Nachrufe
Die ganze Nacht hindurch defilierten Oesterreichs Sozialisten an der Urne Dr. Otto Bauers vorbei. Französische Sozialisten hatten die Asche des vor zehn Jahren in Paris Verstorbenen nach Wien gebracht. Mit einer Massengedenkfeier erfolgte die endgültige Beisetzung des bekannten Sozialistenführers. Die Pariser »L'Humanité« widmet Bauer keinen guten Nachruf. Sie nennt ihn »den loyalen Geschäftsführer des damaligen kapitalistischen Regimes in Oesterreich«. Wien trauert um ihn.
»Gott sei Dank, daß ich diesen Tag erleben darf«, rief der irische Abgeordnete Flannagan und zeigte auf den bisherigen Ministerpräsidenten Eamon de Valera: Mit 75 gegen 70 Stimmen hatte die Koalition der Oppositionsparteien den einzigen Sechzehnender unter den europäischen Ministerpräsidenten zu Fall gebracht. Nachfolger des 67jährigen mit dem Gelehrtenkopf wurde der 57jährige frühere Generalstaatsanwalt John Costello. Zuerst hatte Costello abgelehnt, wegen des niedrigen Gehaltes. Nach der uebernahme der Regierung war seine erste Forderung an die Briten: Eingliederung der Provinz Ulster in den irischen Freistaat.