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Briefe

NACHRUHM
• aus DER SPIEGEL 24/1966
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NACHRUHM

Ähnlich wie Karl May ist Hermann Löns nicht etwa Wegbereiter des Faschismus, sondern vielmehr Nebenprodukt jener typisch deutschen Mentalität, die lieber henkt (und vergast) als denkt, nämlich jene Juden, Intellektuellen und so weiter, die beim Träumen stören. Wie nach Darwin der Affe nicht des Menschen Großvater, sondern Großonkel, sind May und Löns nicht Großväter, sondern Großonkel des Nazismus. Es fehlt ein Arno Schmidt, der den wildgewordenen Kaschuben mit Freudschen Methoden analysiert; bloß leider würde eine Löns-Analyse ebensowenig die Leute erreichen, die es angeht, wie Schmidts böse und brillante Arbeit die Karl-May-Gemeinde.

München PETER H. BUMM

Ich kann Ihnen sagen, warum Hermann Löns 1934 nach der »Heimkehr« am Straßenrand verscharrt wurde, anstatt wie beabsichtigt im feierlichen Staatsbegräbnis beigesetzt zu werden.

In dem Löns-Roman »Das zweite Gesicht«, Fassung der zwanziger Jahre, besitzt der Held - der Maler Hagenrieder - einen jüdischen Freund und bekennt sich ihm gegenüber zu einer schwärmerischen Verehrung des Judentums. Er sagt etwa, eine Synthese zwischen dem germanischen Idealismus und der durchdringenden Klugheit der Juden wäre der beste Weg in eine glückliche Zukunft. (Ich zitiere nicht im Wortlaut, sondern aus der Erinnerung dem Sinne nach.)

Da die NS-Größen stärker im Liedersingen waren als im Bücherlesen, entging ihnen dieser ketzerische Lapsus. Buchstäblich im letzten Augenblick stieß sie irgend jemand mit der Nase darauf. Alles stand kopf. Die Wut der. Nazis auf den toten Löns war grenzenlos. Aus dem befohlenen Staatsakt wurde ein Verscharren bei Nacht und Nebel.

Nach der NS-Logik hätten nun auch die Löns-Lieder verboten werden müssen. Weil sie aber zu populär waren und man sie nicht entbehren konnte, hielt man den wahren Grund des plötzlichen Stimmungswechsels streng geheim. Man verschanzte sich hinter einer lächerlichen Ausrede.

In dieses Bild paßt auch die spätere Beisetzung des Dichters durch die Reichswehr. Keine andere Machtgruppe außerhalb der Partei hätte es 1935 in Deutschland wagen können, einen von der SA verscharrten Leichnam auszugraben und ehrenvoll beizusetzen.

Halstenbek (Schlesw.-Holst.) G. RENTNER

Der Dichter des »Engellandliedes«, das während des Krieges täglich gesendet wurde, hatte einen jüdischen Großelternteil. Tatsächlich dieserhalb ordnete der SA-Führer Lutze die Verscharrung der Leiche am Straßenrand an.

Hamburg DR. WILHELM WITTMER

Immerhin mußte sich »dieser deutsche ste aller deutschen Dichter« (Friedrich Castelle) im Jahre 1911 nach Erscheinen seines Buches »Der kleine Rosengarten« in »Velhagen und Klasings Monatsheften« sarkastisch nachsagen lassen, er habe eine Reihe von Liedern aus »Des Knaben Wunderhorn« in die einzelnen Zeilen zerlegt - und zwar mit dem beliebtesten Redaktionsinstrument, - der Schere-, die Streifen in einer leeren Zigarrenkiste vereinigt, nach Schließen

des Deckels gehörig geschüttelt, habe sodann Streifen einzeln nach Bedarf herausgezogen, der Reihe nach auf ein Papier geleimt, zu guter Letzt Zeilenübergänge und Reime geschustert und etwas Sinn in das neue Volkslied gebracht. Vom Verleger Diederichs ist dazu vermerkt worden, er wisse von Löns lediglich, der Dichter habe die ganzen Rosengartenlieder innerhalb einer Nacht gemacht und zwar »auf kaltem Wege«.

Hermann Löns selbst bezeichnet seine Lieder aus dem kleinen Rosengarten in einem Brief an einen persönlichen Freund als - »ein ganz ulkiges Experiment«.

Wahrenholz (Nieders.)

HELGA ENGELKE-FISCHER

Man kann sagen, daß Löns erst durch den Film und durch ein Lied, das im Dritten Reich zum oft gesungenen Soldatenlied wurde, volkstümlich, geworden ist: »Ja grün ist die Heide, die Heide ist grün ...«

Die Melodie zu diesem Lied ist ein Plagiat. »Das ist die Garde, die unser Kaiser liebt« heißt das Original. Es wurde nur der Rhythmus geändert.

Wiesbaden KARL LINNMANN

Der Heidedichter Löns wohnte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in Hannover in dem Hause Am Bokemahle 10 A. Das Nebenhaus gehörte meinem Großvater, der es zeitweilig an die Studentenverbindung der Cherusker vermietet hatte. Die jungen Cherusker ließen abends und nachts bei geöffneten Fenstern machtvolle Gesänge erschallen, die Löns, der im Garten nebenan in dem im »Zweiten Gesicht« beschriebenen Gartenatelier hinter der Schnapsflasche saß und mit fliegender Feder seine Romane schrieb, in seinem Arbeitsfrieden erheblich störten. Er schrieb ergrimmte Beschwerdebriefe an meinen Großvater. Infolge der Treffsicherheit alliierter Bombenflieger sind diese Literaturdenkmale leider nicht erhalten geblieben.

Unser Briefträger erzählte: »Ich habe Löns mal aufgelesen, als er stockbetrunken im Rinnstein lag. Er versprach mir ein Buch mit Widmung. Als ich mir am nächsten Tag das Buch abholen wollte, war er gerade dabei, seine Frau zu verprügeln.«

Cuxhaven MAX VANDREY

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