Vor dem Landgericht Berlin muß sich demnächst ein ehemaliger Stasi-Mitarbeiter verantworten, der an der gewaltsamen Entführung eines früheren DDR-Bürgers aus der Bundesrepublik beteiligt gewesen sein soll. Der angeklagte Rentner Horst L., 68, gehörte in den fünfziger Jahren zu einer Operativgruppe der Stasi, die von einem Mitarbeiter mit dem Decknamen »Donner« geleitet wurde (SPIEGEL 10/1996) und für »Sonderaufgaben« in der Bundesrepublik eingesetzt wurde.
Ermittler werfen dem Beschuldigten vor, im November 1955 den ehemals in Ost-Berlin lebenden Werner Rieker auf der Autobahn bei Frankfurt am Main überfallen und in die DDR entführt zu haben. Insgesamt drei Mitarbeiter der Stasi überwältigten damals den Mann, schlugen ihn mit Knüppeln zusammen und verschleppten ihn in das Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg.
Rieker wurde in der DDR wegen Spionage zu einer Zuchthausstrafe von 15 Jahren verurteilt, von denen er 8 in der Haftanstalt Bautzen II absaß. Er starb 1984 in West-Berlin.