Nackte Angst - DER SPIEGEL
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KONGO Nackte Angst

Afrikas blutigster Krieg droht erneut aufzuflammen. Im Grenzgebiet zu Ruanda rotten sich Rebellen zusammen, und die Regierung in Kinshasa ist schwach.
• aus DER SPIEGEL 37/2005
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

General Laurent Nkunda ist selbst für ostkongolesische Verhältnisse ein übler Schlächter. Eine Woche lang besetzte seine Soldateska im vergangenen Jahr die Grenzstadt Bukavu in der rohstoffreichen Provinz Süd-Kivu. Als die Killertruppe des hochgewachsenen Tutsi-Kriegers mit dem Raubvogelgesicht endlich abzog, säumten Leichen die Straßen, die Männer mit Macheten massakriert, unzählige Frauen vergewaltigt und erschlagen. Die Geschäfte der einst so lebendigen Stadt lagen geplündert da.

Bukavu war zu einem neuen Brandmal im nie ganz endenden zentralafrikanischen Krieg geworden - dabei hatte hier länger als anderswo im Kongo Normalität geherrscht: Wagemutige Touristen brachen zu Gorilla-Expeditionen in den nahe gelegenen Kahuzi-Biega-Nationalpark auf. Im idyllisch am Kivu-See gelegenen Gästehaus L'Orchidée stießen sie abends mit einem Schluck Primus-Bier oder Chablis auf die untergehende Sonne an, genossen ihr Steak Tatar, und aus der Kaschemme in der Nachbarschaft dröhnte Rumba durch die Nacht.

Seit General Nkunda hier gewesen ist, herrscht dagegen nackte Angst in Bukavu. Und derzeit erhält sie neue Nahrung. Schon tagelang bringen Boten beunruhigende Meldungen aus dem Regenwald. Seither packen Frauen hastig ihr Hab und Gut zusammen und fliehen in den Dschungel. Die Meldungen sagen: Nkunda ist zurück! Und mit ihm der Krieg.

Aufgehört hatte das Morden im Kongo sowieso nie vollständig, obwohl seit 2003 in Kinshasa die wichtigsten Bürgerkriegsparteien eine gemeinsame Regierung bilden. Rund tausend Menschen sterben täglich bei Kämpfen, an Hunger oder Krankheiten, die der Krieg hervorgerufen hat, rechnet die renommierte International Crisis Group. Diese Zahl könnte bald wieder sprunghaft steigen. Warlords wie Nkunda schüren - wohl mit stillschweigender Billigung von Regierungen der Nachbarländer - auch weiterhin den latenten Bürgerkrieg, dem bisher weit über drei Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind. Es geht um Edelsteine, Geld und Macht.

Über tausend Buschsoldaten soll Nkunda bereits in der Ortschaft Masisi in Nord-Kivu gesammelt haben. Sie sprechen die Sprache des Nachbarlandes Ruanda und sind Abkömmlinge der dort lebenden Volksgruppe der Tutsi.

Aus den Absichten der Truppe, die sich derzeit im Kongo zusammenrottet, macht der Chef kein Geheimnis. In einem 17-seitigen Schmähschreiben stieß Nkunda wüste Drohungen gegen die kongolesische Regierung aus.

Die sei korrupt und bringe dem Land Instabilität, hieß es in seinem Pamphlet, das die Zeitung »Le Potentiel« in der Hauptstadt Kinshasa in Auszügen abdruckte. Sie würde die Rückkehr von 200 000 Tutsi-Flüchtlingen, die sich derzeit in den Nachbarländern aufhalten, verhindern und einen Genozid gegen sein Volk planen. Er, Nkunda, rufe deswegen zum Krieg gegen Präsident Joseph Kabila auf und werde eine Invasion gegen die Regierung anführen.

Das neue Blutvergießen käme nicht unerwartet. Eigentlich sollten Ende des Jahres demokratische Wahlen im Kongo stattfinden, die ersten in der Geschichte des kriegsversehrten Landes. Doch insbesondere Ruanda - der 90-mal kleinere Nachbarstaat, der schon die beiden letzten Kongo-Kriege 1996 und 1998 anzettelte - hat kein Interesse an einem solchen Urnengang.

Seit Jahren nämlich profitiert die Regierung in Kigali vom Chaos im großen Kongo und beutet dort systematisch Bodenschätze aus, etwa Coltan, Gold, Diamanten oder Tropenhölzer.

Deshalb hatte Ruanda die Wirren immer wieder neu geschürt. Verlängerter Arm dafür war bisher die Rebellentruppe RCD-Goma. Doch die sitzt heute mit in der Allparteienregierung von Kinshasa und muss fürchten, bei freien Wahlen dramatisch an Einfluss zu verlieren.

Deshalb sind viele entlang der Dschungelgrenze von Kongo und Ruanda davon überzeugt, dass der Tutsi-Warlord Nkunda inzwischen das bevorzugte Werkzeug der Regierung von Kigali ist. Schließlich hat der Rebellenchef 1994 während des Völkermords an den Tutsi Seite an Seite mit Ruandas heutigem Präsidenten Paul Kagame gekämpft. Beharrlich halten sich Gerüchte, Nkundas Horrortruppe werde von Ruanda finanziert und ausgebildet.

Dafür spricht: Kagames Kriegskasse ist derzeit gut gefüllt. Entwicklungshilfe aus dem Westen macht mehr als 40 Prozent des Haushalts aus. Obwohl sein Regime als durch und durch undemokratisch gilt, hat die Weltgemeinschaft dem Land im Frühjahr 1,4 Milliarden Dollar Schulden erlassen.

Die Regierung in Kinshasa jedenfalls wird der drohenden Kriegsgefahr im Osten des Landes nicht aus eigener Kraft begegnen können. Die kongolesische Armee ist vom Zerfall bedroht. Im Dorf Mwesso, in dessen Nähe der Tutsi-Warlord seine Männer aufmarschieren ließ, ist bereits das 53. Bataillon der kongolesischen Armee, das ebenfalls ausschließlich aus Tutsi besteht, komplett desertiert. In Masisi ist die Hälfte der regulären Armee-Einheiten zu den Rebellen übergelaufen; nicht ohne zuvor den Rest der Kameraden vorsorglich entwaffnet zu haben. Auf die ihm noch verbliebenen Soldaten kann Präsident Kabila ebenfalls kaum setzen; sie ziehen plündernd durch das eigene Land.

Geschwächt sind sie auch: Nach einem Bericht des Uno-Bevölkerungsfonds haben sich 80 Prozent des kongolesischen Militärs mit Geschlechtskrankheiten infiziert.

THILO THIELKE

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