanden allerdings nur die Hälfte.

Der Rücksiedlungsplan der Strybylkis wurde zum erstenmal 1945 vom Familienrat ernsthaft besprochen. Der Bund der Polen bestärkte. Politische Zweifel kamen nicht auf. Auch Mikolajczyks Memoiren berührten nicht weiter. »Wir sind Kinder unserer polnischen Mutter«, sagte Ceslaus großväterlich. Er sprach nicht mehr so sorgfältig deutsch wie früher.

Auf Jakob Przybylski, den 72jährigen Präses des Bundes der Polen, schaute Ceslaus wie auf ein messianisches Symbol.

Jakob Przybylski sitzt buchstäblich zwischen Lebensmittelsäcken, polnischen Landkarten und Heiligenbildern im Bochumer Bundeshaus und hat dabei genau so große Sorgen wie Gewerkschaftler und Politiker.

Er sieht gesund aus, wenn auch müde. Seine eineinhalb Jahre KZ Sachsenhausen sind ihm nicht anzusehen. Er war stärker. Als man die Fachkenntnisse des Schienenschweißers brauchte, holte ihn Speer 1941 aus dem KZ und ließ ihn in Wien und auf dem Balkan Schweißbomben machen. Przybylski bestand die Prüfung.

Heute steht der joviale Präses 56 Jugendabteilungen, 37 Gesangsgruppen mit über 3000 aktiven Sängern, kirchlichen Abteilungen und 57 polnischen Sprachkursen vor. 99 Ortsgruppen in Nordrhein-Westfalen läßt er betreuen. Auch mit Lebensmitteln.

Er ist stolz auf seinen Volkstumskampf und auf das polnische Vaterland. Auf die DPs in den west- und nordwestdeutschen Lagern ist er nicht stolz. »Mit denen haben wir nichts zu tun«, sagte er mit spitzer Betonung.

»Wir werden nicht von Warschau oder Moskau ferngesteuert«, spricht er durch den Rauch einer polnischen »Three Lions« aus englischem Tabak. »Wir haben eine unabhängige Entwicklung. Die beste Lösung für unser Ruhrpolenproblem ist die Rückkehr in unser Mutterland.«

Die britische Militärregierung hat hier eingehakt. Ruhrpolen sind Ruhrkumpels. Schon 1900 waren von 250000 Bergleuten 70000 polnischer Herkunft. Heute sind es etwa 80000. Auswandern gibt es für die Kumpels vor Ort nicht. Die Militärregierung ist stärker. Und der Kohlenschrei.

Aber 35000 eingeschriebene Mitglieder halten ihrem Polenbund die Treue. Viele können kaum mehr polnisch. Viele können kaum schon deutsch. Zwischenlösungen sind beliebt. In den Ruhrstädten Herten, Buer, Recklinghausen, Wanne-Eickel gelten sie als guter Ton.

Nordrhein-Westfalens Innenminister Dr. Menzel versteht sich auf diesen Ton. Ende März hat er die Polenbund-Leitung empfangen. »Zum erstenmal seit der Weimarer Republik haben wir ein offenes Ohr für unsere Lage gefunden«, sagt Vizepräsident Michael Wesolowski. Er ist von dem Gedanken durchdrungen, keine Macht der Erde könne die vollständige Repatriierung seiner Freunde in das Land der polnischen Väter aufhalten. Dieser Glaube festigte sich in jahrelanger Gefängnis- und Gestapohaft.

Michael Wesolowski spricht von den 60 Freunden aus der Bundesleitung, die in Sachsenhausen geblieben sind. 120 kamen davon. Sie trafen sich im ersten Nachkriegsoktober und feierten die Neugründung des Bundes.

Um ihr vom Dritten Reich beschlagnahmtes Vermögen kämpfen sie noch. Und um ihre vier Häuser in der Bochumer Klosterstraße. Die Werte von 150000 Dollar sind noch immer in fremdem Besitz. Der Bund muß für seine Dienstzimmer Miete zahlen.

Die polnisch-katholischen Gottesdienste und die polnischen Sprachkurse für Kinder sind wieder stark besucht. Nur die Zwischenjahrgänge fehlen. Die sind auf den Fußballplätzen. Ihre Brüder machen den Ruhrfußball. Hin und wieder ist auch einmal ein deutscher Name auf dem Fußballfeld.

In den Ortsgruppen stieg zur Zeit des ersten Heimkehrerabschiedes das Generalprobenfieber. Es geht um den 2. Mai. Der Bund will in Herne sein Fünfundzwanzigjähriges feierlich begehen. Zugleich im Gedenken an den 3. Mai 1783. Damals wurde nach 60monatiger Arbeit die Konstitution geschaffen. Das war zwischen der ersten und der zweiten polnischen Teilung.

Achtzig Fahnen, die in Ruhrkotten, Hühnerställen und Heuböden über die Hitler-Zeit gerettet wurden, werden für Herne aufgefrischt. Frühlingslied ist die Ruhrpolen-Hymne »Wir hören nicht auf zu kämpfen, wir haben die Kraft der Gerechtigkeit und die Kraft zur Gerechtigkeit und kraft der Gerechtigkeit harren wir aus und behaupten uns.« Als Gemeinschaftslied klingt das gut.

Die Boleslaw, Jan und Stanislaus stehen vor Kohle ihren Mann. Aber die vier Punkte ihres Verbandes vergessen sie nie:

»Der Glaube unserer Väter ist der Glaube unserer Kinder.«

»Ein Pole ist dem anderen Polen ein Bruder.«

»Täglich dient der Pole seinem Volk.«

»Das Polentum ist unsere Mutter. Wir dürfen nicht schlecht von ihr sprechen.«

Sie sprechen nie schlecht davon.

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