Naive Spekulation
(Nr. 33/1979, Prisma: Neue Tierarten durch Fremdgehen?)
Zur Entstehung neuer durch Kreuzung bereits bestehender Arten kann es nur kommen, wenn die Bastardierung in freier Natur sehr häufig vorkommt, die Mischlinge in beiden Geschlechtern unbegrenzt fruchtbar sind und die Bastarde sich untereinander häufiger fortpflanzen als mit jeder der beiden Elternarten. Nur unter diesen Voraussetzungen kann eine genügend breite genetische Basis entstehen, die zur Bildung und Stabilisierung einer neuen Art führen könnte. Nichts dergleichen ist von Säugetieren bekannt.
Alle bisher bekanntgewordenen Kreuzungen zwischen verschiedenen Säugetierarten sind Kunstprodukte, die unter Gefangenschaftsbedingungen durch Entzug artgleicher Geschlechtspartner zustande kamen. Das bekannteste Beispiel sind die Mischlinge zwischen Pferd und Esel, das Maultier (Vater Esel) und der Maulesel (Vater Pferd). Sie sind ausnahmslos steril und können keine Nachkommen erzeugen. Auch der erwähnte Affenbastard ist ein solches Kunst-(Zoo-)Produkt. Er ist mit Sicherheit steril, da Siamang und Gibbon zwar weitläufig verwandt sind, sich genetisch aber doch so fern stehen, daß Mischlinge zwischen beiden keine funktionsfähigen Keimdrüsen ausbilden können.
Die Spekulation der amerikanischen Kollegen, daß neue Säugetierarten aus Kreuzungen entstehen oder gar daß eine Liebesnacht zwischen Mensch und Gorilla (die sich genetisch viel ferner stehen als Siamang und Gibbon) Folgen haben könnte, ist naiv, um nicht zu sagen unwissenschaftlich.
Wilhelmshaven (Nieders.)
PRIV.-Doz. DR. J. NICOLAI Direktor des Instituts für Vogelforschung »Vogelwarte Helgoland«